Do

14

Dez

2017

Alle Jahre immer wieder

Alle Jahre immer wieder

Unbesinnliche Weihnachtsgeschichten

München ; dtv ; 2017 ; 252 Seiten ; ISBN 978-3-423-25388-8

 

16 vergnügliche Kurzgeschichten verschiedenster Autorinnen und Autoren voller Weihnachtswahnsinn auf 244 Seiten in Großdruck erwarten die Leserschaft. Daher ist hier nur eine kleine Themenauswahl dieser Paperback-Anthologie:

Den Auftakt macht eine Verzweiflungstat eines Ehemanns mit sehr kreativen Ideen - natürlich mit  Happy End. Unter dem Decknamen „Der Karpfenstreit“  verbirgt sich die ganze Vielfalt an Möglichkeiten, Weihnachten zum Anlass für Streitigkeiten zu machen.

Vielleicht wird auch die Geschichte einer unerwiderten  Liebe, die auf den Hund kommt und dadurch zum Glück findet, ihr Favorit.
Selbstverständlich kommt aber auch der alljährlich in immer höhere Sphären getriebene weihnachtliche Beleuchtungswettstreit nicht zu kurz und wird facettenreich ins Rampenlicht gerückt.

 

Diese Kurzgeschichtensammlung basiert auf dem 2012 erschienenen Erzählband „Schau wie schön der Christbaum brennt“.

Es ist ein kurzweiliger Erzählband, der die unbesinnliche Seite der „Staaden Zeit“ präsentiert und sie gekonnt und humorvoll aufs Korn nimmt.

Fazit: Bitte nicht ganz ernst nehmen – einfach entspannen und lachen.

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2017 Elisabeth Gonsch Harald Kloth

So

10

Dez

2017

Jean-Paul Didierlaurent: Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky

Jean-Paul Didierlaurent

Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky

Roman

Die Thematik des selbstbestimmten Sterbens  beschäftigt unsere Gesellschaft in zunehmender Weise und wird von Jean-Paul Didierlaurent hier aufgegriffen.

Zwei völlig verschiedene Hauptakteure , welche zudem in absolut grundverschiedenen Arbeitsbereichen tätig sind, werden glaubwürdig und
realistisch in Szene gesetzt.

Wir treffen auf Manelle, eine junge engagierte Haushaltsperle und Angestellte eines Pflegedienstes welche viel Temperament zeigt und bereit
ist, über das vorgeschriebene Maß hinaus Leistung für ihre Kunden zu erbringen. Sie gibt ihren Schützlingen Zuwendung und Wärme. Dennoch ist die Versorgung der kränkelnden Senioren nicht ganz einfach.

Auch der junge Mann Ambroise, der den Beruf eines Thanatopraktikers - ein Leichenbalsamierer - ausübt, geht in seiner Arbeit ganz auf und zeigt im Beruf viel Hingabe und Ernsthaftigkeit. Er leidet sehr unter der Erkenntnis, einem für die Gesellschaft scheinbar abstoßenden Beruf nachzugehen. Partnerschaft und  Liebe scheiterten bislang verläßlich daran.

Als bei Monsieur Dinsky - dritter Hauptakteur und liebgewonnener Kunde Manelles - eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, trifft dieser eine
schwerwiegende Entscheidung mit ungeahnten Folgen.

Jean-Paul Didierlaurent hat eine glaubwürdige, fesselnde Geschichte kreiert, die  meiner Meinung nach tief berührt ohne sentimental zu sein.
Die Entscheidung des Herrn Dinsky ruft verschiedenste Reaktionen in seinem Umfeld hervor. Von Gewissenskonflikten über Verständnis und
Unterstützung reicht die Palette an Emotionen. So begreift der Leser, dass es verschiedenste Sichtweisen auf diese Art und Weise um aus dem Leben zu scheiden gibt, jede einzelne davon ist nachvollziehbar und verdient respektiert zu werden.

Fazit: Dieses Taschenbuch lässt nicht mehr los und ist perfekt für gemütliche Couchtage oder den Urlaubskoffer, trotz der Tragik der Geschichte und der Schwere des zentralen Problems.

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
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© 2017 Elisabeth Gonsch Harald Kloth

Sa

09

Dez

2017

Matthew J. Arlidge: No Way Back

Matthew J. Arlidge

D. I. Helen Grace

No Way Back. Thriller

Reinbek ; Rowohlt ; 2017 ; E-Book, 162 Seiten ; ISBN: 978-3-644-40314-7
 
Jodie Haynes wird nach dem gewaltsamen Tod ihrer Eltern in das Kinderhaus an der Grove Street gebracht. Ihre Schwester Marianne sitzt in der Justizvollzugsanstalt Holloway, weil sie für den Tod der Eltern verantwortlich ist. Für Jodie ist das Kinderheim die reinste Hölle, denn die Leiterin Carole hat vieles, aber keine pädagogische Qualifikation. Ein Fluchtversuch scheitert.

 

Jodie entwickelt einen Plan, wie sie die Verantwortlichen für ihre Vergehen der Polizei ausliefern kann. Der Plan geht auf, dank der Polizistin Grace Simmons, zu der Jodie großes Vertrauen entwickelt. Jodie beschließt schließlich ihren Namen zu ändern, da der Name Haynes stadtbekannt ist.

Jahre später ist sie als Woman Police Constable (WPC) Helen Grace zunächst bei der Verkehrspolizei eingesetzt. Ein vermeintlicher Verkehrsunfall birgt für Helen zu viele Unklarheiten, sodass sie in ihrer Freizeit weitere Ermittlungen anstellt. Sehr schnell wird deutlich, dass sie dabei ist, ein riesiges Komplott aufzudecken. In der eigenen Dienststelle wird dies nicht sehr positiv gesehen. Helen macht trotzdem weiter und merkt, wie gefährlich der Einsatz wird, denn ein zunächst unauffälliger Unfallfahrer zeigt sein wahres Gesicht.

Dieser Kurzgeschichtenband um die Ermittlerin Helen Grace beleuchtet im ersten Teil die Kindheits- und Jugendgeschichte der Protagonistin. Es erfolgt dann ein Zeitschnitt und Helens erste Zeit bei der Polizei beginnt. Der zeitliche Sprung ist sehr gelungen. Nach fünf spannenden Bänden als D.I. Grace ist der Blick in die Vergangenheit und das tiefere Eindringen in die Lebensgeschichte fesselnd gelungen.

Fazit: Kurz und prägnant - ein wahres Muss für alle Helen-Grace-Fans.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

Sa

02

Dez

2017

Harry Bingham: Fiona

Harry Bingham

Fiona. Als ich tot war

Kriminalroman

Reinbek ; Rowohlt ; 2017 ; 504 Seiten ; ISBN: 978-3-8052-0016-5
 
Die Polizeibeamtin Fiona Griffiths hat bei ihr auf dem Revier keinen leichten Stand. Obwohl sie eigentlich in der Arbeitsgruppe für Kapitaldelikte eingesetzt ist, muss sie einen Betrugsfall bearbeiten, der zunächst viel Recherche erfordert. Seit kurzer Zeit ist sie mit ihrem Kollegen Buzz befreundet und genießt die Zeit der Harmonie.

 

Fiona hat sich für die Spezialausbildung Undercoverermittlungen gemeldet und absolviert diese mit Bravour. Gemeinsam mit dem Führungsbeamten Adrian Brattenbury wird die Legende von Fiona Grey entwickelt und Fionas Ermittlungen im früheren Betrugsfall eignen sich hervorragend für einen ersten Einsatz als Undercoverermittlerin.

 

Schnell gelingt es Fiona das Vertrauen der Verantwortlichen zu erlangen. Sie dringt immer tiefer in die kriminellen Machenschaften ein und merkt, dass es auch für sie immer gefährlicher wird. Adrian versichert ihr, dass das Spezialkommando immer in ihrer Nähe ist, aber dann ändert sich der Plan und sie ist auf sich alleine gestellt. Wobei alleine der falsche Ausdruck ist, denn Fiona weiß nicht immer wer sie ist.
 
„Fiona- Als ich tot war“ ist ein solider Krimi, der aufzeigt, wie eine Undercoverermittlung ablaufen kann. Fiona entwickelt sich als eine taffe Ermittlerin. Die Aussage der USA Today auf dem Umschlag „Eine Ermittlerin, die Lisbeth Salander in Mut und Entschiedenheit in den Schatten stellt“, ist aber dann doch etwas hochgegriffen.
 
Fazit: Ein Krimi mit einer tollen weiblichen Hauptdarstellerin

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

Fr

01

Dez

2017

Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia

Barbara Stollberg-Rilinger

Maria Theresia

Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine Biographie

München ; C.H. Beck ; 2017 ; 1083 Seiten ; ISBN 3-406-69748-8

 

Vor 300 Jahren wurde Maria Theresia geboren, ebenso lang wurde sie in unzähligen Büchern, Aufzeichnungen und Gemälden verherrlicht. Schönheit, Ausstrahlung, Liebeswürdigkeit und eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Staatsführung waren bei ihr einzigartig vereint, so die landläufige Meinung. Zu dieser Verehrung trugen nicht zuletzt auch unzählige Gemälde bei, so zum Beispiel von Bernhard Rode, der gleich zu Beginn ihrer Regierungszeit eine hell erleuchtete und zielstrebig erscheinende Maria Theresia mit Baby auf dem Arm als Radierung malte, als sie
die ungarischen Reichsstände zur Unterstützung gegen die Feinde aufruft. Das dem bei weitem nicht so war, stellt nun die Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger in ihrer anlässlich des 300. Geburtstages von Mara Theresia erschienenen Biografie klar. Und um es Vorwegzunehmen, nachdem die letzte wirkliche Biografie über die Königin und Kaiserin fast 200 Jahre alt war, setzt das Buch Maßstäbe nicht nur über die Person sondern auch hinsichtlich seiner Beschreibungen der politischen Rahmenbedingungen und Lebensumstände im 18. Jahrhundert.

Als Maria Theresia mit nicht einmal 23 Jahren die Nachfolge ihres Vaters Kaiser Karl VI. antrat, blieb ihr nicht viel Zeit, sich in die Regierungsgeschäfte einzuarbeiten und sich vor allem mit den Herausforderungen der komplexen europäischen Mächtekonstellationen vertraut zu machen. Sofort mit einem erbitterten Erbfolgekrieg konfrontiert, musste sie sich früh bewähren und das riesige Reich halbwegs zusammenhalten. Einzig Schlesien ging an die aufstrebende Macht Preußen verloren. Während also der spätere Siebenjährige Krieg, als sich  Friedrich II. von Preußen einer großen Übermacht erwehrte, für den preußisch-deutschen Mythos eine zentrale Rolle spielte, war es dieser
Erbfolgekrieg, der den österreichischen Nationalmythos und auch schon früh den Mythos seiner Kaiserin prägte. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil sie eine Frau war, stellte sie sich mit großer Kühnheit ihren mächtigen Gegenspielern und ihre Standhaftigkeit sowie Widerstandswillen blieben nicht ohne Eindruck. Mit Willenskraft gelang es ihr so, das von Zerfall und Überfall bedrohte Reich vor dem Schlimmsten zu bewahren. Und das trotz 16 Kinder (von den 11 Töchtern und 5 Söhnen erreichten zehn das Erwachsenenalter), die sie bis 1756 gebar, das heißt gerade in der Phase der Erbfolgekriege war sie ständig schwanger. Keine geringere als sie selbst empfand das als lästig oder gar unerträglich, konnte sie doch im Gegensatz zu ihrem großen Widersacher Friedrich II. von Preußen nicht selbst hoch zu Ross als Feldherr ihre Armee an vorderster Front führen. So blieb ihr nur, sich beim regelmäßigen und durch sie selbst ins Leben gerufenen „Damen-Carrousel“ (ein Wettbewerb mit Waffen zu Pferde, nur für Frauen, also Amazonen) als weibliche Kriegerin zu präsentieren. In diesem Zusammenhang bietet Stollberg-Rilinger auch detaillierte Beschreibungen der Auswirkungen der Kriege. Zu der damaligen Zeit resultierte nur die Hälfte der Toten aus Kriegshandlungen selbst, die andere Hälfte starb bereits auf dem Marsch zur Schlacht und in den ärmlichen Lagern. Der Teufelskreis aus Krieg, Hunger und Pestilenz war kaum zu durchbrechen. Sieger und Verlierer nach einer Schlacht festzustellen war auch immer nicht einfach, umso wichtiger war es, so Stollberg-Rilinger, Informationsüberlegenheit und Deutungshoheit zu haben, um so den Gegner und dessen Heimatfront nach gewonnener Schlacht endgültig zu demoralisieren.

„Der König ist der schönste Mann, die Königin die schönste Frau und sie müssen es sein, weil sie König und Königin sind“, heißt ein schöner Spruch. Aber die junge Maria Theresia war wohl wirklich eine sehr hübsche Frau, das bezeugten sogar ihre Feinde. So gelang ihr nichtsdestotrotz der Balanceakt zwischen liebender Mutter und Erzieherin auf der einen Seite und die Leitung der Staatsgeschäfte in einem komplexen Vielvölkerstaat auf der anderen Seite in heutzutage kaum vorstellbarer Weise (siehe die Diskussionen zu dem Thema „entweder Mutter oder Karriere“). Manche Historiker sprechen deshalb nicht umsonst von einer Person, die einen Tag „Mann“, also Kriegsherr und
Staatsführer, am anderen Tag „Frau“, also Mutter und Ehefrau war. De facto wechselte sie quasi stündlich die Rollen. Für die Autorin war Maria Theresia`s Regierungsstil dabei von drei Faktoren geprägt: Erstens die Politik das Heilige Römische Reich betreffend war primär immer habsburgische Hauspolitik, zweitens bestimmte sie alleine die Richtung, ihr Ehemann, eigentlich der Kaiser, hatte dem zu folgen und drittens bevorzugte sie jeden Aristokraten oder Verwandten und Verschwägerten vor jeden noch so geeigneten, talentierten und aufopferungsvoll arbeitenden Bürgerlichen. Ein (Un-)tugend, die ihr im Zeitalter der Aufklärung zunehmend hinderlich wurde.

Gerade „Do ut des“ („Ich gebe, damit Du gibst“) war das Herrscherprinzip der Zeit und vor allem der Habsburger Dynastie. Die standesgemäße Besetzung aller wichtigen Posten in Gesellschaft und Militär für Familienmitglieder, die Verflechtung von Adel und Herrscherdynastie, stand im Mittelpunkt des  Handeln und nicht irgendwelche Staatszwecke. Einfach gesagt, der noch so dumme Neffe wurde dem intelligenten Untertanen stets vorgezogen. Wie schreibt die Autorin so treffend: Es galt Ämter für Personen zu finden und nicht Personen für Ämter! Dies galt auch für die Namen ihrer Kinder, die aus demselben beschränkten Reservoir von Heiligen ausgewählt wurden. Es ging dabei also nicht um Individualität, sondern auch hier um das Zeigen von dynastischer Identität und Kontinuität.

Stollberg-Rilinger hat ein beeindruckendes Quellenstudium betrieben. Eine der besten Quellen über das Leben der Kaiserin überhaut sind die Aufzeichnungen von Johann Joseph Graf – später Fürst – Khevenhüller, jahrzehntelang als Obersthofmeister einer der einflussreichsten Amtsträger des Hofes und DER vertraute Maria Theresia. Sein achtbändiges Tagebuch ist eine beeindruckende Chronik des Kaiserhofes seiner Zeit. Dieses Tagebuch nutzend, bringt uns Stollberg-Rilinger neben politischen Themen auch detailgetreu die Rituale und das Leben am Hof näher. Sei es generell der diszipliniert eingehaltene Tagesablauf, die Erziehung der Kinder, Frömmigkeitsübungen, Glückspiel, die Frage nach dem warum der Nutzung unterschiedlichster Sprachen in Schriftverkehr, Gesprächen und Reden, die Bedeutung von den sogenannten Galatagen als
Demonstration der Kleidung von Reichtum und Magnifizenz, mühsam hat die Autorin aus all den zugänglichen Quellen einige sehr informative und interessante Kapitel über das Innenleben am Hofe zusammengetragen. Gerade Zitate aus den Aufzeichnungen von von Khevenhüller geben tiefe und oftmals auch humorvolle Einblicke in das Hofleben. Besonders markant war bei ihr offensichtlich die Obsession nach ständiger Kontrolle der politischen Mit- und Gegenspieler. Aber selbst in Wien war es übliche Praxis, dass die Damen von hohem Stand zwei Männer
hatten, einen für den Namen und einen für das Bett. Ein Umstand, der Maria Theresia neben ihrer permanenten Eifersucht einen „Keuschheitskommission“ einführen ließ, die u.a. Kutschen und Privatwohnungen kontrollierte. Dies ging selbst ihren engsten Vertrauten zu weit. Kontrolle betraf aber vor allem die Familie. Kaum ein Kind verließ den elterlichen Hof ohne Spitzel und Aufpasser.
Von der Fortpflanzung hing die Stabilität der gesamten herrschaftlichen Ordnung ab, die Weitergabe von Stamm, Rang, Namen, Gütern und Privilegien galt als Rechtfertigung für die Kontrolle der Sexualität. Aber wie sich gerade am Ende ihrer Regierungszeit zeigte scheiterte sie daran, alles und jeden zu kontrollieren. Stollberg-Rilinger beschreibt es als Ironie, dass sie ihren Kindern am wenigsten Vertraute, diese sogar gegeneinander  ausspielte, aber von denjenigen, denen sie am meisten Vertrauen schenkte, z.B. Kaunitz, am perfektesten hintergangen wurde.

Im Verständnis höchster Richter und Gesetzgeber zu sein, wählte sie "Iustitia et clementia" als Motiv ihrer Herrschaft, also im weitesten Sinne Gnade vor Recht ergehen lassen. Unveränderlich in ihrem Leben blieb aber der Bezug zur Religion. Sie war aufgrund des dynastischen Erbrechts von Gott zur Herrschaft beauftragt. Der Schutz der katholischen Länder, die Ehre der Dynastie und das Wohl der Erbländer waren für sie nicht zu trennen und sie trug einzig vor Gott – und nicht mittels des Papstes - Verantwortung für die Religion ihrer Untertanen. Ihre Anhängerschaft für den Jansenismus, eine Bewegung der katholischen Kirche mit dem Ziel der Rückbesinnung auf die ursprüngliche christliche Lehre, bildete immer wieder Konfliktstoff nicht nur mit dem Papst sondern auch mit ihren der Aufklärung gegenüber offenen Kindern.

Trotz eines unbändigen Willens und Kraft wurde es mit der Zeit immer schwieriger, an allen „Baustellen“ des Reichs und interfamiliär erfolgreich zu handeln. Sie arbeitete unermüdlich, ließ sich alles vorlegen, wollte alles prüfen oder lesen, ob nun Gerichtsurteile, Depeschen, Briefe oder auch Berichte über ihre Kinder. Dies wurde irgendwann zu viel, Quantität statt Qualität. Dies als sie insbesondere von der Aufklärung mit ihrem neuen Zeitgeist eingekreist wurde, mit dem sie überhaupt nichts anfangen konnte. Zwar hat auch sie Reformen eingeführt, die aber werde systematisch noch mit einem klaren Ziel versehen und deren Folgen für die Bevölkerung kaum nachweisbar waren. Die Kritik spürend, hat
sie in ihrer Regierungszeit (1750/51 und 1755/56) zwei bedeutende Rechtfertigungsschreiben verfasst, die man später „Politische Testamente“
nannte. Ziel beider Schriften war es, bei ihren Nachkommen Verständnis für ihr Handeln zu finden.

Auch wenn das Buch über 850 (mit Anmerkungen, Bibliografien, Literaturverzeichnis etc. über 1000) Seiten dick ist, ist es unheimlich
kurzweilig. Trotz 300 Jahre zwischen dem heute und dem damals ist es gespickt mit Anekdoten und detaillierten Beschreibungen des Lebens an einem kaiserlich-königlichen Hof mit all seinen Ritualen und Besonderheiten. Viele Historiker schwelgen geradezu, Maria Theresia liebte ihre Untertanen und wurde von ihren Untertanen geliebt, ja angebetet. Voltaire nannte sie die „Herrscherin aller Herzen“, eine Art „Diana des 18. Jahrhunderts“ also. Aber neben der Darstellung von Maria Theresia und ihrer Entourage liefert das Buch, insbesondere im Rahmen der Erzählungen über ihre Töchter und Söhne, auch einen exzellenten Blick in die anderen europäischen Königshäuser und wer mit wem,
wann, wie und wieso verknüpft und verbandelt war oder es – sehr zum Leidwesen der betroffenen Kinder - werden  musste (so z.B. die jüngste Tochter Antonia, die den französischen  Thronfolger Ludwig XVI. ehelichen musste und als Marie Antoinette Madame La Dauphine eine eigene historisch bemerkenswerte Persönlichkeit wurde).

Treu blieb sie aber nicht nur ihren Prinzipien und der alten Ordnung, treu blieb sie vor allem ihrem Mann, Kaiser Franz Stephan, und dies wirklich von Kindheit an bis zu dessen Tod am 18. Augst 1765, also 15 Jahre vor ihrem eigenen Ableben Dabei übersah sie wohl auch den einen oder anderen Seitensprung ihres Gemahls und akzeptierte, dass er ein schlechter Feldherr und Reichsführer war. Dieser hatte in der Politik nicht viel zu melden. Obwohl als Franz I. Stephan zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gekrönt, Maria Teresia war dies als Frau nicht möglich, hatte sie in allen Angelegenheiten „die Hosen an“ und er war nur schmückendes Beiwerk. Als Königin von Böhmen und Ungarn war sie mit Böhmen Teil, mit Ungarn außerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Ich glaube, es gibt angenehmere Konstellationen für Ehepaare. Nach dem Tod ihres Gatten in tiefem Trauer, verstärkte sich mit der Übernahme der Kaiserkrone durch ihren Sohn Joseph sich ihre zunehmende (Lebens-)Unzufriedenheit. Es kam zu massiven Rollenkonflikten aufgrund gegensätzlicher Temperamente, Prinzipien, Denkrichtungen und Reformwilligkeit. Der Starrsinn beider Protagonisten, die Autorin spricht hier sehr treffend von einem kommunikativen Labyrinth“, führte dazu, dass sie sich mehr und mehr aus dem Wege gingen und auch für die Untertanen spürbar teils konträr und gegensätzlich regierten. Der 29. November 1780, der Todestag Maria Theresias, an dem Joseph sofort begann all die bisher durch seine Mutter blockierten Reformen in die Tat umzusetzen, war so gesehen für viele das Ende einer Epoche, aber für andere auch ein notwendiger Neubeginn, der Beginn einer neuen Ära.

Insgesamt also gleichermaßen ein Buch über die Königin wie über das Mitteleuropa im 18. Jahrhundert und über die Geschichte des Hauses Habsburg. Stollberg-Rilinger gelingt es unter sorgfältiger Auswahl und Verwendung all der Quellen und dem Wechsel von Prosa, Analyse und Zitaten meisterhaft, Maria Theresia so darzustellen, wie sie in ihrer damaligen Zeit wahrgenommen wurde. Mit der Weisheit des Rückblicks ist man immer schlauer, hilft aber meist nicht, die Entscheidungen der Zeit zu rechtfertigen oder zu verteufeln. Deshalb ist die Perspektive aus dem damals so wichtig. Die Autorin entmythologisiert sicherlich nicht Maria Theresia, dazu besteht auch kein Anlass. Unter dem Strich hat sie aus einem übernommenen Trümmerhaufen ein solides Haus hinterlassen. Aber sie geht trotzdem sehr kritisch mit ihrem Erbe um und rückt ihre jahrhundertlange Glorifizierung ins rechte Licht. Gerade ihr Widerstand gegen wirkliche Reformen und, im Gegensatz zu ihrem Sohn und späterem Kaiser Joseph II., gegen die Aufklärung, hinterlassen doch den Eindruck einer dem Traditionalismus zu sehr verfallenen und somit 100 Jahre zu spät geborenen Monarchin. Fortschritte in Wissenschaft und Technik sowie der aufkommende Freiheits- und Gleichheitsgedanken überspülten schließlich ihre Form von Regieren.

 

Fazit: Insgesamt ein Buch, das völlig zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat und man geschichtsinteressierten Verwandten und Bekannten unbedingt unter dem Weihnachtsbaum legen sollte.

 

Andreas Pickel

5 Sterne
5 von 5

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© 2017 Andreas Pickel, Harald Kloth

So

26

Nov

2017

Jojo Moyes: Kleine Fluchten

Jojo Moyes

Kleine Fluchten

Geschichten vom Hoffen und Wünschen

Reinbek ; Wunderlich ; 2017 ; 136 Seiten ; ISBN 978-3-8052-0017-2

Dieses kleine hochwertige Büchlein enthält neun Kurzgeschichten der Bestsellerautorin Jojo Moyes.

Im Kern jeder Geschichte geht es um große Lebensthemen, um Schein oder Sein. Ist das Leben, das man führt auch wirklich so, wie man es sich vorgestellt hat? Oder könnte es ganz anders verlaufen, wenn die Weichen an bestimmten Stellen neu gestellt werden?

In jeder Geschichte lösen banale Dinge wie ein gefundenes fremdes Handy solche Was-wäre-wenn-Überlegungen aus und wirbeln das Leben der Protagonisten durcheinander. Kann die Erfüllung eines Herzenswunsches  – und sei es nur ein ganz bestimmter Mantel – wichtiger sein, als finanzielle Sorgen und Nöte?

Da führt die im Fitnessstudio vertauschte Tasche mit den darin enthaltenen tollen Schuhen plötzlich zu erfolgreichen Vertragsabschlüssen inklusive Sonderzahlung und gibt dem Leben eine neue Wendung.

Und kann es sein, dass ein Raubüberfall in einem Juweliergeschäft für zwei der Beteiligten in einer wunderschönen Erfahrung mündet? Am Ende geht es oft auch um die Erkenntnis, dass das Leben so wie man es führt eigentlich ganz in Ordnung ist.

Die wundervollen Illustrationen von Daniela Terrazzini geben jeder Geschichte dabei noch eine ganz besondere Note.

Für treue Leser von Jojo Moyes ist diese Kurzgeschichtensammlung ganz gut geeignet, die Zeit bis zum Erscheinen des neuen Romans zu überbrücken. Und Neulinge werden feststellen, welch grandiose Geschichtenerzählerin Jojo Moyes ist.

Fazit: Eine schöne Kurzgeschichtensammlung, die sich aufgrund der hochwertigen Ausstattung auch zum Verschenken eignet.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

Sa

25

Nov

2017

Marie Tourell Søderberg : Hygge

Marie Tourell Søderberg

Hygge

Das große Glück liegt in den kleinen Dingen

München ; mvg ; 2017 ; 224 Seiten ; ISBN 978-3-86882-820-7

 

Die zufriedensten Menschen der Welt leben in Dänemark.

 

Das mag vielleicht daran liegen, dass die Dänen das Rezept zum Glücklichsein kennen. Die Hauptzutat dabei heißt Hygge.
Das Wort Hygge bedeutet im Kern Gemütlichkeit, steht aber für sehr viel mehr – beispielsweise auch dafür, sich an den kleinen Dingen im Leben zu erfreuen.

Mit diesem Buch möchte die dänische Schauspielerin Marie Tourell Søderberg ihren Leserinnen und Lesern das Konzept von Hygge nahebringen.
In dem schön bebilderten Buch kommen sehr viele Menschen zu Wort, die erklären, welchen Stellenwert Hygge in ihrem Leben einnimmt und wie sie am liebsten hyggeln. Neben diesen sehr persönlichen Erfahrungen gibt es auch zahlreiche praktische Tipps und Rezepte für viele hyggelige Momente im Alltag.

Damit sich Hygge einstellen kann, müssen die persönliche Einstellung und auch die Atmosphäre stimmen. Erzwingen lässt sich dabei nichts.
Wenn es im Herbst von Tag zu Tag grauer und dunkler wird, sehnt man sich auch außerhalb Dänemarks nach Wärme und gemütlicher Atmosphäre.

 

Aber wie die Autorin sehr schön verdeutlicht, ist in jeder Jahreszeit Platz für Hygge. Ob man nun die ersten warmen Sonnenstrahlen im Frühling genießt oder den Duft des Sommers in Form von Marmelade in Gläsern konserviert – zu jeder Zeit gibt es die kleinen Momente, die das Leben noch ein wenig lebenswerter machen.
Man muss sie nur erkennen und zu nutzen wissen.

 

Und weil sich wahre Freude nur auskosten lässt, wenn sich jemand anderes mitfreut, macht zusammen hyggeln natürlich am meisten Spaß.

Dieser wunderbare Ratgeber, der sehr persönliche Erfahrungen mit allgemeinen Tipps und Informationen kombiniert, transportiert mit jeder Zeile und jedem Bild die unaufgeregte dänische Lebensart.

Einziger Kritikpunkt an dem Buch ist die viel zu kleine Schriftgröße des Textes. Diese hätte ruhig größer ausfallen dürfen. So wirken die Texte leider stets etwas verloren auf dem weißen Grund.

Fazit: Dieses Buch ist für alle, die Lebensfreude à la Dänemark kennenlernen oder verschenken möchten und sollte wirklich in jedem Bücherregal stehen.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

Fr

24

Nov

2017

Dora Heldt: Im Grunde ist alles ganz einfach

Dora Heldt

Im Grunde ist alles ganz einfach

Vom Weltuntergang, von freien Gehirnzellen und Frauenparkplätzen

München ; dtv ; 2017 ; 214 Seiten ; ISBN 3-423-25389-4

 

Auf 215 Seiten widmet sich die Autorin Situationen, Begebenheiten und Gedankengängen, die dem Großteil der Leserinnen und Leser bekannt vorkommen dürften. Dabei handelt es sich nicht um die großen Katastrophen im Leben, die uns aus der Bahn werfen. Es sind vielmehr die kleinen Schikanen des Alltags, die Dora Heldt gekonnt und auf amüsante Art und Weise präsentiert.

Das Buch ist eine wahre Fundgrube: Beziehungsprobleme, Einkaufen, Familie, Urlaub, die beste Freundin und viele weitere Themen bieten ein schier unerschöpfliches Repertoire an menschlichen Kuriositäten. Keineswegs übertrieben jedoch schonungslos offen setzt sich die Autorin in kurzen Geschichten von meist drei bis vier Seiten Umfang damit auseinander.

Das Taschenbuch eignet sich hervorragend zum Überbrücken lästiger Wartezeiten, als kurzweiliger kleiner Schmöker für zwischendurch oder als 'Schmunzeltablette' im Alltag. Die erfrischende Situationskomik ist Garant für spontane Lacher und gute Laune.

 

Dieses Taschenbuch erschien als ungekürzte Ausgabe 2017 bei dtv Großdruck, ist aber auch in Normaldruck erhältlich.

Fazit: Kurzweilig, amüsant, geschenktauglich.

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
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© 2017 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Fr

03

Nov

2017

Oliver Pötzsch: Die Henkerstochter und der Rat der Zwölf

Oliver Pötzsch

Die Henkerstochter und der Rat der Zwölf

Historischer Roman

Berlin ; Ullstein ; 2017 ; 681 Seiten ; ISBN: 978-3-548-28837-6

 

Vorgängerband: Die Henkerstochter und das Spiel des Todes

 

Der Schongauer Henker wurde in den Rat der zwölf – eine zunftähnliche Vereinigung der besten bayerischen Henker – berufen. Zusammen mit seiner Familie macht sich Jakob Kuisl auf den Weg nach München. Dort angekommen, bekommt er es gleich mit einigen Leichenfunden zu tun. Mehrere junge Frauen wurden offensichtlich vom selben Täter umgebracht. Da die Morde an Hinrichtungen erinnern, wird man schnell auf die Gruppe der Henker aufmerksam. Als auch noch einer von ihnen getötet wird, und Kuisl selber einem Mordversuch entgeht, sieht er sich zum Handeln gezwungen.

Wie immer mischen alle Kuisls, mehr oder weniger freiwillig und tatkräftig, im Geschehen mit und tragen somit ihren Teil zur Aufklärung bei. Denn neben dem Treffen der Henker, das schnell in den Hintergrund gerät, haben einige Familienmitglieder ganz eigene Beweggründe für ihren Aufenthalt in der aufstrebenden, Bayerischen Residenzstadt an der Isar.

Im nunmehr siebten Band seiner Henkerstochter-Saga gelingt es dem Autor spielend verschiedene, voneinander scheinbar unabhängige, Ereignisse zu einem großen Ganzen zusammen zu führen. Er stellt Beziehungen zwischen Täter und Opfern her, die sich am Ende als schlüssig und stimmig herausstellen. Durch überraschende Wendungen kommt keine Langeweile auf. In manchem trostlosen Szenario finden sich sogar humorvolle Momente, die die Geschichte auflockern. Oliver Pötsch bindet auch konkrete historische Ereignisse und Persönlichkeiten in seine Erzählung ein. So lässt er in der Beschreibung Münchens die besondere architektonische Entwicklung unter dem Einfluss der Kurfürstin Henriette Adelaide anklingen. Die Bildsprache gelingt ihm so gut, dass man die Personen in ihrer Umgebung vor Augen hat. Der Schreibstiel ist wie immer flüssig.

Beiläufig skizziert Oliver Pötsch in diesem Historischen Roman auch seine Henker von der illustren Persönlichkeit bis hin zur traurigen Gestalt. Dem Leser wird somit einmal mehr vor Augen geführt, dass Menschen hinter den geächteten Männern standen, die  mehr als  dunkle, grausame Gestalten waren. 

In einem ruhigen aber spannenden Finale offenbart sich ein Täter, dessen Motive durchaus zu denken geben. Hier spricht Oliver Pötsch wieder mal eine zeitlose und schwierige Thematik an.

Für Leser die es genauer wissen wollen, bietet der Band zusätzlich eine Karte des historischen München, ein Personenverzeichnis, und einen Stadtführer mit empfohlenen Touren „Auf den Spuren der Henkerstochter“.

Fazit: Ein sehr gelungener und  lesenswerter historischer Kriminalroman den man auch ohne die Lektüre der vorangegangenen Bände lesen kann.

Cornelia Krellner

5 Sterne
5 von 5

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© 2017 Cornelia Krellner, Harald Kloth

Mi

01

Nov

2017

Jérémy Fel: Die Wölfe kommen

Jérémy Fel

Die Wölfe kommen

Thriller

München ; dtv ; 2017 ; 397 Seiten ; ISBN 3-423-26143-9

 

Der Debütroman von Jérémy Fel nimmt seinen Anfang in den siebziger Jahren in Kansas, als ein Teenager sein Elternhaus anzündet und damit seine Eltern ermordet. Es folgen weitere Kapitel, die den Namen des jeweiligen Protagonisten tragen und von abgrundtief bösen Gewalttaten oder Morden handeln. Dadurch erscheint der Roman erst als eine beliebige Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die sich teils in den USA und teils in Europa abspielen. Allerdings merkt man bald, wenn man das Buch aufmerksam liest, dass es Beziehungen zwischen den Protagonisten der einzelnen Kapitel gibt.

 

Diese raffinierte Erzählweise und die Verflechtungen der einzelnen Personen und Handlungen machen diesen Thriller zu einem literarisch sehr interessanten Thrillerdebüt. Jérémy Fel gelingt es die Spannung kontinuierlich zu steigern und lässt uns in menschliche Abgründe blicken. Er beschreibt die teils sehr blutigen und gewalttätigen Szenen in allen Einzelheiten, so dass sich dieses Buch nicht für zartbesaitete Gemüter eignet. Der Schreibstil ist flüssig und der Autor schafft es trotz der ständig wechselnden Hauptpersonen gute Charakterbeschreibungen abzuliefern.

Fazit: Ein sehr interessant konstruierter Thriller, der sich aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählweise von den meisten seines Genres unterscheidet. Aufgrund der sehr detailliert beschriebenen und brutalen Gewaltszenen nichts für schwache Nerven. Auf weitere Werke dieses Autors darf man gespannt sein.

 

Katrin Hildenbrand

5 Sterne
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© 2017 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

So

22

Okt

2017

Jens Henrik Jensen: Oxen - Das erste Opfer

Jens Henrik Jensen

Oxen - Das erste Opfer

(Oxen-Trilogie. Band 1)

München ; dtv ; 2017 ; 464 Seiten ; ISBN: 978-3-423-26158-6 ‎

 

In Spanien wird ein toter Hund an einen Baum gehängt. Kurze Zeit später verunglückt der Hundebesitzer bei einem vermeintlichen Verkehrsunfall. Kurz darauf erleidet der Hund eines Kopenhagener Anwalts dasselbe Schicksal. Der Anwalt ertrinkt wenig später bei einer Kanutour.

 

Zeitgleich hat sich der frühere Elitesoldat Niels Oxen in einem Waldgebiet niedergelassen, weil er Abstand von der Welt benötigt. Fast täglich wird er von einem der sieben Alpträume heimgesucht. Nachdem der ehemalige Chef-Diplomat der EU verstirbt und Niels Oxen in unmittelbarer Nähe des Tatorts war, wird er von der Polizei verdächtigt. Niels einziger wahrer Freund, sein Hund Mr. Whitey, hängt kurze Zeit später ebenfalls tot an einem Baum. Der Chef des Inlandsgeheimdienstes macht sich dies zu Nutze und heuert Niels als inoffiziellen Mitarbeiter an.

 

Dies stößt in seiner Abteilung nicht bei allen auf große Freude. Niels Verbindung zum Geheimdienst ist Margrethe Franck. Nach und nach wird deutlich, dass auch innerhalb dieser Behörde nicht immer jeder weiß, was passiert. Nils entdeckt Spuren und versucht diesen nachzugehen aber kurz vor dem jeweiligen Ziel wendet sich das Blatt. So werden zwei Personen in unmittelbarer Nähe seiner Ermittlungen umgebracht.

 

Ein Netz aus Macht zeigt sich auf, und Niels weiß nicht mehr, wem er vertrauen kann. Die Ereignisse können von verschiedenen Seiten betrachtet werden und Niels wird klar, dass die Wahrheit mehr als biegbar ist.

 

Mit dem ersten Teil der "Oxen-Trilogie" legt der Autor einen spannenden Grundstein. Der Hauptakteur hat in der Armee alle Auszeichnungen erhalten, die man erhalten kann. Gleichzeitig ist er gezeichnet durch das, was er im Dienst erlebt hat. Auf eindringliche Weise entsteht so ein Psychogramm des Helden, der mit der schweren Krankheit Posttraumatisch Belastungsstörung zu leben hat.

 

Fazit: Ein fulminanter Serienbeginn.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

Fr

20

Okt

2017

Steve Jobs: The Lost Interview

Steve Jobs: The Lost Interview

Regie: Paul Sen

(USA 2011)

Steve Jobs (*1955 +2011) war einer der faszinierendsten Unternehmerpersönlichkeiten der neueren Geschichte. Der Gründer der Computerfirma Apple gab Robert X. Cringely im Rahmen der Fernsehdokumentation "The Triumph of the Nerds: The Rise of Accidental Empires" 1995 ein seltenes Interview. Cringeley interviewte für diese dreiteilige TV-Dokumentation bekannte Namen wie Douglas Adams, Paul G. Allen, Steve Ballmer, Larry Ellison und viele andere.

 

Wie Cringeley am Anfang von "The Lost Interview" erklärt, war das vollständige Interview mit Steve Jobs verschollen und wurde nach Jobs Tod nur durch Zufall wiedergefunden. Was für ein Glück! Zum Zeitpunkt dieses Interviews hatte Jobs Apple schon seit zehn Jahren verlassen, war bei der Computerfirma NeXT erfolgreich und sah seine ehemalige Firma Apple im Sterben liegen. Er konnte damals noch nicht ahnen, dass er nur ein Jahr später wieder zum Geschäftsführer von Apple aufsteigen und die Firma wieder zum Erfolg bringen sollte.

 

Interessant sind die fast 70 Minuten deshalb, weil Jobs vollkommen authentisch wirkt. Seine Erzählungen aus den Anfangstagen sind spannend, etwa die Geschichte wie er sich mit Steve Wozniak als Henry Kissinger ausgab um den Papst anzurufen (natürlich kostenfrei). Seine Abneigung gegen Microsoft formuliert er nicht etwa verachtend, sondern er begründet seine Meinung damit, dass Microsoft - im Gegensatz zu Apple - keine erstklassigen Produkte herstellen würde. Diese Momente sind von solch entwaffnender Glaubwürdigkeit und die Sätze von Jobs mit so viel Charisma ausgesprochen, dass man den Kult um die Person Steve Jobs sofort nachvollziehen kann.

 

Filmtechnisch sollte man von diesem Zeitdokument keine Wunder erwarten: Die Kamera bleibt die ganze Filmdauer über auf Jobs Gesicht verhaftet. Cringely stellt die Fragen aus dem Hintergrund. Lediglich kurze Kommentare des Interviewers unterbrechen die Antworten von Jobs und ordnen das Gesagte für das Publikum historisch ein.

 

Fazit: Hochinteressante Einblicke in die Geschichte und Persönlichkeit eines Visionärs.

 

Harald Kloth

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Harald Kloth

Do

19

Okt

2017

V. S. Gerling: Die Farm

V. S. Gerling

Die Farm

Thriller

München ; Edition 211 ; 2017 ; 431 Seiten ; ISBN 978-3-95669-088-4

 

Nicolas Eichborn, mittlerweile Leiter des Amtes für Innere Sicherheit in Berlin und seine Freundin und Kollegin Helen Wagner sind gerade dabei die neue Wohnung zu kreieren, da stößt einer ihrer Kollegen auf einen Zusammenhang von Entführungen und Überfällen auf Geldtransporte. Bisher ist noch keiner auf die Idee gekommen, in dieser Hinsicht zu ermitteln. Das Team befragt die Angehörigen und nach und nach wird klar, dass die Fälle mehr zusammenhängen als anfangs gedacht. Es werden immer junge Paare entführt, die alle eine Gemeinsamkeit haben. Sie können auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen und wenden sich alle an eine Kinderwunschklinik.

 

Aber was passiert mit den Entführungsopfern und warum begehen die Männer kurz nach der Entführung jeweils einen Überfall auf einen Geldtransporter? Eichborn und sein Team tappen zunächst im Dunklen, aber bald wird klar, dass sie Dinge aufwühlen, die so mancher lieber im Dunkeln belassen will. Die hohe Politik mischt sich ein und wieder einmal wird deutlich, dass Eichborn nicht der geborene Diplomat ist.

 

Die Entführungsopfer kommen alle in die Farm, wo sie im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet werden. Die Ermittler sind den Tätern auf der Spur aber immer kurz vor oder nach der Festnahme sterben sie, so dass keine Beweise zu sichern sind.

 

Nach „Das Programm“, „Falsche Fährten“ und „Sieben Gräber“ legt V.S. Gerling mit „Die Farm“ den vierten Teil um die Ermittler Eichborn und Wagner vor. Der Thriller greift ein aktuelles Thema wie den Organhandel auf und es entspinnt sich ein spannender Plot, der immer wieder tolle Wendungen bereithält. Die oft unkonventionelle Art des Chefermittlers verleiht dem Ganzen eine schöne Färbung.

 

Fazit: Solider Thriller.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

So

15

Okt

2017

William Saroyan: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich

William Saroyan

Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich

Storys

München ; dtv ; 2017 ; 201 Seiten ; ISBN 3-423-28137-5

 

Das vorgenannte Buch beinhaltet eine Sammlung von 16 Stories, welche im Zeitraum von 1934 bis 1950 in New York, London und San Francisco veröffentlicht wurden. Es ist eine Homage an den 1981 verstorbenen Autor. Diese einzigartigen Geschichten skizzieren treffend den Charakter der damaligen Zeit.

 

Es erwartet uns eine bunte Mischung alltäglicher und doch schicksalhafter Begebenheiten. Kurze, in sich abgeschlossene Geschichten erzählen - in Ich-Form gehalten - von der Härte des täglichen Lebens.

 

Voller Details, weit ausschweifend und facettenreich erleben wir eine Welt voller Kontraste: Klein gegen Groß, Arm gegen Reich, Einfalt gegen Schlauheit, Migranten neben Einheimischen und Fairness versus Ungerechtigkeit.

 

Der tägliche Kampf um Arbeit, Geld und Überleben zeigt sich in Alltäglichem und besitzt doch eine bestechende Einzigartigkeit.
Die Episoden nehmen uns mit in die Vergangenheit, gleichzeitig zeigen sie eindeutige Parallelen zur Gegenwart auf, wie sie aktueller nicht sein könnten.

 

Das Vokabular ist einfach gehalten und somit ohne Schwierigkeiten gut zu lesen. Ein sehr ausführliches Nachwort sowie die anschließende Bibliographie runden das 201 Seiten starke, gebundene Buch ab.

Fazit: Ein gesellschaftskritisches Buch, das zum Nachdenken anregt ohne aufdringlich zu sein und den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu spannen vermag.

 

Elisabeth Gonsch

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Fr

06

Okt

2017

Chris Cleave: Die Liebe in diesen Zeiten

Chris Cleave

Die Liebe in diesen Zeiten

Roman

München ; dtv ; 2017 ; 495 Seiten ; ISBN 978-3-423-26140-1

 

London im Jahre 1939. Der Zweite Weltkrieg hat gerade begonnen und die eifrige junge Mary North meldet sich freiwillig zur Truppenunterstützung. Als sie 'bloß' als Hilfslehrerin eingeteilt wird, ist die Enttäuschunng zunächst groß. Mary hätte viel lieber spannendere und in ihren Augen wichtigere Tätigkeiten ausgeübt. Nachdem die Kinder bald aus Sicherheitsgründen aufs Land evakuiert werden, scheint sich der Job auch schnell wieder erledigt zu haben. Aber Mary gibt nicht auf und bekniet Tom, der bei der Schulbehörde tätig ist, so lange, bis sie einige verbliebene Kinder unterrichten darf. Bald ist das Verhältnis zwischen Mary und Tom nicht mehr nur beruflicher Natur.

 

Eines Tages treffen Tom, Mary und deren beste Freundin Hilda auf Toms besten Freund Alistair, der sich freiwillig zur Armee gemeldet hat und gerade auf Heimaturlaub ist. Hilda ist ganz hin und weg von dem gutaussehenden Uniformierten, doch der hat nur Augen für Mary. Auch Mary fühlt sich zu Alistair hingezogen, aber die beiden finden nicht den Mut, sich zu offenbahren. So reist Alistair wieder ab und die anderen bleiben zurück.

 

In der Folgezeit müssen alle Beteiligten schmerzlich erfahren, wie grausam der Krieg sein kann. Jeder versucht auf seine Weise mit den schrecklichen Erlebnissen und Verlusten zurecht zu kommen. Immer wieder stellt sich die Frage, ob Liebe stärker sein kann als der Krieg und die damit verbundenen Gräuel. Gelingt es Mary im kriegsgebeutelten London die Zuneigung zu Alistair, der auf Malta stationiert ist, bis zu einem möglichen Wiedersehen zu konservieren? Die Inspiration für diesen Roman holte sich der Autor Chris Cleave aus der eigenen Familiengeschichte.

 

Sein Großvater war nämlich wie Alistair auf Malta stationiert und seine Großmütter haben den Krieg ähnlich tapfer wie Hilda und Mary überstanden. Die Recherche an Originalschauplätzen mag dazu beigetragen haben, dass viele Details äußerst plastisch dargestellt werden.

 

Auch die Kriegsereignisse selbst werden schonungslos geschildert. Obwohl die Thematik alles andere als leichte Kost ist, entwickelt die Geschichte eine Sogwirkung, der man sich gerne hingibt.

Fazit: Tief berührend. Diesen Roman sollte man gelesen haben.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

So

01

Okt

2017

Jürgen Siegmann: Schattenmensch

Jürgen Siegmann

Schattenmensch

Thriller

Edition 211 ; 2017 ; 269 Seiten ; ISBN: 978-3-95669-086-0
 
Tarek Bajari ist aus Libyen geflohen und lebt als illegaler Einwanderer (Schattenmensch) in Köln. Zusammen mit anderen geht er wechselnden Beschäftigungen nach. Als er einem Bekannten einen Freundschaftsdienst erweisen will, gerät er mitten in einen Mordfall und alle halten ihn für den Mörder von Anwalt Dr. Probst.

 

Tarek gelingt die Flucht, doch ab jetzt muss er noch viel vorsichtiger sein, denn nicht nur die Polizei ist hinter ihm her. Kurze Zeit später liegt die Frau des ermordeten Anwalts tot im Swimmingpool. Nachdem erneut der Ausländer Tarek für diesen Mordfall verantwortlich gemacht wird, heizt sich die politische Stimmung auf. Die Rechten haben mit ihm ihren Sündenbock ausfindig gemacht.

 

Tareks psychische Belastung nimmt stetig zu, denn er weiß bald nicht mehr, auf wen er sich überhaupt noch verlassen kann. Nur sein Freund Marco und seine Freundin Simone stützen ihn. Als Marco von Tareks Verfolgern halb totgeschlagen wird, steht für Tarek fest, dass auch er in höchster Gefahr ist und um sein Leben fürchten muss.

 

Er kommt einem geheimnisvollen Rätsel auf die Spur, weiß aber immer noch nicht, wie stark seine Gegner sind. Als bei einer Kundgebung ein aufstrebender Politiker erschossen wird, will man auch dies Tarek anlasten. Tareks Lage scheint aussichtslos, da sich alles auf ihn als Täter konzentriert.

 

Jürgen Siegmann ist mit Schattenmensch ein sehr guter Thriller gelungen, der die Themen unserer Zeit genial aufgreift. Siegmann spannt einen großen Bogen von den Ereignissen des Oktoberfestattentats in den achtziger Jahren bis zur Flüchtlingssituation in unserer Zeit.
 
Fazit: Ein packender Politthriller.

 

Matthias Wagner

3 Sterne
3 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

Mo

25

Sep

2017

Max Annas: Illegal

Max Annas

Illegal

Roman

Reinbek ; Rowohlt ; 2017 ; 236 Seiten ; ISBN: 978-3-498-00101-8  

 

Kodjo lebt seit über 10 Jahren in Deutschland, besser gesagt in Berlin. Er hat keinen Aufenthaltstitel und muss damit rechnen, nach Ghana abgeschoben zu werden, sollte die Polizei auf ihn aufmerksam werden. Er hat Arbeit gefunden im Cafe Hibiskus, so dass er sich wirtschaftlich über Wasser halten kann. Dennoch hat er im Cafe Hibiskus Arbeit gefunden und kann sich dadurch wirtschaftlich über Wasser halten. Seine Freundin Janette, die in der Immobilienbranche tätig ist, quartiert ihn ab und zu in einem abbruchreifen Haus ein, wenn sie ihre Wohnung für sich haben will.

 

Eines Tages beobachtet Kodjo, wie im Haus gegenüber eine junge Frau umgebracht wird. Er sieht den Täter und dieser auch ihn. Damit beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Täter will natürlich verhindern enttarnt zu werden. Kodjos Flucht erstreckt sich quer durch Berlin und in der Zwischenzeit ist nicht nur der Täter hinter ihm her. Wo kann er hin? Wo sich verstecken, denn als „Schwarzer“ unter „Weißen“ fällt man auf?  

 

Max Annas legt mit Illegal einen Roman vor, der die Themen unserer Zeit aufgreift und dabei gleichzeitig aufzeigt, wie Berlin tickt. Anhand des Protagonisten Kodjo zeigt er auf, was es bedeutet, ohne Aufenthaltsstatus im Schatten der Gesellschaft mitten in einer Großstadt zu leben, vor allem wenn man auch noch verdächtigt wird, einen Mord begangen zu haben.

 

Fazit: Ein intensives Gesellschaftsporträt mit einem dramatischen Ende.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

Mo

11

Sep

2017

John Strelecky: Was nützt der schönste Ausblick

John Strelecky

Was nützt der schönste Ausblick, wenn du nicht aus dem Fenster schaust

München ; dtv ; 2017 ; 125 Seiten, ISBN 3-423-28122-7

 

Die Freunde des Buches „Wenn du Orangen willst, such nicht im Blaubeerfeld“ dürfen sich auf das neueste Werk von John Strelecky freuen. Viele neue, inspirierende Gedanken hält das Buch für den interessierten Leser bereit. Es gibt Denkanstöße, motiviert, macht Mut und gibt Kraft für Veränderungen.

 

Wer sich auf den Sprung von der all gegenwärtigen Oberflächlichkeit in die Reflexion des eigenen Handelns einzulassen vermag - ja, es wagt insich zu gehen und hinein zu hören - wird mit einer Reihe von „AHA“-Erlebnissen belohnt.

 

Durch Momentaufnahmen unseres automatisierten Denken und Handelns arbeitet der Autor Stück für Stück Verhaltensweisen heraus, welche zu Schieflagen in unserem Leben führen. Dabei kann man die in „Ich-Form“ gehaltenen Texte sowohl auf sich selbst als auch auf den Verfasser projizieren.

Durch gezielte Fragestellung zu unterschiedlichen Situationen, welche jeder bereits einmal erlebt haben dürfte, hilft er dem Leser bei der Selbstreflexion und überlässt ihm die Wahl für sich etwas „herauszupicken“ - ohne dabei aufdringlich zu wirken. Immer wieder kommt man zu der Erkenntnis, dass es die kleinen Dinge sind, die großes bewirken können.

Das gebundene Buch im handlichen Taschenbuchformat besticht durch eine einfache, leicht verständliche Sprachwahl. Der vergrößerte Zeilenabstand vereinfacht das Lesen. Die ansprechenden Illustrationen harmonieren durch Farb- und Motivwahl mit den jeweiligen Textinhalten.
Aber Achtung: Es wäre schade, diese Lektüre an einem Stück zu „verschlingen“. Die einzelnen Gedankengänge würden in der Vielfalt der Denkanstöße verblassen. 

Fazit: Ein perfektes Buch mit „Nachhall“ für ruhige Momente . Immer wieder gut aufs Neue zu lesen.

 

Wolfgang Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2017 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth

So

10

Sep

2017

Mhairi McFarlane: Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt

Mhairi McFarlane

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt

Roman

München ; Knaur ; 2017 ; 544 Seiten ; ISBN 978-3-426-51984-4
 
Das Leben von Edith, die von allen nur Edie genannt wird, ist eigentlich ganz in Ordnung. Sie hat einen guten Job als Texterin in einer Londoner Agentur mit einem ihr wohlgesonnenen Chef und netten Kollegen. Als Jack und Charlotte – ebenfalls Kollegen von Edie heiraten, sind alle aus der Agentur zur Hochzeit eingeladen. Als der Schwerenöter und frischgebackene Ehemann Jack die verdutzte Edie während der Feier küsst und die Braut die beiden auch noch in flagranti dabei erwischt, wird die arme Edie zur Zielscheibe des Hasses. In den sozialen Medien wird sie auf das Übelste beschimpft und erniedrigt und weiß dabei nicht einmal, wie ihr geschieht, denn schließlich wurde sie von Jacks Kuss ziemlich überrumpelt.

 

Da trifft es sich sehr gut, dass Edies Chef einen Auftrag für sie hat, der sie zurück in ihre Heimatstadt Nottingham führt – weg von all dem Mobbing durch die Kollegen. Sie soll als Ghostwriterin eine Autobiographie für den irrsinnig gutaussehenden Schauspieler Elliot Owen schreiben, der gerade für Dreharbeiten in Nottingham weilt. Dieser gibt sich vorerst ziemlich überheblich, aber mit der Zeit werden sich die beiden vertrauter und erzählen sich gegenseitig von ihrem Leben inklusive der Dinge, die man ansonsten lieber verschweigt. Für Edie wird der Aufenthalt auch zur Reise in die Vergangenheit und bietet ihr die Gelegenheit sich mit  ihrer Schwester Meg und ihrem Vater auszusprechen. Als dann auch noch der Kontakt zu ihren Jugendfreunden Nick und Hannah wieder auflebt, muss Edie feststellen, dass Nottingham eigentlich gar nicht so schlecht ist, wie sie dachte.

 

Auch wenn die Geschichte schon sehr an den Haaren herbeigezogen ist, schafft es Mhairi McFarlane durch ihre tolle Art des Erzählens, dass man diese Tatsache sehr schnell ausblendet und voll und ganz in diese Liebesgeschichte eintaucht. Die bietet neben fiesen Intrigen, dummen Zufällen und witzigen Dialogen auch Nachdenkliches und natürlich so einiges an Herz-Schmerz.

 

Fazit: Leicht und luftig wie ein Sommertag - ein absoluter Wohlfühl-Roman!

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth

Sa

09

Sep

2017

Scott Bergstrom: Cruelty

Scott Bergstrom

Cruelty - Ab jetzt kämpfst du allein

Thriller

Reinbek ; Rowohlt ; 2017 ; 429 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27266-0

 

„Auf jeden Fall möchte ich all diesen Männern danken, für das, was sie mich gelehrt haben. Für das Training, dass sie diesem unmenschlichen Ding in mir verpasst haben, dass jeden Tag größer und stärker und härter wird. Ich gebe ihm den Namen Cruelty, Grausamkeit.“

Gwendolyn Bloom ist 17 Jahre alt und lebt zusammen mit ihrem Vater in New York. Da der Vater seinen Arbeitsplatz immer wieder wechselte, kam sie schon viel rum in der Welt und spricht fünf Sprachen. In der Schule ist sie aber nicht gerade der Liebling ihrer Mitschülerinnen. Gwendolyns Mutter kam bei einem Attentat ums Leben und ausgerechnet an deren Todestag, der zugleich auch der Geburtstag des
Vaters ist, erklärt dieser, dass er dienstlich nach Paris müsse. Kurz danach stehen Mitarbeiter des Geheimdienstes vor der Tür und erklären Gwendolyn, dass ihr Vater verschwunden sei. Schnell merkt sie, dass ihr Vater sie hinsichtlich seiner beruflichen Tätigkeit angelogen hat.

Nachdem Gwendolyn so gut wie keinem traut, muss sie letztlich die Suche nach ihrem Vater selbst in die Hand nehmen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, der in Paris beginnt, sich in Berlin fortsetzt und zum Show-down in Prag führt. Während sich die Schattenseiten des Menschlichen immer stärker zeigen, muss sich Gwendolyn entscheiden, auf welcher Seite sie stehen will.

Cruelty ist ein spannender Thriller, der aus der Perspektive der Hauptprotagonistin erzählt wird.

 

Scott Bergstrom nimmt seine Leser mit auf die rasante Tour in die Unterwelt. Auch die Geheimdienste und deren Vorgehensweise spielen eine entscheidende Rolle und immer wieder stellt sich die Frage, welche Mittel erlaubt sind, um Einblick in die Unterwelt zu erhalten.

Fazit: Ein unterhaltsamer Thriller.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2017 Matthias Wagner, Harald Kloth

Fr

08

Sep

2017

Chris Carter: Death Call

Chris Carter

Death Call - Er bringt den Tod

Thriller

Berlin ; Ullstein ; 2017 ; 413 Seiten ; ISBN 978-3-548-28952-6

 

Der achte Band der Reihe um den Profiler Robert Hunter und seinen Partner Carlos Garcia beginnt mit dem grausamen Mord einer jungen Frau, die nackt an einen Stuhl gefesselt, das Gesicht von Scherben zerschnitten, schrecklich verstümmelt wird. Ihre beste Freundin Tanya wird kurz vor Ausführung der Tat vom Mörder per Videoanruf auf ihrem Smartphone angerufen und könnte mit der Beantwortung von zwei Fragen ihre Freundin retten. Damit beginnt für Hunter und Garcia die Jagd nach einem Serienmörder, der seinen Opfern in den sozialen Netzwerken auflauert.

 

Leider wurde in diesem Band das Geschehen gar nicht aus der Sicht des Serienkillers geschildert. Man taucht so gar nicht in die Gedankenwelt des Mörders ein. Der Autor hat sich wie gewohnt wirklich Mühe gegeben neue ausgefallene Mordszenarien zu entwickeln, bei denen einem der Atem stockt. Dieser Thriller ist nichts für schwache Nerven und Leser, die Gewaltszenen in allen Details ungerne lesen.

Chris Carter gelingt es die Spannung von Beginn an konsequent zu halten und schafft es, dass man das Buch auf den letzten 100 Seiten kaum mehr aus der Hand legen möchte, als sich die Ereignisse überschlagen. Dazu trägt auch der einfache Schreibstil bei und die recht kurzen Kapitel mit vielen Cliffhangern.

 

Allerdings wirkt die Auflösung unglaubwürdig. Der Mörder wird eher zufällig gefunden und von Chris Carter mit einem zweifelhaften Motiv aus dem Hut gezaubert.

 

Die Story ist insgesamt etwas dick aufgetragen und es scheint als wollte Chris Carter unbedingt einen Thriller zum aktuellen Modethema „Soziale Netzwerke, Smartphones und Selfies“ schreiben.

Fazit: Ein harter und spannender Thriller, der für viele Stunden gute Unterhaltung bietet, jedoch unter der lieblosen Auflösung leidet. Auch für Leser geeignet, die die vorherigen Bände nicht gelesen haben, da kein Vorwissen vorausgesetzt wird.

 

Katrin Hildenbrand

4 Sterne
4 von 5

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© 2017 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

Di

05

Sep

2017

Nora Berger: Die gefährlichen Intrigen des Marquis de Cinq-Mars

Nora Berger

Die gefährlichen Intrigen des Marquis de Cinq-Mars

Roman

München ; Bookspot ; 2017 ; 534 Seiten ; ISBN: 978-3-95669-077-8

Henri Coiffier Ruzé d'Effiat, Marquis de Cinq-Mars war ein französischer Adeliger am Hof von König Luis XIII. im 17. Jahrhundert. Ihn und seine Verschwörung gegen Kardinal Richelieu nimmt die Autorin als Grundlage für Ihren Roman um Liebe, Intrigen, Freundschaft und Verrat.

Gleich zu Beginn führt sie dem Leser das tragische Ende ihres Protagonisten vor Augen. Rückblickend erfahren wir wie es dazu kam. Nora Berger öffnet zunächst drei Handlungsstränge. Da ist die junge venezianische Kaufmannstochter Gabriella, die aus Prestigegründen den hochnäsigen Julian de Rochebonne aus verarmtem, französischem Adel heiraten soll. Ihr Herz hat sie jedoch schon lange an Angelo, den mittellosen Hirtenjungen mit der geheimnisvollen Vergangenheit verschenkt.


Zur gleichen Zeit muss sich Kardinal Richelieu (der erste und einflussreichste Minister Frankreichs) mehrerer Mordversuche erwehren.
Sein Ziehkind, Henri de Cinq-Mars, zaudert währenddessen mit seiner Position am Königshof und versucht seine Stellung durch intrigantes Handeln zu verbessern.

Nora Berger führt die Geschicke dieser Personen schnell zueinander und treibt die Geschichte zügig voran. Dabei beschreibt sie Henri de Cinq Mars als egoistischen, ehrgeizigen und hochgradig naiven jungen Mann, der einem Gegenspieler wie Kardinal Richelieu nicht im Mindesten gewachsen ist. Die Darstellung des Kardinals ist sehr gelungen. Die Autorin bedient sich hierbei aus historischen Quellen. Selbst Kleinigkeiten, wie die Vorliebe Richelieus für Katzen, werden thematisiert und bringen dadurch Schwung in die vorhersehbare Handlung.

Frau Berger packt sehr viel Handlung in ihren Historischen Roman und führt diese auch schlüssig zusammen. Mit ihrem geradlinigen Schreibstil lässt sich das Buch flüssig lesen. Leser, die sich anhand des Titels auf eine spannende und intelligent entworfene Kriminalgeschichte freuen, werden jedoch enttäuscht. Der Fokus der Autorin liegt zwar weitgehend auf den Zielen des Hauptakteurs doch das Komplott rückt leider durch die Ausgestaltung der Figuren und deren Geschichten zu sehr in den Hintergrund und wird viel zu wenig ausgeleuchtet.

Fazit: Ein nett geschriebener, kurzweiliger Roman, der sich leider nicht aus der Masse historischer Romane abheben kann.

Cornelia Krellner

3 Sterne
3 von 5

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© 2017 Cornelia Krellner, Harald Kloth

Mo

04

Sep

2017

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte

Volker Weiß

Die autoritäre Revolte

Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes

Stuttgart ; Klett-Cotta ; 2017 ; 303 Seiten; ISBN 3-608-94907-0

Spätestens mit der Gründung der AfD und ihren jüngsten Erfolgen bei einigen Landtagswahlen kann man rechte Politik nicht einfach so verharmlosen, wie man es vielleicht noch mit der NPD konnte, die nur selten und dann auch nur regionalpolitisch in Erscheinung trat. Auch wenn nach derzeitigem Stand die innerparteilichen Querelen in der AfD ein wohl zweistelliges Ergebnis bei der nächsten Bundestagswahl als eher unwahrscheinlich erscheinen lassen, ist ein stärkeres „Faible“ für rechte Politik in Deutschland nicht mehr zu leugnen. Dass sich dieser Weg in einen verstärkten Konservatismus schon seit Jahren, ja Jahrzehnten abzeichnet, weist Volker Weiß in seinem neuen, in der Analyse
beeindruckenden Buch „Die autoritäre Revolte“ nach. Die Neue Rechte ist prinzipiell eine sehr alte Rechte, so sein Fazit, entstanden weniger durch revolutionäre Gedanken, sondern vielmehr durch Restrukturierungen und Synergien.

Für den Autor ist die „Neue Rechte“ eine politische Strömung am rechten Rand der politischen Landschaft, die sich bereits in den 70er-Jahren als Versuch einer auch intellektuellen Wiederbegründung rechten Denkens in Deutschland und darüber hinaus gebildet hat. Dies insbesondere, als die sogenannte alte Rechte, die man gemeinhin mit dem Nationalsozialismus verbindet, am Ende angekommen war. Enge verbunden mit ihr ist Armin Mohler, ein Schweizer Publizist, Schriftsteller und Journalist, der als Apologet der „Konservativen Revolution“ sowie als einer der
Vordenker der Neuen Rechten gilt. Basierend auf seiner Lehre versuchte man um die Jahrtausendwende die Kräfte durch Zusammenfassung von einer Wochenzeitschrift (Junge Freiheit - JF), einer Denkfabrik (Institut für Staatspolitik - IFS) einem Verlag (Antaios) und einer Zeitschrift (Sezession) zu bündeln. Gerade unter der ersten rot-grünen Bundesregierung blühte die Neue Rechte auf, ganz nach dem Motto, aus der Defensive am Aktivsten zu sein. Richtig zum Leben erweckt wurde sie in Deutschland aber erst 2010 durch das Buch „Deutschland schafft sich ab“ durch Thilo Sarazzin.

Gerade die Debatten um Flüchtlinge und Migration gaben der Neuen Rechte den notwendigen Aufschwung und man sollte aufpassen, so Weiss, dass sich dieser Aufschwung nicht normalisiert. Rückgreifend auf diese Themen wird rechtes Denken unter Rückgriff auf Jahrzehnte alte Theorien im wahrsten Sinne des Wortes wieder populär, ohne sich auf Nationalsozialismus, Judenvernichtung, Zweiter Weltkrieg zu beziehen. Die Einwanderungswelle und die schweren Problemen bei der Integration von Migranten in die Gesellschaft verhelfen der Neuen Rechte diese
historisch entwickelten Ansichten in der Gesellschaft zu verankern. Und obwohl diese Ansichten als grundlegend „deutsch“ deklariert werden, sind sie im Grunde gegen unser Demokratieverständnis mit dem Ziel der Etablierung eines autoritär gegliederten Staates. Um generell die Botschaft der Neuen Rechte zu verbreiten werden natürlich auch die neuen Medien extensiv genutzt. Der amerikanische Präsident ist so gesehen für die konservativen Kreise DAS Beispiel, wenn auch nicht immer im positiven Sinne.

Die „Target Audience“ der Neuen Rechte ist ausdrücklich nicht der Islam, maximal die Präsenz des Islam im europäischen Großraum. Bekämpft wird Einwanderung, die (kultur-)fremde Einflüsse mit sich bringt. Diese Durchmischung von Kulturen widerspricht der Aufteilung der Neuen Rechte in klar getrennte Kulturräume. Und somit hat der Islam in Europa nichts verloren. Darüber hinaus werden aber auch die Nachteile der Modernisierung, der Globalisierung wie respektvoller Umgang mit Minderheiten, Liberalismus ganz allgemein, dem „Gender-Wahn“ oder auch
sexuelle Selbstbestimmung (überrascht umso mehr, dass die derzeitige AfD Spitzenkandidatin, Alice Weidel, Homosexuelle ist) bekämpft. Der Kampf gegen den Islam ist Kampf gegen die Migration. In vielerlei Hinsicht ist der Islam sogar ein Bündnisgenosse im Kampf gegen Dekadenz. Im Sinne von Martin Lichtmesz gehen für die Neuen Rechte die Völker am Liberalismus und nicht am Islam zugrunde. Der eigentliche Gegner wäre somit die USA (zumindest vor der Ära Trump) mit ihrem Liberalismus und Universalismus.

Äußerst kritisch geht der Autor mit dem auch im Zuge der Pegida-Bewegung genutzten Begriff „Abendland“ um. Obwohl es „DAS Abendland“ weder geographisch noch historisch gibt, wird dieser Begriff je nach Gutdünken in unterschiedlichster Art und Weise für gewisse Zwecke genutzt, meist als „Ausgrenzungsbegriff, um anti-europäische Stimmung zu machen. In mehreren Kapiteln zerpflückt Weiss so mit Fakten untermauert die selbsternannten „Verteidiger des Abendlandes“ die mittels einer falschen Auslegung des Begriffs zu manipulieren versuchen. Dies insbesondere auch,  da die Pegida-Hochburg Sachsen ja eigentlich kirchenfern und somit unchristlich ist! Der Begriff ist längst seiner römisch-latinischen Bedeutung entwurzelt und wird für den „Rassenkampf“ für die gegenseiger Abhängigkeit der Begriffe „Identität“ und „globalen Großraumordnung“ missbraucht. Dies ist auch Identität stiftend und nimmt sogar den russischen „eurasischen Raumtheoretiker“ und Ultranationalisten Alexander Dugin mit ins Boot.

Höhepunkt der deutschen Neuen Rechte ist sicherlich die AfD, gegründet am 6. Februar 2013 mit dem folgenden Gründungsparteitag am 14. April 2013 in Berlin. Weiß analysiert dabei sehr treffend, dass die AfD nicht die Neue Rechte sei, sondern diese die AfD bestimme. Über diese Partei kann man nun, ohne gleich in ein gewisses Spektrum abgeschoben zu werden, rechte Politik machen und  einen nicht unerheblichen Teil der Gesellschaft (teils bis zu 20%) für seine (rechten) Ansichten gewinnen und versuchen, diese rechten Vorstellungen als „normaldemokratisch“ zu stilisieren. Den Aufstieg erklärt Weiß somit weniger mit eigenen parteipolitisch relevanten Richtlinien, sondern durch die Euro- und Flüchtlingskrise sowie Terrorangst, die der Partei in die Hände spielte. Schon früh begannen innerparteiliche Streitigkeiten, die Partei spaltete sich in eine völkische und nationalliberale Strömung. Je nach dem, welcher Flügel gerade die Oberhoheit hatte, beeinflusste dies auch die Veränderungen in den Wahlprogrammen, währungs- und wirtschaftspolitische, also „weiche“ Themen oder radikalere Themen wie Islamisierung oder der Verlust der Identität Deutschlands. Mit der Abwahl Luckes im Juli 2015 war der Kurs der Partei nach rechts festgelegt, in den jüngsten Querelen wird nur noch ausgelotet, wie weit rechts man sich bewegen möchte. Dabei ist die AfD mittlerweile ein Meister der Methoden der gezielten Provokation. Rechtsnationale Statements oder Reden von Björn Höcke, AfD Fraktionsvorsitzender im Thüringischen Landtag, werden überwiegend goutiert, nach außen meist noch irgendwie relativiert, aber eine richtige Distanzierung zu nationalsozialistischem Gedankengut findet kaum statt. Für die AfD erstellt der Autor drei Szenarien: 1. Aufgrund der internen Querelen verschwindet die Partei in der Bedeutungslosigkeit. 2. Die AfD wird eine normale, aber nicht bündnisfähige Partei, getrieben durch Erfolge anderer rechter Parteien in Europa und 3. durch diverser externen Faktoren wird die AfD die stärkste Partei in Deutschland. Wir wollen mal hoffen, dass Szenario 1 eintritt.

Volker Weiß, u.a. freier Autor für „Die Zeit, beschäftigt sich schon seit Studienzeiten mit der sogenannten „Neuen Rechte“ und gilt dazu mittlerweile als ausgewiesener Fachmann. Seiner Publikationen wie Kolumnen in diversen Zeitungen und Zeitschriften finden ein großes Echo und sind allseits hoch anerkannt. Dies liegt vor allem daran, dass auch dem Leser, der sich bis dato weniger mit den Theorien rechter Parteien und Politik beschäftig hat, die Sache verständlich nahe gebracht wird. Logisch nachvollziehbar erklärt er die Weltanschauung und Geschichte der rechtsautoritären Bewegung bis zur Gegenwart. Er kontert in allem die Argumenten der Neuen Rechte mit deren Mittel, widerlegt angebliche Traditionen, die es nicht gibt und nie gab. Die alte Regel, die Stärke der Rechten resultiert aus der Schwäche ihrer Gegner, greift aber derzeit auch trotz geringer inhaltlicher Substanz, so der Autor.

 

Fazit: Weiß schreibt überwiegend ohne Parteinahme, ohne größere Emotionen, sondern vielmehr nüchtern, sehr objektiv und vor allem wenig provokativ. Das macht seine Aussagen authentisch und das Buch so besonders. Das gründlich recherchierte Buch wurde nicht umsonst für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert.

 

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2017 Andreas Pickel, Harald Kloth

So

03

Sep

2017

Lucy Clarke: Die Bucht, die im Mondlicht versank

Lucy Clarke

Die Bucht, die im Mondlicht versank

Roman

München ; Piper ; 2017 ; 410  Seiten ; ISBN 978-3-492-06027-1

Die beiden Frauen Isla und Sarah verbindet eine sehr lange Freundschaft mit Höhen und Tiefen sowie erstaunlichen Gemeinsamkeiten wie der Tatsache, dass sie zur selben Zeit Mutter geworden sind.

Doch Islas Sohn Marley ist vor sieben Jahren verunglückt. Jedes Jahr zum Todestag ihres geliebten Sohnes kehrt Isla, die längst in Chile lebt, in ihre Strandhütte zurück.

Dieses Jahr ist aber alles anders. Jacob, Sarahs Sohn, der an Marleys Todestag seinen 17. Geburtstag feiert, verschwindet spurlos. Hat ihn etwa das gleiche Schicksal ereilt wie seinen damals besten Freund? Hat er auf der Feier zu viel getrunken und ist ins Meer gestürzt?

Sarah und ihr Mann Nick versuchen Stück für Stück die Ereignisse des Abends zu rekonstruieren. Wer ist wann wo gewesen und wer hat was gesehen? Mit jedem Puzzleteil führt die Spur ganz weit zurück in die eigene Vergangenheit des Paares und des gesamten Umfeldes der beiden.

Immer zentraler wird die Frage, was damals mit den beiden Jungen wirklich geschah. Kann die bedingungslose Liebe einer Mutter manchmal auch ein Fehler sein?

Nach „Das Haus, das in den Wellen verschwand“ ist Lucy Clarke mit „Die Bucht, die im Mondlicht versank“ erneut eine sehr spannende Geschichte gelungen, die zeigt, dass eine Lebenslüge früher oder später ein ganzes Leben ins Wanken bringt und es dann kein Zurück mehr gibt.

Fazit: Liebe, Lügen und Verrat – ein spannender Plot, bei dem man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2017 Sonja Kraus, Harald Kloth