So

26

Feb

2017

Im Schatten das Licht

Jojo Moyes

Im Schatten das Licht

Roman

Reinbek; Rowohlt Polaris ; 2017 ; 576 Seiten ; ISBN 978-3-499-26735-2

Sarah und ihr Großvater sind ein gutes Team. Für seine große Liebe hat Henri Lachapelle damals Frankreich hinter sich gelassen und sich in England ein neues Leben aufgebaut. Seit dem Tod seiner geliebten Frau ist er mit seiner Enkelin allein. Henri war einst Elitereiter im berühmten Cadre Noir und das Reiten hat ihn nie losgelassen. Nun trainiert er täglich mit seiner Enkelin und dem begabten Pferd Boo die Übungen, die er früher selbst tagtäglich vollführte. Sein Traum ist es, dass Sarah irgendwann einmal in seine Fußstapfen tritt und ebenfalls in den Cadre Noir aufgenommen wird.

Der Stall von Cowboy John befindet sich mitten in London hinter einem unscheinbaren Tor am Ende einer Gasse und ist für die beiden ein zweites Zuhause geworden. Als Henri eines Tages auf offener Straße zusammenbricht und mit der Diagnose Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird, gerät die heile Welt für Sarah komplett aus den Fugen.

Die erfolgreiche Anwältin Natasha möchte eigentlich mit ihrem Noch-Ehemann Mac nichts mehr zu tun haben. Allerdings ist da noch das gemeinsame Haus und bis dafür ein Käufer gefunden ist, zieht Mac wieder zuhause ein. Obwohl sich beide bereits in neuen Partnerschaften befinden, haben sie noch Gefühle füreinander. Als Paar haben sie eine Menge durchgemacht und dies lässt sich eben nicht so einfach wegwischen.

Als Sarah in das Leben der beiden tritt, ändert sich alles schlagartig. Sie nehmen das verschlossene Mädchen vorübergehend bei sich auf. Was Natasha und Mac allerdings zuerst nicht wissen, ist die Sache mit dem Pferd. Selbst als diese aufgrund von Sarahs Fehlzeiten in der Schule ans Licht kommt, ahnen die beiden nicht, dass es längst auch finanzielle Probleme mit dem neuen Stallbesitzer Sal gibt, der Sarah ziemlich unter Druck setzt und ihr am Ende sogar Boo wegnehmen will.

Plötzlich ist Sarah verschwunden. Auch von Boo fehlt jede Spur. Als dann auch noch feststeht, dass Natashas Kreditkarte weg ist, machen sich Natasha und Mac auf die Suche nach dem Mädchen und dem Pferd.
Und diese Suche führt die beiden bis nach Frankreich.

In ihrem neuesten Buch erzählt Jojo Moyes wieder eine packende und gut konstruierte Geschichte. Zu Beginn jedes Kapitels stehen thematisch passende Zitate aus Xenophons Werk 'Über die Reitkunst'. Obwohl die Geschichte im Reitermilieu mit entsprechendem Fachjargon angesiedelt ist, kann man auch als Pferdeunkundiger alles gut nachvollziehen.

Fazit: Ein fesselnder Roman, den nicht nur Pferdefreunde nicht mehr aus der Hand legen werden.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

Sa

25

Feb

2017

Zwetschgendatschikomplott

Rita Falk

Zwetschgendatschikomplott

Ein Provinz-Krimi

München ; dtv ; 2016 ; 272 Seiten ; ISBN 978-3-423-21635-7

 

Es läuft nicht gut für Franz Eberhofer. Nach der geplatzten Hochzeit mit seiner Dauerfreundin Susi sind die Oma und der Papa nicht gut auf ihn zu sprechen. Und auch, wenn er mehrmals mitten in der Nacht reumütig versucht, die Susi am Telefon zu besänftigen - was ja an sich schon eine recht blöde Idee ist - endet alles in einer Funkstille.

Derweil spaltet sich das beschauliche Niederkaltenkirchen in zwei tief verfeindete Lager. Ein Hotel soll nämlich gebaut werden und natürlich sind diejenigen, die davon profitieren würden, sprich der Simmerl Metzger, der Gas-Wasser-Heizungspfuscher Flötzinger und natürlich allen voran der Bürgermeister für das Hotel. Alle anderen möchten aber gerne, dass in Niederkaltenkirchen alles so bleibt, wie es ist. Wie in der Großstadt gibt es sogar Demos und Boykottaktionen und alles in allem ist eine Menge los in dem sonst relativ ruhigen Ort im tiefsten Niederbayern.

Zu allem Überfluss hat der Eberhofer auch in München seinen Stress. Der Rudi findet auf seinem Balkon einen Frauenfinger und natürlich wäre der Birkenberger nicht der Birkenberger, wenn er nicht auch noch die dazugehörige Leiche finden würde. Eine übel zugerichtete übrigens. Kurz darauf werden in einem Neubaugebiet vor den Toren Münchens noch zwei weitere übel zugerichtete Frauenleichen gefunden. Alle im Dirndl und das ausgerechnet zur Wiesnzeit - da müssen Franz Eberhofer und seine Kollegin Steffi natürlich unter Hochdruck an der Lösung des Falles arbeiten. Die Spur führt dann letztlich ins Rotlichtmilieu, wo der Rudi sich aufgrund seiner diversen Privatermittlungen bestens auskennt und wieder eine große Hilfe ist. Als wäre das alles noch nicht genug, erfährt Franz dann auch noch, dass die Susi - seine Susi - schwanger ist.
Da kann er doch nicht der Vater sein. Oder etwa doch?

Im mittlerweile sechsten Fall für den Kommissar Eberhofer lässt Rita Falk so einiges geschehen. So viel, dass der eigentliche Fall ganz oft ein wenig ins Hintertreffen gerät. Aber das kennt man ja schon aus den früheren Fällen. Es geht im Grunde immer viel mehr um die Personen, die einem schon ein wenig ans Herz gewachsen sind und weniger um den eigentlichen Kriminalfall. Dafür gibt es aber in diesem Regionalkrimi wieder so einiges zum Schmunzeln.

Fazit: Ein empfehlenswertes und unterhaltsames Buch, enthält allerdings für eingefleischte Krimifans wohl zu wenig Spannung.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

So

19

Feb

2017

Feine Pflänzchen

Mascha Kaléko

Feine Pflänzchen

München ; dtv ; 2016 ; 80 Seiten ; ISBN 978-3-423-28082-2

 

Dieses wunderschön (von Eva Schöffmann-Davidov neu) illustrierte Gedichtbüchlein enthält Verse der Lyrikerin Mascha Kaléko. Diese gehört zu den bedeutendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts zählt und wurde vor allem durch ihre Großstadtlyrik bekannt.

 

Im Werk Kalékos geht es immer auch um die Menschen und das Zwischenmenschliche – es verwundert also nicht, dass auch so manches beschriebene „Feine Pflänzchen“ äußerst menschliche Züge zeigt. An einigen Stellen ist das spitzbübische Augenzwinkern der Dichterin beim Verfassen der Verse regelrecht zu spüren.

 

Besonders schön sind Eva Schöffmann-Davidovs fantasievolle und natürlich jeweils thematisch passende, das im Gedicht beschriebene Pflänzchen darstellende Illustrationen.

 

Fazit: Ein kleines, feines Büchlein für Mascha-Kaléko-Fans sowie Gedicht- und Pflanzenliebhaber im Allgemeinen.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

So

12

Feb

2017

Messie in uns

Sabina Hirtz

Der Messie in uns

Wie wir Wohnung und Seele entrümpeln

Reinbek ; Rowohlt ; 2017 ; 204 Seiten ; ISBN 978-3-499-63137-5

 

Wer kennt es nicht: der Stapel mit den Zeitungen oder Zeitungsausschnitten, die man irgendwann noch lesen will, wächst ins Unermessliche und bald wird aus einem Stapel auch ein zweiter. Zwar ist von dieser Unordnung hin zum Messietum noch ein weiter Weg, doch dennoch sollte man sich mit der Thematik befassen, wenn man solche Tendenzen an sich selbst feststellt.

 

Wie Sabina Hirtz in ihrem Buch „Der Messie in uns“ eindringlich schildert, liegt das Problem bei Messies meistens viel tiefer. Es hat nichts mit einem
„Nicht-Aufräumen-Wollen“ zu tun. Oft sind es Erlebnisse der frühen Kindheit und Jugend, die das spätere Messieverhalten bedingen. Erst die behutsame Aufarbeitung dieser Geschehnisse, also die Entrümpelung der Seele, kann dann im nächsten Schritt zur Entrümpelung der Wohnung führen.

 

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie hat sich Sabina Hirtz auf das Thema Messie spezialisiert und unter anderem auch das TV-Format „Das Messie-Team“ moderiert. Anhand von einigen sehr anschaulichen Fallstudien gelingt es ihr, dem Leser die Thematik näher zu bringen.

 

Ihre Erklärungen sind leicht verständlich und helfen auch, das eigene Verhalten bezogen auf die Unordnung besser einzuschätzen. Außerdem werden einige Strategien zur Hilfe und Selbsthilfe bei Betroffenen aufgezeigt.

 

In einem ausführlichen Glossar am Ende des Sachbuches werden zudem Fachbegriffe und Methoden näher erklärt.

 

Fazit: Ein äußerst lesenswertes Buch für alle, die sich für die Thematik Messie-Syndrom interessieren.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

So

05

Feb

2017

Sie weiss von Dir

Sarah Pinborough

Sie weiß von Dir

Thriller

Reinbek ; Rowohlt-Verlag ; 2017 ; 444 Seiten ; ISBN 978-3-499-27265-3

 

Die Arzthelferin Louisa flirtet in einer Bar. Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass der Flirt ihr neuer Chef David ist. Zu allem Überfluss ist er auch noch verheiratet mit der bildhübschen Adele. Das Ehepaar ist erst vor kurzem in die Stadt gezogen. Adele kennt noch niemanden und freundet sich mit Louisa an. Diese hat in den Sommerferien jede Menge Zeit, da sich ihr sechsjähriger Sohn Adam mit dem Vater und dessen neuer Lebensgefährtin im Sommerurlaub in Frankreich befindet.

 

Louisa ist von schlimmen Träumen geplagt und Adele verhilft ihr zu erholsamem Schlaf. Sie gibt ihr ein kleines Notizbuch.

 

Darin kann sie lesen, wie sie im Schlaf durch die „1.Tür“ schreiten kann. Sie muss sich nur darauf konzentrieren. Bei dieser Gelegenheit erfährt Louisa einiges aus der Vergangenheit von David und Adele. Doch die Geschichten weichen voneinander ab, je nachdem, ob sie von David oder Adele erzählt werden. In ihrer Loyalität ist Louisa hin und hergerissen.

 

Soll sie Adele glauben, in der sie eine gute Freundin gefunden zu haben scheint oder David, mit dem sie nicht nur in der Arbeit Kontakt hat?

 

Mittlerweile hat Louisa im Notizbuch weitergelesen und herausgefunden, was es mit der „2. Tür“ auf sich hat. Zunächst schafft sie es nicht, die 2. Tür zu durchschreiten aber nach etwas Zeit schafft sie es, was sie dann erlebt ist zunächst so unglaublich, dass sie es nicht fassen kann, aber es scheint doch Realität zu sein.

 

Sarah Pinborough legt mit „Sie weiß von dir“ ihr Thriller-Debüt vor. Aus verschiedenen Blickwinkeln entfaltet sie das Szenario zwischen Adele und Louisa. Zwischendurch gibt es Rückblenden in die Vergangenheit. Am Ende laufen die Fäden zusammen und die letzten Seiten stellen noch einmal alles auf den Kopf.

 

Fazit: Ein solider Thriller mit transzendenten Einflüssen.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

Sa

04

Feb

2017

30 Sekunden zu spät

Kaja Bergmann

30 Sekunden zu spät

Thriller

Planegg ; Bookspot Verlag; 2016 ; 155 Seiten ; ISBN 978-3-95669-076-1

 

Der Thriller „30 Sekunden zu spät“ von Kaja Bergmann ist eine Art Fortsetzung zu ihrem Buch „Der Mephisto Deal“ und handelt von Nepomuk und seiner Freundin Miranda, die spontan beschließen, einen Campingurlaub zu machen, bei dem einiges schief läuft. Der geplante Urlaub endet in Missverständnissen, Eifersucht und Gewalt.

Das Buch hat 164 Seiten, ist in einem jugendlichen Stil geschrieben und wie eine Art Tagebuch gestaltet, da die Texte aus Nepomuks Notizbuch stammen. Die Geschichte wird zweimal erzählt, einmal aus Nemos und einmal aus Mirandas Sicht, wobei die Handlung am Ende stark variiert, so dass der Leser im Unklaren darüber gelassen wird, wie die Geschichte tatsächlich endet.

Fazit: Der Text lässt sich angenehm lesen und ist sehr fesselnd. Das Buch ist alles in allem wirklich gut gelungen und geeignet für Jugendliche und Erwachsene.

Clara Roßmann

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2017 Clara Roßmann, Harald Kloth

Fr

27

Jan

2017

Mädchen aus Apulien

Iny Lorentz

Das Mädchen aus Apulien

Roman

München ; Knaur ; 2016 ; 617 Seiten ; ISBN 978-3-426-66382-0

Der neue Roman vom Autorenduo Iny Lorentz entführt den Leser ins Hochmittelalter. In Apulien lernen wir die junge Grafentochter Pandolfina kennen. Nach dem Verlust ihres Vaters verliert sie Burg und Güter an den verfeindeten Nachbarn und muss an den Hof Kaiser Friedrich II. fliehen. Dort verbringt sie mehrere Jahre und nimmt Anteil am bewegten Leben des Kaisers. Schließlich studiert sie mit der Erlaubnis Friedrichs sogar an der berühmten Heilerschule in Salerno.

Im Deutschen Reich, nahe Nürnberg, muss währenddessen der junge Leonard von Löwenstein unfreiwillig die Ausbildung zum Ritter absolvieren. Leonard ist im Kloster aufgewachsen. Doch als letzter verbliebener Erbe seines Vaters, soll er die Besitztümer der Familie retten und sein Erbe antreten.

Dem Leser wird schnell klar, dass sich beider Wege kreuzen werden. Die Protagonistin wird als selbstbewusste junge Frau dargestellt, die dem Leser durch ihr Engagement und ihre Courage schnell ans Herz wächst. Leonard steht dem in nichts nach. Beide müssen mit historischen Gegebenheiten umgehen und sich mit vielen Widrigkeiten auseinandersetzen. Bis zum Happy End legen Ihnen die Autoren allerdings noch einige dicke Brocken in den Weg.

Dieser Historische Roman liest sich durch seine schnörkellose Bildsprache flüssig. Die Handlung konzentriert sich auf die Hauptfiguren und schreitet geradlinig voran. Dennoch ist die Geschichte sehr vorhersehbar und die Autoren schaffen es nur selten Spannung aufkommen zu lassen. Der für diese Zeit prägende Kaiser-Papst Konflikt wird geschickt eingebettet, jedoch ohne den Leser mit zu vielen historischen Fakten zu langweilen. Überdies treten nur wenige historisch belegte Persönlichkeiten in Erscheinung. Wir erfahren viel über den diplomatischen Drahtseilakt, mit dem sich der berühmte Staufer-Kaiser auseinandersetzen musste und der das Schicksal Pandolfinas bestimmt.

Fazit: Mit ihrem Werk gelingt es Iny Lorenz leider nicht, sich aus der breiten Masse historischer Romane hervorzuheben. Dazu ist die Geschichte zu einfach gestrickt. Dennoch ist das Buch schön zu lesen und sorgt für kurzweilige Unterhaltung.

Cornelia Krellner

3 Sterne
3 von 5

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© 2017 Cornelia Krellner, Harald Kloth

Fr

06

Jan

2017

Weisswurstconnection

Rita Falk

Weißwurstconnection

Ein Provinzkrimi

München ; dtv ; 2016 ; 304 Seiten ; ISBN 978-3-423-26127-2

Die Wellness-Branche boomt und so ist es nicht verwunderlich, dass es nun auch im beschaulichen Niederkaltenkirchen bei Landshut eines dieser luxoriösen Wellnesshotels gibt. Doch kurz vor der Eröffnung wird Kommissar Eberhofer von der Hotelleitung des Heimatwinkels um Hilfe gebeten. In einer der vom Gas-Wasser-Heizungspfuscher Flötzinger installierten Badewannen liegt eine aufgedunsene männliche Leiche.

Der Mann muss wohl während des Probebetriebs, bei dem alle am Bau des Hotels Beteiligten ein kostenloses Wochenende im Hotel verbringen durften, gestorben sein. So kurz vor der Eröffnung will die Hotelleitung natürlich um jeden Preis negative Schlagzeilen vermeiden. So wird die Leiche mit Hilfe des Richters Moratschek ganz diskret in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in die Pathologie gebracht. Doch in Niederkaltenkirchen spricht sich so ein Todesfall natürlich schneller herum als dem Eberhofer lieb ist.

Der Tote war ein rechtschaffener Bürger und hinterlässt Frau und Kinder. Franz Eberhofer tappt komplett im Dunkeln und wie immer kommt ihm sein Freund, der Privatermittler Rudi Birkenberger zur Hilfe. Getarnt als Teilnehmer der Esoterik-Tagung, die im Heimatwinkel stattfindet, ermittelt der Rudi undercover und wie immer nimmt er seinen Job dabei sehr ernst - bis hin zum Yoga-Outfit, was beim Rudi natürlich deppert aussieht. Findet zumindest der Franz.

Doch nicht nur die Leiche beschäftigt Franz Eberhofer - auch privat ist er rundum beschäftigt. Mit der Susi und dem gemeinsamen Sohn Paulchen läuft es momentan ganz gut. Wäre da nicht die fixe Idee von der Oma, dass sich Franz und sein Bruder gemeinsam ein Doppelhaus bauen sollen. Der Schleimer stürzt sich voll in die Planungen, was dem Franz natürlich gar nicht passt.

Nachdem der Franz Eberhofer im letzten Fall Leberkäsjunkie gesundheitlich sehr angeschlagen war, ist er in seinem nunmehr achten Fall wieder ganz der Alte. Witzig ist dieses Mal der Rudi, der sich inspiriert durch seinen Undercover-Einsatz auf dem Esoterik-Trip befindet. Der Mordfall wirkt aber doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Das Zwischenmenschliche und die Seilschaften innerhalb Niederkaltenkirchens stehen ja ohnehin immer mehr im Mittelpunkt als der eigentliche Fall, aber dieses Mal hat man das Gefühl, den Todesfall musste es einfach geben, da sonst das Label "Provinzkrimi" nicht mehr zutreffen würde. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Rita Falk für den nächsten Fall mehr Zeit lässt. Das täte der Story sicher gut.

Fazit: Eine im Großen und Ganzen ganz unterhaltsame Geschichte, die aber verglichen mit den früheren Fällen doch einige Defizite aufweist.

 

Sonja Kraus

3 Sterne
3 von 5

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© 2016 Sonja Kraus, Harald Kloth

Do

05

Jan

2017

Letzter Schmerz

Matthew J. Arlidge

Letzter Schmerz

Ein Fall für Helen Grace, Band 5

Reinbek ; Rowohlt-Verlag ; 2016 ; 347 Seiten; ISBN: 978-3-499-29049-7

In einem SM-Nachtclub stirbt ein Gast auf dem Jahresball. Als Detective Inspector Helen Grace zum Tatort kommt weiß sie sofort, wer der Tote ist. Das Opfer war als freiberuflicher Dominator tätig und Helen kannte ihn. Sie kann zunächst keinem etwas erzählen, da sie dann sofort vom Fall abgezogen werden würde. Helen setzt alles daran, den Mörder bzw. die Mörderin zu schnappen. Es ist nicht leicht in diesem Milieu an Informationen zu gelangen und ein Undercovereinsatz von DS Sanderson scheitert.

Zu allem Überfluss bleibt es nicht bei dem einen Opfer. Max Paine wird in seiner Wohnung tot aufgefunden und die Umstände der Tat zeigen erhebliche Parallelen zum ersten Todesfall. Auch Max war für Helen kein Unbekannter. Die Kriminalreporterin Emilia Garanita recherchiert bzw. schnüffelt, immer auf der Suche nach einer auflagensteigernden Geschichte. Ein Verdächtiger wird festgenommen und die Presse stürzt sich auf die Story, ohne zu überlegen, was die Berichterstattung anrichtet.

Helen wird immer klarer, dass alles mit ihr zu tun hat. Als sie dann auch noch ein Telefon findet, das sie eigentlich entsorgt hatte, spitzt sich die Lage zu und Helen steht plötzlich selbst auf der Fahndungsliste.

Letzter Schmerz ist der fünfte Band um die Ermittlerin Helen Grace (Band 1: Einer lebt, einer stirbt, Band 2: Schwarzes Herz, Band 3: Kalter Ort, Band 4: In Flammen).

Die Geschichte wird geschickt weiterentwickelt und das Privatleben von Helen Grace, das bisher fast keiner kannte, steht im Fokus dieses Bandes. Loyalitätskonflikte im Ermittlerteam und ein „liebestoller“ Chef steigern die Spannung noch weiter.

Fazit: Ein super Plot, der aufbaut auf dem, was bisher geschah. Absolut empfehlenswerter Thriller.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2016 Matthias Wagner, Harald Kloth

So

01

Jan

2017

Zombies - Mythos und Legende

Zombies

Mythos und Legende

(Zombies: A living history, 2011)

DVD, 87 Minuten

 

Zombies - Die Untoten haben sich in Film und Fernsehen, Roman- und Comic-Literatur zu einem weltweiten, popkulturellen Phänomen entwickelt. Doch woher stammt dieser Horror-Mythos der wiederauferstandenen Toten?

 

Regie-Debütant David V. Nicholson versucht in seiner Dokumentation für den Fernsehsender "History" die Legenden und Ursprünge dieses Subgenres des Horrorfilms zu ergründen. Dafür nutzt er Spielszenen, Filmausschnitte, Interviews mit Buchautoren (wie Max Brooks) und Experten.

 

Deutlich wird: Zombies beschäftigen sich mit den vielleicht größten Ängsten des Menschen: Dem Tod und dem Verlust der Seele. Dies macht vielleicht die anhaltende Popularität der wandelnden Leichname aus.

 

Interessant ist, dass alle menschlichen Kulturen Variationen des Zombie-Themas entwickelten. Die erste Erwähnung von Untoten kann man im berühmten Gilgamesch-Epos des Babylonischen Reiches nachlesen. In China kennt man Jiang Shi, einen hungrigen Geist. Im arabischen Volksglauben ist der Ghul beheimatet. Der Draugr ist ein Menschenfresser, der in der skandinavischen und nordischen Mythologie entstand. Und in Westeuropä kennt man den sogenannten Wiedergänger.

 

Aber erst der Filmemacher George A. Romero hat mit seinem bahnbrechenden Horrorfilm "Die Nacht der lebenden Toten" 1968 einen Kultfilm geschaffen und gilt seither als Vater des modernen Zombiefilms. Regisseur Nicholson versucht die Grätsche von den kulturgeschichtlichen Ursprüngen hin zu modernen Ängsten unserer Gesellschaft. Er benennt dabei Pandemien wie die Pest oder Spanische Grippe (da sich die Zombieseuche virusartig verbreitet und ganze Zivilisationen vernichten kann) und bringt Zombies mit Kannibalismus in Verbindung (ein Tabuthema). Generell erklärt er den Erfolg von Zombies auch mit Ängsten unserer modernen Gesellschaft wie der Globalen Erwärmung, den Finanz- und Weltwirtschaftskrisen oder dem weltweiten Terror.

 

Eingestreute kurze Szenen zeigen mit welchen Waffen man Zombies am besten Töten kann.

 

Fazit: Die Dokumentation bietet wenig Infos zu bekannten Zombiefilmen, aber viel geschichtliches und kulturelles Hintergrundwissen. Sehr interessant auch für Horror-Fans.

 

Harald Kloth

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2017 Harald Kloth

Di

27

Dez

2016

In Flammen

Matthew J. Arlidge

In Flammen

D. I. Helen Grace, Band 4

Reinbek ; Rowohlt ;  2016 ;  432 Seiten ;  ISBN 978-3-499-27153-3

In Southampton brennt es gleich an drei verschiedenen Orten und die Feuerwehr hat damit zu kämpfen, die Kontrolle wieder zu erlangen.
In zwei Fällen geht es nur um einen hohen Sachschaden, aber im Haus der Familie Simms ist nach dem Brand alles anders: Mutter und Tochter sind ums Leben gekommen.

Und bereits in der nächsten Nacht geht das Inferno weiter. Wer steckt hinter der Brandserie, die wieder Todesopfer fordert?

Die Ermittlerin Helen Grace und ihr Team stehen unter Druck, denn der Feuerteufel kann jederzeit wieder zuschlagen.

Plötzlich gibt es eine vielversprechende Zeugin und ein Feuerwehrmann gerät unter Verdacht. Die Ermittlungen werden von der Presse ausgeschlachtet und die Kriminalreporterin versucht aus allem Profit zu schlagen. Helen hat derweil auch noch mit privaten Vorkommnissen zu kämpfen, die das Zeug hätten, ihre Karriere zu beenden. Nach und nach findet sich ein Puzzleteil zum andern und eine junge Frau steht im dringenden Tatverdacht, aber kann sie das alles alleine geplant haben?

"In Flammen" ist der vierte Teil der Reihe um die Ermittlerin D. I. Helen Grace und nach dem dritten Band "Kalter Ort" ebenfalls wieder sehr gelungen. Der gewohnte Aufbau des Plot in kurze Kapitel macht den Thriller wieder sehr spannend. Das Annähern durch verschiedene Sichtweisen ist  perfekt gelungen und nach nunmehr fast 1600 Seiten sind einem das Ermittlerteam  und vor allem Helen Grace schon ans Herz gewachsen.

Fazit: Ein sehr spannender und geschickt aufgebauter Thriller. Der ideale Lesestoff für einen kalten Winterabend.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

In Flammen bei amazon.de

 

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© 2016 Matthias Wagner, Harald Kloth

Sa

24

Dez

2016

Die neue Odyssee

Patrick Kingsley

Die neue Odyssee

Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise

München ; C.H. Beck ; 2016 ; 331 Seiten; ISBN 978-3-406-69227-7

 

„Permanent Uppehällstillständ“, was schwedisch ist und so viel heißt wie „unbefristete Aufenthaltserlaubnis“, steht als eine Art „Happy End“ am Ende des Buches von Patrick Kingsley “Die neue Odyssee“. Aber welchen Parforceritt man in den 300 Seiten vorher von Zentralafrika und Syrien über Libyen und Ägypten, Griechenland und Italien bis schließlich nach Schweden vollzieht ist alles andere als „happy“, sondern die Beschreibung einer hochgradig menschenunwürdigen Flucht unter den Augen von uns Europäern, die gerade immer wieder die Menschrechte hochhalten. Wenn man dann das Buch beiseite legt, ist in den Gedanken erst einmal Schweigen, zutiefst beschämendes Schweigen.

Patrick Kingsely ist erst 27 Jahre alt, aber was und wie er berichtet ist im negativen Sinne bedrückend. Nach seinem Studium wurde er mit nur 23 Jahren der Ägypten-Korrespondent der britischen Zeitung „The Guardian“, bevor er dann letztes Jahr zum weltweit ersten Migrationskorrespondent dieser Zeitung wurde. Kingsley verlässt sich nicht auf Gespräche mit Asybewerbern hier in Europa, schreibt auf Grundlage von Berichten in den Medien, nein, er ist im wahrsten Sinne des Wortes „embedded“, reist mit den Migranten mit, vom Ort des Aufbruchs, den Quellen der Massenflucht, über Libyen bis nach Europa, spricht unmittelbar mit Schleusern, was nicht ganz ungefährlich ist, mit Vertretern von Hilfsorganisationen als auch mit Beamten, die versuchen die EU- oder Landesgrenzen zu sichern oder mit von der Fluchtwelle betroffenen ganz normalen Bürgern. Insgesamt 17 Länder auf 3 Kontinenten hat der Autor für sein Buch bereist. Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven und Erlebnissen hat er einen wahrlich beeeindruckenden zusammenhängenden Flickenteppich geknüpft. Klammer zwischen all diesen Berichten ist die Beschreibung, die Gedanken und Emotionen der beschwerliche Reise des Syrers Haschem al-Souki, dem eigentlichen Protagonisten des Buches.

Patrick Kingsley berichtet und bewertet nicht die große Politik, beteiligt sich nicht an dem teils polemischen „Geschwätz“ in allen möglichen Talkshows, nein, beim ihm stehen die Menschen im Mittelpunkt, Menschen die auf beiden Seiten der Medaille stehen, Schleuser und vor allem die Flüchtlinge und Migranten. Es geht ihm nicht um das „warum“ der sinnlosen Besprechungen auf europäischer Ebene zur Verteilung der Flüchlinge, um die teils stark divergierenden Standpunkte der Mitgliedsstaaten, um das zunächst administrative (Aufnahme-)Chaos zum Beispiel in Deutschland, nein, es geht primär um die, die all die Leiden auf sich nehmen, um über den Land- oder Seeweg nach Europa kommen oder kommen wollen. Warum verlassen Menschen ihre Heimat, machen sich auf einen tausende Kilometer langen beschwerlichen Weg, bezahlen im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrem letzten Hemd für diese Reise und nehmen zuletzt in absolut seeuntüchtigen Schiffen den Weg über das Mittelmeer auf sich, der in vielen Fällen auch zum Tode führen kann? Weil es um ihr Leben geht! Alleine dieser eine Satz sollte jedem einleuchten, dass man diese Menschen nicht mit der Drohung „Abschiebung“ abschrecken kann. Die schrecklichen Erlebnisse in der Heimat, die Fluchtursachen sind offensichtlich so gravierend, dass diese Menschen es in ihrer Verzweiflung immer wieder versuchen werden. Die Ursachen sind vielfältig, zwischen- und innerstaatliche Kriege, Militärdiktaturen, Unterdrückung religiöser und politischer Minderheiten, wirtschaftliche Not, Klimakatastrophen. Diese Menschen lassen sich nicht von irgendwelchen Grenzschutzmassnahmen aufhalten, die Not ist größer. Es geht also in Europa nicht um das „ob“ oder „wie aufhalten“, sondern um das „wie integrieren“. Das ist auch die Kernbotschaft von Kingsley. In Agadez trifft Kingsley einen Mann, der ihm deutlich macht, dass die Migranten lediglich die Reise wiederholten, die einst auch von jenen unternommen wurden, die Afrika kolonisierten. Der weiße Mann hatte auch kein Visum, als er nach Afrika kam und man hätte vom weißen Mann gelernt!

Aber bei Kingsley kommt auch die andere Seite nicht zu kurz, der Handel mit Menschen ist mittlerweile ein immenser Wirtschaftszweig geworden (Smuggling Business Model), an dem viele einschließlich Sicherheitsbehörden mitverdienen. Dazu werben die Schleuer ganz offen auf Facebook für ihre Zwecke. Das Geschäft ist mittlerweile so gut verwurzelt, dass etwaige Gegenmaßnahmen von EU Politikern ins Leere greifen – meist sind die auch nur dazu da, potentielle Wähler im eigenen Land zu beruhigen. Gerade die Lage in Libyen ist lebensbedrohlich für die Migranten. Einst fand man hier Arbeit, genügend Arbeit um auch die Familie Zuhause zu ernähren. Heute aber fehlt jeglicher Schutz, so dass die Migranten sich lieber auf dem Weg über das Mittelmeer machen. Die Menschen werden von Schleusern teils schlimmer wie Tiere in Zwischenlagern gehalten, die Vergewaltigung von Frauen ist an der Tagesordnung. Aussagen wie: „Man verabscheut sich selbst. Man hasst sich dafür, dass man ein Mensch ist“ sollten eigentlich aufschrecken. Aber auch wenn die Menschen in Europa angekommen sind, werden sie in einigen Ländern in den Auffanglagern wie bei Massentierhaltung behandelt. „Man hat uns wie Vieh behandelt, überall, wo wir hingekommen sind“ so ein Flüchling. Dies gilt für Italien gleichermaßen wie für Griechenland oder auch Ungarn. Jeder sieht das Elend, aber so schlimm das ist, noch schlimmer ist, dass niemand Verantwortung übernehmen will.

Auch mit einem derzeit sehr aktuellen Thema rechnet er ab, der Rückführung der Flüchtlinge entweder in ihre vermeintlich so sicheren Herkunftländer, z. B. Afghanistan oder in vermeinlich sichere Drittstaaten. Die meisten fliehen, weil sie um ihr Leben fürchten müssen, sei es wegen einer anderen Religion oder z. B. nicht für die Taliban kämpfen möchten und wir bringen Sie dahin zurück? Zu dieser schrecklichen Einschätzung kommt Kingsley 2015 und sie gilt unverändert heute noch.... trotzdem wird abgeschoben. Aber welche Werte wollen wir dann eigenlich noch vor Mirgranten schützen, wenn wir uns so verhalten? Laut dem Autor muss Europa das Unvermeidliche akzeptieren und die Migranten in einer besser organisierten Art und Weise einreisen lassen, anstelle diesen chaotischen Prozess so weiterlaufen zu lassen. So hat man vor allem keinen Überblick, wer wo wann einreist, man hat die Situation besser im Griff. Die Diskussionen dazu laufen nicht nur in Deutschland.

Glaubt man den Recherchen von Patrick Kingsley wird die Anzahl der Flüchtlinge nicht weniger werden, Abschottung hin oder her. Dabei widerlegt er auch die These, dass militärische Operationen im Mittlemeer wie z. B. Mare Nostrum einen ungewollten „Pull-Faktor“ darstellen. Militärische Aktionen werden das Problem der Migration der verzweifelten Menschen nicht lösen. Die Flüchlingskrise wurde zur größten Bedrohung des Zusammenhalts der Europäischen Union seit ihrer Gründung. Gerade die Politker igonierten die Realität, entwickelten in purem Aktionismus immer neue sinnlose Pläne zur Bewältigung der Flüchtlingsströme, aber die Menschen kommen weiter. Auch wenn die Konflikte in Syrien und Afghanistan, also aus dem Nahen und Mittleren Osten oder auch der Bürgerkrieg in Libyen – wider Erwarten – schnell gelöst werden sollten, der Strom an Verfolgten und Kriegsgeschädigten aus Ostafrika, z. B. Eritrea oder aus dem Niger-Gebiet wird nicht abreißen. Für den Autor ist gerade Eritrea „zu einer Hölle auf Erden geworden, zu einer Hölle für seine Bewohner“. Jedem sollte bewusst sein, dass auch nach dem Zweiten Weltkrieg die große Füchtlingswelle erst dann einsetzte, als alle Kampfhandlungen zu Ende waren. Dann steht uns noch so einiges bevor. Die Gründe, sich auf eine jahrelange beschwerliche und menschenunwürdige Reise, die mit dem Tod enden kann, einzulassen, sind so gravierend, dass offensichtlich nichts und niemand den Strom reduzieren können. Anstelle also weiter über Möglichkeiten der Eindämmung zu diskutieren, sollte man stattdessen besser den Realitäten ins Auge sehen und sich damit vielmehr der Verbesserung der Möglichkeiten von Integration widmen. Zu diesem klaren Schluss kommen auch die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler und ihr Mann, der bekannte Politikwissenschaftler Herfried Münkler in deren Buch „Die neuen Deutschen“.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sagte in einem Intervierw am 6. November so treffend: „3800 Menschen - eine ganze Kleinstadt voller Menschen. Auf ihrer Flucht qualvoll ertrunken. In dem Meer, wo viele von uns gerade ihren Urlaub verbracht haben. Sollen wir das Mittelmeer nicht konsequenterweise zukünftig “Totes Meer” nennen?" ... "Es wird dunkel in unserem christlichen Abendland, wenn wir all den Ertrunkenen nur noch hilflos die Augen zudrücken.” Eine gesamteuropäische Lösung stelle er sich anders vor, als die Kriegsflüchtlinge, Schutz- und Asylsuchenden Tag für Tag weiter ertrinken zu lassen. „Warum gelingt es uns nicht, endlich sichere Fluchtwege einzurichten, warum nicht legale Einreisemöglichkeiten?” Dem ist nichts hinzuzufügen, genauso wie dem Buch von Kingsley, das absolut zu empfehlen ist.

 

Fazit: Beeindruckender Parforceritt über 300 Seiten von Zentralafrika und Syrien über Libyen und Ägypten, Griechenland und Italien bis schließlich nach Schweden und gleichzeitig Beschreibung einer hochgradig menschenunwürdigen Flucht.

 

Andreas Pickel

5 Sterne
5 von 5

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  Patrick Kingsley bei amazon.de

 

 

© 2016 Andreas Pickel, Harald Kloth

So

18

Dez

2016

Stille vor dem Tod

Cody McFadyen

Die Stille vor dem Tod

Thriller

Köln ; Bastei Lübbe ; 2016 ; 480 Seiten ; ISBN 978-3-7857-2566-5

 

Das Warten auf den sechsten Band um die Profilerin Smoky Barrett hat endlich ein Ende: Nachdem sich der Erscheinungstermin für Cody McFadyens neuen Thriller mehrmals verschoben hatte, wurde das Buch im Herbst 2016 endlich veröffentlicht. Groß war meine Vorfreude und ich war gespannt,  wie es mit Smoky weitergeht.

 

Smoky und ihr Team werden im ersten Teil des Buchs zu einem brutalen Mord an drei Familien in derselben Straße in Denver gerufen. Doch das Unheil ist weit größer als es zunächst scheint. „Komm und lerne“, lautet die Botschaft des Täters an Smoky. Die sympathische Profilerin und auch ihr Team gelangen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

 

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt. Die ersten 150 Seiten des Buches sind wie gewohnt sehr spannend, die Ereignisse überschlagen sich und es herrscht völliges Chaos. Wie auch die vergangenen Bände ist dieser Thriller nichts für zartbesaitete Gemüter, da Gewaltszenen und Abartigkeiten von Psychopathen sehr detailliert beschrieben werden.

 

Allerdings lässt sich das Buch zur Mitte hin schwer lesen und hat sehr viele Längen. Smoky kämpft mit ihren Problemen und ihrer Vergangenheit, aber dies wird zu ausführlich und über viele Kapitel hinweg dargestellt. Auch die Jagd nach dem, was hinter den schauerlichen Morden und Anschlägen steckt, wirkt sehr undurchsichtig und es gibt keinen wirklichen roten Faden, was das Buch sehr wirr erscheinen lässt.

 

Die Auflösung ist zwar wieder interessant, aber kann die verworrene Handlung auf den meisten der insgesamt fast 500 Seiten nicht mehr retten.
Leider kann dieser Thriller deshalb nicht an seine grandiosen Vorgänger anknüpfen. Vermutlich musste Cody McFadyen den Schreibprozess mehrmals für längere Zeit unterbrechen und wieder neu beginnen, was sich stark auf den Lesefluss auswirkt.

 

Fazit: Leider ist dieser Band um Smoky eine Enttäuschung! Für Thriller-Fans, die noch nichts über Smoky Barrett gelesen haben, ist es empfehlenswert zu einem der anderen Bände zu greifen. Es bleibt die Hoffnung, dass Cody McFadyen im nächsten Band wieder zu seinem Stil aus den ersten fünf Bänden zurückfindet.

 

Katrin Hildenbrand

3/4 Sterne
3/4 von 5

Die Stille vor dem Tod bei amazon.de

 

  Cody McFadyen bei amazon.de

 

 

© 2016 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

Sa

17

Dez

2016

Kalter Ort

Matthew J. Arlidge

Kalter Ort

D.I. Helen Grace. Band 3

Reinbek ; Rowohlt ; 2016 ; 400 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27152-6

 

Ruby Sprackling erwacht und ahnt sofort, dass sie nicht bei ihr zu Hause ist. Aber wo ist sie? Wie kam sie an den Ort und was soll das alles? Fast zur gleichen Zeit wird am Strand eine weibliche Leiche gefunden. Helen Grace und ihr Team übernehmen die Ermittlungen.

 

Schnell stellt sich heraus, dass möglicherweise noch weitere Leichen am Strand begraben sind. Helen wird von ihrer direkten Vorgesetzten zurückgepfiffen und ermittelt weiter im Verborgenen. Sie ahnt nicht, was ihre Chefin im Schilde führt. Mehr und mehr spitzt sich die Lage im Verlies bei Ruby zu und Helen weiss, dass die Zeit gegen sie läuft.

 

Nach Band 1 „Einer lebt und einer stirbt“ und Band 2 „Schwarzes Herz“ wird die Reihe um die Ermittlerin D.I. Helen Grace geschickt weiterentwickelt. Matthew J. Arlidge lässt den Leser teilhaben am Teamleben der Southampton Central Police. Der häufige Perspektivenwechsel (manche Kapitel sind nur zwei Seiten lang) verleiht dem Erzählbogen die nötige Spannung.

 

Fazit: Auch der dritte Teil der Krimireihe zieht den Leser in seinen Bann.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2016 Matthias Wagner, Harald Kloth

Fr

16

Dez

2016

Tödliche Verdächtigungen

Silvia Stolzenburg

Tödliche Verdächtigungen

Kriminalroman

Planegg ; Edition 211, 2016 ; 257 Seiten; ISBN 978-3-95669-069-3

 

Gleich zu Beginn dieses Krimis wird Anna Benz, die Stuttgarter Ermittlerin, mit einem sehr persönlichen Fall konfrontiert. Am Ende des zweiten Bandes hat sie ihren leiblichen Vater kennengelernt, der nun bei ihr anruft, weil seine Assistentin tot in seinem Atelier liegt. Anna vergisst fast alle Professionalität und eilt zum Tatort. Sie ist befangen, denn sehr schnell gerät ihr Vater in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Sie verschweigt das Verwandtschaftsverhältnis, denn sie weiß, dass sie ansonsten vom Fall abgezogen wird. Dies passiert dann aber doch, denn Geschwister können manchmal sehr gemein sein.

 

Vom Chef in den Urlaub geschickt kann Anna aber nicht die Beine hochlegen, sondern startet einen Alleingang, der immer gefährlicher wird, denn sie ahnt nicht, was für die andere Seite alles auf dem Spiel steht.

Nach "Tödliche Jagd" (Band 1) und "Die Fliege" (Band 2) entwickelt Silvia Stolzenburg den Plot um die Ermittlerin Anna Benz im dritten Band der Krimireihe geschickt weiter.  So erlebt der Leser einerseits einen sich raffiniert entwickelnden Krimi mit Ausflügen ins Rotlichtmilieu und in den Knastalltag, andererseits werden die Charaktere der Hauptprotagonisten für den Leser immer klarer.

Fazit: Anna Benz und ihr Umfeld wachsen einem mehr und mehr ans Herz. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

Tödliche Verdächtigungen bei amazon.de

 

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© 2016 Matthias Wagner, Harald Kloth

So

11

Dez

2016

Die neuen Deutschen

Herfried Münkler/Marina Münkler

Die neuen Deutschen

Ein Land vor seiner Zukunft

Berlin ; Rowohlt ; September 2016 ; 333 Seiten ; ISBN 978-3-87134-167-0

 

Obwohl die Indikatoren deutlich waren, waren zumindest die Regierungen in allen europäischen Regierungen überrascht, oder taten zumindest so, von der Flüchtlingsflut die letztes Jahr über Europa und vor allem mit über 1 Millionen Flüchtlinge über Deutschland hereinbrach. Manche sprachen gar von einem Flüchtlings-Tsunami! Während gerade die osteuropäischen Nationen mit Ungarn an der Spitze ihre Grenzen dicht machten, hat Angela Merkel mit ihrem am 31. August 2015 in der Bundespressekonferenz geäußerten mittlerweile zur Berühmtheit gewordene Satz „wir schaffen das“ zunächst den mehr oder weniger freien Zugang nach Deutschland gewährt. Anfängliches „Zustromregulierungs- und Registrierungschaos“ hat sich mittlerweile mit Etablierung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gebessert. Der Flüchtlingsdeal mit der Türkei hat dafür gesorgt, dass sich die Anzahl der Flüchtlinge über die Ostmittelmeerroute verminderte, wohingegen sich der Strom aus dem zentralen Mittelmeerraum, aus Libyen und Ägypten, signifikant erhöhte. Glaubt man den Recherchen von Patrick Kingsley in seinem empfehlenswerten Buch „Die neue Flüchtlingswelle“ wird die Anzahl der Flüchtlinge nicht weniger werden, Abschottung hin oder her.

 

Auch wenn die Konflikte in Syrien und Afghanistan, also aus dem Nahen und Mittleren Osten, wider Erwarten schnell gelöst werden sollten, der Strom an Verfolgten und Kriegsgeschädigten aus Ostafrika, z.B. Eritrea oder aus dem Niger-Gebiet wird nicht abreißen. Die Gründe, sich auf eine jahrelange beschwerliche und menschenunwürdige Reise, die mit dem Tod enden kann, einzulassen, sind so gravierend, dass offensichtlich nichts und niemand den Strom an Friedens- und Wohlstandssuchenden reduzieren können. Anstelle also weiter über Möglichkeiten der Eindämmung und Abschottung an den EU-Außengrenzen zu diskutieren, sollte man stattdessen besser den Realitäten ins Auge sehen und sich damit vielmehr der Verbesserung der Möglichkeiten für die Integration widmen. Da kommt gerade das Buch „Die neuen Deutschen“ der Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler und ihrem Mann, dem aus Büchern wie „Die neuen Kriege“ oder Imperien“ bekannten Politikwissenschaftler Herfried Münkler gerade Recht.

 

Auch die Münklers gehen davon aus, dass sich in den kommenden Jahren die Flüchtlingssituation nicht dramatisch verbessern wird. Vorab zur
Begriffsklärung: ganz einfach gesprochen, Menschen, die zur Flucht gezwungen sind, werden als "Flüchtlinge" bezeichnet, Menschen, die aus eigenem Antrieb ihr Land verlassen, gelten als "Migranten", Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, über den noch nicht entschieden wurde, werden als "Asylbewerber" bezeichnet. Da sich also die Zahlen gleich welcher Kategorie nicht signifikant nach unten bewegen werden, müssen so gesehen dringend und schnellstmöglich Verfahren gefunden werden, die ganzen offenen Baustellen im Umgang mit den Flüchtlingen und Migranten zu schließen. Und anstelle in den diversen Talkshows allem und jedem der selbsterklärten Experten ein Forum zu geben, ist hier natürlich in erster Linie die Regierung in der Pflicht. Während die sich aber oft aus parteipolitischem Kalkül nicht auf eine einheitliche Linie im Sinne der darunter leidenden Menschen einigen kann, ja nicht einmal eine sachliche Debatte geführt wird, zeichnen ihnen die beiden Autoren einen Weg vor und stellen elf Imperative auf, darunter fünf „Merkmale des Deutschseins“, mit denen die Integration gelingen kann. Gelingen von beiden Seiten, d.h. aus Sicht der
Flüchtlinge, in dem sie sich bestmöglich in unsere Gesellschaft integrieren und aus Sicht von uns Deutschen, dass wir die Integration fördern und aktiv
unterstützen. Die beiden Autoren bauen ihre Imperative mit einem Blick in die Geschichte auf und unterstützen so nachhaltig ihre Argumentation.

 

Zunächst entmythologisieren sie die aktuelle Flüchtlingssituation, in dem sie darlegen, dass Flüchtlingsbewegungen und –ströme schon immer Teil unserer Geschichte und Gesellschaft waren und somit auch heute keine besondere Situation oder gar einen Ausnahmezustand darstellen. Menschenbewegungen in größerem Maße zwischen Land und Stadt oder auch über Grenzen und Meeren hinweg gab es schon immer. Die
Autoren kommen mit dem Griff in die Geschichtskiste auch zu dem Schluss, dass, wie das negative Beispiel Frankreich zeigt, nicht die Staatsbürgerschaft das entscheidende Kriterium für Integration darstellt oder auch das Gestalten eines Rahmens für eine multikulturelle Gesellschaft, sondern schlichtweg der Arbeitsplatz. Die Migranten und Flüchtlinge müssen die Möglichkeit haben, Deutsche zu werden, in dem sie Zugang zu Arbeit haben und wer dann für sich und seine Familie für den Lebensunterhalt aufkommen kann, bemüht sich auch umso mehr um Integration, so die Argumentationskette von Marina und Herfried Münkler. Ansonsten kommt es wirklich zu den ungewollten „Parallelgesellschaften“, in dem
dann die Flüchtinge und Migranten in ihrer eigenen Welt, Religion und Kultur leben. Auch räumen die Autoren mit Mythen oder auch Parolen der Rechten auf, in dem sie in ihren Untersuchungen zu dem Schluss kommen, dass die Migranten überwiegend eben nicht nach Deutschland kommen, um schmarotzerhaft die großzügigen deutschen Sozialsysteme auszunutzen, sondern sich eben wirklich redlich durch Arbeit den Zugang zum Sozialsystem verdienen wollen. Dazu muss man ihnen aber Handlungsfähigkeit zugestehen und Sie nicht in Aufnahmelager zum Nichtstun verdammen. Auch widerlegen sie die Auswirkungen der sogenannten „Pull-Effekten“ wie z.B. das „wir schaffen das“ von Angela Merkel. Viel
stärkeren Einfluss auf die Migrantenzahlen habe die „Push-Faktoren“, also die Ursachen dafür, die angestammte Heimat zu verlassen.

 

Das deutsche Verständnis von Nation beruht auf einer gemeinsamen Sprache, Geschichte und Kultur und darauf müssen sich die „Neuankömmlinge“ auch einlassen, wollen sie Teil dieser Gesellschaft werden. Wir wiederum müssen unseren auch gewerkschaftlich arg regulierten Arbeitsmarkt für diese Menschen öffnen. Trotz zunehmender Automatisierung und Digitalisierung ist schon allein aus demografischen Gründen Zuwanderung gewollt und gewünscht (bis zu einer Million jährlich, so die Autoren), dies kann und muss auch für Flüchtlinge und Migranten gelten. Das müssen auch die arbeitsmarktprotektionistisch denkenden Linken und Gewerkschaften endlich akzeptieren. Durch Zugang zum Arbeitsmarkt und dem Willen zu Integration können also humanitäre Gesichtspunkte berücksichtigt und unser Durst nach Facharbeitern gestillt werden sowie eine vernünftige
Balance zwischen kultureller Identität beim Aufeinandertreffen unterschiedlicher Religionen gewahrt bleiben. „Die neuen Deutschen“ sind aber nicht nur die Flüchtlinge und Migranten, sondern auch die Deutschen, die den Flüchtlingen hilfsbereit entgegenkommen, kompromissbereit sind, sich den neuen Herausforderungen dahingehend stellen, dass sie sich selbst und ihr sozio-kulturelles Umfeld positiv in Richtung der neuen Situation bewegen,
einfach weltoffen sind. Im Moment aber sind wir Deutschen, so die Autoren, gespalten, politisch gespalten, gespalten nach Regionen, gespalten in Ost und West. Dabei spalten uns nicht die Flüchlinge an sich, sondern die gegen die Flüchtlinge gerichteten Aktionen, die wiederum Gegenreaktionen hervorrufen. Wie auch immer, die aktuelle Situation erfordert einen langen Atem und eine gewisse Frustrationstoleranz auf beiden Seiten, aber wenn der Staat, Wirtschaft und wir, die Zivilgesellschaft, an einem Strang ziehen wird es funktionieren. Der italienische Schriftsteller Tomasi di Lampedusas sagte einst: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles andere verändern“. Und auch der in diesem Sinne engstirnigst Denkende muss einsehen, dass dies nicht möglich ist. Deutschland wird oder ist bereits ein Einwanderungsland und ist hin auf dem Wechsel zu einer offenen Gesellschaft.

 

Die Menschen, die sich auf dem harten Weg nach Europa machen, haben derartig gravierende Gründe, dass sie sich in ihrem Drang nach Frieden oder
lebensnotwendigen Dingen nicht durch Grenzzäune und einer möglichen Rückführung abschrecken lassen. Man muss die Flucht, die Migration und die Aufnahme also humanisieren. Ansonsten kommt es traurigerweise dazu, wie es die Münklers so treffend bezeichnen, zu noch mehr Grabstätten der Namenlosen, zum Grab des unbekannten Flüchtlings in Anlehnung an das Grab des unbekannten Soldaten nach dem 2. Weltkrieg – und trotz Vorfälle in Bautzen und Dresden sind wir in Deutschland ein Vorbild an Gastfreundlichkeit, stehen damit aber in Europa leider weitestgehend alleine da.

 

Fazit: Das Buch von Marina und Herfried Münkler liefert Antworten und Konzepte, die wir schon lange von der Politik erwarten, vor allem erwarten können. Schweigen im Verständnis auch von Konzeptlosigkeit erzeugt nur Verunsicherung, schürt Ängste und spielt den Rechten in die Hände. Integration ist eine politische Angelegenheit und nicht eine pure administrative Maßnahme. Polemik frei wird durch das Ehepaar Münkler basierend auf historischen Grundlagen und definierten kulturellen Rahmenbedingungen ein relativ einfach umzusetzendes Maßnahmenpaket geliefert. Das ist auch die Stärke des Buches, es verzichtet auf eine attraktive und medienwirksame aber dafür unrealistische und vor allem langdauernde Problemlösung. Es ist heutzutage nicht mehr die Frage nach dem „ob“ der Integration, sondern nach dem „wie“. Und dafür liefern die Autoren einfache Rezepte. Nun liegt es an der Politik, die Vorschläge oder zumindest die dahinter steckende Grundidee aufzugreifen und unter „Mitnahme“ der Bevölkerung und der Flüchtlinge umzusetzen. Aber angesichts der anstehenden Bundestagswahl kann man da erst einmal skeptisch sein.

 

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

Die neuen Deutschen bei amazon.de

 

  Herfried Münkler bei amazon.de

 

 

© 2016 Andreas Pickel, Harald Kloth

So

04

Dez

2016

Im dunklen dunklen Wald

Ruth Ware

Im dunklen, dunklen Wald

Thriller

München ; dtv ; 2016 ; 380 Seiten ; ISBN 978-3-423-26123-4

 

Im Debütroman von Ruth Ware „Im dunklen, dunklen Wald“ wird die 26-jährige Nora zu ihrer Überraschung zum Jungesellinnenabschied ihrer ehemaligen Schulfreundin Clare, zu der sie seit Schulzeiten keinen Kontakt mehr hatte, eingeladen. Nach langer Überlegung sagt sie doch zu und verbringt ein Wochenende mit fünf anderen in einem Haus in den einsamen Wäldern Nordenglands. Sehr schnell bereut Nora ihre Entscheidung und wird von den Geistern ihrer Vergangenheit eingeholt.

Dieser Thriller ist in der Ich-Perspektive von Nora geschrieben und beschreibt damit die Gefühlswelt und das Innenleben der einsamen jungen Frau. Sie erwacht mit schweren Verletzungen in einem Krankenhaus und hat Erinnerungslücken an die letzten Stunden vor dem Unfall. Die Handlung wechselt vom gegenwärtigen Geschehen im Krankenhaus zu den Ereignissen des Jungesellinnenabschieds und der Erinnerung Noras daran. Was ist passiert? Was hat Nora getan?

 

Vor zehn Jahren ist etwas Schreckliches geschehen, so dass sie damals die Schule und ihren bisherigen Freundeskreis verlassen hat. Das Rätsel um dieses Geheimnis und die Spannung was an diesem Wochenende „im dunklen, dunklen Wald“ passiert ist, machen neugierig. Der gut aufgebaute Spannungsbogen vor allem im ersten und letzten Teil führt dazu, dass man dieses Buch  kaum mehr aus der Hand legen möchte.

 

Die Autorin schafft es eine düstere Stimmung zu erzeugen und die Charaktere sind sehr durchdacht skizziert. Die Hauptfigur Nora wächst einem mit jedem Kapitel mehr ans Herz und hat sehr sympathische Züge trotz ihrer Naivität. Die Auflösung wirkt etwas unrealistisch, aber ansonsten ist dieses Buch ein solider und sehr spannender Thriller.

 

Fazit: Ein beklemmender und fesselnder Thriller mit vielen überraschenden Wendungen.

 

Katrin Hildenbrand

4 Sterne
4 von 5

  Im dunklen, dunklen Wald bei amazon.de

 

  Ruth Ware bei amazon.de

 

 

© 2016 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

Sa

03

Dez

2016

Mieses Karma hoch 2

David Safier

Mieses Karma hoch 2

Roman

Reinbek ; Rowohlt  ; 2016 ; 336 Seiten ; 978-3-499-25814-5

 

Im Leben der erfolglosen Schauspielerin Daisy Becker läuft es gerade gar nicht gut. Keine Aufträge und damit auch kein Geld, mit dem sie sich ihr Leben und die Miete finanzieren könnte. Daisy genießt das Leben trotzdem und macht Party – auf Pump versteht sich. Entsprechend verärgert sind deshalb auch ihre WG-Mitbewohner. Sogar ihr bester Freund Jannis scheint es langsam satt zu haben, Daisy immer wieder vor den anderen in Schutz nehmen zu müssen. Da meldet sich plötzlich Daisys Agent mit einem unfassbaren Angebot. Ausgerechnet sie soll im neuen James-Bond-Streifen eine Rolle übernehmen und Seite an Seite mit dem arroganten Schauspieler Marc Barton spielen.

Doch dann geht alles schief und endet damit, dass die betrunkene Daisy zusammen mit Marc Barton bei einem Autounfall verunglückt. Weil sie zu Lebzeiten so viel mieses Karma gesammelt haben, werden die beiden als Ameisen wiedergeboren. Da die beiden auf keinen Fall Ameisen bleiben wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig als sich zusammenzutun und zu zweit gutes Karma zu sammeln. Während sie zunächst noch versuchen, die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Daisys bestem Freund Jannis und Marcs Witwe zu boykottieren, sehen sie am Ende ein, dass man Liebe nicht aufhalten kann. Das gilt auch für Daisy und Marc selbst. Denn die beiden, die sich zu Beginn nicht ausstehen können, entwickeln nach und nach Gefühle füreinander.

Im Grunde verrät der Titel des Romans schon, was den Leser erwartet. Eine ähnliche Geschichte wie schon beim Erfolgsroman „Mieses Karma“. Darin musste sich die Protagonistin Kim Lange noch alleine die Reinkarnationsleiter nach oben kämpfen. „Mieses Karma hoch 2“ an sich ist – wie alles von David Safier – gut geschrieben und hat durchaus auch einige sehr witzige Szenen. Wie meistens bei Fortsetzungen ist es aber leider auch hier so, dass das Neue und Überraschende fehlt.

Fazit: Ein unterhaltsames Buch, das gute Laune macht und an trüben Herbsttagen die Stimmung hebt.

 

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

Mieses Karma hoch 2 bei amazon.de

 

  David Safier bei amazon.de

 

 

© 2016 Sonja Kraus, Harald Kloth

Fr

02

Dez

2016

Schwarzes Herz

M. J. Arlidge

Schwarzes Herz

Ein Fall für Helen Grace, Band 2

Reinbek ; Rowohlt ; 2016 ; 381 Seiten ; 978-3-499-23839-0

 

Einige Zeit ist vergangen seit Marianne im letzten Fall zur Strecke gebracht wurde. Die Ermittlungen haben den Kommissaren einiges abverlangt und das Ermittlerteam schien fast auseinanderzubrechen, war doch Marianne die Schwester der Ermittlerin Helen Grace. Plötzlich wird eine Leiche gefunden, der das Herz fehlt. Die Angehörigen sind entsetzt, denn sie haben ein „Herz“-Paket erhalten. Was soll das Ganze bedeuten?

Hat der sonst so moralisch saubere Gemeindeälteste auch eine dunkle Schattenseite? Helen und ihr Team stoßen auf viele Rätsel und hinter mancher Fassade verbirgt sich Erstaunliches.

Wieder passiert ein Mord nach ähnlichem Muster. Ist schon wieder ein/e Serientäter/in unterwegs? Die Ermittler müssen nicht nur ihre Arbeit verrichten, sondern haben auch die Presse permanent im Nacken. Helen hat so manches im Zwischenmenschlichen aufzuarbeiten, was nicht leicht ist und einiges läuft ganz anders als gedacht. Kurz bevor das Team wegen Kündigungen und Suspendierungen zu implodieren droht kommt ein entscheidender Hinweis auf „Angel“.

 

Bereits der erste Teil um die Ermittlerin Helen Grace hat begeistert. Auch der zweite Teil entwickelt sich nach und nach. Helen Grace und ihr besonderer Charakter bereiten einem ein wahres Lesevergnügen.

Die erneute Aufteilung in über 100 Kapitel trägt zum Spannungsaufbau bei und macht es etwas leichter, das Buch trotz super Spannung doch mal kurz wegzulegen.

Bislang gibt es fünf Teile um die Ermittlerin D. I. Helen Grace: Einer lebt, einer stirbt (Band 1), Schwarzes Herz (Band 2), Kalter Ort (Band 3), In Flammen (Band 4), Letzter Schmerz (Band 5).

Fazit: Auch der zweite Fall von D. I. Grace bietet alles, was ein guter Thriller haben muss. Absolut zu empfehlen.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2016 Matthias Wagner, Harald Kloth

Mi

30

Nov

2016

Starke Typen - Die Welt der Tiere 2017

Starke Typen

Die Welt der Tiere

2017

Palazzi ; Bremen ; 2016 ; 14 Seiten ; ISBN 978-3-95938-005-8

 

Mit dem Kunstdruck-Kalender "Starke Typen - Welt der Tiere" vereint der Palazzi Verlag 12 faszinierende Tierfotografien in einem Jahreskalender. Obwohl schon das Format von 60 mal 50 Zentimeter beeindruckt, stellen die ausgewählten Bilder ein besonderes Vergnügen dar. Denn sie zeigen außergewöhnliche Tieraufnahmen die faszinieren und durch ihre Witzigkeit und Außergewöhnlichkeit den Betrachter verzaubern.

Die Farbenpracht der Papageientaucher in Norwegen, deren ungeschickte Flugmanöver täuschen (Januar). Ein anmutiges Steinbock-Pärchen in der Schweiz, das nur während der Paarungszeit zusammenkommt (Februar). Liebevolle Paviane im Gegenlicht in Sambia (März). Zwischen Wasserpflanzen auftauchende Flusspferde in Kenia (April). Ein grinsendes Zebra mit ausgeprägter Mimik in Südafrika (Mai). Die wunderschönen, in Affengruppen lebenden, Kattas auf Madagascar (Juni). Eine die Wellen geniessende Kegelrobbe in der Brandung in Großbritannien (Juli). Junge indische Tiger die spielend ihre Kräfte messen (August). Ein aus einem russischen Fluss auftauchender Braunbär (September). Süsslippen-Fische die sich zu Gruppen in Korallenriffen vor Papua Neu Guinea versammeln (Oktober). Zwei Spitzmaulnashörner mit Vogel in der Steppe von Kenia (November). Im Gleichschritt trottende Eisbären in Norwegen (Dezember).

Kalender Titelblatt
Starke Typen - Welt der Tiere 2017

Palazzi Kalender stammen aus zertifizierter Waldwirtschaft und werden klimaneutral gedruckt. Die Produktion dieser Produkte erfolgt ökologisch-ökonomisch, nachhaltig und sozial verantwortlich.

Fazit: Exzellenter Tierkalender von den besten Tierfotografen in Szene gesetzt. Amüsant und beeindruckend.

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

Starke Typen - Die Welt der Tiere 2016 bei amazon.de

 

Palazzi Kalender bei amazon.de

 

© 2016 Harald Kloth

© Kalenderbild mit freundlicher Genehmigung Palazzi Verlag

 

So

27

Nov

2016

I am death

Chris Carter

I am death - Der Totmacher

Ein Hunter-und-Garcia-Thriller, Band 7

Berlin ; Ullstein ; 2016 ; 381 Seiten ; ISBN 978-3-548-28713-3

 

Der siebte Band der Reihe um den Profiler Robert Hunter und seinen Partner Carlos Garcia beginnt mit dem Fund einer Frauenleiche nahe dem Los Angeles International Airport. Die rechtsmedizinische Untersuchung stellt fest, dass die Frau tagelang gefoltert wurde und grausam sterben musste. Im Rachen der Frau wird ein Zettel gefunden auf dem mit Blut geschrieben „Ich bin der Tod“ steht. Damit beginnt für Hunter und Garcia die Jagd nach einem Serienkiller, der weitere Frauen bestialisch ermordet. Bald scheint das Rätsel gelüftet, aber konnten Hunter und Garcia tatsächlich den wahren Täter finden?

 

Chris Carter schafft es in diesem Thriller mit seinen blutigen Ausführungen einen hochintelligenten, sadistischen und psychopathischen Menschen darzustellen. Die exzessiven Gewaltszenen werden sehr detailliert geschildert und sind nichts für zartbesaitete Gemüter.  Verschiedene Handlungsstränge zeigen die Perspektive der Ermittler, des Serienmörders und seiner Opfer. Dadurch, dass die Vorgeschichte der Opfer sehr genau beschrieben wird, leidet man noch mehr mit den Frauen, die vor ihrem Tod schrecklichste Qualen durchleben müssen.

 

Die Story ist zwar etwas dick aufgetragen, aber Chris Carter ist durch seine vorherige Tätigkeit als Kriminalpsychologe bei der Staatsanwaltschaft und sein Studium der forensischen Psychologie geprägt und hat womöglich tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele erhalten.

Leider erfährt man über die ermittelnden Profiler Hunter und Garcia sehr wenig. Ermittler in anderen Thrillern wie z.B. Smoky Barrett (Cody McFadyen) oder Carl Morck (Jussi Adler-Olsen) haben außergewöhnliche Merkmale oder eine schicksalshafte Vergangenheit, so dass man einen starken Bezug zu ihnen aufbauen kann.

 

Fazit: Ein harter Thriller, der viele Gewaltszenen beinhaltet und nichts für schwache Nerven ist. Dem Autor gelingt es die Spannung bis zu den letzten Seiten zu halten. Dieses Buch lässt sich problemlos lesen, auch wenn man die vorherigen Bände nicht kennt.

 

Katrin Hildenbrand

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2016 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

Fr

25

Nov

2016

Ein Akt der Grausamkeit

Patricia MacDonald

Ein Akt der Grausamkeit

Thriller

München ; Piper ; 2016 ; 395 Seiten ; ISBN 978-3-492-30757-4

 

Der Psychothriller „Ein Akt der Grausamkeit“ beginnt mit der Enthüllung des Geheimnisses um das neue Leben der Familie um Hannah, ihren Ehemann Adam und ihrer Enkelin Sydney. Eine Rückblende in die Vergangenheit zeigt im nächsten Teil ausführlich, warum sie in einen anderen Bundesstaat gezogen sind und ihr bisheriges Leben zurückgelassen haben:

 

Alles beginnt mit der Anklage gegen ihre 21-jährige Tochter Lisa, die beschuldigt wird, ihren Freund Troy ermordet zu haben. Im Laufe des Prozesses kommen erschreckende Details ans Licht, die die Eltern dazu bringen ihre Enkelin vor Lisa beschützen zu müssen. Der einzige Ausweg scheint die Flucht zu sein. Doch wird es Hannah und Adam gelingen, nicht von Lisa aufgespürt zu werden?

 

Dieses Werk verdient eher die Bezeichnung Familiendrama, da durch den Prozess das bisher idyllische Leben von Hannah, Adam, ihrer hochbegabten Tochter Lisa und deren Enkelin Sydney erschüttert wird. Nach Ende der Gerichtsverhandlung erhalten die Eltern vermehrt Hinweise auf die zutiefst verstörenden Pläne ihrer Tochter. Dadurch bricht eine Welt für Hannah und Adam zusammen, da sie alles für ihre Tochter, die hochintelligente Medizinstudentin, getan haben und sie ihr ganzer Stolz war.

 

Der Thriller ist eine schnelle und leichte Lektüre, die menschliche Abgründe offenbart und sehr erschütternd ist. Das Buch ist aus mehreren Zeitebenen geschrieben und die Charaktere werden authentisch dargestellt. Lisa hat von Beginn an eine sehr egoistische und unsympathische Seite, während ihre Eltern sehr liebevoll wirken. Zum Schluss hin zieht sich dieser Roman leider etwas in die Länge und das Ende erscheint wenig überraschend.

 

Fazit: Ein größtenteils spannendes Buch, das aber eher ein Familiendrama als ein Psychothriller ist.

 

Katrin Hildenbrand

4 Sterne
4 von 5

Ein Akt der Grausamkeit bei amazon.de

 

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© 2016 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

So

13

Nov

2016

1001 TV-Serien

1001 TV-Serien und Shows, die Sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist

herausgegeben von Paul Condon

Oetwil am See ; Edition Olms; 2016 ; 960 Seiten ; ISBN 978-3-283-01251-9

 

1992 hielt der damalige US-Präsident Bush eine Rede zur Lage der Nation, indem er sich wünschte die Bevölkerung wäre mehr wie die "Waltons" statt die "Simpsons". Dies zeigt den enormen kulturellen Einfluss von Fernsehserien auf Gesellschaft, manchmal sogar auf die Politik. Während die "Waltons" (1971 bis 1981)  als perfekte Fernsehfamilie einer heilen Welt aus längst vergangener Zeit gelten, stehen die Zeichentrickfiguren "Simpsons" (seit 1989) für ätzende Gesellschaftskritik in der modernen USA von heute.

 

Auf sage und schreibe 960 dicken Seiten hat Herausgeber Paul Condon 1001 Fernsehserien zusammengetragen, die das Fernsehen maßgeblich geprägt haben. Das Werk geht dabei chronologisch vor, beginnt mit "The Ed Sullivan Show" (1948 bis 1971) und endet mit "Vinyl" (seit 2016). Dazwischen findet sich spannendes wie "Homeland" (seit 2011), populäres wie "Der Mann in den Bergen" (1977 bis 1978"), dramatisches wie "Heimat" (1984 bis 2004), neuverfilmtes wie "Battlestar Galactica" (2004 bis 2009), revolutionäres wie "Die Sopranos" (1999 bis 2007) oder tiefmoralisches wie "Bonanza" (1959 bis 1973).

 

Den sieben Kapiteln - Vor 1960, 60er Jahre, 70er Jahre, 80er Jahre, 90er Jahre, 2000er Jahre, Ab 2010 - ist jeweils eine Doppelseite zur Einleitung vorangestellt. Jede Fernsehsendung wird faktenreich beschrieben und gewertet. Viele Bilder, teils ganzseitig, illustrieren diesen herausragenden Band zur Fernsehgeschichte. Informativ und lehrreich lädt dieser gewichtige Band zum Schmökern und Nachschlagen ein.

 

Am Ende des Bandes findet sich noch ein "Index nach Genre". Zum Auffinden eines bestimmten Titels eher ungeeignet - hier ist der Titelindex am Anfang zu nutzen - bietet sich dieser an, um nach Serien bzw. Empfehlungen seines Lieblingsgenres zu stöbern. Es wird unterschieden nach: Action/Abenteuer, Biographie, Comedy, Dokumentation, Drama, Fantasy/Horror/Science Fiction, Historiendrama, Krimi, Musik/Musical, Preisverleihung, Reality, Soap, Spielshow/Quiz, Sport, Talkshow, Trickfilm, Unterhaltung, Western.

 

Fazit: Ein unterhaltsames Standardwerk zur Fernsehgeschichte. Für TV-Junkies und Serienliebhaber unverzichtbar.

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

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© 2016 Harald Kloth

So

30

Okt

2016

Letzte große Trost

Stefan Slupetzky

Der letzte große Trost

Roman

Reinbek ; Rowohlt ; März 2016 ; 250 Seiten ; ISBN: 978-3-498-06152-4

 

In den letzten Jahren häuften sich Publikationen zu einer Art familiengeschichtlichen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit. Dies einerseits, um sich gegenüber bereits bekanntgewordenen Verbrechen von Familienangehörigen zu rechtfertigen, aus Eigeninteressen die Verwicklung von Familienangehörigen in nationalsozialistische Aktionen nachzuforschen oder weil man im Fundus von verstorbenen Angehörigen Tagebuch- oder sonstige Aufzeichnungen gefunden hat, die das Interesse geweckt haben. Als Beispiel seien hierbei die Bücher von „Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie“ oder auch von „Martin Pollack: Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater“ genannt. In eine vergleichbare Richtung geht auch das neue Buch von Stefan Slupetzky, der allerdings seine eigene Lebensgeschichte in fiktive Personen packt.

Die Hauptperson, in dem Buch ein Mann namens Daniel Kowalski, führt ein mehr oder weniger ruhiges kleinbürgerliches Leben. Nachdem für einen jungen Mann üblichen Wechsel von Freundinnen (wir erfahren dabei u.a. auch, dass seine erste Liebe Nadja Comăneci - natürlich nur auf einem Bild war), die oftmals seine Leidensfähigkeit aufs größte strapazierten, findet er schließlich Marion, die Frau seines Lebens (... die Begegnung mit Marion war der Wendepunkt von Daniels langem Niedergang gewesen...), die im alsbald Zwillinge schenkt. Als er erst 22 Jahre alt ist, stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt, seine suizidgefährdete Mutter erleidet später einen Hirnschlag und ist in ihrem fast leblos daliegenden Körper fortan stark pflegebedürftig. Ihre Pflege stellt die Beziehung von Marion und Daniel auf eine harte Probe, führt aber Dank der fürsorglichen und hilfsbereiten Einstellung von Marion nicht zur Ehekrise. Seinem Bruder wird dies alles zu viel und er flüchtet vor all den Familienangelegenheiten nach Amerika, versagt aber dort sowohl beruflich wie auch privat.

Dies alles erfahren wir im Verlaufe des Buches als Rückblick, geschickt verpackt in Dialogen mit seiner Frau Marion. Die eigentliche Geschichte setzt ein, als ein Brief seiner Großtante aus Israel die Fundamente von Daniel erschüttert. Konfrontiert nun mit der ambivalenten Geschichte seiner Familie führt ihn jede Tür, die er für Erklärungen öffnet, zu einer neuen verschlossenen Tür. Bereits hin- und hergerissen zwischen einerseits mütterlicherseits verfolgten und ermordeten Juden und mit der aktiven Beteiligung von Kowalski’s Großvater an dem Massenmord an den Juden andererseits findet er in dem Haus seiner Großtante, in dem er seine Kindheit verbracht hat, das Tagebuch seines Vaters. Genügend Rotwein trinkend, erschließt er sich in dem Tagebuch lesend nach und nach das Leben seines Vaters. In einer Art selbstzerstörerischen Verzweiflung lässt ihn von nun an der Gedanken nicht mehr los, dass sein an einem Herzinfarkt verstorbener Vater dessen Tod nur inszeniert hätte, um sich von der Familie abzusetzen. Er soll also noch leben!

Nach einem Szenenwechsel, im Teil 2 des Buches, befindet sich Daniel dann mit seiner Frau in Rom, an gleicher Stelle, an der er einst mit seinem Vater vor dessen Tod war. Anstelle nun weiter auf den Spuren seines Vaters zu sein, befindet sich Daniel plötzlich in seinen eigene Spuren, in seinen eigenen Fesseln und er selbst hegt nun die gleichen Pläne wie sein Vater: seinen eigenen Tod zu fingieren, sich als Tod erklären zu lassen und sich dann mit einer neuen Identität auf die Suche nach seinem Vater zu machen. Aber als ihm nach und nach die Sinnlosigkeit seines Unterfanges klar wird, belässt er es bei den Plänen. In all seiner Verzweiflung, inneren Zerrissenheit, Wirrungen und Verwirrungen, die Vermengung von Realität und Fiktion, steht aber immer seine Frau Marion zu und hinter ihm. Sie ist der Grund, warum er letztendlich „geerdet“ bleibt, seine Gedanken und Pläne verpuffen und das ist uns allen ein großer Trost.

Slupetzky, der bisher überwiegend durch Krimis über den Ex-Kommissar und Privatdetektiv Lemming bekannt geworden ist, bürdet sich viel auf, ist der Roman doch eine Suche nach der eigenen Identität, eine Vater-Sohn Geschichte, eine Geschichte über eine Familie mit einerseits jüdischen und andererseits nationalsozialistischen Wurzeln und alles miteinander verwoben eine Geschichte über die zweite Nachkriegsgeneration in der Verarbeitung der Schuld der Kriegsgeneration. Sprachlich auf sehr hohem Niveau ist jeder Satz zu durchdringen, um den Gedanken des Autors folgen zu können. Ein Slupetzky schreibt nicht nur einfach so hin, um einen Roman interessant und spannend zu machen, nein, alles ist durchdacht und bewusst so geschrieben. Als er z.B. in das Haus seiner Kindheit zurückkehrt schreibt er: „Das Dach des Haues trug jetzt einen goldenen Saum; im frühen Abendlicht sangen die Vögel. Es waren andere Vögel als in Daniels Kinderzeit, unbeschwert zwitschernde Nachkommen lange gestorbener Generationen.“ Einfach stark ausgedrückt! Die eigentliche Handlung dauert lediglich 2 Tage, alles andere ist Rückblick, beeindruckend umgesetzt! Trotz aller Sprünge durch Themen, Zeiten und Emotionen, die dem Leser so einiges an Aufmerksamkeit abfordern, ein gelungener Parforceritt durch Emotionen und Vergangenheitsbewältigung.

Kowalski‘s und damit Slupetzky’s Recherchen führen tief hinein in die verwirrten Gedanken eines Suchenden. Allerdings stellt das Buch nicht wie so oft, wenn Söhne über ihre Väter schreiben, eine Abrechnung, einen Befreiungsschlag dar, hat Slupetzky doch keine klaren deutbaren Erinnerungen an seinen Vater und kann so völlig unvoreingenommen recherchieren und seine Gedanken niederschreiben. Trotzdem ist das Buch emotionsgeladen, spürt man doch in jeder Zeile Enttäuschung und Wut über das Wirken und die Taten des Vaters.

 

Fazit: Auch wenn Slupetzky manchmal dazu neigt, in familiäre Sentimentalitäten abzuschweifen, gelingt ihm eine vortreffliche Beschreibung der Hin- und Hergerissenheit der (zweiten) Nachkriegsgeneration in der Vergangenheitsbewältigung. Der Protagonist Daniel, eigentlich der Held des Romans, der aber keiner ist, könnten viele von uns sein. Und das macht die Geschichte so authentisch. Diese Gedanken- und Gefühlswelten von Slupetzky sind absolut empfehlenswert. Ein Buch, das man gerne auch öfters liest.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2016 Andreas Pickel, Harald Kloth