Remigiusz Mróz: Bis zum Ende

(Die Suche nach Ewa, Band 2)

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2020 ; 399 Seiten ; ISBN: 978-3-499-00252-6
 
Werner Damian war mit Ewa verlobt, doch vor mehr als 11 Jahren ist sie plötzlich verschwunden. Seit einem Jahr steht nun polizeilich fest, dass man ihre Leiche gefunden hat. Werner glaubt dies alles nicht und ist fest davon überzeugt dass Ewa noch lebt. Kasandra Reimanns hat nach dem Tod ihres Mannes die Identität von Ewa angenommen. Werner ist zunächst sehr verwirrt. Kasandra lebt in Saus und Braus, doch plötzlich wird ihr Sohn entführt und nichts ist mehr, wie es sein sollte. Werner wollte eigentlich nichts mehr mit ihr zu tun haben.

 

Doch auf der einen Seite ist er auf Ihre Hilfe angewiesen, andererseits kann er ihr nicht wirklich trauen. Plötzlich taucht bei Werner eine alte Videokassette auf, auf der Ewa ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet hat. Die Qualität der Kassette ist schlecht und Werner merkt, dass mit jeder neuen Information auch weitere Fragen auftauchen. Als er sich mit Kasandra treffen möchte wird diese verhaftet und landet im berühmt-berüchtigten Frauengefängnis. Es scheint, als habe man dort nur auf sie gewartet. Werner findet heraus, dass es vor Jahren einen Jugendklub gegeben hat, in dem auch Ewa Stammgast war.
Aber nicht nur sie war damals dort, sondern auch sein bester Freund Blitz. Was wurde ihm alles verschwiegen, wie hängt alles zusammen und lebt Ewa möglicherweise doch noch?
 
Kurze Zeit nach dem ersten Teil “Die kalten Sekunden“ erscheint nun die Fortsetzung und wiederum fiebert man mit dem Protagonisten mit, der auf der Suche nach seiner Verlobten ist. Der Thriller ist in verschiedene Kapitel unterteilt, die jeweils aus der Ich-Perspektive von Werner bzw. Kasandra geschrieben sind. Dies ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, denn erst nach ein paar Zeilen wird deutlich, wer gerade erzählt. Dieses Stilmittel schafft es aber, sich in zwei Charaktere gleichzeitig sehr intensiv hineinzuversetzen. Der Plot ist sehr verzweigt und die Schilderungen aus dem Frauengefängnis sind nichts für zart besaitete Leser.
 
Fazit: Eine ansprechende und gelungene Fortsetzung.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2020 Matthias Wagner Harald Kloth

Sophie Kendrick: Das Echo deines Todes

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2020 ; 300 Seiten ; ISBN: 978-3-499-00084-3

Lara, Michelle und Eileen bekommen 16 Jahre nach Ihrem Urlaub in Schweden eine Einladung, nochmals auf die Insel zu kommen. Damals waren sie zu viert, es war ein wunderschöner Sommer, doch in der letzten Nacht verschwand Rebecca, die von allen nur Becca genannt wurde. Tags darauf fand man ein gekentertes Boot, aber von Becca fehlte jede Spur. Die vier Abiturientinnen haben sich damals mit den beiden Jungs Leon und Vincent angefreundet. Auch diese beiden tauchen nach 16 Jahren wieder auf der Insel auf. Wer hat sie eingeladen und was soll das Ganze nach so langer Zeit?

 

Lara war damals verliebt in Vincent, aber sie war viel zu schüchtern, leidet sie doch unter dem Asperger Syndrom. In kritischen Situationen rezitiert sie Gedichte und bekommt von ihrer Außenwelt nichts mehr mit. Als die fünf auf der Insel sind, passieren verschiedene Dinge, die sich niemand erklären kann. Plötzlich glaubt Eileen, dass sie Becca gesehen hat. Aber wie kann das sein, träumt sie oder ist Becca damals wirklich nur verschwunden, um 16 Jahre später wieder aufzutauchen?

Sophie Kendrick entspinnt einen sehr guten Thriller. Es wird aus der Sicht von Lara erzählt und die Erzählung wird nur unterbrochen durch die Vernehmungsprotokolle, die vor 16 Jahren bei der Polizei erstellt wurden. Es ist sehr beklemmend, wenn deutlich wird, wie Lara tickt, die zu den unmöglichsten Zeitpunkten klassische deutsche Gedichte rezitiert, unter anderem „Der Erlkönig“ oder „John Maynard“. Lange Zeit glaubt man eine Ahnung zu haben und dann ist aber letztlich doch alles anders.

Fazit: Beklemmend schön!

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Fiona Barton: Der Trip

(Detective Bob Sparkes, Band 3)

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2020 ; 508 Seiten ; ISBN: 978-3-8052-0008-0

Alex und Rosie, zwei junge Abiturientinnen, machen sich nach den Prüfungen auf zu einem Trip durch Thailand.
Eigentlich wollte Alex zusammen mit ihrer besten Freundin Mags unterwegs sein, doch diese konnte sich letztendlich den Trip finanziell nicht leisten. Die Eltern von Alex kontaktieren die Polizei, weil sie seit mehr als einer Woche kein Lebenszeichen ihrer Tochter erhalten haben. Zunächst wird die Vermisstenmeldung nur aufgenommen und nicht weiter beachtet, denn es passiert immer wieder, dass junge Rucksacktouristen vergessen, sich bei den Eltern zu melden.

 

Die Zeitungsredakteurin Kate Waters klemmt sich hinter die Geschichte. Ihr eigener Sohn Jack ist vor mehr als zwei Jahren nach Thailand aufgebrochen um dort in Umweltprojekten mitzuarbeiten. Seit mehr als einem halben Jahr hat er sich jedoch nicht mehr gemeldet. Als in Bangkok ein Jugendgästehaus in Flammen aufgeht und zwei tote junge Frauen in den Trümmern zum Vorschein kommen wird sehr schnell klar, dass es sich um Rosie und Alex handelt. Aber was ist passiert?

 

Für die thailändischen Behörden stets sehr schnell fest, dass es sich um fahrlässige Brandstiftung handelt und die Akten werden geschlossen. Doch die Eltern der Mädchen und der Polizist Bob Sparkes glauben diese Geschichte nicht und nach der Überführung der Leichen stellt sich bei der Obduktion heraus, dass die Mädchen bereits tot waren bevor das Feuer ausbrach.

Nach 'The Child' schafft es Fiona Barton in ihrem neuen Werk 'Der Trip' erneut, eine tolle Geschichte aufzubauen.
Dieses Mal spielt die Geschichte im Backpacker-Milieu. Jedes Kapitel ist aus der Sicht der unterschiedlichen Personen geschrieben: die Journalistin, die Mutter, der Polizist und dazwischen finden sich die E-Mails von Alex. Dadurch entspinnt sich ein rasanter Plot, der beim Lesen keine Langeweile aufkommen lässt.

In der Reihe mit Detective Bob Sparkes erschien mit Band 1 'Die Witwe'.

Fazit: Ein toller Backpacker-Thriller.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Richard Roper: Das Beste kommt noch

Roman

 

Hamburg ; Wunderlich ; 2020 ; 409 Seiten ; ISBN 978-3-8052-0044-8
 
Andrew Smith ist ein seltsamer Typ. Allein schon sein Beruf macht ihn zum Sonderling. Als Angestellter der Stadtverwaltung muss er in den Wohnungen von Menschen, die dort allein lebten und verstorben sind, nach Hinweisen auf Angehörige suchen. Außerdem ist es zur Entlastung der Staatskasse von Vorteil, wenn Andrew zusätzlich noch den ein oder anderen Sparstrumpf findet, mit dessen Inhalt das Begräbnis finanziert werden kann.

 

Weil sich Andrew diesen vereinsamten Menschen dennoch irgendwie verpflichtet fühlt, ist er oft der einzige Mensch, der an der Trauerfeier teilnimmt. Als Andrews Chef auf die Idee kommt, jeder solle als Teambildungsmaßnahme die Kollegen zu sich nach Hause zum Essen einladen, bekommt Andrew ein ernsthaftes Problem.

 

Anders als seine Kollegen glauben, hat Andrew nämlich weder Frau noch Kinder und statt in einem repräsentativen Haus lebt er in einem kleinen, finsteren Apartment, in dem er großflächig seine Eisenbahn aufgebaut hat. Gesellschaft leisten ihm nur die anderen Teilnehmer des Modeleisenbahnforums im Internet und seine geliebte Ella Fitzgerald, deren Platten er ständig hört.

 

Zu allem Überfluss wird Andrew auch noch die neue Kollegin Peggy zugeteilt, die er einarbeiten soll. Als verheiratete Frau mit zwei Kindern glaubt Peggy, in Andrew einen Kollegen gefunden zu haben, der in der gleichen Situation steckt wie sie. Obwohl es Peggy selbst nicht leicht hat, schafft sie es mit ihrer witzigen, aufgeschlossenen Art, den Sonderling Andrew aus der Reserve zu locken. Andrew mag die neue Kollegin und hat zunehmend Gewissensbisse, auch ihr gegenüber die erfundene Familie weiterleben zu lassen. Noch dazu wo ihm Peggy tiefe Einblicke in ihr Privatleben gewährt. Je länger Andrew mit Peggy zusammenarbeitet, desto mehr spürt er, dass er sich zu ihr hingezogen fühlt. Aber durch seine Lüge ist ohnehin schon alles zu spät. Oder etwa doch nicht?

 

Dieser Debütroman vereint eine äußerst skurille Geschichte mit merkwürdigen Schauplätzen und sonderbaren aber liebenswürdigen Charakteren. Ropers Hauptfigur Andrew ist ein Mensch, den ein traumatisches Erlebnis aus der Bahn geworfen hat. Er führt seither ein graues, tristes Leben, bis der Farbtupfer in Form der quirligen neuen rothaarigen Kollegin Peggy in sein Leben tritt. Manchmal braucht es eben solche Impulse von außen, damit etwas Bewegung ins erstarrte Leben kommt.

 

Fazit: Eine rundherum gelungene, unterhaltsame und schräge Geschichte mit schrägen Figuren, die schräge Dinge tun.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2020 Sonja Kraus, Harald Kloth

Michael Tsokos: Abgefackelt

Paul Herzfeld, Band 2

True-Crime-Thriller

 

München ; Knaur ; 2020 ; 352 Seiten ; ISBN: 978-3-426-52440-4

Der Rechtsmediziner Dr. Paul Herzfeld hat sich von den Ereignissen rund um seinen Kollegen Dr. Schneider noch nicht erholt.
Herzfelds Verlobte wirft ihm immer wieder vor, dass ihm die Toten wichtiger seien als die Lebenden. In den letzten Monaten hat Herzfeld auch fast keine Zeit mit seiner Tochter Hannah verbracht. Dass er das Trauma noch nicht überwunden hat, zeigt sich bei einer Obduktion, bei der Paul abbrechen muss, weil sein Kreislauf verrückt spielt. Sein Institutsleiter an der Rechtsmedizin Kiel verordnet ihm eine Auszeit, obwohl er weiß, dass Paul alles andere als Urlaub möchte. Er schickt ihn nach Itzehoe, weil der dortige Pathologe mit Mitte vierzig verstorben ist. Dort angekommen merkt Paul schnell, dass ein großes Geheimnis um den Tod seines Vorgängers gemacht wird. Er findet heraus, dass dieser verbrannt ist.


Die polizeilichen Ermittlungen wurden relativ schnell eingestellt und die Sache wurde als Suizid zu den Akten gelegt. Gerade das schnelle Schließen der Akte macht Paul mehr als stutzig und er macht sich auf die Suche, mehr über das Ableben seines Vorgängers zu erfahren. Was er dabei übersieht, ist die Tatsache, dass seine Nachforschungen einem Stich ins Wespennest gleichen. Auf einmal steht er selbst im Visier. Zunächst hat er keine Ahnung mit welch' mächtigem Gegner er sich eingelassen hat. Und plötzlich geht es um alles oder nichts.

Der neue Thriller von Michael Tsokos beginnt zeitlich kurz nach den Ereignissen aus dem ersten Band „Abgeschlagen“. Er ist ähnlich aufgebaut wie der Vorgängerroman, jedes Kapitel ist mit Zeit- und Ortsangabe versehen. Die Kapitel zeigen die unterschiedlichen Sichtweisen, was zu einem rasanten Spannungsaufbau führt. Wie immer ist das Geschehen unterfüttert mit Erkenntnissen aus der Rechtsmedizin, die oft sehr detailliert beschrieben werden. Das ist nichts für zart besaitete Leserinnen und Leser. Man darf gespannt sein auf den bereits angekündigten vierten Teil, in dem laut Autor der Oberarzt Dr. Schneider wieder auftreten soll.

Fazit: Einmal angefangen und man ist im Sog!

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Anja Jonuleit: Herbstvergessene

Roman

 

München ; dtv ; 2019 ; 634 Seiten ; ISBN 3-423-25413-0

 

Zu Beginn der Lektüre glaubte ich, einen dieser unbedeutenden 08/15-Massenromane vor mir liegen zu haben. Doch das erwies sich zum Glück als absolute Fehleinschätzung meinerseits!

Diese Geschichte von Anja Jonuleit beginnt völlig harmlos mit einem Telefonanruf, in dem die in Wien lebende Mutter, ihre Tochter Maja um ein Treffen bittet. Eine eher ungewöhnliche Bitte, da das Verhältnis der beiden zueinander seit langer Zeit nur noch aus jährlichen Geburtstagsgrüßen und oberflächlicher Weihnachtspost besteht.

Mit vielen Erwartungen an ihre Mutter Lilli im Gepäck kommt sie der Bitte nur zögerlich nach. Da sie als Kind stets den mütterlichen Ansprüchen und Vorstellungen nicht gerecht wurde, gestaltete sich die Mutter-Tochter-Beziehung als sehr schwierig, beide gingen schließlich ihre eigenen Wege und entfremdeten sich im Laufe der Zeit. Als Maja in Wien eintrifft, ist ihre Mutter jedoch kurz zuvor plötzlich verstorben. Selbstmord – so heißt die offizielle Angabe. Maja hatte zwar kaum Kontakt zu ihrer Mutter, doch an einen Selbstmord glaubt sie keinesfalls.

So beginnt sie neben der Organisation der Beerdigung mit Recherchen zu Lillis Leben, ihrem Umfeld und Freundeskreis. Immer tiefer dringt Maja in die geheimnisvolle Vergangenheit ihrer Mutter ein und beginnt nach und nach mit kriminalistischem Feingespür ein erschreckende Familiengeheimnis zu lüften. Der Autorin ist ein Roman geglückt, der sich von Seite zu Seite steigert und mich als Leserin dabei richtig gefesselt hat. Besonders der Prolog trieft vor Melancholie und unzähligen Rechtfertigungsgedanken der Tochter, die mit ihrer Vergangenheit hadert.

Bis zur Beerdigung Lillis ahnt niemand, welche geheimnisvollen, verschlungenen Wege in die brutale Vergangenheit Maja gehen würde um das Geheimnis zu erforschen und damit den fragwürdigen Selbstmord der Mutter aufzuklären. Es fällt schwer, eine Lesepause einzulegen, der Roman reißt mit und steigert sich unerwartet zum spannungsgeladenen Krimi. Dabei lehrt er, wie bedeutsam es ist, seine eigenen Wurzeln zu kennen. Wer bin ich? Wo komme ich her? Manchmal jedoch schmerzt die Wahrheit, wenn sie zum Vorschein kommt und vernichtet Illusionen. Aber sie kann auch befreiend sein und verändern, wie bei der Romanfigur Maja.

 

Als Groß- und Normaldruck erhältlich.

Fazit: Spannende Unterhaltung mit Geschichtshintergrund für lange Regentage und beste Ablenkung vom Coronawahnsinn!

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2020 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Axel Simon: Eisenblut

Kriminalroman

Gabriel Landow, Band 1

 

Hamburg ; Kindler ; 2020 ; 413 Seiten ; ISBN: 978-3-463-00012-1  

 

Deutschland im Mai 1888. Vor kurzer Zeit ist Kaiser Wilhelm verstorben und um die Gesundheit des nun amtierenden Kaisers Friedrich III. ist es schlecht bestellt. Gabriel Landow betreibt zusammen mit seinem Freund Leo Bein eine kleine Detektei. Mittlerweile ist Gabriel allerdings allein, weil Leo nach Amerika ausgewandert ist. Er hält sich mit kleinen Aufträgen über Wasser, in denen es vor allem um die Beschattung von Ehepartnern geht. Gabriel hat den Kontakt zu seiner Familie gänzlich abgebrochen, nachdem sein Zwillingsbruder Perikles in einem Militärprozess ein sehr merkwürdiges Aussageverhalten zeigte, was zur Verurteilung von Gabriel führte. Gabriel lebt in einer Pension und spricht sehr dem Alkohol zu. Als er eines Tages mit dem einarmigen Orsini zusammentrifft, der sich mit Diebstählen über Wasser hält, gehen sie eine geschäftliche Partnerschaft ein.

Plötzlich erhält Gabriel einen Auftrag der Regierung, er weiß zunächst nicht, warum man für diesen gerade ihn ausgesucht hat, aber er beginnt zu ermitteln. Es gibt drei Tote, die mit Zitaten der Gebrüder Grimm in Händen aufgefunden worden sind. Was haben die Zitate zu bedeuten, warum haben alle eine Sonderzahlung erhalten, die vom Reichskanzler angewiesen wurde und wieso wird eine kleine Detektei mit diesem großen Auftrag betraut?

Axel Simon lässt die Kaiserzeit wieder aufleben. Mit viel Liebe zum Detail entwirft er einen Kriminalroman, der zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist. Hat man sich durch die ersten Seiten gekämpft, zieht einen der Plot immer mehr in seinen Bann. Wer für Geschichte nichts übrig hat, der sollte sich besser mit anderen Lektüren eindecken. Es ist bereits angekündigt, dass die Geschichte um den Privatdetektiv Gabriel Landow fortgesetzt werden soll. Man darf gespannt sein, ob die zukünftigen Fälle vor 1888 oder nachher angesiedelt sein werden.

Fazit: Geschichte toll verpackt!

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Kristina Spohr: Wendezeit

Die Neuordnung der Welt nach 1989

 

München ; DVA ; 2019 ; 976 Seiten ; ISBN 3-421-04835-5

 

Als Kuwait nach der amerikanisch geführten militärischen Operation „Desert Storm“ von Husseins irakischen Truppen befreit war, trat am 6. März 1991 der 41. US-Präsident, George H.W. Bush, vor den amerikanischen Kongress und beschwor eine neue Weltordnung, " … eine Welt, in der die Vereinten Nationen, befreit vom Patt des Kalten Krieges, die historische Vision ihrer Gründerväter verwirklichen werden; eine Welt, in der Freiheit und Menschenwürde ihren Platz in allen Ländern finden … " Grundlage für diese markanten Worte waren die Geschehnisse weniger als zwei Jahre davor in China, der Sowjetunion sowie in Mittel- und Osteuropa. Über 30 Jahre her, sind jene, die Weltpolitik komplett veränderten Vorgänge, mittlerweile Historie, aber aufgrund ihrer Nachwirkungen bis in die heutige Zeit für das Gesamtverständnis von aktueller Außen- und Sicherheitspolitik aber auch Wirtschaftspolitik relevanter denn je. Viele Probleme, die damals durch das Aufbrechen der überwiegend bipolaren Welt (China war noch nicht der globale Player wie heute) entstanden sind, beschäftigen uns noch heute. Diese Ursachen geht Kristina Spohr in ihrem Buch „Wendezeit“ in bemerkenswerter Detailtiefe und –genauigkeit auf den Grund. Und um es Vorwegzunehmen, ein absolut großartiges Buch und ebenso in seiner Quellenanalyse über die Zeit 1989 bis 1992 einzigartig wertvoll.

Spohr steigt geografisch nicht ein, wie man es vielleicht erwarten möchte, mit den Demokratisierungsbewegungen in Mittel- und Osteuropa, sondern weit entfernt in China (Bush führte übrigens seine erste Auslandsreise auch nach China und nicht wie traditionell üblich nach Europa). Dies nicht ohne Grund: Zwar waren der Ausgangspunkt für den gesamten Transformationsprozess Michail Gorbatschows Politik von „Perestroika“ (Umgestaltung … des politischen und wirtschaftlichen Systems) und „Glasnost“ (Transparenz und Offenheit), aber eingerahmt von Geschehnissen außerhalb Europas, besonders der brutalen Niederschlagung friedvoller Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989. Gorbatschow war aber dann DIE entscheidende Figur für das Wiederaufleben der „Macht des Volkes“ in Osteuropa und der Entfernung des Eisernen Vorhangs. In der Folge erwachten die Ostblockstaaten, die lange Zeit keinerlei revolutionäre Energie sowie utopische Ansprüche mehr besaßen und zu konservativen autoritären Ländern verkümmerten, aus ihrem von der Sowjetunion streng überwachten „Dornröschenschlaf“ und stießen die friedvolle Revolution nach und nach mit an. Zuletzt fiel die Mauer mit dem Anschluss der DDR an die BRD. Ohne den Einfluss der Bevölkerung (vor allem in Polen und der ehemaligen DDR) nicht entsprechend zu würdigen, lag es vor allem an den Protagonisten dieser Zeit, dass die Revolutionen so friedvoll verliefen. Dies waren allen voran George H.W. Bush und Michail Gorbatschow sowie, neben der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher und François Mitterand, insbesondere der stets besonnen und umsichtig agierenden „Impressario der deutschen Wiedervereinigung“, Helmut Kohl. Diese kleine Gruppe Regierungschefs und ihre engsten Berater steuerten die Handlungen, die seit Ende der 40er Jahre mehr oder weniger fest manifestierten beiden Blöcke in Europa wurden in kürzester Zeit ruhig zu Grabe getragen. Waren also in der bisherigen europäischen Geschichte Grenz- und Gebietsverschiebungen die Konsequenz von Kriegen, so war dies nun die Folge von friedvollen aber deutlichen Willensbekundung der Völker gleichermaßen wie das bedachte Handeln der Staatsführer. Einzig die Unabhängigkeit der Balkanstaaten wurde in einem jahrlangen und dafür umso grausameren Krieg erkämpft.

Spohr nutzt für ihre Analysen einen immens hohen Fundus an Literatur, archivierten Quellen in Ost, Fernost und West, Zeitzeugeninterviews, Gesprächsprotokolle, Berichte der Geheimdienste und Biografien der Protagonisten, die sie nicht einfach zitiert, sondern quervergleicht und damit validiert. Treffen und Vorgänge werden auf ca. 800 Seiten so detailgetreu wiedergegeben, dass man meint, bei den vielen 4-Augen-Gesprächen mit dabei zu sein. Das Buch ist packend und spannend zugleich und wüsste man nicht den Ausgang der Vorgänge, würde man in Versuchung geraten, mitzuraten. Ebenso ungewöhnlich für ein derartiges Buch, Spohr widmet ein eigenes Kapitel dem „pazifischen Jahrhundert“. Die Entwicklungen vor allem in China, aber auch in Japan und den Tigerstaaten wie Singapur und Südkorea haben ebenso ihren Ursprung in dieser Zeit und gerade im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik gravierendere Auswirkungen auf die Zukunft Europas, als jegliche Vorgänge in Europa selbst.

Gerade weil das Buch nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut ist und trotzdem die unterschiedlichen Regionen und Ereignisse in den Kapiteln verknüpft werden, spannt es einen allumfassenden und tiefgründigen Bogen um alle Facetten dieser Zeit. Dies erfordert einige Aufmerksamkeit des Lesers, aber so wird deutlich, wie die Ereignisse in Europa, Amerika und Asien zusammenhängen. Einerseits am 4. Juni 1989 die blutige Niederschlagung der Demonstrationen in Peking, anderseits gewann am gleichen Tage in Polen die Oppositionsbewegung Solidarnosc, quasi als Eisbrecher des Kalten Krieges, die Wahlen gegen die regierenden Kommunisten – Geschichte der Kugeln versus Geschichte der Stimmzettel. Das Newtonsche Gesetz mit dem Prinzip von Actio und Reactio wurde selten besser dargelegt.

Natürlich ist der Schwerpunkt eines derartigen Buches die deutsche Wiedervereinigung. Am 7. Oktober 1989 feierte die SED noch den 40. Gründungstag der DDR (im Zuge dessen entstand übrigens der berühmte Satz: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben), am 9. November bereits fiel die Mauer und nur rund 11 Monate später war die deutsche Einheit vollendet. Setzte also in der DDR der Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus viel später ein als in Polen oder Ungarn, so entwickelte er sich dort dann deutlich schneller. Wenn man all die (Zeitzeugen-)Berichte liest, eigentlich unvorstellbar. Selbst ein halbes Jahr vorher sprachen viele der unmittelbar betroffenen Politiker noch von Jahren … das es doch so schnell dazu kam, ist sicherlich dem unermüdlichen aber doch stets besonnenen Einsatz von Helmut Kohl zu verdanken, der sehr geschickt die Bedenken Gorbatschows, Thatchers und Mitterands mit den globalen Machtansprüchen der USA austarierte. War Kohl zunächst nur ein Spielball der vier Besatzungsmächte, übernahm er mit der Vorstellung seines „Zehn-Punkte-Programms zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ am 28. November 1989 im Deutschen Bundestag die Initiative und ebnete damit den Weg in die Einheit. Kohl hatte die Gabe, die für das Erreichen seiner Ziele notwendigen Vertrauensverhältnisse aufzubauen und seinem Gegenüber das Gefühl zu geben, jederzeit gleichberechtigt zu sein und gleichermaßen als Gewinner dazustehen. Bereits am 3. Dezember erzielte Kohl mit Bush bei einem gemeinsamen Abendessen Übereistimmung über die Wiedervereinigung, Wochen später, gelang es ihm auch, den zunächst aufgebrachten Gorbatschow zu beruhigen und Kohl erhielt am 10. Februar 1990 dessen Zustimmung, seine Visionen zur Wiedervereinigung in die Tat umzusetzen.

Auch heute noch sehr diskussionswürdig bleibt das Ergebnis der Transformation, erwirkt durch die unverändert latente Angst der mittel- und osteuropäischen Staaten vor Russland und dem damit bedingten unbändigen Willen der Eingliederung in die westlichen Systeme als Schutzschirm. Versuche, die gerade durch die Aktivitäten der osteuropäischen Staaten etablierte Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), deren Schlussakte am 1. August 1975 durch 35 Staats- und Regierungschefs in Helsinki unterschrieben wurde, in der „Wendezeit“ aufzuwerten und in eine operative Sicherheitsorganisation umzugliedern, waren vergeblich. Der am 19. November 1990 durchgeführte KSZE-Sondergipfel in Paris, an dem viele die Erwartung eines zweiten „Wiener Kongresses“ hegten (der erste 1815 beendete die Ära Napoleon und brachte viele Jahrzehnte Friede über Europa), sowie später am 9./10. Juli 1992 der „Helsinki-II-KSZE-Gipfel“, brachte zwar viele Ergebnisse im Bereich der Rüstungskontrolle, aber war nicht das gerade von französischer Seite erhoffte „Ereignis des Jahrhunderts“. Als Rettungsanker blieben die NATO für die Sicherheit sowie die EU für die Wirtschaft. Die Richtung Demokratisierung strebenden Nationen wurden somit fast magisch angezogen in ein bestehendes System eingegliedert, anstelle, so Spohr, diese Zeit des Umbruchs wirklich für eine komplette Umgestaltung der Sicherheitsarchitektur zu nutzen. Dies hätte unter Einbindung Russlands sowie ggf. auch China als gleichberechtigte Partner nicht zu dem geführt, was wir heute einschließlich der Re-Fokussierung vieler Nationen auf Landes- und Bündnisverteidigung wie zu Zeiten des Kalten Krieges vorfinden. Trotz der großen sowjetischen Zugeständnisse im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands sowie der Unabhängigkeitsbestrebungen der ehemaligen Sowjetrepubliken fehlte das Gespür für Sentimentalitäten und nicht zuletzt die herablassende Behandlung Russlands durch den Westen führte dort zu einem Gefühl der Entfremdung und Marginalisierung. Dies machte sich dann letztendlich Putin zunutze, der hervorragend auf diesem (nationalistischem) Klavier zu spielen wusste und weiß.

Bei allem Jubel und Trubel um die friedvolle Transformation in Europa, sollte man nicht vergessen, dass in China am 4. Juni 1989 über 2.500 Menschen getötet wurden, um die Macht der Kommunistischen Partei Chinas zu erhalten und den eigenen chinesischen Weg einzuschlagen. Spohr bezeichnet dies als eine „Mischform eines kommunistisch kontrollierten embryonischen Kapitalismus“. Aus dieser „organischen Synthese“ einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ wuchs China zumindest wirtschaftlich zum größten „Global Player“ der heutigen Zeit, weil es im Gegenzug zu Japan, dass zunächst die dominierende Rolle im Pazifikraum einzunehmen schien, verstand, das Exporte alleine für eine geo-ökonomische Dominanz nicht ausreichen. Und Putin hat seit seiner Inthronisierung als Präsident der Russischen Föderation im Jahre 2000 Teile diese Art von Politik übernommen, mit starken Repressalien gegen das eigene Volk mit größtenteils undemokratischen Mitteln den Weg des Landes in die Anarchie verhindert, die Kontrolle wiedergewonnen und in Teilen wirtschaftlich, aber vor allem außen- und sicherheitspolitisch wieder auf die Weltbühne zurückgeführt.

Zusammenfassend, nach den beiden Bestsellern „Höllensturz“ und „Achterbahn“ des renommierten britischen Historikers Ian Kershaw, sowie „Der Kalte Krieg“ von Odd Arne Westad liegt nun mit „Wendezeit“ ein viertes, sehr beeindruckendes und absolut lesenswertes Buch über die politischen Vorgänge und Abläufe im 20. Jahrhundert vor. Die „Wendezeit“ ist für die Autorin geprägt durch zwei unterschiedliche Wege: einerseits dem chinesischen Weg nach der Niederschlagung des Aufstands auf dem Tiananmen-Platz und die friedvolle Revolution um den Mauerfall. Ausschlaggebend dafür waren die von Spohr herausragend dargestellten Interaktionen der wichtigsten Staatsführer dieser Zeit und die Rücksichtnahme auf deren Befindlichkeiten und Sensibilitäten. Spohr stellt die Vorgänge von 1989 bis 1992 genauestens nach, ja fast minutiös, berichtet aus der Brille und dem Blickwinkel der Akteure. Sie beurteilt treffend die teils gegensätzlichen Ansichten und oftmals situativ getroffene Entscheidungen und liefert uns so eine „Perle“ unter den Büchern zu den Umstürzen Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Dies unterstreichen auch die vielen aufgeführten, unheimlich bereichernden Anekdoten in dem Buch.

 

Es wird mehr als deutlich, dass im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Staatsoberhäupter nur noch über Twitter und anderen sozialen Medien ihre Staatsgeschäfte kundtun, der unmittelbare Kontakt und Informationsaustausch, das Gespräch, mit die wichtigsten Gründe für den bedachten Ablauf der Geschichte waren. So konnten keine Missverständnisse entstehen bzw. wurden sofort geklärt. Nicht auszudenken, wenn sich die Jahre 1989 bis 1992 in der heutigen (sozialen) Medienwelt abspielen würde. So gesehen regt das Buch in einem Zeitalter von Trump, Putin oder auch Macron an, über die Art und Weise heutiger, weit weniger umsichtiger Staatsführung nachzudenken. Das überwiegend unsachliche Kritisieren von langjährigen Partnern, das Infrage stellen von bewährten Allianzen (z.B. NATO oder aber auch EU), schwächen eigentlich Verbündete und stärken die gemeinsamen Gegner, die ihrerseits immer selbstbewusster auftreten. Unsere Welt ist heute geprägt von unzähligen kleineren Konflikten sowie zwischen- und innerstaatlichen Kriegen, welche auch die USA nicht in Zaum halten kann. Auch wenn in der damaligen „Wendezeit“ vieles Zufall und „glückliche Fügung“ war, sachte Diplomatie, vorbreitet erst auf der Arbeitsebene bevor dann für abgestimmte Entscheidungen die Regierungschefs gleichermaßen bedacht diskutierten, weiterverhandelten und im Konsens entschieden, waren der Grundstein für friedvolle Prozesse. Auch wenn die vielen Gremien wie NATO und EU durch die Erweiterung immer größer und damit in den Entscheidungsprozessen schwerfälliger werden, die langwierig aufgebauten Netzwerke müssen weiter Bestand haben, so der Appell der Autorin.

Mit der Auflösung der Sowjetunion verschwand der Kalte Krieg relativ plötzlich, obwohl es dazu eine lange Vorgeschichte gab. Das bringt uns die Autorin nachdrücklich nahe. Dass es nicht zur der von Bush anfänglich zitierten und proklamierten „neuen Weltordnung“ kam, lag auch an Veränderungen jenseits Europas, deren Kräfte durch die westliche Politik nicht einzufangen oder zu ordnen waren. Dies auch noch darzulegen war aber nicht die Absicht Spohrs, darüber wurden bereits hinreichend andere Bücher geschrieben. Aber das bis auf den Balkan „dreijährige Wunder der friedlichen Revolutionen“ in Europa, welches die bisherigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse komplett auf den Kopf stellte, wurde noch nirgends besser erklärt. Ausschlaggebend dafür war für Spohr das Machtdreieck oder auch Kraftfeld wie sie es nennt Gorbatschow – Bush – Kohl. Anhand der „Scharnierjahre“ von 1989 bis 1992 wird uns die Entstehung der heutigen geopolitischen Ordnung erklärt, aus der sich der globale Kapitalismus entwickelt hat. Deshalb, so Spohr, geht es zukünftig weniger um die führende Rolle der Gesellschaftsform, ob nun Demokratie, Autokratie oder Kommunismus, sondern um geostrategische und vor allem ökonomische Stärke. Das ist, was China in Bezug auf die „Dritte Welt“ beginnt konsequent auszuspielen und deshalb die Welt, die lange Zeit durch das amerikanische oder sowjetische Politikmodell geprägt war, hin in eine Triangularität führt. Spohrs Buch ist keine Glaskugel, um damit in die Zukunft zu schauen, aber bei ihr zu Lesen, warum vieles so gekommen ist, wie wir es heute erleben ist, ist ein Genuss.

 

Fazit: „Wendezeit“ ist ein „muss“ für jeden zeithistorisch interessierten Leser.

 

Andreas Pickel

5 Sterne
5 von 5

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© 2020 Andreas Pickel, Harald Kloth

Caren Benedikt: Das Grand Hotel

Die nach den Sternen greifen. Band 1

Roman

 

München ; Blanvalet ; 2020 ; 525 Seiten ; ISBN 978-3-7645-0707-7
 
Als die Leiche eines Binzer Geschäftsmanns ausgerechnet am Strand vor dem Grand Hotel gefunden wird, befürchtet die Hoteleigentümerin Bernadette von Plesow einen Imageschaden für ihr Haus. Nach einem schlimmen Brand und dem Tod ihres Ehemanns hat Bernadette schließlich mit allen Kräften den Wiederaufbau des Hotels vorangetrieben und möchte nun, dass die Insel Rügen und der Ort Binz zum bevorzugten Aufenthaltsort für Erholungssuchende aus der Großstadt Berlin werden. Da ist ein mysteriöser Todesfall in unmittelbarer Nähe zum Hotel äußerst unpassend.

Ob es damit zu tun hat, dass neulich zwei Männer eine Schaufensterversicherung für das Hotel empfohlen haben, was natürlich im Grunde Schutzgelderpressung war? Sollte dies etwa ein Warnschuss dieser Männer sein, dass sie auch vor weiteren Morden nicht zurückschrecken?

Was niemand weiß, was aber gegen die Konventionen der damaligen Zeit zu verstoßen scheint: Alexander, Bernadettes Sohn und Geschäftsführer des Hotels besitzt lediglich 30 Prozent des Hotels - die eigentliche Inhaberin ist Bernadette. Nach außen wirkt es allerdings stets so, als sei Alexander der Hotelbesitzer. Gegenüber ihren Angestellten führt Bernadette ein strenges Regiment. Das Zimmermädchen Marie, deren Mutter bis zu ihrem frühen Tod ebenfalls im Hotel gearbeitet hat, ist dennoch wie eine Tochter für sie.  Vor allem so gelehrig und fügsam -  ganz wie man es sich von einer Tochter wünschen würde.

Bernadettes Tochter Josephine ist da zu ihrem Bedauern ganz anders.  Seit der Rückkehr aus Paris, wo sie an einer berühmten Kunstakademie studiert hat, weiß sie noch weniger, was sie will. Als die Möglichkeit besteht, die Tochter nach Berlin zu schicken, fällt Mutter und Tochter der Abschied aber letztlich doch schwer. In Berlin betreibt Bernadettes ältester Sohn Constantin von Plesow das Hotel Astor und ein dazugehöriges Varieté.  Die Geschäfte laufen gut, denn in den Goldenen Zwanziger Jahren wollen sich die Berliner amüsieren. Was Bernadette nicht ahnt, ist die Tatsache, dass ihr Sohn, der auch mit Prostitution, Rauschgift und Schutzgelderpressungen sein Geld verdient, ein wesentlich schlechterer Mensch ist als sie glaubt.

Sind es seine zwielichtigen Geschäfte, die nun auch das Grauen ins ansonsten beschauliche Binz gebracht haben? Als dann auch noch ein Mann auftaucht, der Bernadettes seit langem gehütetes Geheimnis lüften und damit ihr so mühsam aufgebautes Leben zerstören könnte, droht alles zu eskalieren.

Bisher hat die Autorin Petra Mattfeldt nur Krimis veröffentlicht. Unter dem Pseudonym Caren Benedikt wagt sie nun ein neues Projekt. Dieses Buch bildet den Auftakt zu einer Familiensaga, die in der sehr spannenden Zeit der Goldenen Zwanziger Jahre spielt. Die Autorin schafft es, die Stimmung dieser Zeit sehr gut einzufangen und die Zerissenheit der einzelnen Charaktere geschickt in ihre Geschichte einzubinden. Diese ist gut konstruiert und entwickelt bereits nach einigen wenigen Seiten eine enorme Sogwirkung.

 

Fazit: Binzer Bäderromantik trifft auf Babylon Berlin - ein toller Auftakt, der Lust auf die nachfolgenden Bände macht!

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2020 Sonja Kraus, Harald Kloth

Dr. Sabine Fitzek: Verrat

Kammowski ermittelt. Band 1

Kriminalroman

München ; Knaur ; 2019 ; 366 Seiten ; ISBN: 978-3-426-52448-0
 
Hauptkommissar Mathias Kammowski kommt aus dem Urlaub zurück und findet in seinem bisherigen Einzelbüro die junge Kommissarin Svenja Hansen vor, die ab jetzt mit ihm zusammenarbeiten wird. Zunächst weiß er nicht, wie er darauf reagieren soll, doch dann kommt ein neuer Fall auf den Tisch und es heißt ermitteln. Kai Steinkopf, der Geschäftsführer einer großen Klinik wird tot in einem Berliner Hotelzimmer gefunden. Der Gerichtsmediziner ist sich nicht sicher, ob er ermordet wurde. Es könnte auch sein, dass er sich die Verletzungen selbst beigebracht hat.

 

Überrascht sind die Kommissare auch, weil das Opfer in Potsdam wohnt, was quasi zu Berlin gehört. Warum hat er sich ein Zimmer genommen? Zuletzt wurde er mit Michael gesehen, der aber auch verschwunden ist. Mathias wird währenddessen von einer früheren Bekannten kontaktiert, die jetzt als Journalistin arbeitet. Es stellt sich heraus, dass sie den Toten gekannt hat. Als dann auch noch die Leiche eines Privatermittlers entdeckt wird, wird den ermittelnden Beamten immer deutlicher, dass die Fälle zusammenhängen müssen. Der letzte Auftrag des Detektivs hatte nämlich mit Kai Steinkopf zu tun.

 

Hat dieser in seiner Funktion als Geschäftsführer einer großen Klinik vielleicht nicht sauber gearbeitet? Dies legen Recherchen von Mathias' Jugendfreundin nahe, die aber aufgrund verschiedener Punkte selbst in den Fokus der Ermittlungen gerät und plötzlich in U-Haft sitzt. Hat sich Mathias mit einem Maulwurf eingelassen und ist das deutsche Klinik- und Arztwesen wirklich so korrupt, dass sogar gemordet wird, um die Ziele zu erreichen?
 
Dr. Sabine Fitzek, die Schwägerin des Erfolgsautors Sebastian Fitzek und praktizierende Neurologin legt mit Verrat ein tolles Erstlingswerk vor. Sie schafft es, hinter die Mauer der ärztlichen Abrechnungsmodalitäten zu blicken, ohne anzuklagen.
Mit Kommisar Kammowski erschafft sie einen sympathischen Ermittler, der selbst in seinem Leben vor so mancher Herausforderung steht. Es ist angekündigt, dass dieses Buch den Auftakt einer Reihe bildet - man kann also gespannt sein, wie es weitergeht.
 
Fazit: Ein toller medizinischer Wirtschaftkrimi!

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Lena Wolf: Ein Sommer auf Sylt

Roman

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2020 ; 379 Seiten ; ISBN 978-3-499-27667-5
 
Julia hat ein eher angespanntes Verhältnis zu ihren Eltern. Ihrem Vater konnte sie ohnehin nie etwas Recht machen und ihre Mutter tolerierte sogar seine Affäre mit einer anderen Frau. Nach dem Brand des Elternhauses und dem darauffolgenden plötzlichen Tod ihres Vaters bietet Julia ihrer Mutter dennoch Unterschlupf. Julias Freund Jo stört das gewaltig und er übernachtet im Büro, was ihm nicht allzu viel ausmachen zu scheint. Als bekannt wird, dass Julia ein Haus auf Sylt geerbt hat, wittert Jo die große Chance. Mit diesem unerwarteten Geldsegen könnten sie ihr gemeinsames Architekturbüro erweitern und ihm schwebt sogar eine Filiale in Dubai vor. Aber zunächst einmal will sich Julia auf Sylt selbst ein Bild von der Lage machen. Da ihre Mutter so lethargisch ist, trommelt Julia kurzerhand auch ihre beiden Tanten zusammen. Ein Familientrip auf die Insel wie es die Frauen schon zu Kinderzeiten gewohnt waren.
 
So anstrengend hatte sich Julia das im Vorfeld aber dann doch nicht vorgestellt. Zwischen den Frauen gibt es eine Menge Spannungen, unausgesprochene Vorwürfe und auch Geheimnisse. Als sie erfahren, dass das Haus an eine Frau vermietet ist, müssen sie umdisponieren und finden zum Glück trotz der Hochsaison noch eine Unterkunft.
 
Mats, der Besitzer der Pension, stellt sich nach anfänglichen kleinen Irritationen als sehr nett heraus. Er zeigt Julia die schönen Seiten Sylts und bringt ihre Gefühlswelt ganz ordentlich durcheinander. Charlotte, die Geliebte ihres Vaters, lebt in dem Haus und eröffnet Julia eine ganz neue Sicht auf den Vater. Anders als Julia immer vermutete, interessierte er sich sehr für alles, was sie tat und modernisierte das Haus um damit ihre Altersvorsorge zu sichern. Plötzlich ist sich Julia nicht mehr so sicher, ob sie das Haus wirklich verkaufen will. Und eigentlich würde sie viel lieber als freie Architektin arbeiten anstatt von einem Großprojekt zum nächsten zu hetzen. Es scheint als hätten Jo und sie doch ganz unterschiedliche Wünsche und Erwartungen ans Leben. Jo drängt darauf, sich über verschiedene Maklerbüros hinsichtlich des Verkaufspreises zu erkundigen und das Haus so schnell wie möglich zu Geld zu machen.
 
Mats hingegen verachtet Menschen, die den Ausverkauf der Insel vorantreiben. Deswegen verheimlicht Julia ihm auch den wahren Grund ihres Aufenthalts. Sie ist hin- und hergerissen. Neben dem familiären Chaos mit den Eskapaden von Mutter und Tanten herrscht bei ihr ein totales Gefühlschaos. Hat Mats sich still und heimlich einen Platz in ihrem Herzen erobert?
 
Dass die Autorin dieses Romans keine unerfahrene Frau ist, merkt man beim Lesen. Lena Wolf ist das Pseudonym einer bekannten deutschen Autorin. Die Geschichte ist gut konstruiert und sehr unterhaltsam geschrieben. Wer schon einmal auf Sylt war, wird sehr Vieles wiedererkennen und hat sofort wieder eine Brise frischer Meeresluft in der Nase.
 
Fazit: wie ein Kurzurlaub auf Sylt. Eine sehr unterhaltsame Lektüre!

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2020 Sonja Kraus, Harald Kloth

Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden

Roman

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2020 ; 223 Seiten ; ISBN 978-3-499-00239-7
 
Ihren eigenen kleinen Kosmos haben sich die Aushilfen des Penny-Marktes da geschaffen - der Hinterhof gehört ihnen. Dort hängen sie gemeinsam ab, selbst wenn sie gerade keine Schicht haben. Die Schicksalsgemeinschaft versucht alles, sich diesen kleinen Zufluchtsort so angenehm wie möglich zu gestalten. Zwangsläufig bekommt hier jeder einen Namen, der mal mehr, mal weniger schmeichelhaft ist.

 

Lena hatte in dieser Hinsicht Pech, denn von den anderen wird sie wenig schmeichelhaft 'Entenarsch' gerufen. Überhaupt ist sie eher eine Außenseiterin, eine stille Beobachterin. Bis zum Tag von Maries Geburtstag. Da beschließt diese nämlich ihren Freund Jo zu suchen. Der ist vor Monaten einfach verschwunden ohne irgendeine Nachricht zu hinterlassen. Obwohl Jo es war, der Lena den Namen 'Entenarsch' verpasst hat und sie eigentlich ganz froh darüber ist, dass er weg ist, hört sich Lena plötzlich sagen, dass sie ja einen Führerschein und ein Auto habe.

 

Dass das Autofahren allerdings nicht gerade ihre Stärke ist, stellt sich erst später heraus. Was dann beginnt, ist ein verrückter Roadtrip quer durch Deutschland, Richtung Süden. Die Fahrt ist für Lena auch so eine Art Selbsterfahrungstrip. Sie merkt, dass sie doch nicht so ist, wie ihre Eltern, die immer alles schön durchgeplant wissen wollen und nur ja kein Risiko eingehen.
Auch die anderen interessieren sich auf der Fahrt nach und nach für Lena. Lena selbst merkt mit der Zeit, was sie eigentlich will. Vor allem möchte sie nicht mehr 'Entenarsch' sein. Ob sie sich gegen die anderen durchsetzen kann, die fest davon überzeugt sind, dass Jo nach Italien gefahren ist?
 
Mit ihrem Debütroman knüpft Sarah Jäger an bekannte Werke wie 'Tschick' oder 'Auerhaus' an. Eine Gruppe junger Leute auf der Suche nach Orientierung und Halt begibt sich auf einen verrückten sommerlichen Roadtrip. Die einzelnen Charaktere, ihre Eigenheiten und ihre Art zu kommunizieren tragen zum speziellen Grundton dieses Buches bei. Es ist daher für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen geeignet. Möglicherweise schafft es dieses Buch sogar in die ein oder andere Schule als Klassenlektüre.
 
Fazit: witzig und unterhaltsam - ein absolut kurzweiliges Lesevergnügen.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2020 Sonja Kraus, Harald Kloth

Lisa Taddeo: Three Women - Drei Frauen

 

München ; Piper ; 2020 ; 415 Seiten ; ISBN 978-3-492-05982-4

 

„Bei Männern geht es nicht allein ums Wollen. Es geht ums Brauchen“ – hm, für jemanden, der normalerweise Rezensionen zu historischen und zeitgeschichtlichen Publikationen verfasst, mag es etwas ungewöhnlich und vielleicht auch nicht ganz einfach sein, das kürzlich im deutschsprachigen Raum erschienene Buch „Three Women“ zu rezensieren. Aber da ich grundsätzlich an anderen Genres interessiert und auch offen gegenüber allem Neuen bin, hat das Buch nach einem gelesenen Interview mit der Autorin mein Interesse geweckt.

Vereinfacht gesagt geht es darum, die unterschiedlichen Arten und Formen von sowie Vorstellungen über das Begehren bei Männern und vor allem Frauen aus Sicht von drei Frauen tiefer zu ergründen. Um es vorwegzunehmen, ich war von dem Gelesenen sehr überrascht. Gerade in Zeiten der „Me Too“ Diskussionen wäre zu erwarten gewesen, dass sich ein derartiges Buch im weitesten Sinne mit „männerverursachter“ sexueller Belästigung, Ausleben der männlichen Machtposition in Beruf und Privatleben gegenüber der Ehefrau, Partnerin, Freundin oder auch Kollegin beschäftigt. Aber bei näherem Hinsehen weit gefehlt: Es geht eigentlich darum, wie sich Frauen grundsätzlich selbst durch ihr Verhalten in eine derartige, verständlicherweise missliche Lage bringen, wie Frauen zu einer fremdbestimmten Person werden, zu einer Person für sexuelle Sehnsuchtsbefriedigung und wie das Auswirkungen auf ihre eigenen Sehnsüchte hat.

Taddeo beschreibt anhand von drei Frauen, Maggie, Sloane und Lina, alle geprägt von komplizierten Beziehungen, wie menschliches Begehren fast bis zur physischen und psychischen Selbstaufgabe führen kann. Die Autorin hat die drei Frauen über 8 Jahre begleitet und interviewt, um ein alle Einflüsse, wie z.B. das Elternhaus und Erziehung, einbeziehend möglichst authentisches und widerspruchsfreies Bild ihrer Protagonistinnen wiedergeben zu können. Ausgesucht hat sie gerade jene drei Frauen, weil diese offen und unverblümt über ihre Geschichte erzählen wollten, ihre ganz persönliche Geschichte sie emotional immer noch zutiefst berühren und in ihrer weiteren Lebensgestaltung belasten. Die Erlebnisse der drei Frauen wechseln sich in den Kapiteln ab und sind inhaltlich wie zeitlich komplett unterschiedlich. Inspiriert zu dem Buch wurde die Autorin schon sehr früh in ihrer eigenen Familie durch die sexuellen Aktivitäten ihrer Eltern. Taddeo beschreibt diesbezüglich das Verhalten ihrer Mutter so, als wäre ihre Sexualität nur ein schmaler Pfad im Wald, einer dieser unmarkierten, die dadurch entstehen, dass irgendjemand mit Stiefeln das Gras niedertrampelt. Und dieser Jemand war ihr Vater.

Da ist zunächst einmal Sloane, eine Restaurantbesitzerin, die sich selbst als „edel, unanständig und anders “ bezeichnet. Sie hat Sex mit wechselnden Partnern, die ihr Mann aussucht, egal ob männlich oder weiblich. Oft ist ihr Mann bei einem „Threesome“ mit dabei, aber auch genauso oft ist sie alleine mit einem Mann, einer Frau oder auch zu Dritt. Mit Frauen sind für Sloane flüchtige Beziehungen vorhersehbarer. Selbst wenn es mit Frauen stressig wird, bleibt da immer eine gewisse verlässliche Basis. Sie rufen häufiger an, antworten ebenso schneller als Männer.

Bei sexuellen Abenteuern ohne ihren Mann gibt es eine einzige Auflage: Sloane muss ihrem Mann quasi live von den sexuellen Akten berichten. Das Wichtigste hierbei ist für sie Achtsamkeit. Auch wenn der Mann eine andere Frau befriedigt, geht es darum, SIE scharf zu machen und nicht die andere Frau. Selbst wenn er Sex mit einer anderen Frau hat, muss er in Gedanken ausschließlich Sex mit Dir haben. Jeder Stoß geht durch diese Frau hindurch und in dich hinein. Sie selbst bezeichnet sich auch als viel zu edel, dies als „Swinging zu beziehen. Sloane hat dabei stets das Gefühl, „…den Körper eines Menschen zu bewohnen, den sie nicht ganz verstand. Zum Teil hatte sie Angst, keine Identität zu haben …“. Deshalb machte Sloane schon immer Dinge, die entgegen ihrem Wesen sind, auch, um vor anderen zumindest nicht langweilig zu wirken … und sie fühlte sich dann herzlos verdorben und kalt.

Als Jugendliche hatte sie paar Freundinnen, ein oder auch zwei Klassen über ihr, die hemmungslos durch die Gegenden vögelten und sie fragte sich, ob sie das auch tun sollte. Bekam sie ein klareres Image, wenn sie als sexuell aktiv gesehen wurde? Um sich von den anderen abzugrenzen verwandelte sie sich von dem „Popular Girl Sloane“ zu einem „Superdünnen Party Girl“. Sie verschrieb sich dazu selbst eine Essstörung, denn neben all den anderen heiß aussehenden, verführerischen und coolen Mädchen war die Rolle der Dünnsten noch frei. Nach der Kontrolle über ihr Essverhalten übernahm sie nun nach und nach auch mehr die Kontrolle über ihre ganz persönliche Geschichte. Sie wird durch „Shades of Grey“ und die nachhaltige Wirkung, die diese Bücher auf sie machten, verändert. Sie redet sich ein, dass sie durch ihr unanständig und anders sein ein prinzipiell cooles Leben führt. Erst als sie mit Wes, dem Koch in ihrem Restaurant einen mehr oder weniger festen Partner für ihre Ménage-à-trois fand, wurde es zwar sinnlich, sehr prickelnd sogar, aber auch komplizierter. Bei ihm fand sie wie bei ihrem Mann Schutz und Trost, fühlte sich alles mehr nach heißer Liebe als nur nach kaltem Sex an. Sie spürte die Anziehungskraft, die er auf sie ausübte… sie kannte das Gefühl explosiver Lust. Sie war auf Betten geschmissen worden und hatte sich zur gleichen Zeit in der Kirche und in der Hölle geglaubt. Dieses Gefühl von Liebe, wenn sie ihn spürte, war neu.

Ihr ganzes Eheleben lang schon denkst sie sich: Du bist die Frau, Du solltest die Macht haben, aber letztendlich ist es doch immer umgekehrt. Als sie dann schließlich von Jenny, der Frau von Wes, zur Rede gestellt wird, wird sie nachdenklich über ihr ach so „cooles“ Leben. Sie wollte, ja wollte, ihr alles erzählen, wie es dazu gekommen ist, dass sie mit deren Mann lange Zeit heißen Sex hatte. Sie wollte ihr auch erzählen, dass sie als Kind ein Himmelbett in einem großen schönen, rosa Zimmer gehabt hatte. Sie wollte ihr sagen, von außen hätte in ihrem Leben alles absolut perfekt ausgesehen. Ja „hätte“ und „wollte“, also mehr Schein als Sein.           

Die zweite „Problemfrau“ ist Maggie, Mitte 20, die als Minderjährige eine Affäre mit Aaron, ihrem verheirateten Lehrer hatte. Dieser nutzte ihre Naivität und „Anhimmelei“, wie man sie auch bei uns zwischen Schülerin und Lehrer oft kennt, für seine sexuellen Bedürfnisse aus. Maggie bringt ihn schließlich Jahre später wegen Verführung Minderjähriger vor Gericht bringt. Aber eigentlich auch nicht deswegen, sondern man vermutet ebenso ein wenig aus Rache, weil er irgendwann der Familie wegen den Kontakt zu ihr abbrach, obwohl sie felsenfest davon überzeugt ist, dass er sie liebt, begehrt, sie die richtige für ihn wäre.

Manche Leute leben gerade so, als würden sie noch eine zweite Chance auf ein anderes Leben bekommen, um cool oder reich zu werden oder dann auch immerzu guten Sex zu haben. Deshalb kann man sich im jetzigen Leben auch ein wenig hängen lassen. Da Maggie aber als Katholikin nicht an mehrere Leben glaubt, ist sie fest entschlossen, jetzt und in diesem Leben alles zu durchleben. Sie ist unsterblich in ihrem Lehrer verschossen. „Er sieht schicker aus als sonst im Unterricht und trägt auch mehr Parfum. Sein Lächeln haut sie um…“. Um ihn zu erobern, weiß sie, dass sie Frau und Kind zugleich sein muss, und braucht ihre ganz Energie, um beide Rollen zu erfüllen. Auch wenn sie im Grunde von Beginn an Angst vor dem Ende dieses kurzen „Trips“ hat, kann sie nicht anders. Die Liebe zu ihrem Lehrer vermengt bei ihr komplett Fantasie mit Realität. Sie suggeriert, er würde sie immer lieben, wenn er den Rasen wässert, stellt sie sich vor, die Pfeilbäche wären seine Tränen.

 

Er wiederum stellt sich in ihrer Gedankenwelt vor, sie ist da, lebt im Boden, streckt ihre kleinen Hände zu ihm rauf und streichelt seine älter werdenden Knochen. Den Prozess vor Gericht verliert sie schließlich, weil die Geschworenen ihr keinen Glauben schenken. Dabei wird auch hintergründig, aber doch relativ deutlich darauf abgespielt, wie sehr unsere Gesellschaft sich von Äußerlichkeiten beeinflussen lässt, anstelle objektiv und sachlich zu bleiben. Als zB Marie, die Frau des Lehrers, in den Zeugenstand tritt, kritisiert Maggie innerlich wie sich Marie für ihren Auftritt herausgeputzt hat, nur um gegenüber den Geschworenen den Eindruck zu hinterlassen, nicht die sich vernachlässigende Frau war der Grund für den Fehltritt. Frauen, die irgendwann nicht mehr auf ihr Äußeres achten, seien selbst schuld, wenn ihre Männer sie verließen.      

Zuletzt geht es in dem Buch um Lina, Hausfrau, einst in der High-School vergewaltigt und nun extrem unglücklich verheiratet. Sie wird von ihrem Mann zwar geliebt, aber diese Liebe ist sehr zu ihrem Leidwesen komplett platonisch. Nicht mal geküsst wird sie von ihm, geschweige denn kann sie mit ihm ihre Sehnsucht nach Kuscheln und Schmusen befriedigen. So beginnt sie eine Affäre mit Aidan, ihrem verheirateten Ex-Freund, dem sie sexuell hörig wird. Dieser befriedigt sie zumindest körperlich, auch wenn er sie emotional in der Kälte stehen lässt.

Für Lina gibt es zwei Amerikas, sinnbildlich für zwei Gesellschaften: In den wichtigsten und größten Bereichen, die im Rampenlicht stehen, regieren die Männer, in Momenten, die nie im Fernsehen zu sehen sein werden Frauen. Selbst wenn Frauen sich positionieren, müssen sie es auf die richtige Art tun. Sie müssen in den richtigen Dosen weinen und hübsch aussehen, hübsch aber auf keinen Fall heiß. Selbst wenn Frauen Gehör finden, müssen es die „richtigen“ Frauen sein, damit man(n) ihnen zuhört: Weiße Frauen - Reiche Frauen - Schöne Frauen - Junge Frauen - Am Besten all das in einem.       

Aber auch die Gedankenwelt von Frauen untereinander wird überspitzt dargestellt. Bezeichnend dafür ist jene Situationsbeschreibung, als Lina als strenggläubige Katholikin in einer Frauengesprächsgruppe erzählt, sie hat eine Affäre. Spontan denken die anderen Frauen der Gruppe: So ein kleines Flittchen … Wie konnte ich nur Mitleid mit ihr haben? … So hübsch ist sie gar nicht … so viel zum Thema katholisch … Hoffentlich ist es nicht mein Mann … Mein Mann hat eine andere … ich bin in meinen Physiotherapeuten verliebt…“

Aidan, ihre Affäre ist ein Mann, der andere Frauen eher anekeln anstelle anmachen würde: Er raucht, hat einen Bierbauch, trinkt Dosenbier, und trotzdem hat sein Atem immer diesen Geruch, den Lina inzwischen mit purer Lust verbindet. All diese Jahre hat sie beim Geruch von Michelob Light, diesem scharfen Geruch von Leichtbier aus der Dose, wie ein „Pawlowscher Hund“ immer ein Kribbeln zwischen den Beinen gespürt. Nur mit Aidan baut sie Intimität, den Zustand tiefster Vertrautheit auf. Sie schickt ihm „Nacktselfies“, nur und exklusiv für ihn, denn für sie ist jeder, der nicht ihr geliebter Aidan ist, ist wie „Seepocken am Fuß“ – einfach lästig. Sie genießt jeden noch so kurzen Moment mit ihm, redet sich ein, eine halbe Stunde für kurzen aber intensiven Sex hätte eine Ewigkeit gedauert. Küsse mit Aidan sind die unglaublichsten Küsse ihres Lebens, so sehr dürstet sie nach etwas körperlicher Liebe. Aber nach kurzem Sex muss sie dann immer wieder loslassen, auch wenn der „mentale Kater der Sehnsucht“ unbändig groß ist. Sie ist überzeugt, dass der Wunsch von dem Menschen begehrt zu werden, den man gerade für den allerattraktivsten hält, ein elementarer Trieb des Menschen ist.        

Das Buch ist wirklich sehr sehr offen geschrieben und beginnt mit den ersten sexuellen Erfahrungen der drei Frauen, die sehr unterschiedlich waren und das spätere Liebensleben sehr beeinflussten. Alle drei Frauen berichten nicht über die „perfekten Affären“, Freundschaften oder Beziehungen, sondern im Gegenteil durchweg über negative Erlebnisse. Doch wie so oft an anderen Stellen des Lebens, aus Fehlern kann man lernen, negative Erfahrungen machen einen noch reicher und die nächsten Male damit umso erfüllender – nur hat man das Gefühl, das geht hier an den Frauen vorüber. Die Liebe ist ein auf und ab, mal Genuss, aber auch mal Leiden, nur hier ist es eher ein Dauerleiden. Sprachlich ist das Buch ein Genuss! Allerdings nur für denjenigen, der weder sensibel ist noch derzeit in einer unglücklichen Beziehung lebt. Sätze und Gedanken wie „… Sie würde einem guten Bekannten am Liebsten sagen, dass er ein alter Widerling ist. Um dem Sex mit ihm zu entgehen, hat seine Frau bestimmt so oft Kopfschmerzen wie keine andere in der Geschichte des wachsenden Verlangens…“ gibt es Zuhauf in dem Buch.

Ich war selten so hin- und hergerissen, wie ich ganz persönlich das Buch bewerte. Ist es lediglich ein aufsehenerregendes Buch, effektheischend, die Verkaufszahlen steigernd, so nach dem Motto „Sex sells“? oder will uns die Autorin wirklich anhand der drei Beispiele, anhand von „three women“ nahebringen, wen und was Frauen wie begehren, was sie dabei fühlen, wie sie was genießen und andersherum auch verabscheuen. Ich denke, es ist von allem etwas. Das Buch hinterlässt viele Fragezeichen, fesselt aber auch irgendwie. Man erkennt nur schwer, was ist real so passiert, was ist vielleicht in der Nacherzählung oder Niederschrift erfunden, bewusst oder unbewusst, und ergänzt worden. Wurden die teils krassen Beschreibungen von Liebeszenen und Gefühlen so von den Protagonistinnen erzählt, können sie sich seit teils Jahren dazwischen wirklich noch an jeden Geruch erinnern oder hat es die Autorin stilistisch so „ausgeschlachtet“? Ist das alles noch authentisch wiedergegeben oder einfach nur übertrieben. Trotzdem will man das Buch kaum aus der Hand legen, weil man immer wissen möchte, wie es mit den einzelnen Geschichten weitergeht und, ja, schließlich auch endet.

 

Es stellt sich mir allerdings die Frage, wie man das Begehren von Frauen erläutern kann, noch dazu, so auch der Anspruch des Buches, dass wir Männer das verstehen, wenn alle drei Frauen sich in einem Abhängigkeitsverhältnis eines Mannes befinden, in keiner Phase ihres Lebens das Heft in der Hand haben, selbstbestimmt sind, sondern die Getriebenen sind? Maggie wird in ihrer jugendlichen Naivität ausgenutzt, Sloane redet sich nur ein, ihr würde das alles gefallen, was ihr Mann von ihr verlangt und Lina wünscht sich geliebt zu werden, zu schmusen und zu kuscheln und erniedrigt sich stattdessen für kurzen eher lieblosen Sex nach der Regie ihrer Affäre. Es wird nicht so richtig plausibel erklärt, warum diese Frauen so in die Abhängigkeit getrieben wurden oder ist es das, was Frauen begehren?!? Würden sie es wieder tun oder ihr Leben anders gestalten, empfinden sie Reue oder Rache? Was kann man aus den Erzählungen verallgemeinern oder was sind wirklich die sogenannten persönlichen Einzelschicksale? Schwierig, dazu aus den Erzählungen Antworten herauszulesen.

 

Der Roman ist wirklich gut zu lesen, mit teils augenöffnenden Aussagen, oft humorvoll aber auch genauso oft traurig stimmend. Als Sachbuch, was wohl der Anspruch war, mit allgemeingültigen Erkenntnissen, ist das Buch eher ungeeignet. Alle Frauen stehen ohnmächtig dem gegenüber, was mit ihnen passiert, erleiden permanente psychische Schmerzen und enden anstelle mit dem, was ihre Sehnsüchte erfüllen sollen, im totalen Frust. Taddeo steht durch die langen Jahre der Begleitung zu sehr im Leben der Protagonisten, etwas mehr Distanz wäre für einige analytische Aussagen notwendig gewesen. Da sollte sich doch jeder lieber ein eigenes Bild von den Frauen, von seiner Frau oder Partnerin und deren Begehren machen.  

 

Fazit: Hinterläßt viele Fragezeichen, fesselt aber auch.

 

Andreas Pickel

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2020 Andreas Pickel, Harald Kloth

Chris Brookmyre: Dunkle Freunde

Ein Jack Parlabane-Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 542 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27492-0
 
Jack Parlabane ist auf der Suche nach einem neuen Job, denn schließlich muss auch der Top-Journalist von etwas leben. Er findet eine Anstellung bei Broadwave, einem Magazin, dass über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Alle, vor allem die Geschäftsführerin, vertrauen darauf, dass Jack noch immer seine Spürnase hat, für die er bekannt ist. Er deckt Sachen auf, die für andere aus seinem Fach für immer verborgen bleiben. Zeitgleich ist die Hackergruppe Uninvited dabei, einer renommierten Bank einen Besuch abzustatten, was in diesen Kreisen heißt, die Online-Türen zu öffnen.

 

Sam, eine junge Computerfanatikerin, die sich online immer nur Buzzkill nennt, ist auch mit dabei. Sie ist einerseits ganz euphorisiert, andererseits aber niedergeschlagen, weil sie den Online-Erfolg mit niemanden teilen kann. Gleichzeitig muss sie sich um ihre kleine Schwester Lilly kümmern, die unter dem Down-Syndrom leidet. Ihre Mutter sitzt derweil im Gefängnis, hat man doch in der Wohnung eine große Menge Drogen gefunden. Doch dann passiert, was einem Hacker eigentlich nicht passieren sollte: Sam wird von einem Kollegen aus der Hackergruppe identifiziert (d.h. ihr wirklicher Name wird bekannt) und erpresst. Sie soll Industriespionage betreiben und einen Prototyp stehlen. Wenn sie nicht mitspielt - so die Alternative des Erpressers - wird ihre Identität den Behörden mitgeteilt, was sie auf gar keinen Fall riskieren will. Sie schafft es, wenn auch mit unsauberen Mitteln, dass sie Jack für ihren Auftrag gewinnt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn beiden ist klar, dass ihr Gegner immer einen Schritt voraus ist.
 
Chris Brookmyre stellt nach "Dein Ende" abermals unter Beweis, dass er ein begnadeter Thrillerautor ist. Er schafft es, einen Plot aufzubauen, der sich immer weiter verzweigt und auf einmal ist doch wieder alles anders. Hat man erst einmal mit dem Lesen angefangen, fällt es einem echt schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Der Autor liefert Spannung pur bis zum Schluss.
 
Fazit: Ein genialer Thriller!

 

Matthias Wagner

5 Sterne
5 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Daniel Suarez: Delta-V

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2020 ; 556 Seiten ; ISBN: 978-3-499-005151-2

Wir schreiben das Jahr 2032: James Tighe, der sich immer nur J.T. nennt, ist ein professioneller Höhlentaucher, der in den letzten Jahren durchaus zu einer Berühmtheit geworden ist, weil er während eines Tauchgangs in ein Erdbeben geriet und es sein Verdienst war, dass ein großer Teil der Expeditionsgruppe überlebte.

Nathan Joyce, ein junger aufstrebender Unternehmer, der in den letzten Jahren Milliarden verdient hat, ist getrieben von der Idee, im Weltraum zu expandieren, denn die Vorräte auf der Erde werden immer knapper. Ihm schwebt vor, auf einem Asteroiden Bergbau zu betreiben. Für diese Vision hat er eine riesige Finanzkampagne initiiert, denn zivile Weltraumexpeditionen kosten wahnsinnig viel Geld.

Es gelingt ihm, J.T. und viele weitere zu motivieren, sich auf seinen Plan einzulassen. Ein großzügiger Geldbetrag dient als Anreiz für die Besatzung des Weltraum-Shuttles. Bevor es losgeht, findet aber eine brutale Auslese statt, denn für die eigentliche Reise werden nur acht Personen benötigt. Es gilt, sich innerhalb kürzester Zeit auf eine ganz neue Materie einzulassen und noch dazu ist es eine äußerst belastende psychische Situation, denn Privatsphäre gibt es keine mehr. Nathan rekrutiert derweil den jungen Anwalt Lukas Rochat, der sich im Weltraumrecht einen Namen machen möchte.

Ganz naiv lässt sich dieser auf die Sache ein und merkt erst relativ spät, auf welches gefährliche Spiel er sich wirklich eingelassen hat. Zeitgleich formiert sich mehr und mehr das Astronautenteam; immer wieder prüfen die möglichen Kandidaten, ob sie sich wirklich auf ein derart riskantes Experiment einlassen, denn wenn alles wie geplant läuft, dauert der Einsatz mehr als vier Jahre. Die Reise kann beginnen, doch nichts läuft wie geplant und die Besatzung muss immer wieder mit neuen Überraschungen und Situationen umgehen, die teils tödlich enden können.

Der Science Fiction-Thriller spielt zeitlich in der nahen Zukunft. Delta-V ein Begriff aus der Raumfahrt, der aufzeigt, mit welcher Geschwindigkeit man im Weltraum unterwegs ist, gibt dem Thriller den Namen.

Der Autor verschmilzt die mögliche zukünftige Technik mit den normalen psychologischen Problemen. Mit immer neuen Wendungen treibt er die Spannung weiter voran. Die Besatzung der „Konstantin“ wächst einem beim Lesen immer mehr ans Herz, was dazu führt, dass die Ereignisse, die geschehen einen durchaus emotional mitnehmen.

Fazit: Toller Science-Fiction-Thriller - wer weiß, vielleicht ist es wirklich bald soweit!

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Linda von Keyserlingk-Rehbein: Nur eine »ganz kleine Clique«?

Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944

 

Berlin ; Lukas Verlag ; 2018 ; 707 Seiten ; ISBN 978-3-86732-303-1

 

Am 20. Juli 1944 scheiterte der Versuch Claus Schenk Graf von Stauffenbergs, Hitler zu töten, damit seinem Terrorregime ein Ende zu setzen und eine neue, demokratische Regierung zu etablieren. In der Folge werden durch die Sicherheitsbehörden der nationalsozialistischen Regierung über 200 Mitverschwörer und Widerstandskämpfer ermordet. Die zeitlichen Abläufe sowie ihre Konsequenzen für die handelnden Akteure und ihrer Mitwisser sind in den letzten Jahrzehnten hinreichend und wissenschaftlich unbestritten dargelegt worden.

 

Letztes Jahr erschienen nun zum 75. Jahrestag einige neue Bücher, insbesondere zu den Motiven des „Attentäters“. Herauszuheben sind insbesondere die Biografie von Ulrich Schlie: Claus Schenk Graf von Stauffenberg sowie ein kleines, sehr interessant zu lesendes Buch der Enkelin des Grafen Stauffenberg Sophie von Bechtolsheim: Stauffenberg - Mein Großvater war kein Attentäter. Das monumentalste und sehr akribisch recherchierte Buch zu diesem Thema veröffentlichte aber bereits 2018 Linda von Keyserlingk-Rehbein, die mit der provozierenden Frage Nur eine »ganz kleine Clique«? die (offiziellen) Darstellungen des nationalsozialistischen Regimes widerlegen möchte, dass die Attentäter des 20. Juli nur aus einer ganz kleinen unbedeutenden Gruppierung bestanden.

Linda von Keyserlingk-Rehbein validiert ihre These mittels der bisher von Historikern eher weniger genutzten Methode der Netzwerkanalyse. Dabei definiert sie ein Netzwerk als eine „abgegrenzte Menge von Akteuren und der Menge der zwischen ihnen verlaufenden Verbindungen“. Diese Verbindungen können dann an ihren jeweiligen Enden wiederum weitere kleinere Netzwerke bilden. In ihren Betrachtungen steht also nicht das Individuum, in dem Fall wie bei vielen Autoren Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Mittelpunkt, sondern die Interrelationen, die Interdependenzen oder eben andersherum auch die bewusst nicht vorhandenen Verbindungen zwischen den Akteuren im Mittelpunkt der Untersuchung. Die Autorin verfolgt diese Verästelungen bis ins Kleinste. Ihren Recherchen zur Folge waren die Attentäter nicht in einem festen Netzwerk miteinander verbunden, in ein Netzwerk mit regelmäßigen Treffen, in dem jeder von dem anderen wusste und alle sich kannten. Nein, das wäre aufgrund der umfassenden Bespitzelungspraxis der Gestapo viel zu riskant gewesen. Deshalb, so die Autorin war es vielmehr ein „loses Netzwerk“, in dem jeder seine bestimmte limitierte Rolle hatte. Jeder wusste nur so viel, wie nötig war, um seine festgelegte Aufgabe und Funktion erfüllen zu können, aber auch nur so wenig, um sich und andere nicht zu gefährden. Diese Art der Kooperation und Koordination verhinderte nach dem 20. Juli die Ermordung weiterer Beteiligter. Charakteristisch war auch die Heterogenität der Widerständler, so dass man diese auch nicht an ihrem sozialen Stand (z.B. Adel), ihrer Schulbildung, Konfession, Alter, Wohn- oder Geburtsort festmachen konnte. Auch wenn dies alles die Aufklärung erschwerte, ist es bis heute dennoch beeindruckend, ja fast unerklärlich, dass all die Attentats- und Umsturzpläne bis zum 20. Juli 1944 weitestgehend geheim gehalten werden konnten.

Für die Erstellung des Netzwerks führt die Autorin Queruntersuchungen durch zwischen den Ermittlungsakten und Gerichtsaufzeichnungen sowie den Nachlässen bekannter Widerständler wie die Briefe von Helmuth James Graf von Moltke, der Kopf des Kreisauer Kreises, an seine Frau sowie die Tagebücher des Diplomaten Ulrich von Hassell oder auch des Reserveoffiziers Hermann Kaiser. Unmengen an Fußnoten, die teils den eigentlichen Seitentext an Länge übertreffen, sowie 180 Seiten Anhang unterstreichen nachhaltig den wissenschaftlichen Anspruch des Buches sowie den Gehalt ihrer Aussagen. In Verbindung mit bis ins kleinste verästelte visualisierte Netzwerkdarstellungen im Buch (wer also mit wem warum verbunden oder eben nicht verbunden war), die man so in einem zeitgeschichtlichen Buch auch noch nicht gesehen hat, weist sie erstens nach, dass es sich eben nicht nur um eine kleine und vor allem rein militärische Gruppe von Attentätern handelte, auch wenn die Gruppe erst mit Kriegsbeginn zunehmend größer wurde, und zweitens dass die Verfolger davon Kenntnis oder zumindest Vermutungen hatten, aber diese Erkenntnisse nicht veröffentlichten. Die Anzahl von ca. 400 Ermittlern lässt ebenso darauf schließen, dass die Gestapo mehr wusste, als sie preisgab. Laut Autorin waren den Vermittlern insgesamt 132 von rund 200 aktiv an den Umsturzpläne Beteiligten sowie 650 Kontakte bekannt. Also alles andere als nur eine „kleine Clique“. Mit ihrer Form der Illustrierung des Netzwerks bestätigt die Autorin ebenso die vorherrschende Vermutung, dass gerade die Reserveoffiziere als Scharnier zwischen den zivilen und militärischen Akteuren der Umsturzpläne agierten.

Ähnlich wie Sophie von Bechtolsheim, der Enkelin von Graf von Stauffenberg, kritisiert sie mit ihrer Netzwerkanalyse auch die aus ihrer Sicht zu starke Fokussierung auf Stauffenberg und die Vernachlässigung der ebenso heroischen Taten und Handlungen der anderen Widerständler. Bechtholsheim bezeichnet dies sogar als „geschichtsverfälschend“, dieses Netzwerk des Widerstandes, z.B. den Kreisauer Kreis, unberücksichtigt zu lassen und ihren Großvater nicht als Teil dieses Netzwerks zu betrachten. Für alle Akteure des Netzwerks ging es prinzipiell nicht um das Attentat an sich, sondern der feste Wille, das Terrorregime zu beseitigen, einen demokratischen Rechtsstaat zu etablieren und eine Friedensordnung unter den Nationen zu verhandeln. Für alle war es eine persönliche Verantwortung, Unrecht zu beseitigen und Recht (mit einem Reichskanzler Julius Leber) wieder zu etablieren. Dies führte vermutlich auch zur völligen Überraschung unter den Ermittlern zu der Erkenntnis, dass quasi unbemerkt nicht nur ein Attentat auf den Führer geplant, sondern ein ganzer Staatsstreich vorbereit wurde.

Zusammenfassend: Linda von Keyserlingk-Rehbein gelingt die beste Gesamtdarstellung, die es zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime gibt. Das Buch ist mit seinem wissenschaftlichen Anspruch (und damit der immens hohen Anzahl an Anmerkungen) nicht immer leicht zu lesen, aber hochinteressant in all seinen Belegen und Argumentationslinien. Tief in allen Quellen vergraben und Querverbindungen herstellend, beschreibt sie, was die Verfolgungsschergen Hitlers herausbekamen, wussten oder eben nicht wussten und was sie davon öffentlich machten bzw. dem Ansehen des Regimes willens für sich behielten. Während die meisten Bücher zum Widerstand und 20. Juli 1944 sich auf Einzelpersonen und deren Motive konzentrieren, stellt die Historikerin hingegen die Beziehungen zwischen den Akteuren in den Fokus. Bis zur eigentlichen Tat waren die sonst so übervorsichtigen Sicherheitsapparate Hitlers absolut blind und unwissend für die Umsturzpläne. Um diese Vulnerabilität seines Überwachungsstaates zu kaschieren sprach der Führer selbst noch in der Nacht des Attentats von „einer ganz kleinen Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherisch dummer Offiziere.“ Dies wurde über all die damals gängigen Medien wie Radio, Zeitungen, Wochenschau im Kino großflächig propagandistisch verbreitet. Für den Nachweis, dass es sich aber stattdessen um einen größeren Kreis militärischer und ziviler Widerständler und Widerstandsgruppen handelte und der Führer dies wissen musste, dafür gebietet Linda von Keyserlingk-Rehbein unser Dank.

 

Fazit: Die beste Gesamtdarstellung, die es zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime gibt. Hochinteressant.

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

Nur eine »ganz kleine Clique«? - Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944 bei amazon.de

 

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© 2020 Andreas Pickel, Harald Kloth

Ewald Arenz: Alte Sorten

Roman

 

Köln ; DuMont ; 2019 ; 255 Seiten ; ISBN 978-3-8321-8381-3

Sally möchte einfach nur weg - nichts und niemanden mehr sehen und hören. Sie will endlich nicht mehr das tun müssen, was andere von ihr erwarten. Bewusst lässt sie ihr Handy zurück und hinterlässt auch keinerlei Nachricht, was sie vorhat. Sie weiß es momentan ja selbst nicht. Mitten in einem Weinberg begegnet sie Liss, einer Frau, die altersmäßig ihre Mutter sein könnte. Wie selbstverständlich fordert diese Sally auf, ihr zur Hand zu gehen. Und Sally, die ansonsten so allergisch auf jegliche Art von Anweisungen reagiert, packt mit an. Die wortkarge Liss spürt wohl, dass das Mädchen gerade eine schwere Zeit durchmacht und einen Unterschlupf braucht. Kurzerhand bietet sie Sally an, auf ihrem Hof, den sie ganz alleine bewirtschaftet, zu übernachten.

Nach und nach lernen sich die beiden Frauen etwas näher kennen und erahnen auch die Abgründe im Leben der anderen. Während Sally das Leben auf dem Hof, die Arbeit auf dem Feld und die viele Zeit in der Natur erdet, wühlt deren Anwesenheit bei Liss einiges auf. Zudem ist die Situation nicht gerade unproblematisch, denn die Eltern der minderjährigen Sally wissen immer noch nichts über deren Verbleib. Ob diese Schicksalsgemeinschaft Bestand haben wird?

Ewald Arenz hat für diesen Roman zwei starke Frauenfiguren erschaffen, die auf den ersten Blick gar nicht unterschiedlicher sein könnten. Mit der Zeit wird deutlich, wie ähnlich sich aber diese beiden Frauen in Wirklichkeit sind. Verbundenheit und Nähe entstehen immer dann, wenn man sich in anderen Menschen wiedererkennen kann.

Auch wenn beide Figuren schwere Zeiten hinter sich haben, wird am Ende deutlich, wie richtungsweisend manchmal die bloße Anwesenheit eines anderen Menschen sein kann. Dass einen diese Geschichte bereits ab der ersten Seite in ihren Bann zieht, liegt an der meisterhaften Erzählweise des Autors.

Fazit: Brilliant erzählt - dieses Buch sollte man gelesen haben!

 

Sonja Kraus

5 Sterne
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© 2020 Sonja Kraus, Harald Kloth

Alexandra Chreiteh: Always Coca-Cola

Roman

 

München ; dtv ; 2020 ; 155 Seiten ; ISBN 978-3-423-14714-9

In dieser Geschichte , die in Beirut spielt, erzählt Abir Ward von ihrem Leben im modernen Libyen und ihren beiden Freundinnen Jana und Jasmin: Abir studiert und wohnt bei ihren Eltern in einer traditionsverbundenen libyschen Familie.
Jana stammt ursprünglich aus Rumänien, und hatte aus Sehnsucht nach dem „Orient aus 1001 Nacht“ einem Libanesen vermeintlich aus Liebe das Jawort gegeben. Sie lebt nun, vom „echten“ Leben in Beirut und ihrem Mann enttäuscht, in Scheidung. Ihren Unterhalt verdient sie sich als Model doch eine ungeplante Schwangerschaft stellt sie nun vor große materielle und gesellschaftliche Probleme.


Jasmin studiert. Sie hat eine deutsche Mutter und einen libanesischen Vater und versucht, ihren ganz persönlichen Weg durch die männlich geprägte Gesellschaft zu finden.

Die Autorin gewährt den Lesern einen kleinen Blick - wie durch ein Schlüsselloch - auf das Leben dieser drei  jungen Frauen in Libyen. Jana’s Schwangerschaft ist der Grundstein für diese spannende und mitreißende Erzählung. Der ständige Zwiespalt von Tradition und Moderne verlangt von den Freundinnen viel Mut und Kraft im Alltag.  Aber der moderne Zeitgeist macht auch vor Libyen nicht Halt und zeigt sich schillernd und verführerisch beispielsweise auf Plakaten, in modernen Songtexten und Frauenmagazinen, „Nebenwirkungen“ auf die Heranwachsenden sind dabei unvermeidbar.


Die Tradition als Gegenspieler bietet familiäre Geborgenheit unter dem Schutz eines Patriarchats; einer Gesellschaft, welche den Frauen einen niedrigen Stellenwert zuweist und in erster Linie Wert auf weibliche Reinheit und Schönheit legt.

Es ist für Abir, Jana und Jasmin wirklich schwer, den richtigen Weg zwischen alten gesellschaftlichen Klischees, Verpflichtungen und Verboten zu finden damit die eigenen Bedürfnisse, Zukunftspläne und Vorstellungen nicht nur enttäuschende Träume bleiben. Man spürt beim Lesen die Zerrissenheit der Drei - aber zugleich  auch Neugier und Hunger auf die moderne westliche Welt.

Alexandra Chreiteh ist ein wunderbarer Roman gelungen. Kritisch, unterhaltsam und aktuell. Und bei genauerer Betrachtungsweise erkennt der Leser, dass sich die Generationenkonflikte im Wertewandel der Zeit länderübergreifend doch sehr ähnlich sind. Christine Battermann verfasste das abschließende ausführliche und absolut lesenswerte Nachwort.

Fazit: Sie suchen gute Unterhaltung, kurzweilig, leicht zu lesen und zudem noch preiswert? Ein Taschenbuch für den Urlaubskoffer oder eine längere Bahnfahrt? Dann ist dieser Roman genau das Richtige!

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
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© 2020 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Lone Theils: Hexenjunge

Kriminalroman

(Ein Fall für Journalistin Nora Sand. Band 3)

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 302 Seiten ; ISBN:978-3-499-00002-7

Nora Sand, London-Korrespondentin der dänischen Zeitung Globalt, trifft sich mit dem afrikanischen Professor Abioni, der als Terrorismus-Experte in Sachen Boko Haram gilt. Abgelegen auf einem Friedhof findet das geheime Treffen statt. Plötzlich ist der Professor verschwunden und Nora erfährt später, dass er auf grauenvolle Weise ums Leben gekommen ist.

Noras Chef möchte, dass sie diese Geschichte zurückstellt und sich stattdessen um die Scheidung der Familie Bugakov kümmert. Ninette, ein dänisches Popsternchen und der russische Oligarch Anton Bugakov, ein schillerndes Paar in der High Society, haben sich getrennt und streiten sich nunmehr um den gemeinsamen Sohn Nicholas.

Die Situation spitzt sich zu, als Nicholas bei einer öffentlichen Veranstaltung verschwindet. Alles deutet auf eine Entführung hin, aber die Entführer melden sich nicht. Nora nimmt Kontakt zu allen Beteiligten auf und versucht ein Exklusivinterview zu bekommen, was ihr letztendlich auch gelingt.

Zeitgleich überschlagen sich bei ihr privat die Ereignisse. Noras Lebensgefährte, der aus einer früheren Beziehung in Kürze Vater wird, hat erhebliche Schwierigkeiten, seine Rolle zu finden. Noras Vater wird im Krankenhaus aufgenommen und will nicht einsehen, dass er kürzertreten muss. Als dann ein toter Junge geborgen wird, der die Jacke von Nicholas trägt und heraus kommt, dass Ninette und ihre Mutter Vigga fast 15 Jahre in Afrika gelebt haben, wird Nora klar, dass beide Geschichten möglicherweise zusammenhängen.

Die Geschichte um die Korrespondentin Nora Sand wird von Lone Theils fortgeführt, die selbst jahrelang Korrespondentin einer dänischen Zeitung in London war. Sie schafft es, eine unterhaltsame und trotzdem spannende Geschichte zu entwickeln.

Fazit: Guter Journalismus kann es durchaus von der Spannung her mit der Polizeiarbeit aufnehmen.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Anna McPartlin: Für immer Rabbit Hayes

Roman

(Rabbit Hayes. Band 2)

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 510 Seiten ; ISBN 978-3-499-27224-0

Die alleinerziehende Mia Hayes, von allen immer nur Rabbit genannt, verliert den Kampf gegen den Krebs und stirbt mit nur 41 Jahren. Besonders schwer ist dieser Verlust für 'Bunny', ihre erst 12 Jahre alte Tochter Juliet. Rabbits letzter Wunsch war, dass sich ihr Bruder Davey fortan um Juliet kümmern und in die Vaterrolle schlüpfen soll. Dies stößt bei allen anderen auf absolutes Unverständnis.

Die Eltern Molly und Jack Hayes versuchen beide auf ihre Weise mit dem Tod ihrer jüngsten Tochter fertig zu werden. Jack verkriecht sich auf dem Dachboden und liest in alten Tagebüchern, während sich Molly für allerhand gemeinnützige Dinge engagiert und es anscheinend nicht ertragen kann, zuhause zu sein, wo vor kurzem noch im Wohnzimmer der Leichnam von Rabbit aufgebahrt war. Rabbits ältere Schwester Grace versucht einerseits den Tod von Rabbit zu verarbeiten, ist aber selbst mit einer Diagnose konfrontiert, die ihr eine äußerst folgenschwere Entscheidung abverlangt.

Im Gegensatz zu Rabbit hat sie noch die Chance etwas zu unternehmen, solange sie noch gesund ist. Und dann ist da auch noch Rabbits beste Freundin Marjorie, die sich nach einer langen Zeit des Kontaktabbruchs wieder ihrer Mutter annähert.

Es scheint so, als bringe der Tod von Rabbit das ganze familiäre Gefüge durcheinander. Wird die Familie am Ende daran zerbrechen? Der Weggang von Juliet und Davey, der als Musiker durch die USA tourt, ist jedenfalls ein neuer tiefer Einschnitt. Und wie so oft ergibt sich mit dem nötigen Abstand dann für Juliet und Davey letztlich ein ganz neuer Lebensplan.

Äußerst einfühlsam schildert Anna McPartlin in ihrem Roman, wie der Tod eines geliebten Menschen das eigene Leben aus den Fugen geraten lässt. Der Verlust verändert die Menschen und deren Beziehungen untereinander. Die Tatsache, dass die einzelnen Kapitel immer abwechselnd aus der Sicht der verschiedenen Personen geschrieben sind, macht dieses Buch trotz seines Umfangs äußerst kurzweilig. Trotz der eher deprimierenden Thematik bleibt der Grundton des Romans positiv. Im Mittelpunkt steht immer die Zuversicht, dass das Ende auch immer der Anfang von etwas Neuem sein kann.

Fazit: ein interessanter Roman mit Tiefgang.

 

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2020 Sonja Kraus, Harald Kloth

Odd Arne Westad: Der Kalte Krieg

Eine Weltgeschichte

 

Stuttgart ; Klett-Cotta ; 2019 ; 763 Seiten ; ISBN 978-3-608-98148-3

 

Als Kuwait nach der amerikanisch geführten militärischen Operation „Desert Storm“ von Husseins irakischen Truppen befreit war, trat am 6. März 1991 der 41. US-Präsident, George H.W. Bush vor den amerikanischen Kongress und beschwor eine
neue Weltordnung, "… eine Welt, in der die Vereinten Nationen, befreit vom Patt des Kalten Krieges, die historische Vision ihrer Gründerväter verwirklichen werden; eine Welt, in der Freiheit und Menschenwürde ihren Platz in allen Ländern finden…". Erst die an Grausamkeit nicht zu übertreffenden Balkankriege, die über 140.000 Tote und mehrere Millionen von Vertriebenen verursachten, welche die Hoffnung, dass der Kontinent auf ewig zu Einigkeit und Frieden gedeihen würde, zur Illusion machten und schließlich “9/11“ mit all seinen globalen Folgen, belehrten uns aber eines Besseren. Am 23. Mai 2002, also 11
Jahre nach seinem Vater, erklärte George W. Bush, der 43. US-Präsident, bei einer Rede im Deutschen Bundestag erneut den Kalten Krieg, der von Berlin seinen Ausgang nahm, für endgültig beendet und begrüßte den „Verbündeten Russland“. Doch dass sich die Bushs stark täuschten, dass diese Erklärungen verfrüht waren und von der Geschichte längt überholt wurden, der „Kalte Krieg“ zurück ist, erleben wir fast tagtäglich – allerdings nun eher noch komplexer, eher multipolar als bipolar. Dies nicht zuletzt durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im März 2014 und der hybriden Kriegsführung Russlands in der
Ost-Ukraine sowie kürzlich der Kündigung des INF (Intermediate Range Nuclear Forces) – Vertrages durch die USA und andererseits der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen und militärischen Supermacht. Die gesamte Geschichte des „alten“ Kalten Krieges ist nun von dem renommierten norwegischen Historiker Odd Arne Westad in seinem neuen Buch „Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte“, welches interessanterweise Aussagen aus seinem eigenen Buch „The global cold war“ aus dem Jahre 2005 teilweise zurechtrückt, exzellent aufgearbeitet und erzählt.

Westad steigt zeitlich nicht ein, wie man es vielleicht erwarten möchte, mit dem Ende des Zweiten Weltkrieg, sondern sieht bereits in dem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandel im 19. Jahrhundert die Wurzeln des Kalten Krieges, also einfach ausgedrückt in der Frage zwischen Sozialismus oder Liberalismus bzw. vielmehr Kapitalismus. Der Sturz des Zaren 1917 sowie der Kriegseintritt der USA im selben Jahr und damit das Ende des amerikanischen Isolationismus war für Westad die Grundlage für die Entstehung der beiden Supermächte. Der Erste Weltkrieg war der Übergang der Welt in die Bipolarität, in den späteren „Kalten Krieg“, als sich jeweils eines der aufstrebenden Großmächte als Hüter der einen oder der anderen Ideologie positionierte oder besser legitimierte. Für Westad war es gerade auch die Generation des Ersten Weltkrieges, die den späteren Kalten Krieg prägte, was sich in den Aspekten Angst, Unsicherheit, das Bedürfnis, an etwas zu glauben und den Anspruch, eine bessere Welt zu schaffen, widerspiegelte. Der Glaube beider Seiten die jeweils einzig wahre Ideologie zu vertreten und dafür einzutreten führte dazu, dass man für die eigene Existenz und auch die Existenz anderer derart hohe Risiken bis zur gegenseitigen Vernichtung einging, die unter anderen Umständen vermeidbar gewesen wären.

Mit der Kapitulation Hitler-Deutschlands entwickelten sich u.a. durch die Westbindung Westdeutschlands nach und nach zwei festgelegte Blöcke in Europa, die sich strikt voneinander abgrenzten. Der Kalte Krieg und die Angst vor einem zerstörerischen Atomkrieg verfestigten zwar den Zusammenhalt innerhalb der beiden Blöcke, verursachten andererseits aber als „Preis“ die endgültige und über Jahrzehnte verfestigte Spaltung Europas. Die europäischen Staaten, die bis dato die Welt unter sich aufteilten, waren wirtschaftlich und sozial zu erschöpft, waren mit Wiederaufbau und der Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Arbeit, Dach über den Kopf, Essen und Trinken beschäftigt, um sich mit aller Macht gegen die Aufstände der Kolonien gegen die teils jahrhundertlange Fremdherrschaft zu wehren und ihren bisherigen Großmachtstatus zu behalten. So beherrschten oder zumindest beeinflussten von nun an quasi konkurrenzlos die USA und die Sowjetunion die Geschehnisse auf allen Kontinenten.

Zwangsläufig musste es aufgrund der ideologischen Gegensätze bald zu einem  Mächtespiel in den überlappenden Interessensphären geben. Von amerikanischer Seite war es die am 12. März 1947 verabschiedete Truman-Doktrin zur Eindämmung des Kommunismus, die den Kalten Krieg anschürte, mit der Folge von immenser wirtschaftlicher (auf Heute umgerechnet in Milliardenhöhe!) und militärischer Unterstützung z.B. für den Iran, der Türkei oder auch Griechenland. Der der Truman-Doktrin folgende Marshallplan für den wirtschaftlichen Aufbau war, so Westad, der wesentliche Grund für die deutsche Teilung. Die Sowjetunion ihrerseits etablierte in ihren besetzten Gebieten schnellstmöglich kommunistische Regierungen. Widerstand gegen die sowjetische Führung war fast unmöglich, der Konformismus siegte über den Widerstand, der Preis für eine oppositionelle Haltung, der oftmals das Leben kostete, war viel zu hoch. Die Ostblockstaaten verkümmerten stattdessen zu konservativen autoritären Ländern, die keinerlei revolutionäre Energie und utopischen Anspruch mehr besaßen. Ende der 40er Jahre waren die beiden Blöcke in Europa dann mehr oder weniger manifestiert.

Westad geht nicht chronologisch, sondern thematisch vor und ermöglicht so einen allumfassenden und tiefgründigen Einblick in alle Facetten des Kalten Krieges. Als Ostasienexperte beschränkt er sich natürlich nicht auf den Kalten Krieg und seine Auswirkungen auf Europa, sondern widmet sich gleichermaßen dem Engagement der beiden Mächte in Asien und anderswo. In 22 Kapiteln führt er uns von Europa aus einmal quer über den Globus und wieder zurück. Während in Europa der „Kalte Krieg“ im wahrsten Sinne des Wortes bald vor Kälte erstarrte, zur Bewegungslosigkeit eingefroren war, verlagert Westad seinen Blickwinkel auf Regionen des „dynamischen Systemkonflikts“ von der koreanischen Halbinsel über China - hier standen, was bei uns kaum bekannt ist, China und die Sowjetunion Ende der 60er Jahre fast vor einem Atomkrieg - Vietnam, Naher Osten, Latein- und Mittelamerika bis nach Indien und Pakistan. Wo zweckmäßig angebracht ergänzt Westad seine analytischen Aussagen durch Zitate und Statements der Protagonisten der Zeit. Dies unterstreicht auch sein umfassendes Quellenstudium. Beeindruckend legt der Autor auch da, wie die Großmächte trotz aller militärischer und wirtschaftlicher „Power“ oftmals selbst von Kleinststaaten gegeneinander ausgespielt wurden. Während die Sowjetunion oder die USA glaubten den Länden jeweils ihre jeweilige Ideologie überzustülpen, ging es denen stattdessen nur um den Erwerb von Wohlstand, neuer Waffen und technologischem Know-how. Die Ideologie war Ihnen egal und man wechselte oder drohte zumindest die Seiten zu wechseln, wenn es opportun schien.

Den Krieg in Korea bezeichnet Westad nicht nur wegen seiner mehr als vier Millionen Toten als die größte Katastrophe des Kalten Krieges, vor allem auch, weil er vermeidbar gewesen wäre. Das Eingreifen der Supermächte dort intensivierte die
Militarisierung des Kalten Krieges (z.B. Verdopplung des amerikanischen Verteidigungshaushalts, Entwicklung der NATO von einer politischen Organisation zu einem integrierten Militärverband). Aber auch vermeintlich unbedeutende Krisen wie im Kongo 1960 werden durch Westad beleuchtet, als die USA dort eine von ihnen unterstützte Militärregierung etablierten und die Sowjetunion die Lektion lernen musste, dass ihre militärischen Fähigkeiten nicht ausreichten, um ihre Interessen in Zentralafrika zu schützen. Tiefpunkt der amerikanischen Außenpolitik der Nachkriegszeit war sicherlich der Vietnamkrieg und die sogenannte „Flucht aus Saigon“ 1975, dessen Verlauf und seine Konsequenzen von Westad exzellent analysiert werden. Aber nicht nur an diesem Beispiel räumt Westad mit der oftmals herrschenden Meinung auf, so kalt der Krieg auch war, so
langandauernden Frieden hat er trotz aller Krisen und Angst vor der atomaren Zerstörung doch auch gebracht. Dies zeigte sich auch in Lateinamerika, als die Amerikaner den lateinamerikanischen Radikalismus und Kommunismus in einen Topf
warfen und deshalb die größten Unterstützer der Militärjuntas wurden. Westad bezeichnet diese Diktatoren als die wahren Tragödien des Kalten Krieges in Lateinamerika, hemmten sie doch auch erheblich den wirtschaftlichen Fortschritt, worunter neben willkürlichem Terror insbesondere die Bevölkerung zu leiden hatte. Trotz permanenter Menschenrechtsverletzungen (alleine in Argentinien wurden zwischen 1976 und 1983 10.000 Menschen ermordet) rückten die USA von ihrer Unterstützung nicht ab. Eines wird auch an diesem Beispiel deutlich: Die Absicht der beiden Supermächte, durch Intervention in den sogenannten Stellvertreterkriegen oder –krisen mehr Stabilität in die Welt zu bringen, scheiterte mehr oder weniger kläglich. Im Gegenteil, dem Gegner so die Überlegenheit des eigenen Systems zu verdeutlichen, führte vielerorts zu „verbrannter Erde“, zu Chaos und unzähligen auch eigenen Opfern (z.B. in Vietnam für die USA, in Afghanistan für die Sowjetunion), ein Chaos, welches wir auch heute überall weiter erleben können, wenn man nur in den Irak, Syrien oder nach Libyen blickt.

Natürlich darf in so einem Buch auch nicht die permanent latente Bedrohung mit Nuklearwaffen unbeachtet bleiben. Nicht zu prominent, aber doch in ausreichender Tiefe beschreibt Westad vor allem bedingt durch den Wechsel der Entscheidungsträger auch den Wechsel der Strategie: Vom anfänglichen Prinzip der Vorneverteidigung über das Konzept der „Massiven Vergeltung“ (Massive Retaliation) zu der unter Kennedy entwickelten Single Integrated Operational Plan (SIOP), der in die „Strategie der flexiblen Antwort“ (NATO-Strategie seit 1967/1968) mündete. Diese fußte auf einem scheinbar abgestuften Eskalationskontinuum, bei dem auf die direkte konventionelle Verteidigung eine freiwillige, nicht erzwungene Eskalation durch den Einsatz nuklearer Gefechtsfeldwaffen und schließlich ein allgemeiner strategischer Nuklearwaffeneinsatz folgen konnten. Es wurde bewusst offengelassen, wann welche Eskalationsstufe gewählt und ob jede dieser Stufen durchlaufen würde. Bekannt ist in diesem Zusammenhang auch das Prinzip der Mutual Assured Destruction (MAD gesicherte wechselseitige Zerstörung), eine ab früher 60er Jahre in den USA entwickelte minimalistische Nuklearstrategie mit dem Ziel des Erhalts einer nuklearen Zweitschlagfähigkeit.

Neben der Aufrüstungsspirale gab es aber natürlich auch immer wieder Phase der Entspannung. Als deren größten Erfolg in Europa bezeichnet Westad die gerade durch die Aktivitäten der osteuropäischen Staaten etablierte Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), deren Schlussakte am 1. August 1975 durch 35 Staats- und Regierungschefs in Helsinki unterschrieben wurde.

Ein wenig bekannter Nebenaspekt des Kalten Krieges sind die sogenannten nichtpaktgebundenen Staaten, die sich im Zuge der Kongokrise 1961 zur „Bewegung der Blockfreien Staaten“ zusammenschlossen. Wesentlicher Treiber dieser Bewegung
waren Jugoslawien, Ägypten und Indien. Ziele waren die Förderung des Weltfriedens durch eine friedvolle Entkolonialisierung und der Kampf gegen Rassismus. Im Laufe der Jahre schlossen sich weit über 100 Staaten dieser Bewegung an. Allerdings, so Westad, auch wenn diese Staaten blockfrei waren, so waren sie doch alleine nicht handlungsfähig und doch immer wieder für das Durchsetzen von Zielen auf den einen oder anderen Block angewiesen. Trotzdem wurde durch derartige Zusammenschlüsse nach und nach das bisherige System von „Herrscherstaaten“ sowie „Beherrschten und Unterworfenen“ aufgebrochen.

Gorbatschow war schließlich DIE entscheidende Figur für das Wideraufleben der „Macht des Volkes“ und der Beendigung des Kalten Krieges. Sicherlich, gerade ein erneutes paralleles Wettrüsten zur durch Ronald Reagan geplanten amerikanischen
Strategic Defence Initiative (SID - Aufbau eines im Weltraum stationierten Abwehrschirm gegen Interkontinentalraketen) hätte die Sowjetunion, die bereits über 15% ihres Bruttoinlandsproduktes für Verteidigung ausgab, in große Schwierigkeiten gebracht. Aber dies alleine hätte in Verbindung mit einer schwächelnden Wirtschaft nicht zum Zusammenbruch des Systems geführt. Für Westad waren es vielmehr „Perestroika“ (Umgestaltung … des politischen und wirtschaftlichen Systems) und „Glasnost“ (Transparenz und Offenheit), welche die Wende brachten. Gorbatschow war für Westad nicht das „glücklose Opfer der Ereignisse“ sondern hat die Demokratisierung auch für die Sowjetunion und die Entfernung des Eisernen Vorhangs bewusst gewollt, so gesehen also eine Art von Vorsatz. Gerade durch „Glasnost“ bedrohte die Peripherie das Zentrum so, dass
das System von außen nach innen erodierte und dann seine Zeit brauchte, um sich wieder zu konsolidieren. Eigentlich dann erst wieder in der ersten Ära Putin als russischer Staatspräsident.

Mit dem Fall der Mauer und der Implosion der Sowjetunion hatte man mit den USA zwar zunächst einen vermeintlichen Sieger, wenn man aber den weiteren Verlauf der Geschichte betrachtet, z. B. mit dem 11. September 2001, eher einen
Pyrrhussieg. Die Vereinigten Staaten, so Westad, haben aus dem Kalten Krieg die falschen Lehren gezogen: Arroganz, Überdehnung der eigenen Fähigkeiten und fehlende strategische Ziele führten schließlich zu einer neuen „Weltunordnung“
und einem neuen Kalten Krieg. Die Anwendung oder auch nur die Androhung von Gewalt war oftmals das falsche Mittel, das Recht des Stärkeren steht für die USA zu oft über der Stärke des Rechts, kritisiert er völlig zurecht. Anstelle von einem Bemühen um regionale Bündnisse, effektive wirtschaftliche Embargos und bei Bedarf gezielte wirkungsvolle Luftschläge, setzte man auf „Powerprojection“, territoriale Kontrolle und Regimewechsel, mit der Folge, dass es der Bevölkerung des betroffenen Staates danach schlechter ging als vorher. Die eigentlichen Prinzipien amerikanischer Außenpolitik wie z.B. Schutz der Menschenrechte, Religionsfreiheit, Recht auf Selbstbestimmung wurden oftmals durch eigenes Handeln konterkariert. Dies verwundert umso mehr, so Westad, da gerade langfristige Bündnisse, technologischer Fortschritt und die Bereitschaft zu
verhandeln der Garant für den amerikanischen Erfolg im Kalten Krieg waren und nicht eben Aufrüstung und militärische Intervention aller Orten. Zu Recht greift Westad auch die herablassende Behandlung Russlands durch den Westen an, die
trotz der großen sowjetischen Zugeständnisse im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands sowie der Unabhängigkeitsbestrebungen der ehemaligen Sowjetrepubliken offenkundig war. Dieses fehlende Gefühl auch für Sentimentalitäten machte sich dann letztendlich Putin zunutze, der hervorragend auf diesem Klavier zu spiele wusste und weiß.

Große Kritik übt Westad auch im Umgang des Westens mit der arabischen Welt und der Politik im Nahen Osten. Das Vordringen des arabischen Nationalismus wurde fahrlässig unterschätzt, vor allem von den USA. Gerade der Irak-Krieg ist für
ihn die Hauptursache für den islamischen Terrorismus, den wir vielerorts grausam spüren mussten und leider auch weiter spüren werden. Er kam nicht einfach zu uns, sondern wir haben viel dazu beigetragen, ihn quasi zu uns geholt. Lange Zeit verließen sich die USA vor Ort auf lokale verbündete Staaten, um dort für Recht und Ordnung zu sorgen. Diese Politik des „offshore balancing“ verhinderte den direkten ressourcenintensiven Einsatz von eigenen Mitteln. Erst die Implosion der Sowjetunion und dem ersten Irakkrieg provozierte ein direktes militärisches Eingreifen und führte dazu, dass heute noch fast 70.000 Soldaten in verschiedensten Basen in unterschiedlichsten Ländern dort stationiert sind. Mittlerweile sind die Vereinigten Staaten selbst erschöpft von den zahlreichen Kriegen und Konflikten im Nahen Osten. Aktuellen Berechnungen zur Folge wurden dafür bis dato mehr als drei Billionen (sic!) Dollar ausgegeben. Die Bemühungen der USA sich deswegen nach und nach aus der Region zurückzuziehen führten dann dazu, dass wiederum Russland verstärkt in dieser Region intervenierte. Dies kann sicherlich auch nicht im Sinne der US-Administration sein. Es fehlt einfach an einer langfristig belastbaren außenpolitischen Strategie.

Gerade weil das Buch nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut ist und trotzdem die unterschiedlichen Regionen und Ereignisse in den Kapiteln verknüpft werden, Erzähl- mit analytischem Stil sich abwechseln, spannt es einen äußerst
präzisen und vollständigen Bogen um alle Aspekte des Kalten Krieges. Zum besseren Verständnis und, um sich besser in die Situation der Menschen und Akteure der jeweiligen Zeit versetzen zu können, baut Westad auch geschickt zeitgenössische Ansichten in Form von Zitaten und Reden mit ein. Interessant wäre es, wie Westad heutzutage mit den Twitter Nachrichten von Präsident Trump als Zitatnachweisen umgehen würde! Zu Beginn eines jeden Kapitels konfrontiert uns Westad mit einer knapp formulierten interessanten „Sichtweise“, macht uns so neugierig, um uns dann den analysierten Bereich ausführlich näherzubringen – ein wirklich großer Wurf! Westad gibt zu, dass man aufgrund der mittlerweile umfangreichen Quellenlage in einigen Bereichen noch viel tiefer hätte einsteigen können. Das hätte aber das Ausmaß des 700 Seiten dicken Buches zu einer
mehrbändigen Reihe ausarten lassen. Seinen Zweck sieht der Autor auch erfüllt, wenn der Leser „angestupst“ wurde, selbst noch tiefer in die Themenvielfalt des Kalten Krieges einzutauchen.

Westad gelingt es exzellent, die Interdependenzen der beiden „kalt“ gegenüberstehenden Supermächte USA und UdSSR darzustellen. Der eigentlich ideologisch bedingte Konflikt kann ohne die Verknüpfung mit dem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandel der Zeit nicht begriffen werden. Deshalb lässt der Autor keinen Bereich aus, bietet sowohl den Blick auf
die großen macht- und weltpolitischen Vorgänge und Prozesse, richtet seine Perspektive aber gleichermaßen auf den einzelnen Menschen auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“. Aber, das Mächteränkespiel fand überwiegend im Bereich der Wirtschaft, Außen- und Sicherheitspolitik und damit der Diplomatie und dem Militär statt. Auch wenn ein unheimlich rasanter Wandel in Wirtschaft und Technik und damit auch in seinen Auswirkungen auf das Sozialsystem mit dem
Verlauf des Kalten Krieges einherging, so waren es doch die Staaten und ihre Protagonisten, welche die „Pace“ vorgaben. Der Kalte Krieg sorgte dafür, selbst in den USA, dass der Staat nach und nach seine Macht über den Menschen und die
Gemeinschaften vergrößerte. Mit dem Ende des Kalten Krieges geriet diese Denkweise zunehmend unter Druck, die Zentralregierung war eben nicht mehr die Lösung aller Probleme, freiagierende deregulierte Märkte und Zusammenschlüsse
nahmen nach und nach das Zepter in die Hand. Dies galt gleichermaßen, mit allen Vor- und Nachteilen, für die Einigungs- und Unabhängigkeitsbestrebungen von Gruppierungen gleicher religiöser, ethnischer oder sprachlicher Identitäten.

Zusammenfassend, nach den beiden Bestsellern „Höllensturz“ und „Achterbahn“ des renommierten britischen Historikers Ian Kershaw, liegt nun mit „Der Kalte Krieg“ ein zweites sehr beeindruckendes und absolut lesenswertes Buch über die politischen Vorgänge und Abläufe im 20. Jahrhundert vor. Für Westad war der Kalte Krieg aus den zu Beginn geschilderten Geschehnissen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts mit Herausbildung der beiden Supermächte unvermeidlich. Vermeidbar war aber für ihn vieles, was innerhalb des „Kalten Krieges“ geschah, gerade die Kriege der USA. Der Kalte Krieg erklärt und bedingte vieles in der Zeit von 1945 bis 1990, aber natürlich kann er nicht für alle die komplexen Zusammenhänge geradestehen. Der Kalte Krieg, so Westad, beeinflusste die meisten Phänomene seiner Zeit, und zwar oft zum Schlechteren.
Mit der Auflösung der Sowjetunion verschwand der Kalte Krieg relativ plötzlich, hatte aber eine lange Vorgeschichte. Das bringt uns der Autor nachdrücklich nahe. Westad will uns eigentlich den Ost-West-Konflikt erklären, bringt uns aber stattdessen faszinierend eine Art „Weltgeschichte“ näher.  Ein „muss“ für jeden zeithistorisch interessierten Leser. Westads Buch ist keine Glaskugel, um damit in die Zukunft zu schauen, aber bei ihm zu Lesen, warum vieles so gekommen ist, wie wir es heute erleben ist, ist ein Genuss.

 

Fazit: Exzellent dargestellt und beeindruckend. Absolut lesenswert für alle zeithistorisch Interessierten.

 

Andreas Pickel

5 Sterne
5 von 5

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© 2020 Andreas Pickel, Harald Kloth

Christi Daugherty: Die schöne Tote

(Polizeireporterin Harper McClain, Band 2)

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 410 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27337-7

Harper McClain, Mitte 30, arbeitet als Polizeireporterin bei den Savannah Daily News. Sie ist vor allem nachts unterwegs und immer darauf aus, aktuell zu berichten, denn das Zeitungsgeschäft ist geprägt davon, wer die beste und schnellste Schlagzeile liefert. Sie wird von ihrem Fotografen mitten in der Nacht kontaktiert, weil eine junge Frau in der Innenstadt erschossen wurde. Harper macht sich auf, um schnell zum Tatort zu gelangen. Was sie dabei noch nicht ahnt: sie kannte das Opfer.

Naomi Scott, eine junge und schöne Jurastudentin, hat oft in der Bar gearbeitet, in der sich Harper regelmäßig aufhält. Die Polizei ermittelt und schnell steht für die Kommissare fest, dass Naomis Freund, der ebenfalls Jura studiert, der Täter sein muss, hat er doch kein Alibi für die Nacht. Doch kurz darauf meldet sich Naomis Vater bei Harper, weil er bei der Polizei kein Gehör findet. Er ist fest davon überzeugt, dass er den wahren Täter kennt. Der Sohn des Bezirksstaatsanwalts hat Naomi schon zu Lebzeiten bedroht und sie hat auch die Polizei kontaktiert. Aber seine Familie verfügt über jede Menge Geld und Einfluss, der bis in die Zeitungsredaktion reicht. Zeitgleich hat Harper das Gefühl, dass sie verfolgt wird.

Als sich bestätigt, dass jemand in ihrer Wohnung war, ist sie verunsichert und kann nicht verstehen, was man von ihr will. Sie glaubt der Schilderung von Naomis Vater, aber wie soll sie dem jungen Studenten die Schuld nachweisen, wo er doch ein anscheinend lückenloses Alibi hat.

Die schöne Tote ist der zweite Teil der Serie um die Polizeireporterin Harper McClain. 2018 erschien bereits der Thriller "Echokiller". Bei "Die schöne Tote" handelt sich um einen soliden Thriller, der Themen unserer Zeit aufgreift. Medien müssen immer präsent und schnell sein, denn ansonsten droht das Aus. Harper will nicht nur berichten, sondern sie ist eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Hinter allem steht der Wunsch, den Mord an ihrer Mutter aufzuklären, der vor mehr als zwanzig Jahren passierte.

Fazit: Ein adrenalingeladener Plot.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth

Wolfgang Jeschke: Der letzte Tag der Schöpfung

Hörspiel

Regie: Marc Schülert

 

München ; Ohrenkneifer ; 2019 ; 2 CD ; 147 Minuten

 

"Wir haben die Wirklichkeit zerstört."

 

Während des Kalten Krieges, in den 1980er Jahren, entwickeln die Vereinigten Staaten eine Zeitmaschine, Chronotron genannt. Ein unglaublich klingender und wagemutiger Plan wird gefasst: Eine Gruppe Techniker, Wissenschaftler und Militärs wird über fünf Millionen Jahre zurück in die Erdgeschichte gesandt. In diesem Zeitalter ist das spätere Mittelmeer noch nicht mit Wasser geflutet, da es noch nicht über die Straße von Gibraltar mit dem Atlantik verbunden ist. Dort angekommen sollen die Experten mittels einer Pipeline das arabische Öl abpumpen und von der Nordsee aus gefördert werden. So soll die Vormachtsstellung der Ölscheichs zugunsten des Westens gebrochen werden.

 

Im ersten Kapitel wird der Hörer mit dem Auffinden von Artefakten neugierig gemacht. Fahrzeug- und Waffenteile (wie ein Jeep bei Gibraltar), Material- und Flugausrüstungen (wie der Schlauch einer Sauerstoffmaske), die überhaupt nicht in die zurückdatierte Zeit des Fundes passen können.

 

Recht schnell wird man dann mit der Rekrutierung der sogenannten Chrononauten vertraut gemacht. Auch der kühnen, vor allem militärisch geprägten, Truppe werden die Artefakte aus der Vergangenheit präsentiert. Das Hörspiel folgt nun dem Protagonisten Steve Stanley, der sehr überzeugend von Marc Schülert gesprochen wird. So erfährt man diese Zeitreise vor allem aus der Sicht eines Piloten, was den Vorteil hat, dass es nicht allzu wissenschaftlich wird.

 

Im dritten Teil landen die Zeitreisenden mit ihren Gleitern schließlich in der Erdvergangenheit. Mehr soll an dieser Stelle über den Inhalt nicht verraten werden. Nur so viel: Die Chrononauten stoßen auf völlig unerwartete Gegebenheiten und Gegner, die sowohl ihre Mission, als auch die weitere Entwicklung der Menschheit beeinflussen werden.

Titelbild CD Der letzte Tag der Schöpfung
Titelbild CD. Mit freundlicher Genehmigung: Ohrenkneifer

 

Der Autor Wolfgang Jeschke (1936 - 2015) war einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Science Fiction. Er war nicht nur Herausgeber, sondern auch Lektor und Autor. Für seinen Roman "Der letzte Tag der Schöpfung" erhielt er 1982 den "Kurd-Laßwitz-Preis" als Auszeichnung für den besten Science Fiction-Roman. Wolfgang Jeschke war es gelungen, nicht nur einen sehr spannenden Roman mit plastischen Figuren zu schreiben, sondern auch das knifflige Thema Zeitreise geistreich und in sich stimmig zu behandeln.

 

Dass nach fast 40 Jahren (!) ein Roman noch immer spannend zu lesen, bzw. als Hörspielfassung zu hören ist, spricht für die Qualität des Werkes. Die Themen Ressourcen, Erdöl und Kriege sind heute aktueller denn je. Wolfgang Jeschke geht in seinem Werk aber weit darüber hinaus und spinnt die Menschheitsgeschichte neu. Er behandelt aber auch Technikgläubigkeit und Religion.

 

Wolfgang Jeschkes großartige Erzählung wurde vom Ohrenkneifer-Verlag mit viel Aufwand als Hörspiel produziert. Allen voran die Sprecherinnen und Sprecher erwecken die Figuren glaubhaft zum Leben. Hervorzuheben ist besonders der Sprecher Gordon Piedesack, der einen perfekten Erzähler abliefert. Aber auch die Musik von Marc Schülert und Michael Donner lässt wunderbar eine völlig fremde und doch vertraute Welt im Kopf des Hörers entstehen. Ebenso übrigens wie die Geräusche und Soundeffekte.

Am Schluß ist es einfach nur schade, von dieser urzeitlichen Welt nicht noch mehr erfahren zu können. Das Buch hätte definitv das Potential als Verfilmung.

 

Ein ca. 5-minütiges "Making Of" befindet sich exklusiv nur auf der CD-Version. Das Hörspiel ist ab 16 Jahren empfohlen.

 

Fazit: Ein tolles Science Fiction-Hörspiel für Erwachsene. Aufwändig und intelligent.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2020 Harald Kloth

© Titelbild: mit freundlicher Genehmigung Ohrenkneifer

Chloe Benjamin: Die Unsterblichen

Roman

 

München ; btb-Verlag ; 2018 ; 480 Seiten ; ISBN: 978-3-44275-819-7

New York 1969: Die vier Geschwister der Familie Gold ziehen durch die Straßen, als ihnen zu Ohren kommt, dass ganz in der Nähe eine Wahrsagerin ihre Zelte aufgeschlagen hat. Nacheinander treten Varya (13), Daniel (11), Klara (9) und Simon (7) ein und die Wahrsagerin teilt Ihnen ihr Todesdatum mit. Bei Varya ist der Leser mit dabei und erfährt, dass sie am 21.01.2044 sterben wird. Ihr scheint ein langes Leben beschieden zu sein.

Als der Vater plötzlich stirbt geschieht das, was anfangs nicht für möglich gehalten wurde. Die enge Verbindung zwischen den einzelnen Familienmitgliedern zerbricht. Klara und Simon verlassen New York und machen sich auf den Weg nach San Francisco. Klara will dort an ihrer Künstlerkarriere arbeiten und Simon erhofft sich im aufgeschlossenen San Francisco ein neues Leben nach seinem Coming-out. Weit weg von seiner Familie genießt er seine Sexualität und merkt viel zu spät, dass er sich mit der neuartigen Krankheit angesteckt hat, die Anfang der achtziger Jahre vor allem in der Schwulenszene Einzug hält. Wie vorhergesagt stirbt er sehr jung an AIDS. Klara lernt unterdessen Raj kennen und startet gemeinsam mit ihm eine große Magierkarriere, die sie am Ende nach Las Vegas bringt.

Auch ihr vorhergesagter Todestag rückt näher und nachdem es bei Simon zutraf, ist die Stimmung sehr sentimental. Daniel hat ein Studium der Medizin absolviert und ist beim Militär tätig. Er kann nicht glauben, dass die Wahrsagerin wirklich recht hat und setzt alles daran, sie ausfindig zu machen. Im Leben von Varya scheint alles planbar, doch eines Tages ist nichts mehr so, wie es vorher schien.

Der Roman schildert die Geschichte einer jüdischen Familie. Bereits nach den ersten Seiten stellt sich die Frage, die sich durch das ganze Buch zieht: Würde ich mein Leben anders leben, wenn ich bereits jetzt wüsste, wann es zu Ende ist? Das Buch ist in vier große Teile untergliedert. Jedem Geschwisterkind ist ein Teil gewidmet. Sehr detailliert werden die Lebensentwürfe der Geschwister aufgezeigt und die einzelnen Charaktere zeigen sich nach und nach.

Fazit: Ein berührender Roman, der anregt, über die wichtigen Dinge im Leben nachzudenken.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2020 Matthias Wagner, Harald Kloth