Romy Hausmann: Perfect Day

Thriller

München ; dtv ; 2022 ; 414 Seiten ; ISBN 978-3-423-26315-3

 

Buchcover Romy Hausmann: Perfect Day
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Seit vielen Jahren verschwinden Mädchen im Berliner Umland und der Täter markiert die Fundorte der Leichen mit roten Schleifen. Als der bekannte Philosophieprofessor Walter Lesniak wegen des Mordes an diesen zehn Mädchen verhaftet wird, bricht für seine 24-jährige Tochter Ann eine Welt zusammen. Aufgrund des frühen Todes ihrer Mutter war ihr Vater seit ihrer Kindheit die engste Bezugsperson. Sie glaubt fest an die Unschuld ihres Vaters und versucht mit allen Mitteln diese zu beweisen. Weder von den Medien, die ihren Vater als Schleifenmörder abstempeln, noch von ihrem Umfeld lässt sich Ann aufhalten. So stürzt sich Ann in eigene Ermittlungen, erst mit ihrer Jugendfreundin Eva und später mit dem Journalisten Jakob. Von Zeit zu Zeit kommen jedoch auch Ann Zweifel, ob ihr Vater nicht doch der Täter sein könnte. Kann Ann die Unschuld ihres Vaters beweisen oder stellt sich am Ende doch heraus, dass Professor Lesniak hinter den Morden steckt?

Romy Hausmann (Liebes Kind, 2019) erzählt den Thriller hauptsächlich aus der Ich-Perspektive von Ann. Zwischendurch sind immer wieder Textpassagen eingestreut z. B. wie Ann als Kind Gefühle wie Enttäuschung, Einsamkeit usw. erklärt. Auch Interviewaufnahmen und Briefe sowie Kapitel aus Sicht des Mörders sind immer wieder eingefügt. Besonders die Einblicke in Anns kindliche Gefühlswelt stören den Lesefluss.


Der Autorin gelingt es in diesem Buch leider selten Spannung zu erzeugen. Meist plätschert der Plot langatmig vor sich hin. Am ärgerlichsten ist es aber, dass die Handlung an vielen Stellen zu konstruiert wirkt. Die Hauptfigur Ann bleibt dem Leser bis zuletzt fremd.

Fazit: Leider ein enttäuschender Thriller bei dem nur wenig Spannung aufkommt. Die Story wirkt oft wie an den Haaren herbeigezogen.

 

Katrin Hildenbrand

2 Sterne
2 von 5

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© 2022 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth, Cover: Copyright © Copyright © dtv Verlagsgesellschaft

Sabine Fitzek: Verstorben

Kriminalroman

München ; Knaur ; 2021 ; 304 Seiten ; ISBN 978-3-426-52430-3

 

Buchcover Dr. Sabine Fitzek: Verstorben
Copyright © Verlagsgruppe Droemer Knaur

Bei der Berliner Staatsanwaltschaft werden seit einem Jahr immer wieder Vorwürfe gegen einen Pfleger im Krankenhaus Moabit erhoben. Konkret geht es um den Tod einer älteren Frau auf der Intensivstation. Deren Tochter beschuldigt den Intensivpfleger Maik Thomasson ihre Mutter getötet zu haben und fordert eine Exhumierung der Leiche. Dafür fehlen ihr jedoch jegliche Beweise.


Erst als ein anonymes Schreiben mit medizinischen Fachkenntnissen bei der Staatsanwaltschaft mit neuen Vorwürfen gegen Thomasson eingeht, erwacht Kommissar Kammowskis Interesse an diesem Fall erneut. Aber wie lässt sich beweisen, dass ausgerechnet der engagierteste Pfleger mit den meisten Reanimationen, ein Todesengel sein sollte?


Sabine Fitzek gelingt es im dritten Band der KrimireiheKammowski ermittelt“ das erschütternde Thema Morde in Krankenhäusern und Pflegeheimen durch Pflegepersonal mit viel Spannung und einem sympathischen Ermittlerteam umzusetzen.


Der Kommissar ist auch im privaten Bereich mit dem Thema Alter und Pflege befasst. Seine Mutter ist als Pflegefall im Heim untergebracht und seine Tochter Charlotte macht aktuell eine Famulatur am Moabiter Krankenhaus auf der Pflegestation.
Kurze, knackige Kapitel und ein angenehmer Schreibstil machen dieses Buch zu einem spannenden Pageturner, den man nur schwer aus der Hand legen kann.


Selbst wenn man die beiden Vorgängerbände nicht gelesen hat, kann man der Handlung gut folgen.

Fazit: Ein spannender Krimi mit sympathischen Ermittlern und einem brisanten und leider aktuellen Thema. Klare Empfehlung für alle Fans von realitätsnaher Krimiliteratur.

 

Katrin Hildenbrand

4 Sterne
4 von 5

Kammowski ermittelt

Band 2: Verrückt | Band 3: Verstorben

 

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© 2022 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth, Cover: Copyright © Verlagsgruppe Droemer Knaur

Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Roman

Berlin ; Suhrkamp ; 2021 ; 763 Seiten ; ISBN 978-3-518-43008-8

 

Buchcover: Ein von Schatten begrenzter Raum
Copyright © Suhrkamp Verlag

Die Geschichte Europas und wie was warum, neben anderen Aspekten, geographisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch zu dem geworden ist, was wir heute vorfinden, das, was wir heute Europa nennen, ist überaus komplex. Hilfreich ist es dabei, wenn Zeitzeugen die Historie und die aktuelle Situation anhand des eigenen Lebenswegs, anhand eigener Erlebnisse, Beobachtungen sowie Erfahrungen reflektieren und mit einem fiktiven Rahmen so wiedergeben, dass daraus ein fesselndes Narrativ entsteht. Das gelingt der renommierten Schauspielerin und Autorin Emine Sevgi Özdamar in ihrem neuesten Roman Ein von Schatten begrenzter Raum herausragend.

Emine Sevgi Özdamar, 75 Jahre alt, wuchs in Istanbul auf und besuchte nach einigen Stippvisiten an deutschen Theaterhäusern zunächst die dortige Schauspielschule. Mitte der 70er Jahre, als sie nach dem Militärputsch von 1971 keine Zukunft mehr als Künstlerin in der Türkei sah, verlegte Sie ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin, zu Beginn Brecht zuliebe nach Ost-Berlin. Der Militärputsch zerstörte all ihre Träume nach Freiheit und Demokratie in ihrem Heimatland, das Multikulti-Berlin war dagegen Balsam auf ihre geschundene Seele. Bis auf einige Intermezzos u.a. in Paris, Avignon und Bochum, blieb sie seitdem auch in Berlin als Regieassistentin. Özdamar, eigentlich Schauspielerin, schrieb schon früh auch Theaterstücke, ist seit Anfang der 80er Jahre auch als freie Schriftstellerin aktiv und veröffentlichte einige von der Kritik durchweg gelobten Romane und Erzählungen. Sie gilt als die bekannteste deutsch-türkische Schriftstellerin und gewann mit ihrem aktuellen Werk u.a. den Bayerischen Buchpreis.

Özdamar erzählt ihre eigene Lebensgeschichte aus der Ich-Perspektive, ohne, dass sie der Protagonistin einen Namen gibt. Nachdem das türkische Militär eine Diktatur errichtet hat, flüchtete sie zunächst auf eine ruhig und beschaulich wirkende Insel in der Ägäis, von wo aus sie einen Blick auf das demokratische Europa hat. Dort beginnt der Roman. Dank ihrer Bewunderung für Brecht und Heine geht sie nach Berlin und lernt dort, im krassen Gegensatz zu den brutalen Wortschwallen in ihrer Heimat, wieder die Schönheiten der Sprache kennen. Ange- oder besser vertrieben von Gewalt und emotionaler Kälte in ihrem Heimaland, geht sie also nach Europa, einem Europa, dass sich für sie aus den Toten zusammensetzt, die sie in der Türkei geliebt hat, also z.B. Brecht, Marx, Heine oder auch Bach und Tucholsky. Eine ihrer ersten Rolle ist die einer türkischen Putzfrau – welches Klischee! Aber Özdamar findet das im Nachhinein nicht weiter tragisch, ihr geht es um den Ausdruck, der künstlerischen Darbietung und nicht die Rolle, die dargestellt werden muss. Auch hat zum damaligen Zeitpunkt die Auseinandersetzung mit Gastarbeitern und Ausländern generell noch nicht begonnen.

Eine junge Schauspielerin geht also, nur mit einer Tasche gepackt ins Ausland, nach Berlin, ein unscheinbares Individuum in der großen weiten Fremde auf der Suche nach ihrem Platz in dieser Welt, auf der Suche nach Anerkennung und Schutz. Dabei wechselt sie über Länder- und Zeitengrenzen hinweg, ist mal Schauspielerin, Regieassistentin oder Regisseurin, dann auch Autorin von Theaterstücken. Es geht überwiegend um das Leben an den diversen Bühnen Europas, die für die Autorin aber nur eine Pause von dem realen Leben darstellen. Das reale Leben ist überwiegend die „Hölle“, also die unmittelbaren Erlebnisse von Diktatur, Gewalt, Terror. Der Roman scheut so auch keine historisch diffizilen Themen anzuschneiden, beginnend beim 1. Weltkrieg, der Genozid an den Armeniern, die Vertreibung der griechisch stämmigen Bevölkerung oder der immer noch virulente Terror gegen die Kurden.

In ihrem Geburtsland fehlt, so Özdamar, das, was auch in Deutschland erst Jahrzehnte später geschah, die intensive Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte. Und dieses mangelnde Bewusstsein, wo man herkommt und wo man hin will, schlägt einem immer wieder zurück ins Gesicht. Nach ihrem Verständnis schreiben erst die Enkel einer Generation die neue Geschichte eines Landes und Ende der 70er Jahre waren diese z.B. in Deutschland ebenso noch nicht geboren, so wie jetzt in der Türkei. Für sie sind folgerichtig, die Jüngeren die Stimmen der Schuldgefühle und die Älteren repräsentieren das Schweigen. Angesichts der ganzen neuen Krisen seit dem Jugoslawien Krieg 1991 kann man deshalb nur konstatieren: „Gut, dass das meine Eltern nicht gesehen haben“. Der jüngeren Generation bleibt also nichts anderes, als sich für ihre Ahnen zu schämen. Auch Deutschland erholte sich nicht so schnell von seinem dunkelsten Schatten seiner Geschichte, der Nazi-Zeit. Trotz einer späten, aber letztendlichen erfolgreichen Vergangenheitsbewältigung war in manchen Ländern bis vor ein paar Jahren der Frieden mit dem demokratischen Deutschland noch nicht endgültig geschlossen. Ein Bekannter von Özdamar wollte in Paris oder Rotterdam nicht Deutsch sprechen, obwohl er die Sprache beherrscht, weil sonst die Menschen, welche die Sprache hören, damit die Erinnerungen an das Nazi-Deutschland wecken. „Die Nazis sind gestoppt worden, aber vorher haben sie uns Ungeborene noch in ihre Scheiße reingezogen.“ Unbenommen davon hat sie den Eindruck, dass immer noch viele Deutschland als Opfer sehen, obwohl es Millionen sprichwörtlich geopfert hat.

Auch die aktuelle Flüchtlingskrise kommt in vielen Aspekten des Buches zum Tragen. Dies auch immer wieder mit Bezug auf die Tatsache, dass Flüchtlinge, Flüchtlingsströme stets eine Begleiterscheinung europäischer Geschichte waren und, mit Blick zum Beispiel auf den aktuellen Krieg in der Ukraine, auch weiter sein werden. Ebenso wird an Orten, an denen sie vorbeikommt oder verweilt, der Blick in die Zukunft geworfen, z.B. der Terroranschlag auf das Bataclan mit 89 Opfern oder der Anschlag auf den Istanbuler Flughafen 2016. Heute, so die Autorin, ist die Welt wie ein einziges großes ballonartiges Grundstück, in dem die populistischen Führer die Parzellen völlig ignorant untereinander aufteilen, als würde es nur sie geben. Dabei behandeln sie unseren Planeten nicht wie bei einem Ballon notwendig mit Gefühl und Sensibilität, sondern nehmen seine Zerstörung grob fahrlässig in Kauf.           

Özdamar hat eine bildgewaltige Sprache, Schatten werden zu kommunizierenden Figuren, Tiere und Gegenstände sprechen und sie spricht mit ihnen. Gleich zu Beginn wird man gefesselt von einer unheimlich intensiven Beschreibung der Wirkung von drei Winden, so als wenn man auf einem Felsblock am Ufer des Meeres sitzt und diese auf sich wirken lässt. Orte, Zeiten und Geschehnisse vermischen sich ineinander, so wird aus der Zukunft das Jetzt und oftmals die Vergangenheit und umgekehrt wird mit der Weisheit des Rückblicks aus der Vergangenheit auf das Jetzt und die Zukunft geschlossen – einfach fesselnd und stark! Özdamar spricht mit all ihren Sinnen und Instinkten. Ein als Bühnendekoration verbrachter Panther stank für sie prägend nach Lebenslänglich-Gefangensein und Hoffnungslosigkeit. Über 30 Jahre später verband sie dies in einem Café in Istanbul sitzend mit einer von Gefängnis und Folter gezeichneten Frau, die vorüberlief mit einem Polizisten im Rücken – selber Geruch, nach Müdigkeit, gefangen, hoffnungslos. Die Autorin selbst hat Schmerzen beim Schreiben über ihre Kindheit, aber „glückliche Schmerzen“, weil ihr Körper diese Gefühle noch hatte und für das niederschreiben preisgab.

Der Roman ist autobiografisch und nah an der Realität, aber angefettet um Träume und Visionen sowie Fantasiewelten mit sprechenden Tieren. Dieser Wechsel von Surrealem und realem Alltag, der Kontrast von simplen Situationsbeschreibungen und Gefühlen gibt dem Buch eine entscheiden Note – Kunst in Verbindung mit realer Politik kann auch erotisch sein. Er enthält somit die Kunst der Autorin, aber auch eine wunderschöne Beschreibung von einem erfüllten Leben mit der Kunst in vielerlei Variationen – während sie die Liebe zur Kunst heimatlos machte (sie stellt sich selbst immer wieder die Frage: Wo kann ich leben? Wo bin ich Zuhause?), ist die Kunst ihre Heimat. Sie lebt in den kleinen schönen Erlebnissen und Augenblicken in ihrem Leben und lässt sie lächeln. Auch kurze Dialoge reichen, um die gesamten Impressionen einer Stadt wiederzugeben. Zum Beispiel, dass man in Paris nicht zu Hause sitzen darf, sondern wegen seinen Schönheiten ständig spazieren gehen muss, während man in Berlin lieber mit dem Taxi fährt, damit die Hässlichkeiten der Stadt schnell an einem vorüberziehen oder man sie erst gar nicht wahrnimmt. Besondere Schlüsselereignisse in ihrem Leben werden mehrmals in dem Roman wiederholt und bleiben so prägend. Es bleibt dann dem geneigten Leser zu entscheiden wo befinde ich mich im surrealen Erfundenem und wo in den real erlebten Erinnerungen.

Apropos Taxifahren, eine nette Episode im Buch ist, als die Autorin feststellt, dass beginnend ab den 90er Jahren Taxifahren wegen dem ständigen Lamentieren der Fahrer über Muslime so anstrengend wurde, dass sie mit den Gedanken „die kommenden Kriege sind Religionskriege“ bereits lange vor dem Ziel ausstieg. In den 70er Jahren war Taxifahren dagegen noch ein Genuss, weil die weltpolitische Lage durchgehend ruhig war und der Fahrer über die besten Restaurants in Paris sprach. Die französische Sprache brachte sie sich übrigens autodidaktisch bei.

Der Buchtitel entstand aus einer Beobachtung beim Sex, als sich zwei liebende und miteinander vermengte Köper zu einem Schatten verbanden, alles andere blieb schattenlos. „Deswegen sah es nur dort, wo unsere Schatten gewachsen waren, wie ein Raum aus, ein von Schatten begrenzter Raum, der sich mit Leben erfüllte“. Die Frage bleibt deshalb am Ende, was will uns Özdamar mitgeben oder ist es nur eine Beschreibung der eigenen Wege zur Identität? Sicherlich mutig sein, sich so weit vom Mutterhaus zu lösen, unbeirrt seinen Weg gehen, auch wenn es Rückschritt gibt, kritisch bleiben, auch wenn es einem zum Nachteil werden kann… . Ebenso vermittelt sie uns sicherlich das Gefühl von Fremdsein in einer kulturell anderen Welt, aber auch das Fremd(gemacht)werden von dieser anderen Welt. Wenn man seine Heimat verlassen hat, ja, verlassen musste gibt es wohl keine Heimat mehr in einem anderen Land, trotzdem schämt sie sich für das, was die Menschen an den Orten, an denen sie sich gerade befindet in der Vergangenheit angerichtet haben oder gerade anrichten. Aber, man soll nicht jetzt über die Katastrophe am Jüngsten Tag philosophieren, sondern über das jetzt und heute reden. Das Buch wirkt wie ein Orkan auf den Leser, aber keiner, der Angst macht. Ein Orkan durch ein erfülltes Leben, durch Gedichte, Tönen und Stimmen sowie Beschreibungen, auf Französisch, Türkisch und Deutsch und das alles mit einer spürbaren unheimlich nahen Gefühlswelt wie selten erlebt in der deutschen Literatur.   

 

Fazit: Autobiografischer und bildgewaltiger Roman.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2022 Andreas Pickel, Harald Kloth, Cover: Copyright © Suhrkamp Verlag

 

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Dune: Haus Atreides, Buch 1

Text von Brian Herbert und Kevin J. Anderson. Zeichnungen von Dev Pramanik

 

Bielefeld ; Splitter ; 2021 ; 112 Seiten ; ISBN 978-3-96792-117-5 ; Hardcover

Cover: Dune, Haus Atreides, Buch 1
Copyright © Splitter Verlag

 

Nach Frank Herberts Dune: Die Graphic Novel startet mit Dune: Haus Atreides eine zweite Comicreihe um den Wüstenplaneten. Diese Adaption folgt aber nicht der Story des bekannten Science-Fiction-Klassikers von Frank Herbert. Stattdessen setzt dieser Comic 35 Jahre vor den Ereignissen ein und erzählt die Vorgeschichten der Dune-Saga auf verschiedensten Planeten des Imperiums:

 

Arrakis - der Wüstenplanet. Baron Harkonnen übernimmt das Amt des Gouverneurs. Bei einer Spiceeruption wird er fast getötet.

Kaitan- Hauptwelt des Imperiums. Der Ökologe Pardot Kynes wird von Imperator Elrod IX. nach Arrakis beordert. Dort soll er die Geheimnisse des Spice erforschen.

Caladan - Heimatwelt der Atreides. Der erst 15jährige Leto wird von seinem Vater nach Ix gesandt. Tief im Inneren dieses Planeten entdeckt der Junge ein Geheimnis hinter der Technologie des Hauses Vernius.

Giede Prime - Heimat der Harkonnen. Der junge Duncan Idaho wird in einer Menschenjagd auf Leben und Tod gehetzt. Doch er bekommt unerwartete Hilfe.

 

Brian Herbert und Kevin J. Anderson schufen mit Der Wüstenplanet - Die frühen Chroniken  von 1999 bis 2001 drei Romane, die an den originalen Dune-Zyklus von Frank Herbert anknüpften. Das Autorenpaar zeichnet sich auch für die Comicumsetzung verantwortlich. Dev Pramaniks Zeichnungen sind gröber und die Striche weniger fein als zum Beispiel die von Raul Allens gezeichnete Dune-Graphic Novel. Dafür sind die Panels wesentlich abwechslungsreicher, die Geschichten voller Action und die Farbgebung von Alex Guimaraes sehr plakativ. Es macht definitv Spaß, in die Welten vor dem ersten Dune-Zyklus einzutauchen.

 

Sehr schön: Jedem der vier Kapitel sind ganzseitige Cover vorangestellt. Als Bonus findet sich noch eine Covergalerie mit neun Variantcovern. Am Ende wird auf drei Seiten noch der Weg vom Skript zum Comic erläutert.

 

Fazit: Ein actionreiches, farbenfrohes Science-Fiction-Spektakel, dass sich auch ohne Dune-Kenntnisse problemlos genießen lässt.

 

Harald Kloth

4 Sterne
4 von 5

Dune: Haus Atreides

Buch 1 | Buch 2

 

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© 2022 Harald Kloth, Cover: Copyright © Splitter Verlag

 

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Der Mann, der die Welt rettete

Original: The man who saved the world, 2014

Regie: Peter Anthony

 

Am 26. September 1983 traf Stanislav Petrov eine Entscheidung, die den Lauf der Zeit verändern sollte. An diesem Tag war der sowjetische Offizier Befehlshaber der Satellitenüberwachung. Innerhalb kurzer Zeit wurden mehrere anfliegende us-amerikanische Atomraketen gemeldet. Petrov stand vor der schwierigen Aufgabe, die Computermeldungen als echt oder falsch zu behandeln. Letztendlich entschied er sich dafür, die Signale als Fehlalarm zu verifizieren, weil er nicht für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich sein wollte. Hätte er sich anders entschieden, gäbe es heute vermutlich keine Menschheit mehr, die Erde wäre wohl in weiten Teilen eine für Menschen lebensfeindliche und verseuchte Wüste.

 

Der Dokumentarfilm zeigt Petrov als alten, teils verbitterten und harschen Mann. Vor allem Fragen nach seiner Familie begegnet er agressiv. Die junge Übersetzerin Galina begleitet ihn auf seiner Reise in die USA. Dort wird er im UN-Gebäude mit dem World Citizen Award ausgezeichnet. Petrov verehrt die Schauspieler Robert DeNiro und Kevin Costner und wünscht sich ein Treffen mit seinen Idolen. Seine Zusammenkunft mit Costner in dessen luxuriösen Wohnwagen stellt einen ergreifenden Höhepunkt dieser Dokumentation dar. Petrov sieht sich selbst nicht als Helden, sondern als ganz normalen Menschen, der einfach nur die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit getroffen hat. Costner ist sichtlich beeindruckt und stellt Petrov auch seinem Filmteam vor.

 

Am Ende des Dokumentarfilms rückt Petrovs schwierige Beziehung zu seiner Familie bzw. Mutter in den Mittelpunkt. Regisseur Anthony beweist hier viel Gespür für Emotionalität, aber insbesondere auch für den Menschen Petrov. In Spielhandlungen werden Petrovs Beziehung zu seiner Frau und deren Krankheit gezeigt. Besonders die nachgestellten Szenen im September 1983 im Kontrollzentrum sind von ungeheurer Wucht, ohne theatralisch zu wirken. Man spürt die Last, die auf dem Soldaten liegt und der unter extremen Zeitdruck eine Entscheidung treffen muß. Sein Entschluss wird über das Schicksal der Menschheit entscheiden.

 

Die brisante politische Weltlage 1983 lässt diese Doku übrigens aussen vor, sie konzentriert sich ausschließlich auf den Menschen Petrov. Das macht es aber natürlich 40 Jahre später schwer, die Zusammehänge zu verstehen. 1979 hatte der Doppelbeschluss der NATO die Aufstellung von atomaren Mittestreckenraketen zur Folge. 1982 erkrankte der sowjetische Generalsektär Jurij Andropow schwer. Anfang 1983 hatte der US-Präsident Ronald Reagan den Aufbau eines weltraumgestützen Anti-Rakentenschutzschirms bekanntgegeben und in einer Rede von der Sowjetunion als "Reich des Bösen" gesprochen.

 

Auf DVD ist der Dokumentafilm leider nur als Importversion ohne deutsche Untertitel erhältlich. In der arte-Mediathek ist Der Mann, der die Welt rettete noch bis 11/2023 verfügbar.

 

Fazit: Kein Held, aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Menschheit sollte Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow nie vergessen.

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

  The Man Who Saved The World (DVD) bei amazon.de

 

© 2021 Harald Kloth

 

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David G. Marwell: Mengele

Biographie eines Massenmörders

 

Darmstadt ; Wissenschaftliche Buchgesellschaft Theiss ; 2021 ; 440 Seiten ; ISBN 978-3-8062-4277-5

 

Buchcover: David G. Marwell: Mengele
Copyright © wbg Theiss

Die Herrschaft des proklamierten tausendjährigen Dritten Reiches war ja 

bekanntermaßen bereits 1945 nach 12 Jahren beendet, seine Auswirkungen in der Strafverfolgung sind dagegen bis heute spürbar und aktueller denn je. Ein Grund dafür ist, dass man die Expertise der Nazi-Verbrecher schlichtweg beim 

verwaltungstechnischen Aufbau der neuen Bundesrepublik benötigte und so bei vielen Tätern manches Auge zugedrückt wurde. Aber auch die Strafverfolgung begann nur sehr schleppend und erfolgte erst auf Druck der Presse und ehemaliger Gefangener aus Konzentrations- und Arbeitslager, aber dann doch mit einer gewissen Vehemenz. 1958 wurde dazu u.a. die "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen" in Ludwigsburg gegründet.

 

Unmittelbarer Anlass war damals der sogenannte Ulmer Einsatzgruppenprozess. Es war der erste Prozess vor einem deutschen 

Schwurgericht, in dem nationalsozialistische Massenmorde verhandelt wurden. Trotz des hohen Alters der damals Beteiligten hat die Justiz in den vergangenen zehn Jahren weitere große Anstrengungen unternommen, noch letzte überlebende NS-Täter ausfindig zu machen - nachdem sie zuvor jahrzehntelang ihre Bemühungen weitgehend eingestellt hatte. Nach den Auschwitz-Prozessen 1965/67 herrschte hierbei die Auffassung vor, man müsse NS-Tätern konkrete Einzeltaten nachweisen, um sie für Mord oder Beihilfe zum Mord verurteilen zu können. Das änderte sich erst mit dem Fall John Demjanuk, den das Landgericht München 2011 zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Sobibor verurteilte - ohne konkreten Beweis für sein Wirken; allein durch seine Anwesenheit als Wachmann habe er aber einen Beitrag zum Holocaust geleistet, als Rädchen in der Mordmaschine, so die Urteilsbegründung.

 

Absolut unzweifelhaft ist dabei die aktive Beteiligung von Josef Mengele am Massenmord im Konzentrationslager Ausschwitz. Dessen Leben war quasi zweigeteilt: Im NS-Regime ein Profiteur des Systems, der skrupellos wehrlose Menschen für seine medizinischen Versuche missbrauchte, nach dem Krieg ein Flüchtiger, zunächst mehr oder weniger unbehelligt in Südamerika, dann nur noch in Verstecken lebend. Das Leben Mengeles, vergleichbar mit einem spannenden Kriminalthriller, hat nun David G. Marwell in einer aktualisierten Biographie Mengele. Biographie eines Mörders (aus dem Amerikanischen von Martin Richter) herausragend aufbereitet.

 

David G. Marwell war Teil des 1979 eingerichteten und dem US Justizministerium unterstellten Office of Special Investigations (OSI), deren Hauptaufgabe es war, nach NS-Verbrecher zu fahnden und deren Anklage vorzubereiten. Er war somit selbst aktiv an der langjährigen Suche nach Josef Mengele beteiligt und hat nun die erste wirklich umfassende Biografie über den „Mann an der Rampe“ geschrieben. Marwell`s aktive Beteiligung in den gründlichen Recherchen und detailgenauen Dokumentationen kommt damit in einem immensen Detailwissen gerade im zweiten Teil über die Suche nach Mengele und den Nachweis seines Todes zum Tragen - beeindruckend! Neben Briefe, Tagebücher sowie den erst 2017 einsehbaren 

Mossad-Akten nutzte er Mengeles selbst geschriebenes Buch als Grundlage und befragte zur Vervollständigung seiner Quellenlage intensiv Verwandte in Mengeles Heimatstadt sowie Überlebende von Auschwitz.

 

Mengele wuchs in einem finanziell gut situierten Elternhaus in Günzburg auf. Als er wegen gesundheitlicher Einschränkungen die väterliche Fabrik für Agrartechnik nicht übernehmen konnte und auch wollte, schlug er stattdessen eine akademische 

Karriere ein. Er studierte mit Humangenetik und Anthropologie Disziplinen, die mit ihm an entscheidender Stelle das Schicksal von Millionen von Menschen bestimmen sollten. Mit Unterstützung von Otmar von Verschuer (war zunächst Leiter des Universitäts-Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene Frankfurt am Main und dann von Oktober 1942 bis 1948 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts - KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin) wurde Mengele schnell ein anerkanntes Mitglied in der nationalsozialistischen Rassenkundecommunity im Sinne, so Marwell, der „Gesundheit des Volkskörpers“. Nach seiner Promotion folgte zunächst ein Fronteinsatz bei der SS-Panzer-Division „Wiking“, die nachweislich an der Ermordung von Tausenden von Juden in Polen, später im Kaukasus beteiligt war (Belege über die Beteiligung 

Mengeles existieren allerdings nicht). Während dieser Zeit wurde Mengele auch das Eiserne Kreuz Erster Klasse (EK I) verliehen. Im Mai 1943 meldete er sich schließlich für ein Engagement als Lagerarzt in Auschwitz.

 

An seiner Habilitationsschrift arbeitend, baute er sich dort ein ansehnliches Labor mit den jüdischen Häftlingen in einer traurigen Doppelrolle auf: Einerseits mussten jüdische Mediziner ihm in seinen Forschungen beistehen und unterstützen, andererseits mussten sie, tot oder lebendig, als Forschungsobjekte herhalten. Mengele selektierte an der Entladerampe in Auschwitz mit der Bewegung seines Daumes Tausende von Juden in „Forschungsobjekte“ bzw. Arbeitssklaven oder verfügte ihren sofortigen Tod in der Gaskammer. Marwell beschreibt, wie Mengele diese Tätigkeit, ja Machtausübung, innerlich befriedigte. Er ließ Menschen, die er makabrer Weise „meine Meerscheinchen“ nannte, töten, um sie zu obduzieren und versorgte so auch insbesondere das oben genannte KWI mit jeglichen menschlichen Präparaten. Mengele hatte seine Profession und Passion gefunden, seine Begabungen deckten sich nun fast komplett mit den Anwendungsmöglichkeiten in Auschwitz. Mit nur 33 Jahren, so Marwell, stand Mengele „auf dem Gipfel des Erfolgs“.

 

Die zweite Lebenshälfte war dann, wie bei so vielen Nazi-Größen sofern sie nicht Suizid begingen, eine Demontage des Erreichten. Mit Kriegsende geriet Mengele zunächst in Kriegsgefangenschaft, wurde aber wegen der fehlenden 

Blutgruppentätowierung nicht als Angehöriger der Waffen-SS erkannt und fälschlicherweise wieder entlassen. Mengele stand zwar auf Liste Nr. 8 der von der UN-Kommission für Kriegsverbrechen gesuchten Personen, profitierte aber von 

nur schleppend in den diversen Internierungslagern verteilten Listen. Der US-Hauptankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen erklärte ihn 1948 für Tod. Stattdessen gelang es Mengele 1949 mehr oder weniger unbehelligt über Südtirol nach Südamerika auszuwandern, erst nach Argentinien, später dann nach Paraguay und Brasilien. Vor Abreise verzichtete er gegenüber seinen beiden Brüdern gegen regelmäßige finanzielle Zuwendungen auf seinen Erbanteil an der 

väterlichen Fabrik. In Südamerika konnte Mengele durch Protegieren von gut situierten Nazi-Sympathisanten 30 Jahre lang [sic!] ein mehr oder weniger sorgenfreies Leben  führen. Er konnte sogar unter falschem Namen wieder als Mediziner beruflich tätig werden und war nachweislich 1956 zu Besuch in Deutschland, ohne, dass er dafür habhaft gemacht wurde.

 

Erst 1959, also 10 Jahre nach seiner Flucht, erließ die Staatsanwaltschaft Freiburg aufgrund eines anonymen Hinweises auf seine Existenz in Südamerika einen Haftbefehl gegen Mengele. Diese Unbekannte hatte per Zufall in einem Buch über Anne Frank gelesen, dass keiner wisse, ob Mengele Tod sei oder noch lebe und sie hätte da gegenteilige Beweise. Mengele wurde in Südamerika von seiner Familie über die geänderte Situation informiert. Er musste nun zwangsweise seine Komfortzone verlassen, nun begann ein Leben auf der Flucht. Spannend wie in einem Krimi schlüsselt in diesem Teil des Buches Marwell fast minutiös auf, wie man in einer Art konzertierten Aktion zwischen Deutschland, Israel und den USA versuchte, ihn ausfindig zu machen, festzunehmen und vor Gericht zu stellen. Aber Marwell zeigt in den Ausführungen zu Mengele’s „zweiten Leben“, der sich mittlerweile Wolfgang Gerhard nannte, auch das gesamte Versagen der Justiz und Geheimdienste auf. So stellte zum Beispiel auch der israelische Geheimdienst 1968 auf Weisung des damaligen Premierministers die Suche nach Kriegsverbrecher 10 Jahre lang fast vollständig ein und intensivierte diese Suche erst mit der Bildung einer Sondereinheit innerhalb des Mossads unter der Regierung von Menachem Begin Anfang 1979 wieder. Aber trotz aller verstärkter Bemühungen von vielerlei Stellen konnte man seiner nicht habhaft werden, bis Mengele dann bei einem Unfall zu Tode kam. Schließlich blieb nur noch in einem aufwendigen Prozedere den Tod Mengeles eineindeutig festzustellen. Am 6. Juni 1985 wurde sein potentieller Leichnam exhumiert und im Anschluss von zwei Teams der „ersten Reihe der amerikanischen Pathologen“ intensiv untersucht. Marwell inspizierte zwei Wochen später den Leichnam, zweifelte daran, dass es sich hundertprozentig um Mengele handeln könnte und initiierte weitere Untersuchungen. Das bisherige Resultat, es sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ der Leichnam Mengeles, war in einem derart wichtigen Fall zu vage. Schließlich verglich man die gesamte „Krankenakte“ von Mengele mit dem Zustand des Leichnams, beginnend bei Hüftfraktur, Darmverschluss, Gebiss, operierter Leistenbruch etc. Dieser Teil des Buches ist leider etwas zu langatmig. Erst 1992 wurde dann unter der Nutzung 

der relativ neuen DNA-Analyse eindeutig festgestellt, dass der 1979 nach einem Badeunfall (Mengele erlitt einen Schlaganfall) an der brasilianischen Küste gefundene Leichnam auch wirklich Josef Mengele war. Die Vereinigten Staaten schlossen daraufhin die achtjährige akribische Untersuchung offiziell ab.

 

Mengele wurde in einem Regime groß, dass unterhalb von Hitler als Leitinstanz von mehreren Machtsäulen getragen wurde, die miteinander verzahnt waren und sich nicht selten bekämpften, die auch vielen Rivalitäten und inneren Konflikten 

ausgesetzt waren, aber eine von allen akzeptierte NS-Ideologie mit seinem Antisemitismus im Zentrum hatte. So fielen gerade die wissenschaftlichen Versuche im Sinne der Rassenkunde auf einen fruchtbaren Boden, der so manches  Unrechtbewusstsein verschluckte. Die damaligen Motive der Menschen sind vielleicht aus heutiger Sicht nicht verständlich, aber zumindest nachvollziehbar. Selbst die gebildetsten Leute wie auch Mengele konnten den Verlockungen des Nationalsozialismus nicht wiederstehen, Verlockungen wirtschaftlicher Art, Karriere, machtpolitische Erfolge. So waren es vor allem auch Naturwissenschaftler, Techniker, Ingenieure und Mediziner, die einerseits vom Regime gebraucht wurden, aber im Wissen um ihre Wichtigkeit auch unheimlich profitierten – so wie später auch beim Wiederaufbau des sich am Boden 

befindlichen Deutschlands. Die Wissenschaft gerade im Bereich Rassenkunde agierte ohne jegliche Moral und Skrupel.

 

Nach dem Krieg schob man dann die Verantwortung einigen wenigen, meist bereits verstorbenen Protagonisten in die Schuhe und entlastete somit gleichzeitig unzählige Helfer und Helfershelfer in exponierter und führender Stellung. Diese passten sich bereitwillig der neuen Situation an und wurden mehr oder weniger überzeugte Demokraten, auch als eine Art persönlichen Ankers, nachdem der Führer abhandengekommen war. Die ehemals bedingungslosen Nazis waren nun als 

Verwaltungsexperten und Wissenschaftler unabdingbar für den Aufbau und die Etablierung des neuen demokratischen Staates. Diese „win-win-Situation“ deckte den Mantel des Schweigens über viele und vieles z.B. über die anfängliche sehr 

sehr schleppende Verfolgung der Verbrecher und Massenmörder im In-, aber die hohe Zahl der Geflüchteten betrachtend, auch im Ausland.

 

Die Geschichte und Verfolgung Mengeles nach dem Krieg, im Zuge dessen immer noch mehr über das grausame Wirken des „Doktors“ in den Kriegsjahren zu Tage trat, wurde zum traurigen Sinnbild für die Verbrechen der Medizinergilde im NS-Regime, gerade in den Vernichtungslagern. Als Synonym für all die grausamen Menschenversuche steht Mengele, der selbst später alles andere als reumütig gewesen ist, an ersten Stelle. Im Gegensatz aber zu den anderen Verbrechern und 

Massenmördern zB in den berüchtigten Einsatzgruppen, sah er sich nicht nur auf Befehl gehandelt zu haben, sondern alles im Dienst der Medizin und Rassenkunde und damit zum Wohle der Menschheit getan zu haben. Marwell widerlegt deutlich den Mythos, Mengele wäre ein bizarrer, komplett Verrückter Mediziner gewesen, sondern weist nach, dass Mengele vielmehr „das Produkt eines viel größeren Systems des Denkens und Handelns“ war. Mengele’s Verhalten und Forschungen waren nicht anomal, nein! Er genoss das Vertrauen und höchste Förderung des NS-Establishments und konnte in diesem unregulierten Raum über jegliche auch ethischen Grenzen hinaus agieren. Mengele, dem selbst Häftlinge einen eigentlich angenehmen und ruhigen Charakter attestierten, wurde für seine aktive Verantwortung für Tausende von Toten in den Gaskammern und seinen menschenunwürdigen grausamen Experimenten nie belangt. Und, wie Marwell auch anhand eines vorliegenden Schriftverkehr zwischen Mengele und seinem Sohn belegt, zeigte Mengele in seiner gesamten zweiten Lebenshälfte in Südamerika ebenso keinerlei Reue- und Schuldgefühle über sein Tun und dachte unverändert als der Mengele von 1944 an der Rampe in Auschwitz.

 

Obwohl Mengele nachweislich Tod ist, sind seine mangelnde Reue sowie die ganzen Umstände seiner Flucht und die unkoordinierten Maßnahmen, ihn zu finden eher nicht dazu geeignet, den Hunderttausenden Opfern Gerechtigkeit wiederfahren lassen zu können.

 

Maxwell entmythologisiert oder besser entdämonisiert Mengele vor allem hinsichtlich aller Spekulationen um ihn in Auschwitz ohne seine aktive Rolle am Massenmord zu negieren. Historikern wie Marwell ist es zu verdanken, dass wir, trotz auch unmittelbarer Betroffenheit bei den langjährigen Untersuchungen, durch eine sachliche und distanzierte Schreibweise mittlerweile eine Erinnerungskultur an die dunkelste Zeit Deutscher Geschichte und seiner Protagonisten haben, die frei von Klischees ist.

 

Fazit: Spannend wie ein Krimi. Herausragend sachlich aufbereitete Erinnerungskultur einer dunklen Epoche.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2021 Andreas Pickel, Harald Kloth, Cover: Copyright © Wissenschaftliche Buchgesellschaft Theiss

 

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Der Incal, Band 4: In höchsten Höhen

Text: Alejandro Jodorowsky, Zeichnungen: Moebius

 

Bielefeld ; Splitter ; 2017 ; 64 Seiten ; ISBN 978-3-86869-280-8 ; Hardcover

 

Buchcover - Der Incal, Band 4: In höchsten Höhen
Copyright © Splitter Verlag

Das Album "In höchsten Höhen" enthält folgende Kapitel:

  • Das 8. Universalwunder
  • 10000 Schatten-Eier
  • "Komm zu mir!"
  • Rattenfalle
  • Der Schatten-Virus

Raimo ist mit seinen Gefährten auf den Zuchthausplaneten Aquaend verbannt. Zur großen Überraschung verbirgt sich unter der lebensfeindlichen Oberfläche eine riesige, verborgene Stadt. Untertessen greift John Difool mit seinen Freunden ein Schatten-Ei an. Doch das Anti-Materie-Ei zerbirst in Milliarden weiterer Eier. Um die Schatten-Eier zu stoppen werden mutierte Riesen-Medusen eingesetzt. In der Berk-Galaxie: Zur Fünf-Jahres-Befruchtung müssen Wettkämpfer aus 27 Planeten den Heiligen Kegel erklimmen und dabei alle anderen Kämpfer ausschalten. Während der Sieger in das Brautgemach darf, werden alle anderen für das Hochzeitsmahl zubereitet.

 

Vom riesigen, künstlichen Techno-Trabanten, zum Wasserplaneten Aquaend, zu Terra21, zu Badmech zu Ourgar-Gan. Die Fülle an interessanten, planetaren und intergalaktischen Schauplätzen dieses Bandes ist enorm. Und jeder davon könnte einen eigenen Band füllen. Einen der eindrucksvollsten Orte des ganzen Zyklus um John Difool stellt sicherlich die Mutter-Ameisenburg der Berks dar. Der unglaubliche und bizarre Ideenreichtum von Jodorowsky und die zeichnerische Genialität von Moebius werden hier sehr deutlich.

 

Die deutsche Erstveröffentlichung erfolgte in Heftform. In der Ausgabe Nr. 69 (Oktober 1985) bis Nr. 73 (Februar 1986) der Zeitschrift Schwermetall. Es folgten Softcover-Ausgaben bei Carlsen (1985) und Ehapa (1997). Der Splitter Verlag brachte diese Neuauflage erstmals 2012 im Hardcover-Einband auf 64 Seiten heraus. Insgesamt eine exzellente Aufmachung mit viel Bonsumaterial. 2022 erscheint eine auf 666 limitierte Vorzugsausgabe in schwarz-weiß und Großformat in der Reihe "Splitter Diamant".

 

Als Bonus wurde das vierte Kapitel "Die literarischen Elemente des Incal" aus dem Sonderband "Die Geheimnisse des Incal" (1981) angehängt. Enthalten sind die Kapitel: "Die Mystik", "Der Comic", "Eine sternförmige Geschichte". Als außergewöhnlich schönes Extra liegt nur der Erstauflage ein in Kunststoffecken eingehängter Kunstdruck bei. Das Motiv ist eine Coverillustration.

 

Fazit: Ein Trip mit Riesen-Medusen, blutigen Gemetzel, erotischen Illusionen und einem schrecklichen Virus. 

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

Der Incal

Band 3: In tiefsten Tiefen | Band 4: In höchsten Höhen | Band 5: In weiter Ferne

 

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Splitter Verlag

 

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Der Incal, Band 3: In tiefsten Tiefen

Text: Alejandro Jodorowsky, Zeichnungen: Moebius

 

Bielefeld ; Splitter ; 2015 ; 64 Seiten ; ISBN 978-3-86869-279-2 ; Hardcover

 

Buchcover: Der Incal, Band 3: In tiefsten Tiefen
Copyright © Splitter Verlag

Das Album "In tiefsten Tiefen" enthält folgende Kapitel:

  • Die Psycho-Ratten
  • Durch tiefsten Müll
  • Der goldene Planet
  • Der Kristallwald
  • Das Tor der Verwandlung

Die Gruppe um John Difool, den Meta-Baron, Soluna, die Patin, Hundeschnauze und Dipo werden durch einen gigantischen Strudel nach unten gezogen. Sie landen in einer riesigen Müllhalde, die den einzigen Weg zum Mittelpunkt des Planeten darstellt. Dort treffen sie auf Animah, die Königin der Ratten. Verfolgt werden sie von der Nekrosonde, die sich in immer neue Formen transformiert.

 

Auch der dritte Band um den erfolglosen John Difool bleibt der Reihe treu und bietet wieder ein wahnwitziges Feuerwerk an Ideen, Figuren und Welten. Anfangs bleibt dieser Band ganz dem Science-Fiction-Abenteuer verbunden. Später wird der goldenen Planet und die Imperiatricia (die zweigeschlechtlichte Herrschaftsform über die Galaxis) gezeigt. Mit der Einführung der "Tausendjährigen Hüter" ändert sich aber leider die Tonalität dieses Comics. Die wie Karikaturen aus dem Fantasybereich wirkenden Figuren sind nur der Einstieg in eine merkwürdig esoterische Reise in Bewusstseinsebenen, Energien und Schwingungen. 

 

Die deutsche Erstveröffentlichung erfolgte in Heftform. In der Ausgabe Nr. 49 (Februar 1984) bis Nr. 53 (Juni 1984) der Zeitschrift Schwermetall. Es folgten Softcover-Ausgaben bei Carlsen (1984) und Ehapa (1997). Der Splitter Verlag brachte diese Neuauflage erstmals 2012 im Hardcover-Einband auf 64 Seiten heraus. Insgesamt eine exzellente Aufmachung mit viel Bonsumaterial. 2020 erschien eine auf 666 limitierte Vorzugsausgabe in schwarz-weiß und Großformat in der Reihe "Splitter Diamant".

 

Als Bonus wurde das dritte Kapitel "Die literarischen Elemente des Incal" aus dem Sonderband "Die Geheimnisse des Incal" (1981) angehängt. Enthalten sind die Kapitel: "Der Zyklus", "Der Krimi", "Die Science-Fiction". Als außergewöhnlich schönes Extra liegt nur der Erstauflage ein in Kunststoffecken eingehängter Kunstdruck bei. Das Motiv ist eine Coverillustration.

 

Fazit: Science-Fiction-Abenteuer im Müll trifft auf Mystik im Kristallwald. Sowas schafft nur John Difool.

 

Harald Kloth

4 Sterne
4 von 5

Der Incal

Band 2: Der Incal des Lichts | Band 3: In tiefsten Tiefen | Band 4: In höchsten Höhen

 

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Splitter Verlag

 

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Der Incal, Band 2: Der Incal des Lichts

Text: Alejandro Jodorowsky, Zeichnungen: Moebius

 

Bielefeld ; Splitter ; 2019 ; 64 Seiten ; ISBN 978-3-86869-278-5 ; Hardcover

 

Buchcover: Der Incal, Band 2: Der Incal des Lichts
Copyright © Splitter Verlag

Das Album "Der Incal des Lichts" enthält folgende Kapitel:

  • Das Schatten-Ei
  • Panik im inneren Aussenraum
  • Animah!
  • Krieg den Palästen
  • Imperiatricia

Während der Techno-Papst die Zerteilung von John Difool und die Entsendung des Schatten-Eis in die Galaxien vorbereitet, versinkt Terra 21 im Chaos von Aufständischen. Dipo kann John Difool mit einem gewagten Flugmanöver retten. Die beiden fliehen in den inneren Aussenraum. Doch dort erwartet sie der gefährliche Kryptoide. Mit Hilfe des Incals kann Difool das Monster besiegen und wird von der Rattenkönigen Animah gerettet.

 

War der erste Band vor allem eine Detektivgeschichte, wechselt die Handlung neben den vielen Science-Fiction-Elementen nun zur Kriegserzählung einer Revolution. Hier wird die Stärke des "John Difool-Zyklus" deutlich: Unglaublich viele und fantastische Ebenen in die Handlung einzubauen. Von Moebius ist das alles meisterhaft illustriert, als Beispiel sei das Schatten-Ei (ganzseitig auf Seite 8) genannt, eine eindrucksvolle Zeichnung.

 

Die deutsche Erstveröffentlichung erfolgte in Heftform. In der Ausgabe Nr. 23 (Dezember 1981) bis Nr. 28 (Mai 1982) der Zeitschrift Schwermetall. Es folgten Softcover-Ausgaben bei Carlsen (1984) und Ehapa (1996). Der Splitter Verlag brachte diese Neuauflage erstmals 2012 im Hardcover-Einband auf 64 Seiten heraus. Insgesamt eine exzellente Aufmachung mit viel Bonsumaterial. 2020 erschien eine auf 666 limitierte Vorzugsausgabe in schwarz-weiß und Großformat in der Reihe "Splitter Diamant".

 

Als Bonus wurde das zweite Kapitel "Die Welt des Incal"aus dem Sonderband "Die Geheimnisse des Incal" (1981) angehängt. Enthalten sind die Kapitel: "Alles in Allem", "Das Universum des Incal", "Die Gesellschaftsordnung", "John Difool" und "Dekor, Helden und Nebenfiguren". Als außergewöhnlich schönes Extra liegt nur der Erstauflage ein in Kunststoffecken eingehängter Kunstdruck bei. Das Motiv ist eine Coverillustration.

 

Fazit: Eine perfekte Fortsetzung.

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

Der Incal

Band 1: Der schwarze Incal | Band 2: Der Incal des Lichts | Band 3: In tiefsten Tiefen

 

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Splitter Verlag

 

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Virus Omega, Band 2: Die Götter der Sterne

Text von Sylvain Runberg, Zeichungen von Marcial Toledano

 

Ludwigsburg ; Cross Cult ; 2021 ; 64 Seiten ; ISBN: 978-3-96658-485-2 ; Hardcover

Buchcover: Virus Omega, Band 2
Copyright © Cross Cult Verlag

 

Noch immer weiß niemand woher die Wesen kamen. Genausowenig ob es Außerirdische sind und wie intelligent sie sind. Über 50 unterschiedliche Wesenheiten konnten ausgemacht werden, ob sie miteinander in Kontakt stehen ist unklar. Es gibt darunter sogenannte Tauchende, Psychische oder Territorier, alle mehr oder weniger gefährlich.

 

Doch zunehmend erscheinen die Menschen selbst als Bedrohung ihrer selbst. Die sogenannten Widerstandskämpfer bekämpfen die Wesen mit allen Mitteln. Aber ebenso Menschen, die ihren Fanatismus nicht teilen. Diese werden als Feinde behandelt und getötet.

 

So wird auch Andrews Freundin Bianca vom Widerstand ermordet. Kim und Lindsey suchen nach Andrew, der seit dem Überfall des Widerstands verschwunden ist. Neal Banks, Anführer der Widerständler, lässt auf brutalste Art sogenannte "Gläubige" ermorden. Diese Gruppe verehrt die Wesen kultisch als Götter aus dem All. Aber eigentliches Ziel von Banks ist der Beschuß der Invasoren mit erbeuteten Atomwaffen.

 

Im zweiten Band von "Virus Omega" (Original: "Les Dominants")  des Duos Runberg ("Orbital") und Toledano ("Tebori") ist Andrew Kennedy mehr oder weniger zur Passivität verdammt. Um bei seiner Tochter zu sein, fügt er sich dem Widerstand und versucht trotzdem irgendwie seine Moral zu behalten. Es wird interessant zu sehen sein, wie sich Andrews völlig fanatisierte Tochter und sein Sohn im weiteren Verlauf der Geschichte entwickeln.

 

Das Hauptthema dieses Bandes ist militärischer und religiöser Fanatismus. Und wie schon im ersten Teil, ist der Gewaltfaktor auch hier sehr hoch. Die Geschichte ist spannend erzählt und dynamisch illustriert. Bemerkenswert ist die stimmungsvolle Farbgebung. Die Wesen stechen durch ihre intensiven Farben hervor und bilden einen starken Kontrast zur Umgebung. Das Faszinosum der Invasoren bildet weiterhin den großen Pluspunkt dieser dystopischen Science-Fiction-Serie in einer zerstörten Welt.

 

Als Extras finden sich drei fiktive Zeitungsartikel zur Widerstandsbewegung (zwei Seiten), zu den Gläubigen (drei Seiten) und zu San Francisco und den Artefakten (drei Seiten) aus den Jahren 2024 und 2026. Optisch hat der Cross Cult Verlag die Serie ansprechend und wertig gestaltet.

 

Fazit: Brutale Fanatiker in einer dystopischen USA voller gefährlicher Aliens.

 

Harald Kloth

4 Sterne
4 von 5

Virus Omega

Band 1: Die Vorherrschaft | Band 2: Die Götter der Sterne

 

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© 2022 Harald Kloth, Cover: Copyright © Cross Cult Verlag

 

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Jahr 2022 ... die überleben wollen

Original: Soylent Green, 1973

Regie: Richard Fleischer

 

Dieser Science-Fiction-Film beginnt mit Fotos, die den Wandel der Vereinigten Staaten von einer bäuerlich geprägten Landwirtschaft, hin zu einem Industriestaat zeigen. Immer schneller reihen sich Bilder von Massenproduktion, Umweltzerstörung und Menschenmassen aneinander. Am Ende wird der Ablauf der Fotos langsamer und endet im Stillstand und Stagnation.

Das Jahr 2022. Der Ort New York City. Einwohnerzahl: 40 Millionen.

Der New Yorker Detecive Thorn (Charlton Heston) ist der Aufstandsbekämpfung zugeteilt. Aus Personalmangel soll er zusätzlich einen Mord an dem reichen William R. Simonson (Joseph Cotton) aufklären. Von seinem alten 'Polizeibuch' Sol Roth (Edward G. Robinson) erfährt er, dass Simonson bei "Soylent Industries" als Vorstandsmitglied tätig war. Diese Firma kontrolliert die Nahrungsmittelerzeugung der halben Welt. Als vom mächtigen Gouverneur Santini (Whit Bissell) Druck ausgeübt wird, um die Ermittlungen einzustellen, widersetzt sich Thorn. Bei seinen weiteren Nachforschungen stößt Sol auf ein schreckliches Geheimnis. Daraufhin beschließt er, sich einschläfern zu lassen. In kitschigen Kinobildern darf der alte Mann ein letztes Mal die längst vergangene Schönheit der Natur genießen.

 

Das New York in "Soylent Green" ist geprägt durch Überbevölkerung. Die Menschen schlafen in Treppenhäusern oder Autowracks. Müllwagen transportieren die Toten ab. Nahrungsmittel sind knapp, regelmässig kommt es zu Aufständen. Die wenigen Privilegierten haben sich in bewachte Wohnkomplexe zurückgezogen. Behörden wie die Polizei sind schlecht ausgestattet, unterbesetzt und korrupt. So lässt es sich Detective Thorn nicht nehmen, Luxusgüter wie Handtücher, Seife oder Obst vom Tatort zu stehlen. Frauen haben in dieser Gesellschaft keine gleichberechtigte Stellung. Hübsche Mädchen wie Shirl (Leigh Taylor-Young) sind sogenanntes Inventar, nur für Lust und Unterhaltung da und werden vom Wohungsbesitzer weitergereicht (beiläufig bemerkt der Charakter von Heston erstaunt, dass Shirl von ihrem Besitzer nicht geschlagen wird). In einem kleinen Zelt, nur dem Gouverneur zugänglich, befinden sich die letzten Bäume von New York.

 

Regisseur Fleischer hat mit "'Soylent Green" einen der besten Science-Fiction-Filme der 1970er Jahre geschaffen. Die Menschen tragen vielfach Masken. wahrscheinlich um sich vor dem Dauersmog etwas zu schützen (dieser wurde in den Außenaufnahmen durch Kamerafilter erzeugt). "Soylent Green" ist weder actionreich, noch ein besonders spannender Krimi (obwohl er dies vorgibt). Stattdessen ist er getragen von tollen darstellerischen Leistungen und der Kreation einer glaubhaften, völlig maroden zukünftigen Welt (aus der Sicht der 1970er Jahre). Als gutes Beispiel mag die, als Massenlager umfunktionierte, Kirche dienen. Der offensichtlich traumatisierte Pfarrer vewaltet das Elend um ihn herum nur noch. "Soylent Green" ist ein sehr ernsthafter Science-Fiction-Film, dem es wichtiger ist eine Botschaft (Zerstörung unserer Lebensgrundlagen) zu transportieren, als auf vordergründige Action zu setzen.

 

Im Kern geht es um die Beziehung zwischen zwei Generationen (Thorn und Sol). Letzerer kannte noch die bessere Zeit vor dem Zusammenbruch. Voller Melancholie versucht Sol dies Thorn auch immer wieder nahezubringen. Dies führt dann zu einer der eindrucksvollsten Szenen der Filmgeschichte, wenn die beiden wortlos ein 'Festmahl' zu sich nehmen. Eine schauspielerisch exzellente Leistung von Edward G. Robinson und Charlton Heston, die nur durch deren Mimik erzeugt wird.

 

1972 wurde zum ersten Mal der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit mit dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" vorgelegt. Dieses Buch wurde millionenfach verkauft und beschrieb (teils kontrovers diskutierte) Thesen zu Armut, Umweltzerstörung, Ressourcenverbrauch und Geburtenkontrolle. Regisseur Richard Fleischer ("20.000 Meilen unter dem Meer", "Die phantastische Reise") verfilmte "Soylent Green" lose nach dem Roman "Make Room! Make Room!" (1966) des us-amerikanischen Science-Fiction-Autors Harry Harrison (1925-2012). 

 

"Soylent Green" reiht sich ein in eine Riege qualitätsvoller Science-Fiction-Filme, die sich in den 1970er Jahren mit gesellschaftlichen und ökologischen Themen befassten. Beispiele sind: "Colossus" (Colossus: The Forbin Project, 1970) / Künstlicher Intelligenz. "Andromeda: Tödlicher Staub aus dem All" (The Andromeda Strain, 1971) / Biowaffen. "Der Omega-Mann" (The Omega Man, 1971) / Biowaffen. "THX 1138" (1971) / Überwachungsstaat. "Lautlos im Weltraum" (Silent Running, 1972) / Umweltzerstörung. "Westworld" (1973) / Künstliche Menschen. "Phase IV" (1974) / Rache der Natur.  "Flucht ins 23. Jahrhundert" (Logan´s Run, 1976) / Überbevölkerung. "Die Körperfresser kommen" (Invasion of the Body Snatchers, 1978) / Invasion. All diese Filme sind auch 50 Jahre später thematisch noch interessant, was für deren Klasse spricht.

 

Fazit: Dystopischer Science-Fiction-Klassiker mit exzellenten Darstellern.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2021 Harald Kloth

 

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Jacques Semelin: Ohne Waffen gegen Hitler

Eine Studio zum zivilen Widerstand in Europa

 

Göttingen ; Wallstein ; 2021 ; 285 Seiten ; ISBN 978-3-8353-3908-8

 

Buchcover Jacques Semelin: Ohne Waffen gegen Hitler
Copyright © Wallstein Verlag

Eigentlich ist es paradox: Die bekannten militärischen Widerständler um Graf Schenk von Stauffenberg und dem Kreisauer Kreis oder aber Widerstandsgruppen wie die Weiße Rose um die Geschwister Scholl (gerade jetzt zu dem 100. Geburtstag von Sophie Scholl) füllen mittlerweile ganze Bibliotheken und sind vielen auch heute noch bekannt. Jedoch haben diese durch ihre Aktionen für den Bürger 

unmittelbar und ihrem Umfeld kaum was bewirkt (deren Bedeutung für die Nachwelt und dem Ansehen Deutschlands will ich dabei natürlich nicht im Geringsten 

schmälern), im Gegenteil, sogar schlimme Repressalien und noch stärkeren Terror ausgelöst. Dagegen blieben diejenigen, die im Stillen, quasi unaufgeregt, erfolgreich Widerstand geleistet und Hunderttausenden von Menschen das Leben gerettet haben, gerade in der deutschen Literatur fast gänzlich unerwähnt. An diese unzähligen, vielfach eher unbekannten mutigen Taten erinnert Jacques Semelin in seinem bereits 1989 erschienen Buch: "Sans Armes faces à Hitler. La résistance civile en Europe 1939 – 1943" (Éditions Payot), das nun in seiner 2. Auflage übersetzt von Ralf Vandamme unter dem Titel „Ohne Waffen gegen Hitler. Eine Studie zum zivilen Widerstand in Europa“ (Wallstein Verlag, Göttingen 2021) im deutschsprachigen Raum erhältlich ist.

 

Semelin lehrt als Historiker und Politologe am Centre de Recherches Internationales/ (CERI), war u.a. auch schon als Berater der Vereinten Nationen für Genozid-Prävention, und ist ein ausgewiesener Experte für das dunkle Kapitel „Völkermord“. Um es vorwegzunehmen, Semelin hat ein unvergleichliches Standardwerk über den zivilen Widerstand gegen das nationalsozialistische Terrorregime geschrieben.

 

Während allerorten Partisanen mit Waffengewalt gegen die Besatzungstruppen aufbegehrten, war der Widerstand der normalen Bevölkerung in den besetzten Gebieten meist waffenlos. Jedoch hält Semelin den Term „gewaltfreie Aktion“ in  diesem Zusammenhang für wenig zweckmäßig sowie zielführend und wählt stattdessen eben den Begriff „ziviler Widerstand“. Er versteht zivilen Widerstand als „spontanen und unbewaffneten Kampf einer zivilen Gesellschaft gegen einen äußeren Aggressor“. Widerstehen heißt zunächst einmal, nicht zu resignieren sondern zu verweigern. Aus dem puren Trieb der Selbsterhaltung soll das weitestgehend bewahrt werden, was der Besatzer zerstören möchte, mit dem Ziel, die alte Ordnung und die Werte der Vorkriegszeit zu rekonstruieren. Wie der Autor gegen Ende seines Buches unterstreicht, geht es ebenso darum, sich einer destruktiven Welt zu entziehen und stattdessen selbst treu zu bleiben. Am Wirkungsvollsten ist Widerstand dann, wenn ein Minimum an Verlusten ein Maximum an Erfolg erlaubt, also möglichst wenig aufs Spiel zu setzen und trotzdem seine Ziele zu erreichen.

 

Bereits in „Mein Kampf“, so Semelin, hat Adolf Hitler seinen gleichermaßen innen- wie außenpolitischen Aktionsrahmen definiert, den er dann spätestens ab 1939 auf teils brutalste Art und Weise in die Realität umsetzte. Gerade wegen den, dem militärischen Sieg folgenden diversen Besatzungsmethoden, kam es örtlich wie zeitlich ebenso zu unterschiedlichsten Ausprägungen von zivilem Widerstand. Anhand wenig bekannter Beispiele verdeutlicht Semelin, wie erfolgreich diese Art des Widerstands sein kann, wenn dafür gewisse Voraussetzungen gegeben sind. Während es in Nord- und Westeuropa gleichermaßen eine Balance zwischen „milder“ Unterdrückung und Kollaboration gab, ging es Hitler in Ost- und Südosteuropa von Anfang an nur um Völkermord an den von ihm so titulierten „Untermenschen“ sowie um wirtschaftliche Ausbeutung. Gerade in Frankreich, den Skandinavischen Ländern, den Niederlanden, Belgien und Frankreich, also in den „klassisch besetzen“ Gebiete, war gemäß den Studien und Analysen von Semelin der waffenlose Widerstand unter gewissen Bedingungen hinreichend erfolgreich, in den besetzen Ostgebieten, wo es eher um einen ideologischen Krieg ging, war dies schon vielmehr schwieriger oder fast unmöglich. Dort agierte die wütende SS unerbittlich und erstickte jeglichen Widerstand bereits im Keim bzw. machte wie im Warschauer Ghetto mordend alles dem Erdboden gleich.

 

Da sich einerseits die Ideologie, die Besatzungsziele sowie die Art und Weise der Besatzungsexekution und andererseits auf Seiten der besetzten Ländern die Handlungsmöglichkeiten der staatlichen Institutionen unterschieden, hatte dies auch wesentlichen Einfluss auf die jeweiligen Handlungsspielräume der Zivilgesellschaft. Aufgrund der ideologischen Ausrichtung und den zentralen Richtlinien der Reichsführung sollte eigentlich die Besatzungspolitik nach gleichen Grundsätzen praktiziert werden. Trotzdem wechselten die Formen und die Intensität der Besatzung dabei im Laufe des Krieges, was sich auch in einem jeweils unterschiedlichen Lebensalltag der Menschen und in einer Adaption des Widerstands widerspiegelte. So unterscheidet Semelin zwischen fünf Formen der Besatzung nach Kapitulation eines Staates gegen das NS-Reich: Annexion (z.B. westliches Polen, Luxemburg), nationalsozialistische zivile oder militärische Direktverwaltung (z.B. Norwegen, Niederlande, große Teile Frankreichs), Schutzherrschaft (z.B. Protektorat Böhmen und Mähren, Dänemark, Süden Frankreichs) oder Auftragsverwaltung über verbündete Staaten (z.B. Rumänien, Ungarn, Bulgarien). Dementsprechend gab es dann entweder zivile oder militärische „Reichskommissare“ oder wie z.B. in Dänemark „nur“ einen „Reichsbevollmächtigten. Von Bedeutung für jegliche Art des Widerstandes, so der Autor, war einerseits die Intensität der Zusammenarbeit von Besatzern und Besetzten und zum anderen auch wie geschlossen ein Land hinter den Verhaltensweisen ihrer Regierung stand.

 

Ein negatives Beispiel war Frankreich, wo es im Zuge der Etablierung des Vichy Regimes zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kam. Insgesamt aber, so Semelin, war das Verhältnis Besatzer-Besetzte eher ambivalent als „böse-gut“ zu charakterisieren, was auch den anfänglich überall schwachen Widerstand erklärt. Schon meist aus reinem Opportunismus gab es auch hundertausendfache Kollaboration, um seine Lebensbedingungen und der seiner Familie zu verbessern, sich vor Zwangsarbeit oder gar dem Tod zu schützen. Niemand wusste ja, wie lange die Besatzungszeit des stilisierten  „Tausendjährigen Reiches“ dauern würde – zum Glück viel kürzer als viele glaubten und befürchteten. Erst mit der Niederlage von Stalingrad und die auch für alle wahrnehmbare Umkehr der Kräfteverhältnisse zugunsten der Alliierten erfuhr der Widerstand eine spürbare und qualitative Veränderung in Hinblick auf Befreiung.

 

Nach der *militärischen* Niederlage und einer damit *militärisch* besiegten Gesellschaft sollte durch den Widerstand der Institutionen und bestimmter Gruppierungen der Bevölkerung der Kampf gegen den Besatzer um die Kontrolle der  Zivilgesellschaft gewonnen werden. Je eindeutiger dabei die Position der legitimen Macht war, desto größer war der Zusammenhalt oder auch andersherum, Widersprüche im Staatsapparat spiegelten sich in der Gesellschaft wider. Der  Widerstand konnte sich somit mehr oder weniger spontan aus den Bürgern, der Bevölkerung formen oder eher von oben herab durch den Staat oder Organisationen, denen sich dann mehr und mehr anschlossen. Ziviler Widerstand folgte somit drei großen Linien: erstens als Unterstützung militärischer Befreiungsoperationen, zweitens als politischer oder institutioneller Widerstand und drittens als moralisch und ideell motivierter Widerstand, das heißt, trotz aller Repression  mutig weiter den eigenen Werten zu folgen und diese zu verteidigen. Ziviler Widerstand muss nicht unbedingt gewaltfrei bedeuten, aber die Gefahr einer grausamen Gegenreaktion der Besatzer war dadurch geringer und nachweislich wurden die die Nazis sogar eher dann zum Nachgeben gezwungen, wenn der Widerstand ohne körperliche Schädigungen erfolgte. Noch erfolgreicher war man, wenn man gemeinsam für gewisse Werte kämpfte, sich gemeinsam dafür entschied, für gemeinsame Alternativen einzutreten und auch gemeinsam die Verantwortung dafür zu übernehmen. Zielführend war Widerstand also nur, wenn man „an einem Strang zog“, möglichst viele mobilisieren konnte, um sich quasi „massiv-mutig“ der regionalen Besatzungspolitik oder zumindest Teilen davon entgegenzustellen und zu widersetzen – und man war sehr oft damit erfolgreich, da die Faschisten in vielerlei Hinsicht, vor allem im Bereich der Wirtschaft, von der Kooperation der Besetzten abhängig waren. Die „Macht der Worte“, sei es auf Flugblättern, in Zeitungen oder auch über Rundfunk, auch und gerade aus dem Untergrund, war dabei nicht zu unterschätzen. Man versuchte so, nach und nach die Gruppe der „Ungehorsamen“ zu vergrößern bis es zu einer Art massenhaftem Widerstand kam, der den Besatzer dann dazu zwang, Kompromisse in der Erreichung seiner Ziele einzugehen. Der Besatzer sollte dann auch spüren, dass die Besetzten diesen Kompromiss akzeptierten, sich also mit dem Besatzer arrangierten und nicht nach dem Motto „kleiner Finger – ganze Hand“ weitere Forderungen stellten.

 

Trotz der Vielzahl an Widerstandsgruppen gab es kaum länderübergreifende Initiativen und Aktionen, meist war es schon schwierig, innerhalb eines Landes konzertiert den Widerstand aus unterschiedlichsten (politischen und religiösen) Richtungen zu bündeln. Wichtig für den zivilen Widerstand, so Semelin, war die öffentliche Meinung, der emotionale Ausdruck einer Gesellschaft, die so Druck auf den Besatzer ausüben konnte. Dies aber mit der Einschränkung des oftmals begrenzenden Charakters der öffentlichen Meinung. Dies wurde vor allem in der Behandlung der Juden durch das NS-Regime deutlich: Weder die Kirche noch die Gesellschaft hat jemals größer angelegt und nachhaltig gegen die Judenverfolgung protestiert. Man mobilisierte gegen andere Untaten, aber gerade die (öffentliche) Ausgrenzung der Juden blieb unbeachtet. Dies war mit einer Grund seiner zunehmenden Radikalisierung, der schließlich bis zum Genozid führte. 

 

Viele wussten spätestens seit Ende 1941, dass es nach Ausgrenzung und Deportation auch zunehmend zu massenhaften Tötungen bis zur physischen Vernichtung kam. Hitler hatte nie einen Hehl daraus gemacht zu verkünden, mit Beginn des Krieges beginnt die Vernichtung der europäischen Juden. Trotzdem hat niemand die Konsequenzen daraus gezogen, denn, etwas Wissen heißt noch lange nicht etwas Glauben, so der Autor. Das menschliche Vorstellungsvermögen reichte nicht aus, sich das Wüten der SS-Einsatzgruppen und die Massentötungen in den Gaskammern von Auschwitz vorzustellen. Trotzdem gab es natürlich auch Menschen, die es sich zum Ziel setzten unter Einsatz des eigenen Lebens jüdisches Leben zu bewahren, die potentielle Opfer versteckten oder ihnen die Flucht in ein Land ermöglichten, in dem sie erst einmal sicher vor dem Zugriff der Nationalsozialisten waren. „Schutzschirme“ wie Standhaftigkeit des Staates, eine öffentliche Meinung, die diese unterstützte sowie Solidaritätsbewegungen bei Unterstützung der Rettungsaktionen in Verbindung mit Unstimmigkeiten bei den Besatzern versprach hin und wieder Erfolg! Aber die physische Vernichtung der Juden war schon zu weit fortgeschritten, um sie noch aufzuhalten. Die „Genozidmaschinerie“ lief irgendwann auf Hochtouren, gegen die gab es nichts mehr auszurichten. Für Semelin war „Auschwitz das Endstadium einer langanhalten Krankheitsentwicklung mit tiefgreifenden Wurzeln“. Gegen den Genozid war jeglicher Widerstand zwecklos, hier hätte nur frühzeitige Vorsorge geholfen.

 

Semelin räumt im Gegensatz zu den meisten seiner Historikerkollegen dem Schicksal der Opfer und der Vielzahl der Helfer einen breiten Raum ein und gibt somit den Millionen von größtenteils anonym gewordenen Toten eine Stimme. Die  ideologisch bedingten Ursachen des Genozid kann man nur dann in Gänze nachvollziehen, wenn man das grausame Schicksal der Opfer berücksichtigt und auch die Ursachen für das „Wegschauen“ („Davon haben wir nichts gewusst“) hinterfragt. Trotzdem haben viele hingeschaut und unter Einsatz ihres eigenen Lebens geholfen, wo es ihnen mit den beschränkten Mitteln möglich war. Semelin analysiert ohne größere Emotionen, auch bei den Kapiteln zum Genozid, sondern lässt historische Dokumente, Briefe, Verordnungen und Protokolle sprechen. Nur so ergibt sich ein klares Lagebild ohne effektheischende Darstellung des teils Unglaublichen mit einer möglichen falschen Faszination historisch wenig sattelfester Menschen.

 

Semlins Motivation und Anspruch für die dem Buch zugrundeliegende Studie war es herauszufinden, ob eine Gesellschaft von außen auferlegte Aggressionen, Repressionen und Repressalien auch ohne Waffen Widerstand leisten kann. Diesem Anspruch wird er voll gerecht. Für ihn heißt Widerstand leisten auf dem Vorrang fundamentaler Werte vor der Unwägbarkeit einer auferlegten politischen Ordnung zu bestehen. Vereinfacht zusammengefasst konnte sich ziviler Widerstand in Ländern mit demokratischer Tradition und starkem Zusammenhalt der sozialen Gruppen eines Staates am besten entwickeln, die Unterstützung durch die öffentlichen Meinung sowie der Verzicht auf den bewaffneten Kampf waren ihre „Schutzfaktoren“. Ziviler Widerstand erstand bis dato und auch im Zweiten Weltkrieg eher spontan, so dass der Autor am Ende die Frage nach einer „Strategie der zivilen Verteidigung“ aufwirft.

 

Die nationalsozialistische Ideologie fand nicht nur in Deutschland, sondern in fast ganz Europa in unterschiedlicher Ausprägung seine Anhänger. Deshalb ist es laut Semelin auch für viele Länder von so immenser Bedeutung, das Aufbegehren 

durch den zivilen Widerstand neben der gewaltsamen Befreiung zu pflegen, in Erinnerung zu behalten, wie *gemeinschaftlich* das Böse vernichtet wurde. Nur ein starker sozialer Zusammenhalt einer Gruppe gegen einen Aggressor führt in einer kollektive Verweigerung gegen Kollaboration zum Erfolg. Semelin ist ein Meister darin, die Geschichte des zivilen Widerstandes nicht auf eine Ansammlung von Daten und Fakten zu beschränken, sondern dem Leser in nahezu gleichermaßen beängstigender (den Terror des Regimes beschreibend) wie auch ermutigender (die aktiven Taten der Menschen beschreibend) Weise die Umstände, den Antrieb der Täter wie Opfer aber auch die Umstände der NS-Zeit unter Berücksichtigung der internationalen Zusammenhänge in seiner Gesamtheit vor Augen zu führen. Die Darstellung der Zivilcourage der Menschen gerade im Westen und der Hilflosigkeit, ja Ahnungslosigkeit der Juden hinsichtlich ihrer quasi 

vorbestimmten Zukunft in einem Umfeld, das sehr wohl wusste dass deren Zukunft nur im Tod münden kann, zählt zu den historischen Leitungen Semelins.

 

Fazit: Unvergleichliches Standardwerk über den zivilen Widerstand gegen das nationalsozialistische Terrorregime.

 

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2021 Andreas Pickel, Harald Kloth, Cover: Copyright © Wallstein Verlag

 

 

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Memory - Über die Entstehung von Alien

Original: Memory: The origins of Alien, 2019

Regie: Alexandre O. Philippe

 

Cover Blu-ray Dokumentation Memory
Copyright © Atlas Film

Mit dem Science-Fiction-Film "Alien" schuf Regisseur Ridley Scott 1979 ein sehr bedeutendes Werk, das gleichermaßen als Horrorfilm funktioniert. Er startete damit auch ein erfolgreichen Franchise, das bis heute fünf direkte Fortsetzungen, zwei Predator-Crossover-Filme und viele Bücher, Comics, Hörspiele und Computerspiele umfasst. Die Dokumentation "Memory" beschäftigt sich mit der Produktionsgeschichte des ersten Films.

 

Regisseur Alexandre O. Philippe legt den Fokus dieser Dokumentation stark auf die Entstehung des Drehbuchs durch Dan O´Bannon und Ronald Shusett. O´Bannon war vor "Alien" an John Carpenter´s Science-Fiction-Satire "Dark Star" (1974) beteiligt. 1971 verfasste er die ersten 30 Seiten von "Alien" unter dem Titel "Memory", der sich später  zu "Starbeast" weiterentwickeln sollte. Beleuchtet wird ebenso die turbulente Entstehung um die Produktionsfirma Brandywine und des Rückzugs von Regisseur Walter Hill zugunsten Ridley Scotts. Herausgearbeitet werden auch die Einflüsse des Autors H. P. Lovecraft und des "Necronomicon" auf die Bildsprache von "Alien". 

Die berühmte Chestburster-Szene wird ausführlich analysiert. Generell finden sich in den eineinhalb Stunden Laufzeit viele Originalaufnahmen aus diesem Filmklassiker.

 

Hochinteressant sind die zu Wort kommenden Beteiligten. Darunter finden sich illustre Namen wie Roger Corman, die Witwe von Dan O´Bannon Diane, Ronald Shusett (Co-Autor des Drehbuchs), die Schauspielerin Veronica Cartwright (die in "Alien" den Charakter Lambert darstellte), Roger Christian (Art Director) oder Carmen Scheifele-Giger (der Witwe von H. R. Giger). Auch kurze Interviewschnipsel von H. R. Giger und Ridley Scott sind gut in diesen qualitativ guten Dokumentarfilm eingebunden.

 

Schön von Atlas-Film: Der Erstauflage liegen drei Postkarten mit Alienmotiven bei. Die Laufzeit der Blu-ray beträgt 93 Minuten. Sprachspuren: Deutsch und Englisch (5.1 DTS HD Master Audio). 

 

Fazit: Für Fans von Science-Fiction- und Horrorfilmen sehr lohnenswert.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Atlas Film

 

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Fantastische Welten

Die Geschichte des Fantasy-Films und des Science-Fiction-Genres

Stuttgart ; Panini ; 2021 ; 225 Seiten ; ISBN 978-3-8332-4093-5

 

Buchcover: Fantastische Welten
Copyright © Panini Verlag

Die Filmbücher der Zeitschrift "cinema" haben eine lange Tradition. Neben den Filmjahrbüchern gab die Redaktion auch themenbezogene Bücher im Softcover heraus. Bereits 1983 erschien das Buch "Science Fiction", 1988 überarbeitet und wieder mit einer 20seitigen Abhandlung von Filmexperte Dr. Rolf Giesen. 1990 folgte "Science Fiction 2" mit einer Einleitung von Roger Corman und im gleichen Jahr "Science Fiction 3" mit einem Vorwort von John Badham. Phantastik-Freunde freuten sich auch über den Titel "Fantasy & Comic", auch dieser mit einer Einleitung von Dr. Rolf Giesen. All diese Werke sind auch Jahrzehnte später noch lesenswert.

 

Wie "Making Of" (2019), ist auch "Fantastische Welten" als Hardcover erschienen. Das gibt der Reihe "cinema präsentiert" ein sehr wertiges Erscheinungsbild.

 

Nach dem Vorwort "Von Träumen, Androiden, Fabeln und der Macht der Fantasie" von Chefredakteur Philipp Schulze teilt sich der Inhalt in vier Kapitel:

  1. Die Geschichte des Fantasy-Films.
  2. Die 50 besten Fantasy Filme.
  3. Die Geschichte des Science-Fiction-Films.
  4. Die 50 besten Science-Fiction-Filme.

Wie man es von der Filmzeitschrift "cinema" kennt, ist der Seitenaufbau vor allem durch große und hochqualitative Fotos geprägt. Natürlich darunter viele Szenenbilder, aber auch Posterkunst oder Fotos von den Dreharbeiten.

Die Auswahl der beiden "Best-Of-Listen" ist natürlich streitbar, es finden sich wichtige Werke, allerdings mit starken Fokus auf Hollywood und Blockbuster der letzten Dekaden. Vielleicht wäre hier eine zeitliche Einschränkung sinnvoll gewesen, denn so erscheint die Auflistung willkürlich.

 

Ein Titelindex fehlt leider ebenso, wie ein Inhaltsverzeichnis. So eignet sich dieses Werk weniger als filmbibliographisches Nachschlagewerk, sondern mehr als Bilderbuch für Filmbegeisterte. Das macht es allerdings ausgesprochen gut.

 

Fazit: Unterhaltsames Filmbilderbuch für Genrefans.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

Fantastische Welten - Die Geschichte des Fantasy-Films und des Science-Fiction-Genres bei amazon.de

 

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Panini Verlag

 

 

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Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit Dir

Roman

Hamburg ; Rowohlt ; 2021 ; 288 Seiten ; ISBN: 978-3-498-00198-8

 

Buchcover Heinz Strunk Es ist immer so schön mit Dir
Copyright © Rowohlt Verlag

Wer kennt das nicht als Mann im „Mittelalter“: Man beginnt über sein bisheriges Leben zu reflektieren, über das beruflich erreichte, Familie und Kinder, aber noch viel mehr über den IST-Zustand, also wie ist aktuell das Liebesleben, die berufliche Perspektive, wie abwechslungsreich und attraktiv die Freizeitgestaltung, wie sind die Pläne für die Zukunft. Glaubt man den unterschiedlichsten Studien führt das nur in den seltensten Fällen zu einem positiven Blick auf sich selbst, stattdessen würde man mit der berühmten „Wisdom of Hindsight“ vieles anders machen. Die im Beruf Erfolgreichen sind meist mangels Zeit mit ihrer privaten Situation unzufrieden und umgekehrt.

 

Nun gibt es verschiedene Optionen, daraus das für sich Richtige zu schlussfolgern: die einen fügen sich ihrem Schicksal und bleiben nach dem Motto „da weiß ich, was ich habe oder eben nicht habe“ in ihrem Trott, andere drehen nur an einer Stellschraube, z.B. Beruf, und erhoffen sich so Besserung und mehr Frohsinn, andere wiederum stellen ihr Leben in allen Bereichen wohl durchdacht ausgewogen und vor allem langfristig nachhaltig um, und wieder andere gehen das Thema überstürzt an, verfallen einer viel jüngeren Frau, geben sich selbst 20 Jahre jünger, versuchen allgemein, „alte Zöpfe“ abzuschneiden, um aus ihrem eingemauerten Dasein auszubrechen – das ist dann wohl die klassische „Midlife Crisis“.

 

Letzteres durchlebt der Protagonist im neuesten Roman von Heinz Strunk: "Es ist immer so schön mit Dir". Und um es vorwegzunehmen, Strunk, renommierter Autor (… und nebenbei u.a. noch Musiker, Hörspielproduzent und Schauspieler), der sich ganz nebenbei erst seit 1992 so nennt und bürgerlich Mathias Halfpape heißt, gelingt fünf Jahre nach seinem letzten prämierten und auch verfilmten Roman “Der goldene Handschuh“ mit einem ganz unterschiedlichem Inhalt erneut ein Bestseller. Bei Männern geht es nicht allein ums Wollen. Nein, es geht ums Brauchen! Aber können Sie vor allem auch? So einfach könnte man das Buch zusammenfassen.

 

Der Hauptdarsteller in Strunks Buch hat nicht einmal einen Namen, so als stünde er jederzeit austauschbar zig-fach für alle Männer in dieser Lebensphase. Der Roman teilt sich in 23 unterschiedliche Kapitel und wird aus Sicht des „Helden“ erzählt, gewürzt mit seinen jeweiligen Gedanken zu den unterschiedlichsten Erlebnissen und Begegnungen. Er ist Mitte 40 und arbeitet nach einer wenig erfolgreichen Karriere als Musiker (seine anfänglich beliebte Band löste sich bei Erscheinen des dritten Albums nach 10 Jahren an seinem 32. Geburtstag auf) nun als Toningenieur, der u.a. Hörspiele schneidet und vertont. Er lebt, wenn auch in getrennten Haushalten, mit Julia in einer sexuell langweiligen und auch ansonsten wenig belebenden Beziehung. Für ihn gibt sie sich mit der „Banalität des Alltags“ zufrieden, sie hat „den Wunsch, … ein neues Gefühl zu entdecken, … verschwinden lassen, … ausgetrickst“!  Jedes der Wochenenden der letzten Monate, ach Jahre, läuft eigentlich gleich (langweilig) ab und etwaige „Kicks“ sind eher unwahrscheinlich – „und täglich grüßt das Murmeltier“ möchte man da sagen. Er selbst beschreibt das als natürlichen Verlauf einer Beziehung, „aus Liebe, Sex und Zärtlichkeit wird Liebe, Kuscheln, Zärtlichkeit und schließlich Freundschaft, Nähe, Gemütlichkeit“.      

 

Manche Leute leben gerade so, als würden sie noch eine zweite Chance auf ein anderes Leben bekommen, um cool oder reich zu werden oder dann auch immerzu guten Sex zu haben. Deshalb kann man sich im jetzigen Leben auch ein wenig hängen lassen. Das sieht unser Hauptdarsteller anders. Im Spiegel betrachtet, sieht er fast schon narzisstisch nur seine (für ihn verwelkten aber grundsätzlich attraktiven) äußeren Werte, ignoriert sein Seelenleben, also was ihm eigentlich gut tun würde und tauscht Julia gegen die wesentlich jüngere, sehr attraktive Vanessa aus, eine von sich überzeugte, aber erfolglose Schauspielerin mit starkem Hang zu Magersucht.

 

Von nun an werden wir völlig vereinnahmt von den Gedankengängen „unseres  Helden“, der verliebt, aber total verunsichert erst in und dann durch diese Beziehung stolpert. Erst macht sie ihn an, ignoriert ihn dann wieder, hält ihm eine Karotte hin, um sie ihm im nächsten Moment wieder wegzuziehen, antwortet tagelang auf seine Nachrichten nicht, um ihm dann doch zu sagen, dass sie eine richtige Beziehung will und auch schon haben. Er ist hochgradig verwirrt und gleichermaßen eifersüchtig und entwickelt eine Art „negatives Kopfkino“. Selbst wenn sie als Hostess nur auf der Internationalen Fachmesse für Gastronomie und Hotellerie (für ihn Sauf- und Fressmesse) arbeitet, sieht er in seinen Vorstellungen, wie sie es mit Standbetreibern gleich hinter dem Tresen treibt (deshalb für ihn eher Bums- & Sexmesse!). Wenn sie sich immer wieder in ein und derselben Bar treffen, hat er beim Aufhängen seiner Jacke stets das Gefühl, sein Selbstbewusstsein mit aufzuhängen. Sensibel versucht er jegliche verbalen und gestischen Fettnäpfchen zu vermeiden, um dann doch immer wieder hineinzutappen.

 

Trotzdem genießt er jeden noch so kurzen Moment mit Vanessa, redet sich ein, eine halbe Stunde für kurzen aber intensiven Sex hätten eine Ewigkeit gedauert. Küsse mit Vanessa sind die unglaublichsten Küsse seines Lebens, so sehr dürstet er nach „körperlicher Bestätigung“, sprich, er sieht sich noch lange nicht zum alten Eisen gehörend. Er ist quasi überzeugt, dass der Wunsch von dem Menschen begehrt zu werden, den man gerade für den allerattraktivsten hält, ein elementarer Trieb des Mannes ist.     

 

Sie ist mal da, dann wieder weg, ohne zu sagen oder über einen Messenger zu schreiben wo und für wie lange, sie isst kaum, raucht dafür umso mehr  - ja und er trinkt hingegen deutlich zu viel. „Betrunken sein heißt, nicht an den Fragen zu verzweifeln, auf die es keine Antworten gibt“, so seine Theorie. Man weiß gar nicht, wer der kaputtere Mensch unter den Beiden ist. So richtig finden sie nicht zueinander. Sie möchte gerne Kinder, irgendwo in der ländlichen Idylle häuslich werden, er eher nicht, obwohl gerade er jetzt das Alter dafür hätte. Dann lässt er sich mit einer List von Julia, seiner Ex, zu einem nochmaligen Schäferstündchen hinreißen. Vanessa stellt ihn zur Rede, er gesteht und sie scheint ihm zu verzeihen, ja, scheint aber lediglich. Sie reden sich trotzdem ein, sie passen sehr gut zusammen und geben sich in einem der wenigen wirklich romantischen Momenten das Heiratsversprechen. Von diesem Moment an zerbröckelt nach und nach endgültig das Fundament der Liebe (sofern es das je gab), insbesondere als er in den Geburtstag seiner Zukünftigen ausgerechnet mit ihrem besten Freund Tobi so bis zum Exzess hineinfeiert, dass er nicht in der Lage ist, mit ihr am nächsten Vormittag zusammen zu der groß organisierten eigentlichen Geburtstagsfeier in einem eigens angemieteten Lokal zu folgen. „Tobi: das unvorhergesehene Ereignis, das unberechenbare Risiko, der dumme Zufall, die Laune des Schicksal, die ihm das Genick brechen wird.“

 

Sich einen „Aufgewärmten“ angetrunken, eskaliert alles dann bei der Feier, bei er eh schon zu spät erscheint, in einem Wortgefecht mit Vanessas Schwester. Als das „Liebespaar“ dann schließlich alleine am Zimmer ist, sich umarmen, denkt er, sie sehen aus wie zwei Behinderte, die sich das Umarmen von Nichtbehinderten abgeguckt haben. Dick und Doof in Hildesheim! In der Folge fließen nur noch Sturzbäche an Tränen, sie sind ein Verlierer Team, bei dem minus mal minus auch immer nur minus ergibt. Alles weitere kann man sich denken – Trennung! Der „Held“ hat schließlich nichts gelernt, wird zum Party Animal und schnappt sich ein neues junges Spielzeug, aus Vanessa wird Jenny. Er geht aus, feiert, hat Sex und sitzt eben nicht „altersgerecht“ gemütlich Zuhause und erleichtert sich gelegentlich manuell – ihm geht’s so gut, es ist so schön mit mir, glaubt er zumindest. 

 

Das Buch lebt von den Beschreibungen einer an sich absurden Beziehung und den sarkastischen Gedankengänge zu „Gott und die Welt“. Diese humoristische Mixtur machen das Buch so lesenswert. So hat eine Frau für ihn keinen Haarschnitt, sondern eine Versammlung, spraybetonierter Frisuren auf einem einzigen Kopf! Für die etwas „wohlbeleibten“ Lesern sei gesagt: ja, der Held hat Vorurteile gegenüber dickere Menschen, die nimmt er sich in seiner Gedankenwelt mehrmals besonders vor, aber so was muss man halt dann mit Humor nehmen können.           

 

Die Liebe ist eigentlich ein auf und ab, mal Genuss, aber auch mal Leiden, nur hier ist es eher ein Dauerleiden. Sprachlich ist das Buch einfach genial! Sätze und Gedanken in einer Bar wie „… Eine neue Bedienung, Schichtwechsel. Farblos wie eine Maus und massig wie ein Pudding. Als sie sich vorbeugt, riecht es nach kaltem Schweiß. Er findet sie sofort sympathisch. Herrlich das sie hier arbeitet…“ oder „… es sieht aus als hätte es keine Arme, keine Beine, keinen Hals, ein kompakter Block aus Fleisch; Brust und Bauch zu einem Fettkübel verschmolzen. Es könnte sich um eine alte, kranke Schildkröte handeln …, die man aus ihrem Gehäuse gezogen hat, … aber wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen, erkennt man, dass es eine Frau ist…“ gibt es Zuhauf in dem Buch und unterstreichen den sarkastischen Grundtenor.  

 

Sollte es die Intention gewesen sein, die unterschiedlichen Arten und Formen sowie Vorstellungen über das Begehren von Männern tiefer zu ergründen, muss man sehr zwischen den Zeilen lesen. Oberflächlich scheint das Buch erst ein Gegentrend zu der derzeitigen „Me Too“ Diskussion zu sein, aber der „Anti-Held“ lebt nur vordergründig in Taten und vor allem auch Gedanken seine männliche Machtposition gegenüber die ihm über den Weg laufenden Frauen aus. Also bei näherem Hinsehen weit gefehlt: Es geht eigentlich darum, wie sich Männer grundsätzlich selbst durch ihr Verhalten in eine derartige, verständlicherweise missliche Lage bringen, wie Männer zu einer fremdbestimmten Person ihres eigene Egos werden, man fühlt sich irgendwie zuständig für die (sexuelle) Sehnsuchtsbefriedigung von Frauen, übersieht aber die Auswirkungen auf eigenen eigentlichen unbefriedigten Sehnsüchte. Manchmal möchte man dem „Helden“ helfen, soufflieren, was er tun soll oder ihm einen Tritt in den Hintern versetzen, ihm die Augen öffnen, aber er läuft auch sehenden Auges in die eigene persönliche Katastrophe. Der Mensch ist für ihn Opfer seiner Sexualität, dass sich unaufhörlich unter dem Höllenfeuer windet, was ihm die Lenden leckt! … und er ist das größte Opfer!  

 

Der Roman ist gespickt mit teils augenöffnenden Aussagen, oft humorvoll, aber auch genauso oft traurig stimmend. Bei den in dem Buch so zahlreich vorkommenden Weisheiten wie „ein neuer Oldie Sender, der vierundzwanzig Stunden am Tag tote Teenagersongs aus untergegangenen Zeiten versendet“, muss man oft schmunzeln und findet sich teils selbst wieder. Laut Strunk fasst er mit dem Roman eigene Erfahrungen aus 40 Jahren Liebesleben sowie Beobachtungen anderer Menschen zusammen – und, der Autor kann sehr gut beobachten und dies dann pointiert zu Papier bringen. Sollten Gleichaltrige das Buch lesen, kann man sich trösten, dass man offensichtlich nicht alleine mit seinen Lebensreflexionen und auf Lösungssuche ist. Aber man kann nicht vor allem flüchten, flüchten in etwas nur vermeintlich und kurzfristig Besserung Versprechendem und überhaupt kann man vor einem gar nicht flüchten – das ist vor einem selbst!

 

Wenn man sich selbst den Spiegel vor die Augen hält, sollte man sich nicht auf das Äußere fokussieren, was einen primär anspricht, sondern intensiv forschen, was sich dahinter verbirgt, wie sich das Seelenleben gestaltet. Strunks Hauptdarsteller kann wunderbar seine Umgebung beobachten, sie analysieren, voller Sarkasmus sezieren, aber ihm geling es nicht daraus das „so what“ abzuleiten für einen eigenes selbstbestimmteres und selbstbewussteres Leben. So folgt dann auch für den frustrierten Helden der Middle Class erst eine Phase himmelhochjauchzender Liebe und Begehrens, um dann, so wie schon sein ganzes Leben lang, eine Beziehung im Mittelmaß oder noch tiefer verschwinden zu lassen.   

 

Anstelle sich mit seinem Ausbruch aus der Langeweile namens Julia alle Sehnsüchte zu erfüllen, endet alles im totalen Frust. Liebe kann bei Strunk wie eine Stierkampfarena sein, positiv wild wie der anfänglich knisternde Sex mit Vanessa aber auch tödlich endend, wenn der Stier seine Hörner abgestoßen hat und auch die Selbstliebe stirbt… da bleibt mir nur noch jeden, der ähnliches erlebt oder erlebt hat, Charlie Chaplins berühmtes Gedicht „als ich mich selbst zu lieben begann ….“ zu empfehlen.    

 

Fazit: Bei Männern geht es nicht allein ums Wollen. Nein, es geht ums Brauchen! Aber können Sie vor allem auch?

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2021 Andreas Pickel, Harald Kloth, Cover: Copyright © Rowohlt Verlag

 

Bajram/Mangin/Rochebrune: Inhuman

Szenario: Denis Bajram, Valérie Mangin. Zeichnung: Thibaud de Rochebrune

 

Bielefeld ; Splitter ; 2021 ; 100 Seiten ; ISBN 978-3-96219-583-0 ; Hardcover

 

Buchcover Bajram/Mangin/Rochebrune Inhuman
Copyright © Splitter Verlag

Ein Erkundungsraumschiff stürzt auf einen unbekannten Meeresplaneten. Scheinbar teilnahmslos nimmt die Besatzung den Absturz hin, nur der Androide Ellis warnt vor der drohenden Gefahr. Als die Raumschiffcrew in den Ozean stürzt, sterben viele Besatzungsmitglieder. Glücklicherweise helfen krakenartige Aliens den Menschen an die Oberfläche. Am Strand wartet auf die Überlebenden eine weitere Überraschung: Primitive, aber freundliche Menschen, die sich selbst "Das Volk des Wassers" nennen, nehmen sie auf und führen sie in ihr Dorf.

 

Die Crew vermutet bald, dass es sich bei dem seltsam teilnahmslos wirkenden Volk, um eine ehemalige Raumexpedition handelt. Doch erinnern sich die Menschen nicht mehr an ihre Herkunft. Stattdessen bauen sie stupide Salz ab und sprechen ehrfurchtsvoll von einem "großen Hüter". Zudem sind sie Kannibalen. Im Laufe der Zeit stumpfen auch immer mehr Crewmitglieder ab und schließen sich den Einheimischen an.  Ellis die als, weiblich aussehender, Roboter scheinbar immun gegen die unbekannte Macht ist, beschließt dem Gehemnis des Planeten auf den Grund zu gehen ...

 

Valérie Mangin hat mit Denis Bajram bereits mit "Death Experience" eine vierteilige Science Fiction-Serie geschaffen. Zusammen mit Thierry Démarez schuf sie auch die (bisher) elfteilige Historienserie "Alix Senator". Denis Bajram hat mit dem sechsbändigen Zyklus "Universal War One" eine epische Science Fiction-Serie vorgelegt.

 

Das großformatige Science Fiction-Abenteuer lebt von seinen phantastisch aussehenden Farben. Der Absturz bis zum nächsten Morgen ist in bedrohlichen Rottönen gemalt. Bei Tageslicht am nächsten Morgen verwandeln sich die Farben in wunderbares Ozeanblau. Die Welt im Vulkan ist mit leuchtenden Grün- und Gelbtönen gestaltet. Erst am Ende des Buches wird deutlich, dass die Farbgebung auch für die vier Völker des Planeten steht.

 

Interessant ist die Perspektive aus Sicht des Androiden Ellis. Dieser ist durch Fähigkeiten und Künstlichkeit übermenschlich, wirkt auf den Leser aber sympathisch, was man von anderen, menschlichen Charakteren leider nicht behaupten kann.

"Inhuman" ist als abgeschlossener Einzelband konzipiert und hat ein interessantes Ende. Eine Fortsetzung ist aber nicht unmöglich.

 

Fazit: Actionreiches und philosophisches Science Fiction-Abenteuer für Fortgeschrittene in farbenprächtiger Optik.

 

Harald Kloth

4 Sterne
4 von 5

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Splitter Verlag

 

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The Walking Dead, Band 12: Schöne neue Welt

Geschaffen und geschrieben von Robert Kirkman. Zeichnungen von Charlie Adlard. Grautöne von Cliff Rathburn

 

Ludwigsburg ; Cross Cult ; 2011 ; 143 Seiten ; ISBN 978-3-942649-22-3 ; Hardcover

 

Buchcover The Walking Dead, Band 12: Schöne neue Welt
Copyright © Cross Cult Verlag

Noch immer ist die Gruppe unterwegs nach Washington D.C. Der traumatisierte Carl sucht das Gespräch mit seinem Vater, um über die alptraumhaften Ereignisse um die Zwillinge zu reden.

Nur durch einen Zufall realisiert Rick, dass sie von Eugene belogen wurden. Weder hat dieser Kontakt mit Anderen, noch ist er Wissenschaftler oder glaubt an eine sichere Zuflucht in der ehemaligen Hauptstadt.

 

Unvermittelt tritt der Scout Aaron an die Überlebenden heran. Mißtrauisch beäugt, führt er sie zu einer Siedlung mit vielen weiteren Menschen: Alexandria. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Seuche, keimt in Rick Hoffnung auf ein normaleres Leben. Wie sich herausstellt, führt der Kongressabgeordnete Douglas Monroe die umzäunte Enklave an. Rick wird der Posten als Constable angeboten, aber alle Waffen müssen abgegeben werden ...

 

"Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein ... dann ist es meistens auch nicht wahr." (Rick)

 

Nach den vielen Rückschlägen und Tragödien, bietet der kleine Ort Alexandria endlich Hoffnung. Wie sehr würde man Rick und Carl diese Freude gönnen! Doch Autor Kirkman versteht es meisterhaft, hinter die Fassaden der Freundlich- und Verbindlichkeit, Falltüren zu installieren. Als Leser ahnt man, dass Monroe ein Geheimnis umgeben muss, da niemand in dieser Welt anders überleben könnte.

 

Inhaltlich bietet dieser Band einen Mix aus emotionalen Szenen (Carl und Rick), etwas Action und fokussiert sich dann ab der Hälfte auf das Leben in Alexandria. Spannung entsteht hier aus den Konflikten der Neuankömmlinge mit den bisherigen Bewohnern und das Mißtrauen, das Rick und Abraham mit sich tragen.

Die Zombies treten als Bedrohung ziemlich in den Hintergrund. Das hatte sich aber schon in den Vorgängerbänden abgezeichnet und wird nur konsequent weitergeführt.

 

Zeichnerisch bleiben die schlichten schwarz-weißen Zeichnungen auf dem Niveau der Vorgängerbände. Schön sind die großformatigen, manchmal auch doppelseitigen Panels. Wie gewohnt, ergänzen sich Grafik, Text und Stimmung perfekt und schaffen eine dichte und spannungsvolle Atmosphäre.

 

Extras: Der Zombie-Guide Teil 12: Zombiefilme der 1990er von Waldemar Kesler.

 

Der zwölfte Band wurde in deutscher Erstveröffentlichung als Hardcover in schwarz-weiß und preisgünstiger auch als Softcover (2018) veröffentlicht. Außerdem sind die Bände 9 bis 16 im "Kompendium 2" (2014) als Sammelwerk erschienen.

 

Fazit: Zu schön um wahr zu sein - eine neue Zuflucht oder das Verderben? Ein vor allem in der zweiten Hälfte ruhiger aber noch immer spannender Comic.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

The Walking Dead

Band 11: Jäger und Gejagte| Band 12: Schöne neue Welt | Band 13: Kein Zurück

 

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Cross Cult Verlag

 

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Making Of

Hinter den Kulissen der grössten Filmklassiker aller Zeiten

Stuttgart ; Panini ; 2019 ; 207 Seiten ; ISBN 978-3-8332-3826-0 ; Hardcover

 

Buchcover: Making Of
Copyright © Panini Verlag

In der Juni-Ausgabe 2018 (Heft 481) der Filmzeitschrift "cinema" startete erstmals die Rubrik "Die Geburt eines Filmklassikers". Auf sechs Seiten beschrieb Autor Artur Jung die Entstehung des Science Fiction-Klassikers "2001: Odyssee im Weltraum". Mit viel Fachwissen wurde auf wenigen Seiten die Entstehung dieses Kultfilms beschrieben, angereichert mit zahlreichen Fotos, Buchtipps und Querverweisen zur Popkultur.

 

Heute gibt es diese Making Of-Rubrik in der "cinema" noch immer. In der November-Ausgabe 2021 (Heft 522) berichtet Autor Lennart Gotta über die turbulente Produktion des Klassikers "Die sieben Samurai" von Regielegende Akira Kurosawa. Das erfolgreiche Rezept - sechs Seiten spannende Drehgeschichte, garniert mit vielen Fotos - funktioniert noch immer tadellos.

 

Im Panini Verlag erschien 2019 mit dem Titel "Making Of - Hinter den Kulissen der grössten Filmklassiker aller Zeiten" eine Zusammenfassung dieser Magazinbeiträge in Buchform. Dazu wurden für diesen Hardcoverband 25 Texte aus der "cinema" ausgewählt. Die Reihenfolge entspricht nicht mehr der vormaligen Heftform. Die schon in der Filmzeitschrift erstklassigen Texte wurden übernommen, die Aufteilung verändert und teils erneuert. Auch die qualitativ sehr guten Fotos wurden meist neu angeordnet oder erweitert, was sich auch an den Seitenzahlen bemerkbar macht. So haben nun einzelne Beiträge bis zu zehn Seiten (statt sechs im Magazin). Dadurch ist dieses schöne Filmbuch auch für Leser der "cinema" interessant, die die ursprünglichen Artikel schon kennen.

Folgende Filme werden besprochen:

  1. Star Wars Episode IV - Eine neue Hoffnung
  2. Casablanca
  3. Taxi Driver
  4. 2001: Odyssee im Weltraum
  5. Easy Rider
  6. Die Vögel
  7. Alien - Das unheimlich Wesen aus einer fremden Welt
  8. Rambo
  9. Rosemary´s Baby
  10. Spiel mir das Lied vom Tod
  11. Scarface
  12. Lawrence von Arabien
  13. Der Elefantenmensch
  14. Shining
  15. James Bond - 007 jagt Dr. No
  16. Das Schweigen der Lämmer
  17. E. T. - Der Außerirdische
  18. Giganten
  19. Apocalypse Now
  20. The Wild Bunch
  21. Blade Runner
  22. Ghostbusters
  23. Cleopatra
  24. Der Pate
  25. Chinatown

Mit dem Titel "Fantastische Welten" wurde auch dem Fantasy- und Science-Fiction-Genre ein eigenes Werk in dieser schönen Buchreihe gewidmet.

 

Fazit: Die Entstehungsgeschichten 25 bekannter Hollywoodstreifen, gespickt mit zahlreichen Hintergrundinfos. Für Filmfans ist dieses reich bebilderte Filmbuch sehr empfehlenswert.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Panini Verlag

 

 

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Robert M. Zoske: Sophie Scholl: Es reut mich nichts

Portrait einer Widerständigen

 

Berlin ; Propyläen ; 2021 ; 448 Seiten ; ISBN: 978-3-54910-018-9

 

Buchcover Robert M. Zoske: Sophie Scholl: Es reut mich nichts
Copyright © Propyläen Verlag

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“ (Auszüge aus den Verhörprotokollen, Februar 1943; Bundesarchiv Berlin, ZC 13267, Bd. 3)

 

Am 18. Februar 1943, dem Tag als Göbbels in seiner berühmt berüchtigten Sportpalastrede zum „totalen Krieg“ aufrief, wurden die Geschwister Scholl bei der Verteilung ihres insgesamt sechsten Flugblattes festgenommen. Vier Tage lang werden sie der psychisch unmenschlichen Verhör- und Vernehmungsmaschinerie der Gestapo ausgesetzt, zum Tode verurteilt und am 22. Februar 1943, Sophie gerade mal 21 Jahre alt, hingerichtet. Die Festnahmen aller weiterer Mitglieder der Kerngruppe der Widerstandsgruppe die „Weiße Rose“ folgten alsbald. Auch sie wurden zum Tode verurteilt und schnellstmöglich hingerichtet. In der Folge werden insgesamt 8 Prozessen gegen 49 Angeklagte geführt. Um den Zynismus des Regimes zu unterstreichen, die Angehörigen wurden von der Schnelligkeit der Verfahren und Hinrichtungen schlichtweg überrumpelt – oftmals war nicht einmal eine letzte Verabschiedung erlaubt.

 

Aus den unzähligen Publikationen über den Widerstand gegen Hitler stechen zweifellos diejenigen über die „Weiße Rose“ (Titel der ersten vier Flugblätter der Gruppe) und innerhalb derer die über Sophie Scholl hervor. Dies insbesondere jetzt, als sich am 9. Mai ihr Geburtstag zum 100. Mal jährte. Während sich jedoch viele Autoren meist recht unkritisch auf Sophie Scholls zentrale Funktion innerhalb der Widerstandsclique fokussieren und die eigentlich wesentlich aktivere und antreibende Rolle ihres Bruders Hans sowie von Alexander Schmorell negligieren, entmythologisiert sie nun Robert M. Zoske in seinem Buch „Es reut mich nichts. Portrait einer Widerständigen“ ohne dabei ihre unzweifelhaft hohe Bedeutung für die Nachwelt herunterzuspielen. 

 

Nachdem Zoske schon vor drei Jahren in einer Aufmerksamkeit erregenden Biografie Hans Scholls Verdienste ins rechte Licht rückte, gelingt ihm dies gleichermaßen beeindruckend in quasi anderer Richtung mit Sophie Scholl. Zoskes Anspruch ist dabei hoch, er möchte den ganzen Menschen Sophie Scholl beschreiben, Fakten dar- und Fiktionen widerlegen oder wie er es formuliert, die gefühlte Wahrheit durch die historische Wirklichkeit ersetzen – und, um es vorwegzunehmen, dies gelingt ihm mit unzähligen Dokumenten belegt hervorragend.

 

Lina Sofie Scholl (Name gemäß Geburtsurkunde, erst später nannte sie sich Sophie) wurde am 9. Mai 1921 im württembergische Fochtenberg in Baden als viertes Kind von Robert, dem damaligen Bürgermeister der kleinen Stadt, und Magdalena Scholl geboren. Inge (*1917), Hans (*1918) sowie Elisabeth (*1920) waren die älteren, Werner (*1922) und Thilde (*1925) die jüngeren Geschwister. Nach einer kurzen Zeit in Ludwigsburg zog die Familie 1932 berufsbedingt nach Ulm, einer der Zentren der nationalsozialistischen Bewegung, wo Sophie zusammen mit ihren älteren Schwestern die Mädchenoberrealschule besuchte. Dort wohnte die Familie bis zur Hinrichtung von Sophie und Hans. 1935 lernte Sophie in der Schule Susanne Hirzel kennen, die bis zu ihrem Tode ihre beste Freundin wurde. Obwohl, so Zoske, ihr Vater kein überzeugter Nazi war, trat sie, nach einer kurzen Zeit bei den Jungmädels, bereits 1934 dem Bund Deutscher Mädels (BDM) bei, dem sie bis 1941, teils auch in führenden Positionen, treu blieb. Wer heute nur noch die Studentin Sophie Scholl vor Augen hat, übersieht, dass sie davor als Kindergärtnerin (nach dem Abitur ab 1940) und im Reichsarbeitsdienst sowie Kriegshilfsdienst (1941) tätig war und dies stets im Sinne des Systems. Im Juni 1942 zog sie in eine Studentenbude nach München, um dort Biologie und Philosophie zu studieren.   

 

Zoske gelingt es dank einer präzisen Auswertung und Verknüpfung der umfangreichen Dokumente sehr fesselnd, die Entwicklung und das Umfeld von Sophie Scholl und ihren Geschwistern zu beschreiben, beginnend bei dem Elternhaus und der Kindheit sowie vor allem ihren späteren Interaktionen zu Freunden/-innen. Sophie und Hans Scholl bescheinigt er dabei ein außergewöhnlich elitäres Selbstbewusstsein. Schon früh lernten sie in der Auseinandersetzung mit ihrem Vater sich zu profilieren und einen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Ihr ältere Schwester Inge beschreibt Sophie eher als burschikos denn mädchentypisch, Kühnheit, Furchtlosigkeit sowie Waghalsigkeit kennzeichneten ihr zur Folge ihren Charakter. Sophie, zunächst begeisterungsfähig für das Regime und so gesehen gleichermaßen naiv wie andere Altersgenossen, wird als teils „hin- und hergerissene“ Frau beschrieben, stark introvertiert, uneitel und moralischer als vergleichbare junge Frauen. Die Liebe zur Literatur, mitgegeben durch die Familie, gab ihr stets Kraft und machte sie kritisch gegenüber der Ideologie der Nationalsozialisten. Sophie hatte wohl eine weit überdurchschnittliche Auffassungs- und Wahrnehmungsgabe, aus der sie wiederum die für sie notwendigen Handlungen schlussfolgerte. Grundsätzlich war sie aber wie jedes junge Mädchen, oft widersprüchlich, wenig stringent, ihren Weg suchend, aber eben zunehmend kritischer, ihren eigentlichen Charakter entwickelnd. Dabei ist dieser nicht von Egoismus geprägt, sondern die Verantwortung mit Gott für andere Menschen, ihre Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit, führte in ihr persönliches Schicksal. Basierend auf diversen Eindrücken und Erlebnissen vollzog sie nach und nach eine innerliche Abkehr von der NS-Ideologie, die zunehmend ihren Vorstellungen von Menschlichkeit und Zukunft der Welt widersprach und religiös motiviert sah sie den Widerstand als ihre soziale Tat. Für die Verknüpfung von Geist und Tat war sie schließlich bereit, zu sterben.       

 

Generell fühlte sich Sophie eigentlich lieber alleine wohler als in Zweierbeziehungen und vor allem in Gruppen. Mit ihrer auch nach außen getragenen Intellektualität bildete sie einen Gegenpart zu den damaligen Geschlechternormen. Dies war vielleicht auch ein Grund für ihre spätere Stilisierung. Die Vernehmungsprotokolle nach ihrer Verhaftung betrachtend, bestätigt Zoske ihren Ruf als charakterlich unbestechlich, hält allerdings im Gegensatz zu anderen Autoren Sophie Scholl für zu Unrecht als die Hauptaktivistin der Widerstandsgruppe. Basierend auf vor allem einen immensen Fundus an Briefen, gab es für Zoske im Gegensatz zu dem vor allem durch die ältere Schwester Inge dargestellten Meinungsbild, nicht das EINE „Aha-Erlebnis“ um vom „Nazi-Toleranten“ zum aktiven „Nazi-Ablehner“ zu werden und das auch erst entgegen der bisherigen Meinung nicht schon Mitte der 30er Jahre, sondern erst Ende 1941 / Anfang 1942. Dort erlebte sie persönlich beim Kriegshilfsdienst im Schwarzwald mit, wie rücksichtslos, wie menschen- und auch naturverachtend die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik auf den Endsieg ausgerichtet war. Um studieren zu können, wurde sie gezwungen, in der Waffenproduktion aktiv für den Krieg zu arbeiten, was ihrem Gewissen absolut zuwider war. Dies widersprach ihren drei Leitlinien Freiheit, Pflicht und Glauben und führte schließlich zu dem unbändigen Willen, die Hitlerdiktatur zu beenden.      

 

Neben Tagebucheintragungen sowie der Freundschaft zu Susanne Hirzel, ist die wesentliche Quelle sich der Person Sophie Scholls umfassend zu nähern vor allem der Briefverkehr mit ihrem vier Jahre älteren Freund und Offizier der Wehrmacht Fritz Hartnagel, den sie mit 16 Jahren beim Tanzen kennenlernte. Obwohl sie auch miteinander schliefen, wollte sie mit ihm eigentlich eine Beziehung ohne körperliche Liebe. Gelüste und Sexualität verstellten Sophies Ansicht nach nur den Weg für einen objektiven Blick auf die Dinge. Mit Hartnagel tauschte sie sich nicht nur über die aktuellen politischen Themen aus, sondern insbesondere zu literarischen aber vor allem religiösen Themen. Sexualität und Hartnagels Kriegsfreude waren dabei die beiden wesentlichen Konfliktherde in dieser Beziehung. Maßgebend für Sophies religiöse Prägung ist vor allem ein kleines Konfirmandenbüchlein, welches so Zoske, Parallelen zu Sophies späteren Briefen und Tagebucheintragungen aufweist. Gerade mit Fritz Hartnagel kämpfte sie innerlich spirituell beseelt um Glauben und Liebe, ist, wie man so treffend formulieren könnte, einmal himmelhoch jauchzend und dann wieder zu Tode betrübt. Auch wenn in Auswertung dieses in jeglicher Hinsicht leidenschaftlichen Schriftverkehrs die Liebesbeziehung der Beiden durchaus bis ins Detail durchleuchtet wird, ist es doch wichtig, Sophies „Irrungen und Wirrungen“ in der Suche nach Gott und ihrer Auslegung von Glaube aber auch hinsichtlich Liebe, Nächstenliebe, zu beschreiben, spielen diese doch einen wesentlichen Aspekt für den Weg in den Widerstand dar. Erst 1942, als die Wende im Krieg erreicht war, wollte Sie mit dem Glauben als Rückenstärkung, im Bewusstsein der Verantwortung für andere Menschen mit Gott gegen Hitler kämpfen. Jetzt erst überwog das Postulat der Freiheit dem Pflichtgefühl. Sophie wollte dahingehend aktiv was tun und nicht nur mündlich lamentieren und sich über Dinge echauffieren. Basierend auf ihrer Erziehung hatte sie so zunehmend ein starkes Bewusstsein für alles Illegale des Regimes und aus einem inneren Antrieb heraus musste sie aktiv gegen das Unrecht vorgehen. Sophie beurteilte ein Verhalten nicht nach politischen Kriterien, sondern nach den ethischen Maßstäben von „Recht und Unrecht“, nach dem Gewissen, dem inneren Richter über Gut und Böse. Dies arbeitet Zoske sehr deutlich heraus.      

 

Auf dem Weg in den Widerstand ist wohl allen Mitgliedern der „Weißen Rose“ und damit auch Sophie Scholl der innere Antrieb gemeinsam, sich gegen jegliche Autorität zu wehren aber vor allem die absolute Priorisierung der inneren Autonomie: Das von eigenen Werten geleitete Denken und Handeln. Die Widersprüche zwischen den eigenen Werten und den ihnen auferlegten Grenzen des Systems sowie Einschränkungen in ihrer Jugendkultur in Verbindung mit moralischer Verpflichtung brachten sie zusammen. Der Weg in den Widerstand war vielmehr ein schleichender Prozess der Entfremdung von der nach und nach gleichgemachten und uniformierten Umwelt. Die Dynamik der häufigen Begegnungen bei Musik, Studium und politischen Diskussionen führte zu dem Schritt in den aktiven Widerstand: aus Ablehnung wurde 1942 schließlich aktive Auflehnung.

 

In den letzten Wochen vor der Verhaftung ging es dann „Schlag auf Schlag“. Seit Sommer 1942 formierten sich neben Hans Scholl und Alexander Schmorell mit Christoph Probst und Sophie Scholl und wenig später außerdem Willi Graf und Kurt Huber die Kerngruppe der "Weißen Rose". Darüber hinaus versuchten Hans Scholl, Schmorell und Graf nach der Rückkehr von der Ostfront im Herbst 1942 Kontakte zu anderen Oppositionellen aufzubauen. Nach der Orientierungs- und Diskussionsphase gingen sie nun dazu über, mittels Flugblätter das Regime mit den Waffen des Wortes zu bekämpfen. Die Gruppe, so Zoske, war mit ihren Flugplattaktionen eher symbolisch tätig und hatte im Gegensatz zu dem militärischen Widerstand keine politische Alternative parat – also eine „Rose ohne Dorne“, obwohl Zoske diesen Vergleich anders nutzt. Zwischen dem 27. und 29. Januar 1943 erschien das fünfte Flugblatt, mit dem sie erstmals die breite Masse zum Handeln bewegen wollten: In ihren Augen war eine Invasion vom Westen aus nur noch eine Frage der Zeit. "Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!" Die dann wenigen Tage bis zur Hinrichtung sind bekannt. Nach dem Krieg dauerte es, bis die ermordeten Widerständler zu ihrer verdienten posthumen Ehre kamen, personelle Kontinuitäten an entscheidenden Stellen der öffentlichen Verwaltung sowie in politischen Ämtern verhinderten dies lange Zeit.         

 

Zoske stellt, geprägt über ein tief geistliches Elternhaus, die geistige Entwicklung von Sophie in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Erst als Studentin wurde sie nun sehenden Auges mit den Verbrechen des Krieges und der Judenvernichtung konfrontiert und ließ sie zur Widerständlerin werden. Im Gegensatz zu anderen Autoren erschließt Zoske sich aus den unzähligen Quellen, aus dem Lesestoff von Sophie, deren Gedankenwelt und ihren intellektuellen Auseinandersetzungen. Das macht das ´Buch auch so besonders und hebt es aus anderen Publikationen heraus. Seinem eigenen, Anspruch, die Mythen über Sophie historisch kritisch zu hinterfragen, herauszuarbeiten, was ist wahr und was diente nur der Legendenbildung, und damit ihre Entwicklung, ihr Tun und Handeln als Mädchen und junge Frau, aber vor allem ihre Gedanken und damit ihr Wirken für die Nachwelt auf ein neues Fundament zu stellen wird er vollends gerecht. Dazu zählt eben auch, dass ihr Bruder Hans der führende Kopf der „Weißen Rose“ war und Sophie quasi erst postum mit dem Stempel „jung-hübsch—intelligent-weiblich“ dazu erkoren wurde.

 

Hans Scholl hat die „Weiße Rose“ auf den Weg gebracht, seine Schwester hat sie dann mit Leidenschaft zur DER Widerstandsgruppe gemacht. Bei Beiden waren Glauben und Handeln schicksalshaft miteinander verknüpft. Der Glaube, so Zoske, war der Dreh- und Angelpunkt allen Handelns für Sophie, ohne ihn hätte sie den Weg in den Widerstand nicht gefunden. Zoske bezeichnet den Glauben in einem späteren Interview sogar als essentiell für den Widerstand. Sophie hat sich mit ihren Gedanken und ihrem Handeln in Gottes Hand begeben und ihre Aussagen in den Vernehmungen nach der Festnahme waren dann auch vielmehr ein Bekennen zu ihrem religiös bestimmten Antrieb zum Handeln als alles andere – dies war, so Zoske ein langer und teils schmerzhafter Entwicklungsprozess. Im Gegensatz zu Ostdeutschland dauerte es im Nachkriegs-Westen bis aus den vermeintlichen Verrätern Vorbilder, ja Helden wurden. Die Geschwister Scholl waren prinzipiell ganz normale Menschen wie andere auch, aber trotzdem in einem gewissen Sinne bemerkenswerte Einzelfälle. Ihre Aktionen waren sicherlich sehr mutig. Aber Helden gesteht man zu, mutig etwas zu tun, was andere nie machen würden. Da sie aber eigentlich keine Helden waren, hätten wesentlich mehr Leute den Weg in den Widerstand suchen müssen. Aber viele wurden stattdessen zum Täter ...

 

Fazit: Hervorragende Biografie, die Fakten darlegt und Fiktionen widerlegt.

 

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2021 Andreas Pickel, Harald Kloth, Cover: Copyright © Propyläen Verlag

 

 

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Virus Omega, Band 1: Die Vorherrschaft

Text von Sylvain Runberg, Zeichungen von Marcial Toledano

 

Ludwigsburg ; Cross Cult ; 2021 ; 64 Seiten ; ISBN: 978-3-96658-350-3 ; Hardcover

 

Cover Virus Omega, Band 1 Die Herrschaft
Copyright © Cross Cult Verlag

Im Jahr 2020 sterben sechs Milliarden Menschen an der "Grossen Welle". Diese Virusepidemie löst hämorrhagisches Fieber aus und tötet Menschen weltweit auf allen Kontinenten. Die menschliche Zivilisation kollabiert. Das Auftauchen des Virus wird sowohl klimatischen Veränderungen (das Auftauen des Permafrostes in arktischen Gebieten) zugeschrieben, aber auch von Flugobjekten aus dem Weltraum wird vielfach berichtet.

 

Nach dem Virus müssen sich die wenigen Überlebenden zudem mit meterhohen Kreaturen auseinandersetzen. Diese Wesen haben starke psychische Effekte auf Menschen. Einige, wie die fliegenden "Territorier", sind tödlich. Andere, wie die "Niedergelassenen" können bis zu 70 Meter lang werden und vernichten zwar die Vegetation, sind ansonsten aber nicht gefährlich. Die verbliebene Menschheit weiss ansonsten nur wenig über diese Invasoren, da eine Kommunikation nicht möglich ist.

 

Andrew, der seine Familie verloren hat, lebt in einer kommunenartigen Gemeinschaft. Sie betreiben Landwirtschaft und versuchen sich an einer Koexistenz mit den fremden Wesen. Beim Plündern eines Museum in Los Angeles muß er mit anderen Überlebenden kämpfen, kann aber fliehen.

Daneben gibt es eine große Widerstandsgruppe, die mit äußerster Brutalität vorgeht. Sie rekrutiert zwangsweise Soldaten für den erbitterten Kampf gegen die Aliens. Als die Kämpfer in Andrews Siedlung auftauchen und eine blutige Spur hinterlassen, wird er vor eine schwierige Entscheidung gestellt ...

 

Texter Sylvain Runberg ("On Mars", "Orbital") beeindruckt mit actionreicher und spannender Handlung. Geschickt stellt er die unterschiedlichen Gemeinschaften vor und lässt sie im dramatischen Finale aufeinandertreffen. Auffällig ist die inhaltliche Härte. So werden Menschen überfahren (S. 19), mehrfach hingerichtet (S. 22, 51, 58) oder sterben durch Selbstmord (S. 33). Demgegenüber stehen aber auch zärtliche und liebevoll-friedliche Momente. 

 

Zeichner Marcial Toledano ("Tebori") überzeugt mit detailreichen, farbenfrohen Panels. Höhepunkte des Bandes sind das Auftauchen der unbekannten Spezies. Ihre völlige Andersartigkeit lässt viel Raum für Spekulationen und macht so gewaltig Vorfreude auf den nächsten Band.

 

Als Extras findet sich als Einleitung ein zweiseitiger, fiktiver Zeitungsartikel, der die Geschehnisse für den Leser erklärt. Dieser wird auf drei Seiten am Ende fortgesetzt. Außerdem finden sich noch auf drei Seiten Skizzen und Storyboards von Marcial Toledano.

 

Fazit: Der Mensch ist des Menschen ärgster Feind. Brutal, spannend und apokalyptisch.

 

Harald Kloth

4 Sterne
4 von 5

Virus Omega

Band 1: Die Vorherrschaft | Band 2: Die Götter der Sterne

 

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Cross Cult Verlag

 

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Sybille Titeux de la Croix/Amazing Améziane: 1984

Nach George Orwell

Adaption von Sybille Titeux de la Croix und Amazing Améziane

 

Bielefeld ; Splitter ; 2021 ; 231 Seiten ; ISBN 978-3-96219-102-3 ; Hardcover

Cover 1984 von de la Croix/Ameziane
Copyright © Splitter Verlag

 

Es dürfte nicht viele Menschen geben, die George Orwells dystopischen Roman 1984 nicht kennen. Das 1948 verfasste Buch wurde zu einem ikonischen Symbol zur Warnung vor den Gefahren totalitärer Überwachungsgesellschaften und menschenverachtender Diktaturen.

 

Da das Werk ab 2021 in der Europäischen Union keinen Urheberrechtsschutz mehr geniesst, erscheinen im zweiten Pandemiejahr viele neue Romanausgaben. Aber auch drei grafische Umsetzungen im Comicformat. Den Anfang machte im Februar der Knesebeck Verlag (Derrien/Torregrossa). Es folgte im April der Splitter Verlag (de la Croix/Améziane). Und im September der Ullstein Verlag (Nesti).

 

Bereits 2016 arbeitete Zeichner Améziane mit der Texterin Titeux de la Croix an der Comic-Biografiie "Muhammad Ali" (erschienen bei Knesebeck). Nun also auf stolzen 227 Seiten die Adaption eines einflussreichen und wichtigen Buches von George Orwell aka Eric Blair. Améziane zeichnet auf äußerst kreative Weise. Die Panelaufteilungen wechseln sich ständig ab und wirken dadurch sehr dynamisch. Die Figuren sind mit groben Strich gezeichnet, aber ausdrucksstark. Oft fühlt man sich stilistisch an den bekannten Comiczeichner Bill Sienkiewicz (Batman, Elektra) erinnert. Farben werden sehr behutsam eingesetzt, es dominieren Braun-, Schwarz- und Grüntöne. Durch die Licht- und Schatteneffekte erhalten die Seiten eine faszinierende Aura von zeichnerischer Schönheit.

 

Mit großformatigen Propagandaplakaten, die in das Werk eingebunden sind, soll eine visuelle Identität Ozeaniens erzeugt werden. Bis hin zu fiktiven Flaggen von Armee und Marine des seine Bürger unterdrückenden Überwachungsstaates.

 

Mit welcher Sorgfalt dieses Werk erstellt wurde, zeigen auch die verschieden bedruckten Vorsatzblätter: Das vordere zeigt Winstons Wohnung und das hintere den berüchtigten Raum 101 aus der Vogelperspektive. Insgesamt eine bibliophil wirkende Ausgabe.

 

1984 gibt es in vielen Roman-, Hörbuch- und Graphic Novel-Ausgaben.

 

Fazit: 2 + 2= 5. Eine grandiose Umsetzung des Kultbuchs in die neunte Kunst. Wuchtig und plakativ.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Splitter Verlag

 

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The Walking Dead, Band 11: Jäger und Gejagte

Geschaffen und geschrieben von Robert Kirkman. Zeichnungen von Charlie Adlard. Grautöne von Cliff Rathburn

 

Ludwigsburg ; Cross Cult ; 2010 ; 143 Seiten ; ISBN 978-3-941248-90-8 ; Hardcover

 

Cover The Walking Dead, Band 11: Jäger und Gejagte
Copyright © Cross Cult Verlag

Ein schockierendes Ereignis um die beiden Zwillinge Ben und Billy unterbricht die Reise nach Washington. Während die verstörten Überlebenden darüber noch heftig diskutieren, taucht plötzlich ein Pater auf. Der Geistliche Gabriel Stokes führt die Gruppe zu seiner Kirche.

 

Doch schon länger werden die Überlebenden heimlich beobachtet. Dale wird schließlich von den Unbekannten entführt. Schwer verletzt soll er als Köder dienen. Rick muß nun schwere Entscheidungen treffen ...

 

"Bei allem, was wir getan haben, um zu überleben ... Sind wir noch viel besser als die Toten?" (Rick)

 

Und wieder heisst es von einem Gruppenmitglied Abschied zu nehmen, was diesmal sehr schwer fällt. Denn dieser war auf seine Art zutiefst moralisch und damit anders als der Rest. Tiefe Abgründe muss in diesem Band nicht nur Rick als Vater erfahren, sondern auch Pater Gabriel offenbart sich der Gruppe mit einer schweren Schuld.

 

Zeichnerisch ist die Aufteilung durch mehrere ganz- und zweiseitige Panels nun etwas abwechslungsreicher geraten.

 

Extras: Der Zombie-Guide Teil 11: Zombie-Filme der späten 1980er bis 1990 von Waldemar Kesler. Doppelseitiges Foto von Robert Kirkman mit Zombie-Darstellern am Set der TV-Serie.

 

Der elfte Band wurde in deutscher Erstveröffentlichung als Hardcover in schwarz-weiß und preisgünstiger auch als Softcover (2018) veröffentlicht. Außerdem sind die Bände 9 bis 16 im "Kompendium 2" (2014) als Sammelwerk erschienen.

 

Fazit: Tiefe Abgründe und furchtbare Offenbarungen.

 

Harald Kloth

4 Sterne
4 von 5

The Walking Dead

Band 10: Dämonen | Band 11: Jäger und Gejagte | Band 12: Schöne neue Welt

 

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Cross Cult Verlag

 

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The Walking Dead, Band 10: Dämonen

Geschaffen und geschrieben von Robert Kirkman. Zeichnungen von Charlie Adlard. Grautöne von Cliff Rathburn

 

Ludwigsburg ; Cross Cult ; 2010 ; 165 Seiten ; ISBN 978-3-941248-40-3 ; Hardcover

 

Cover The Walking Dead: Band 10, Dämonen
Copyright © Cross Cult Verlag

Um mehr über die Seuche zu erfahren, sind beide Gruppen gemeinsam auf den Weg nach Washington D.C. Als Maggie einen Selbstmordversuch unternimmt, eskaliert das gegenseitige Mißtrauen und zwischen Rick und Abraham kommt es zur direkten Konfrontation. Doch dann gerät Rick in Lebensgefahr und Abraham rettet sein Leben.

 

An einer Abzweigung zur Interstate und Tankstelle rastet die Gruppe. Rick, Carl und Abraham möchten mit einem Abstecher zu Ricks Heimatstadt und Polizeiwache Vorräte besorgen. Doch auf dem Weg dorthin werden sie von drei Wegelagerern überfallen ...

 

"Diese Wesen sind eine Naturgewalt. Es gelten weder Logik noch Vernunft für sie." (Dr. Eugene Porter)

 

Den starken Charakter des (in Band 8 verstorbenen) Tyreese durch Abraham zu ersetzen, war eine gute Idee. Ebenso wie in der Fernsehserie, ist der ehemalige Sergeant ein Macher und entwickelt sich zum Sympathieträger. Die Reise in die Hauptstadt Washington, macht die Comicserie spannend und dynamischer. So trifft Rick das erste Mal auf eine "Herde".

 

Sehr gelungen sind die Charakterisierungen von Rick, der mit seiner toten Frau Lorie telefoniert. Und "Abe", der zwar nach außen autoritär auftritt, aber in den Armen von Rosita einen Zusammenbruch hat, da er Schlimmstes erlebt hat. Deutlich treten hier die traumatischen Störungen der Hauptfiguren zu Tage, die in dieser dystopischen Welt ums Überleben kämpfen. Sie müssen ihre eigenen Dämonen besiegen lernen.

 

Extras: The Walking Dead Character Guide von Christopher Bünte. Bonus-Story: Eine Weihnachtsgeschichte. Der Zombie-Guide Teil 10: Zombie-Filme der 1980er Jahre von Christopher Bünte. Neun Fragen an Robert Kirkman von Marc-Oliver Frisch.

 

Der zehnte Band wurde in deutscher Erstveröffentlichung als Hardcover in schwarz-weiß und preisgünstiger auch als Softcover (2017) veröffentlicht. Außerdem sind die Bände 9 bis 16 im "Kompendium 2" (2014) als Sammelwerk erschienen.

 

Fazit: Ein langer Weg nach Washington. Ein starker Band dieser Reihe, mit vielen Extras an Bord.

4/5 Sterne
4/5 von 5

The Walking Dead

Band 9: Im finsteren Tal |  Band 10: Dämonen | Band 11: Jäger und Gejagte

 

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The Walking Dead, Band 9: Im finsteren Tal

Geschaffen und geschrieben von Robert Kirkman. Zeichnungen von Charlie Adlard. Grautöne von Cliff Rathburn

 

Ludwigsburg ; Cross Cult ; 2009 ; 145 Seiten ; ISBN 978-3-941248-39-7 ; Hardcover

 

Cover The Walking Dead, Band 9: Im finsteren Tal
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Nach dem katastrophalen Angriff des Gouverneurs und vielen Opfern auf beiden Seiten zerstreut sich die Gruppe um Rick in alle Winde. Mit Sohn Carl findet der schwerverletzte Rick in einem verlassenen Haus Zuflucht. Doch sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Der junge Carl muss nun für ihre Sicherheit sorgen. Ein gefährliches Unterfangen, denn die Toten lauern bereits ...

 

"Die Toten machen mir mittlerweile am wenigsten Angst." (Dale)

 

Dieser neunte Band stellt eine Zäsur dar. Die Zuflucht muss aufgegeben werden und die Verluste für Rick´s Familie sind schrecklich. Seine Frau Lori ist tot und (ganz im Gegensatz zur Fernsehserie) lebt auch Carl´s Schwester Judith nicht mehr. Es ist spannend zu sehen, wie sich Comic und Fernsehserie im Umgang mit wichtigen Figuren immer weiter auseinanderbewegen.

 

Die Last, die damit auf dem kleinen Carl ruht, wird äußerst intensiv dargestellt und gehören mit zu den besten Momenten dieser Zombieserie. Der Fokus auf anfangs nur zwei und später wenigen Personen tut diesem Band äußerst gut.

 

Einige ganzseitige Zeichnungen unterbrechen die ansonsten abwechslungsreich und interessant gestalteten Panels. Ansonsten bleiben die Striche wie bei den Vorgängerbänden eher grob.

 

Extras: Der Zombie-Guide Teil 9: Zombie-Filme der 1960er und 1970er Jahre von Christopher Bünte.

 

Der neunte Band wurde in deutscher Erstveröffentlichung als Hardcover in schwarz-weiß und preisgünstiger auch als Softcover (2017) veröffentlicht. Außerdem sind die Bände 9 bis 16 im "Kompendium 2" (2014) als Sammelwerk erschienen.

 

Fazit: Ein intensives Vater-Sohn-Drama und der bisher vielleicht beste Band der Reihe.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

The Walking Dead

Band 8: Auge um Auge |  Band 9: Im finsteren Tal | Band 10: Dämonen

 

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