Jane Harper: Zu Staub

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 407 Seiten ; ISBN: 978-3-499-00980

 

Australien, mitten im Outback. Die Fahrzeit zwischen den einzelnen Farmen beträgt oft zwei Stunden und mehr. Schauplatz des Thrillers ist die Burley-Downs-Ranch, auf der die Familie Bright lebt.Neben der Großmutter Liz, die sich liebevoll um die Enkelkinder Sophie und Lo kümmert lebt dort seit Jahrzehnten auch noch Harry. Außerdem gibt es noch die Brüder Nathan und seinen jüngeren Bruder Lee, der von allen liebevoll Bub genannt wird. Cameron, der mittlere Bruder wurde vor kurzem tot am "Stockman-Grab" gefunden und keiner kann sich erklären, wie ein so erfahreren Farmer im Outback sein Fahrzeug alleine lassen konnte, denn ohne dieses ist man bei fast 45 Grad Hitze schnell am Ende seiner Kräfte.

 

Sein Range-Rover wurde ca. neun Kilometer vom Grab aufgefunden. Aber warum ist er dort überhaupt hingefahren, wo er sich doch mit seinem jüngeren Bruder treffen wollte, um den Funkmast zu reparieren. Am vereinbarten Treffpunkt ist er jedoch nicht aufgetaucht. Camerons Frau Ilse und die beiden Backpacker Katy und Simon, die auch auf der Ranch leben, haben keine Erklärung für das Verhalten.Vielleicht hat doch alles mit einem Anruf zu tun, der vor Wochen eingegangen ist?

Jenna Moore, die Cameron vor Jahrzehnten unterstellte, sie sexuell mißbraucht zu haben, hat sich wieder gemeldet. Nathan, der eigentlich eine Nachbarranch betreibt, hat erheblichen Schwierigkeiten, denn die Sorgerechtsstreitigkeiten bzgl. seines Sohnes Xander mit seiner Exfrau Jacqui rauben ihm fast alle Kraft. Zudem liegt auch noch ein Bann über ihm, weil er vor Jahren alle Menschlichkeit vergessen hat, was im Outback keinem verziehen wird. Aber wie kam Cameron zu Tode?

 

Jane Harper entwirft einen Thriller, der anfangs ganz unspektakulär beginnt. In der brütenden Hitze des australischen Outbacks finden die beiden Brüder ihren toten Bruder. Als dann die Familie auf der Ranch zusammenkommt wird die Familiengeschichte nach und nach entsponnen und es wird ein Geflecht aus Geheimnissen aufgedeckt, was immer wieder neue Aspekte ans Tageslicht bringt. Bis zuletzt birgt jede neue Seite eine Überraschung.

 

Fazit: Beklemmende und hochspannende Outback-Familiengeschichte.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Roman

 

Zürich ; Diogenes ; 2019 ; 404 Seiten ; ISBN 978-3-257-07068-2

Ian McEwan, auf den ich schon vor 17 Jahren mit seinem später auch verfilmten Bestseller „Abbitte“ aufmerksam wurde, ist sicherlich kein Autor, den man in eine gewisse Schublade, in ein Genre stecken kann. Allerdings, gerade in seinen letzten Büchern greift er immer wieder hochaktuelle gesellschaftliche Themen auf, wie Klimaforschung oder auch Kindeswohl, packt diese in eine fiktive Geschichte und verbindet diese mit anschaulichen oft pointierten Lehren. So auch in seinem aktuellen Buch „Maschinen wie ich und Menschen wie ihr“, in dem sich McEwan mit der künstlichen Intelligenz beschäftigt.

Es geht in dem Roman vereinfacht gesagt um die möglichst weitgehende Koexistenz, das Zusammenleben von Mensch und Roboter. Neben einem Roboter ist in dem Roman der eine Hauptakteur Charlie, ein 30-Jähriger unbeschäftigter Anthropologe, der durch eine kleine Erbschaft zu ein wenig Geld gekommen ist und sich mit Börsenhandel über Wasser hält. Die andere Hauptakteurin ist Miranda, seine Obermieterin, 10 Jahre jünger und eben erst Charlie’s Liebespartnerin geworden. Diese bestellen sich nun einen Androiden, der als eine Art „Kindersatz“ für die Beiden fungieren soll. Insgesamt werden 25 Roboter dieses Typs produziert, 13 weibliche Evas und 12 männliche Adams, alle unterschiedlichster Ethnien. Da die Evas (leider wie er zugibt) bereits ausverkauft waren, erwirbt Charlie für 86.000 £ einen Adam. „Künstliche Menschen würden uns anfangs ähnlicher werden, dann genau wie wir und schließlich mehr als wir sein, deshalb können sie uns niemals anöden“, denkt er sich dabei. Neben festgelegten Werkseinstellungen, die in Mimik, Motorik und Denkweise uns Menschen ähneln, programmieren nun Charlie und Miranda den Roboter mit selbst gewählten Charaktereigenschaften, (er-)zeugen und indoktrinieren also das gewünschte Temperament und die Handlungstriebe „ihres“ eigenen Kindes. Daneben ist der Android äußerst wissbegierig, lernt selbständig quasi jede Sekunde in jeder Situation dazu, gerade auch nachts, wenn er am Elektrokabel hängend aufgeladen wird und das Internet durchforstet. Wie ein richtiges Kind entwickelt der Android nach und nach eigene Wünsche und Begierden. Adam übernimmt auch die Börsengeschäfte von Charlie, macht damit Gewinne, kann damit noch mehr riskieren und investieren und verschafft so dem jungen Liebespaar ein nicht unbeträchtliches Einkommen. Nach und nach entwickelt der Roboter so etwas wie (menschliches) Bewusstsein, Moral und scheitert schließlich daran.

Quasi retrofuturistisch spielt die Geschichte in der Vergangenheit, Anfang der 80er Jahre, allerdings mit den technischen Errungenschaften von heute oder sogar noch weiter in der Zukunft. Der Autor will uns damit vor Augen führen, wie durch einige wenige veränderte Rahmenbedingungen alles hätte anders kommen können. Autonom fahrende Autos sind die Regel, Computer ersetzen den Menschen quasi auf fast jeder Arbeitsstelle, Margaret Thatcher, die eiserne Lady, ist Premierministerin, Großbritannien hat den Falkland-Krieg gegen Argentinien unter hohen Verlusten verloren und nicht gewonnen, die Beatles sind wieder zusammen und haben ein neues Album aufgenommen und, ganz wichtig für die Handlung des Buches, das Genie und der Visionär Alan Turing hat 1954 nicht Selbstmord begangen, sondern gilt als DAS Superhirn seiner Zeit. Der sognannte „Turing Test“ begleitet auch den Roman, also die Frage, wann eine Maschine genauso intelligent wie ein Mensch ist, uns also ein gleichgestelltes Denkvermögen entgegenstellen kann und eine Maschine als „menschlich“ eingestuft werden kann. Dies wird auch in dem einen oder anderen Dialog zwischen Charlie und Turing erörtert.

Hohe Aufmerksamkeit erfordert das Buch, typisch für McEwan, durch seine Nebengeschichten, die irgendwie zusammenhängen, aber doch eine ganz eigene Moral vermitteln. Da ist einerseits eine Art Kriminalgeschichte um eine erfundene Vergewaltigung Mirandas, um sich an einer echten Vergewaltigung einer Freundin zu rächen oder auch die Begegnung von Charly mit Turing, die uns interessante Einblicke in die Computerentwicklung gibt und vor allem die sich mehr oder weniger zufällig ergebene Adoption eines von seinen Eltern nicht gewollten Jungen (wobei Charlie sich dabei von Miranda zur Vaterschaft gedrängt, genötigt, liebevoll erpresst fühlt). Die Lernleistung des Roboters kann man dabei in der Erziehung des Jungen messen und erkennen.

Insgesamt ein sehr humorvolles Buch („Gerade erst eingeschenkt, war mein Glas schon wieder leer, ohne, dass ich mich erinnern konnte, es auch nur berührt zu haben“!) mit einer tiefsinnigen Botschaft. McEwan streift alle relevanten Themen in unterschiedlichen Erzählsträngen, sei es Liebe, sei es Politik oder auch das riesige Gebiet der Informatik, ohne diese zu vertiefen. Alles bleibt irgendwie immer (bewusst?) an der Oberfläche. Die „ménage à trois“ zwischen einem frisch verliebten Paar und einem auf „Moralapostel“ getrimmten Heimroboter bietet allerdings immer wieder überraschende Wendungen und interessante Dialoge zwischen Mensch und seinem künstlichem, im Grunde überlegenen Ebenbild. Besonders humorvoll ist die Szene, als Charlie zuhören und sich einbilden muss, wie ein Stockwerk über ihm, seine Freundin Miranda Sex mit dem Androiden hat (damit am nächsten Morgen konfrontiert sagt sie: „Würdest Du dich genauso fühlen, wenn ich mit einem Vibrator ins Bett gegangen wäre?“) oder auch das Kapitel, als bei eine Besuch Miranda’s Vater verwechselt, wer nun der Roboter und wer nun der potentielle zukünftige Schwiegersohn ist.

Offensichtlich sind künstliche Intelligenz sowie Lebewesen in Fleisch und Blut (noch) nicht in der Lage eine gemeinsame „Mensch-Roboter-Sprache“ zu sprechen – und das, obwohl wir uns an diese Möglichkeit des Zusammenlebens immer mehr gewöhnen, ja gewöhnen müssen. Auch wenn man menschliche Faktoren in den Roboter einprogrammiert, kommt dieser offensichtlich mit den Widersprüchen zwischen Gesetzen, Moralvorstellungen, Wertekatalog und dem realen Handeln von uns Menschen nicht klar. Schwer pauschalisierbare Stärken und Schwächen von Menschen und Androiden sowie der Unberechenbarkeit im Denken, aber auch in ihren Taten und Handlungen machen eine vernünftige Kommunikation zu einer großen Herausforderung. Was macht uns Menschen so einzigartig, auch im Vergleich zu einem Androiden, der in Sekundenschnelle Millionen von Daten verarbeitet und seiner Intelligenz hinzufügt? Der Roboter ist vielleicht besser, moralischer wie wir Menschen, aber für die Welt, die wir Menschen erschaffen haben, ungeeignet. Er versteht unsere Entscheidungsfindung sowie unsere kognitiven Mängel nicht! Schließlich kapituliert der Roboter davor, dass nicht zu verstehen, was wir Menschen selbst nicht verstehen. Dies führt uns McEwan in seiner deutlichen und klaren Sprache vor Augen und macht das Buch so besonders – sehr lesenswert. Angesichts aller Irratonalität und unerklärlicher Widersprüche, welches er trotz seiner Intelligenz nicht ergründen kann (z.B. warum verhungern Menschen, wenn es eigentlich genügend für alle zum Essen gibt? warum zerstören wir den Planeten auf dem wir leben?) schaltet sich bei McEwan der Adam schließlich ab, begeht so gesehen Selbstmord. Dabei gibt er ein letztes kurzes Gedicht zum Besten, seine hellblauen Augen verfärben sich grün, die Hände zu Fäusten geballt, sackt schließlich sein Kopf auf den Tisch – und um der Groteske das Sahnehäubchen aufzusetzen, adoptieren Miranda und Charlie stattdessen ein Kind, also ein Wesen in Fleisch und Blut!

 

Fazit: Insgesamt ein sehr humorvolles Buch mit einer tiefsinnigen Botschaft.

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Andreas Pickel, Harald Kloth

Max Annas: Morduntersuchungskommission

Roman

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 345 Seiten ; ISBN: 978-3-498-00103-2

Otto Castrop, 32 Jahre alt, lebt mit seiner Frau Birgit und den drei Kindern Kathrin, Mike und Ruth in Gera und arbeitet dort bei der Polizei in der Sondereinheit Morduntersuchungskommission (MUK). Dort ist er Teil eines ausschließlich männlichen Teams. Neben ihm gehören noch dazu: Heinz Thiel, Günther Cierpinski, Rolf Reim und Konnie Krumbach. Bei jedem Todesfall, der nur den Anschein erweckt, dass es sich nicht um eine natürliche Todesursache handelt, wird die Sondereinheit aktiv. So werden sie tätig, nachdem Frau Radunek die Treppe runterfiel.

Die Ermittlungen ergeben schnell, dass sie nicht von selbst gefallen ist und ihr Ehemann gerät unter Verdacht. Als der sich dann in der Untersuchungshaft umbringt, wird der Tod von Frau Radunek als Selbstmord deklariert. Otto hat so seine Schwierigkeit mit diesen Praktiken. Als dann neben den Bahngleisen eine dunkelhäutige Leiche gefunden wird laufen die Ermittlungen fast rund um die Uhr und schnell stellt sich heraus, dass es sich bei dem Toten um Teo Macamo, einen mosambikischen Staatsbürger handelt, der in den WEMA-Werken tätig war.

Die Ermittler finden so manche Zusammenhänge, doch eines Morgens verkündet der Leiter der MUK, dass die Sache nicht weiter verfolgt wird. Otto kann es nicht fassen, vor allem weil er ja weiss, wie bestialisch die Tötung stattgefunden hat. Er macht, was im Verborgenen bleiben muss: Ermittlungen auf eigene Faust, ohne weiterem Partner.

Er setzt dabei nicht nur seine Karriere aufs Spiel, sondern gefährdet damit auch seine ganze Familie, denn er ist für den Familienunterhalt zuständig. Durch akribische Raffinesse findet er Josefa Krahmer, eine ältere Frau, die gesehen hat, wer für den Tod von Teo verantwortlich ist. Otto wäre ein schlechter Ermittler hätte er nicht den Namen eines Täters gefunden: Heiko Silber. Aber wie kann er den bzw. die Täter festmachen, wenn das System alles daran setzt, dass keine Ermittlungen erfolgen?

Mit wem kann Otto über seine Ermittlungsergebnisse reden? Da gäbe es durchaus Möglichkeiten: sein Bruder Bodo, Mitarbeiter beim Ministerium für Staatssicherheit oder Marion, Ottos Geliebte, von der keiner weiß, dass es sie gibt. Max Annas lässt seinen Roman im Jahr 1983 spielen. Die DDR existiert und es sind noch keine Erosionserscheinungen des Systems erkennbar.

Das kleinbürgerliche Milieu der 80er Jahre in der Ostrepublik ist ein gelungener Schauplatz für die Geschichte um den Ermittler Otto Castrop. Sehr detailgenau lässt Max Annas die DDR wiederauferleben. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als ob die Serie "Weissensee" als Vorbild fungiert hat.

Man kann gespannt sein, wie die Sache weitergeht, denn das Buch wurde als Auftakt einer Reihe vorgestellt.

Fazit: DDR-Nostalgie im Spitzenformat.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Bo Svernström: Opfer

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 287 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27629-3

Die Polizei in Stockholm wird gerufen, weil in einer Scheune ein regelrechtes Folter-Szenario stattgefunden hat. Der erst vor kurzen aus der Haft entlassene Marco Holst wurde massiv gefoltert und ans Scheunentor gekreuzigt. Zunächst glauben alle, dass er bereits tot ist, doch er gibt noch Lebenszeichen von sich.

Er wird in die nächstgelegene Klinik eingeliefert und die Ermittler, allen voran Carl Edson von der Reichsmordkommission, erhoffen sich von ihm Hinweise, die Spuren auf den Täter ergeben, denn am Tatort findet sich so gut wie keine DNA-Spur. Doch bevor Marco den Ermittlern klare Hinweise geben kann stirbt er und den Ermittlern bleibt zunächst nur ein Nikotinkaugummi, der am Tatort gefunden wurde. Wo ein Verbrechen stattgefunden hat sind Medienvertreter nicht weit. Alexandra Bengtsson, Zeitungsredakteurin beim Aftonbladet, will von den Ermittlern genau wissen, was passiert ist.

Zunächst sieht alles danach aus, als ob es sich um ein Szenario der organisierten Kriminalität handelt, denn bereits kurze Zeit später werden weitere Tote aufgefunden, die teils massivst gefoltert wurden. Aber welche Verbindungen haben die einzelnen Toten untereinander? Für das Ermittlerteam beginnt eine knifflige Aufgabe, denn es ist gar nicht so leicht, Schnittmengen zwischen den Opfern zu finden. Derweil setzt Alexandra alles daran, über diese Mordserie ausführlich in ihrer Zeitung zu berichten.

Der Autor legt mit dem Thriller "Opfer" sein Erstlingswerk vor. Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird ein großer Spannungsbogen aufgebaut, die Ermittlungen beginnen und für alle ist unklar, wer hinter dieser Mordserie steckt. Im zweiten Teil lüftet sich das Geheimnis und aus Sicht des Täters wird dargelegt, wie es zu dieser Mordserie kommen konnte. Im dritten und letzten Teil erfolgt nochmals ein rasanter Wettlauf, der in einem fulminanten Aha-Erlebnis endet.

Zunächst entsteht der Eindruck mit Beginn des zweiten Kapitels, dass 'die Luft bereits raus wäre', doch der Autor schafft es, erneut den Spannungsbogen aufzugreifen und bis zuletzt neue Wendungen einzubauen.

Fazit: spannend bis zuletzt!

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Marie Matisek: Unter dem Limonenhimmel

Die Amalfi-Reihe. Band 2

Roman

 

München ; Knaur ; 2019 ; 317 Seiten ; ISBN 978-3-426-52143-4

In ‚Ein Sommer wie Limoneneis‘ entführte Marie Matisek ihre Leserschaft an die wunderschöne Amalfiküste. Nun präsentiert sie mit ‚Unter dem Limonenhimmel‘ eine Fortsetzung.

Der inzwischen getrennt lebende frühere Anwalt Marco Pantanella pendelt zwischen der Amalfiküste und München, wo seine Noch-Ehefrau Geli und die beiden Kinder leben. In Italien genießt Marco den Kontakt zu seinem Jugendfreund Pippo sowie das Zusammensein mit seiner Jugendliebe Lisabetta, die ebenfalls getrennt von ihrem Mann lebt.

Die beiden schweben im siebten Himmel – wären da nicht die Probleme, die es mit der Zitronenplantage von Marcos Vater Raffaele gibt. Sowohl das Wohnhaus als auch die Plantage selbst sind sehr in die Jahre gekommen und es ist klar, dass viel Geld investiert werden muss, um zukunftsfähig zu bleiben. Als Marco seinem Vater ein paar Ideen unterbreitet, weigert sich der Sturkopf Raffaele sich mit den Veränderungen überhaupt nur zu befassen. Und als Marcos Anwaltskollegin Nathalie auftaucht wird deutlich, dass die Abfindung, mit der Marco gerechnet hat wohl nicht ohne langwierigen Rechtsstreit zu erwarten ist.

Seit die Deutsche aufgetaucht ist, scheint der Eismacher Pippo wie ausgewechselt. Hat er etwa ein Auge auf Nathalie geworfen? Und was hat es mit Raffaeles Zerstreutheit auf sich? Ist es das Alter? Als dann noch ein uralter Schuldschein auftaucht, scheint alles auf dem Spiel zu stehen: sowohl lange bestehende Freundschaften als auch die Zukunft des Familienbetriebs. Ob sich am Ende doch noch alles zum Guten wendet?

Leider ist es wie so häufig bei Fortsetzungen auch hier so, dass der zweite Band hinter dem ersten zurückbleibt. Marie Matisek schafft es zwar erneut, die herrliche Kulisse der Amalfiküste äußerst plastisch darzustellen, die Geschichte an sich ist aber etwas schwach.

Die eingebauten italienischen Ausdrücke und Redewendungen sollen wohl die Authentizität des Textes verstärken. Die damit verbundenen Fußnoten sind wahrscheinlich gut gemeint, stören aber den Lesefluss.

Mag sein, dass dies im ersten Band nicht so zu Buche schlug, weil die Geschichte an sich besser war. Hier stört die Vorgehensweise jedenfalls. Positiv hervorzuheben ist die schöne Aufmachung des Buches.

Fazit: ein Sommerroman für zwischendurch.

 

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Petra Hartlieb: Sommer in Wien

Roman

 

Köln ; DuMont ; 2019 ; 172 Seiten ; ISBN 978-3-8321-8372-1

 

Als das einfache Bauernmädchen Marie vor einigen Jahren in die Großstadt Wien aufbrach, um dort ihr Glück zu versuchen, hätte Sie nie davon zu träumen gewagt, ein Leben zu führen, wie sie es jetzt tut. Ihre Hauptaufgabe als Kindermädchen im Haushalt des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler ist zwar, sich um die beiden Kinder Heini und Lili zu kümmern, doch auch wenn die Köchin Anna Hilfe benötigt, ist Marie zur Stelle. Es ist Sommer in Wien und wie so viele andere betuchte Familien entfliehen auch die Schnitzlers der drückenden Hitze der Stadt und verbringen ihren Urlaub auf der Insel Brioni in der Adria.

Obwohl sich Marie freut, zum allerersten Mal in ihrem Leben das Meer zu sehen, ist sie andererseits auch ein wenig traurig. Sie hat sich mit dem jungen Buchhändler Oskar Nowak angefreundet und es sieht so aus, als könnte mehr daraus werden. Oder wird sich Oskar in ihrer Abwesenheit doch wieder der Buchhändlerstochter Fanni Gold annähern? Maries Bedenken sind jedoch unbegründet. Oskar liebt nur sie.

Maries Arbeitgeber begegnen der Liaison der beiden äußerst skeptisch. Trotz der Versuche, die Treffen der beiden zu boykottieren, finden die jungen Leute dennoch Mittel und Wege, sich anzunähern. Der plötzliche Tod von Friedrich Stock, dem Inhaber der Buchhandlung, der zugleich auch eine Art Ziehvater für Oskar war, verändert alles.

Obwohl die Welt gerade auf den ersten Weltkrieg und eine ungewisse Zukunft zusteuert, scheint es so, als könnten sich die beiden mittellosen Liebenden nun doch ein gemeinsames Leben aufbauen.

Mit viel Liebe zum Detail und Gespür für atmosphärische Beschreibungen schafft es Petra Hartlieb mit diesem Roman das Leben in der mondänen Großstadt Wien in der zweiten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts heraufzubeschwören. Die Belle Époque ist natürlich in Haushalten wie dem der Familie Schnitzler allgegenwärtig. Sehr gelungen ist auch die Optik des Buches, denn durch das schöne Jugendstilmotiv wird nochmals der Bezug zu der Epoche hergestellt und man freut sich immer wieder, wenn man das Buch zur Hand nehmen darf.

Fazit: eine absolut empfehlenswerte wunderschöne Sommerlektüre.

 

Sonja Kraus

5 Sterne
5 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Ella Woodward: Deliciously Ella

The plant-based cookbook - 100 einfache vegane Rezepte, die jeden Tag köstlich machen

 

München ; Berlin Verlag ; 2019 ; 285 Seiten ; ISBN 978-3-8270-1399-6

Dieses Buch ist nicht einfach nur ein Kochbuch. Die Autorin Ella Mills schildert darin nämlich in sehr persönlichen Erinnerungen die unglaubliche Erfolgsgeschichte ihres Blogs „Deliciously Ella“. Es gab so viele begeisterte Blog-Leser, die der veganen Küche gegenüber aufgeschlossen waren, dass Ella zusammen mit ihrem Mann Matt entschied, ein kleines Restaurant zu eröffnen. Aus einem wurden zeitweise drei Lokale, die das Ehepaar an ihre Grenzen brachten. Mittlerweile existiert nur noch ein Deli, in dem allerdings die Speisenvielfalt sehr variabel ist und wo immer wieder auch ganz besondere Events rund um die vegane Küche stattfinden.

Das Buch versammelt die beliebtesten Rezepte, nach denen Ella auch laufend gefragt wird. Gegliedert in einzelne Rubriken gibt es Anleitungen für Frühstück, Salate, Eintöpfe und natürlich für Süßes. Jedem Rezept ist eine eigene Doppelseite gewidmet, die verständliche Anleitungen enthält und darüber hinaus auch wunderschön bebildert ist. Am Ende folgen noch vier Menüs, die sich für Events eignen.

Beim Durchblättern dieses Kochbuchs wird sofort klar: man muss sich wirklich darauf einlassen, um in die vegane Küche einzusteigen. Sehr viele Zutaten müssen extra gekauft werden und manches ist dann doch etwas ungewöhnlich. Wer seine Küche nicht komplett auf pflanzliche Ernährung umstellen will, findet aber in diesem Best-of-Kochbuch auf alle Fälle einige Rezepte, die sich gut integrieren lassen. Vor allem die Suppen, Eintöpfe, Currys und die süßen Sachen kann man sicher auch Skeptikern vorsetzen ohne auf absolute Verweigerung zu stoßen.

Die Aufmachung des Kochbuchs ist sehr hochwertig – ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt.

Fazit: ein sehr schönes Kochbuch, das so manche Inspiration für pflanzenbasierte Gerichte enthält.

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Daniel Gerlach: Der Nahe Osten geht nicht unter

Die arabische Welt vor ihrer historischen Chance

 

Hamburg ; Edition Körber ; 2019 ; 307 Seiten ; ISBN 3-89684-268-4

 

Wenn man heutzutage irgendwelche Artikel zum Nahen Osten und dem arabischen Raum liest, ganz gleich, ob Zeitung, Internet oder Bücher, sind alle Berichte stark negativ, ja teils stereotyp mit einem apokalyptischen Meinungsbild behaftet. Dies beginnt bei der historischen Aufarbeitung der Situation heute (nach dem Motto: … das musste ja so kommen…“) und endet in düsteren Zukunftsprognosen. Da tut es gut, mit „Der Nahe Osten geht nicht unter“ endlich einmal ein Buch in den Händen zu halten, welches die Situation in der ohne Zweifel konfliktgeplagten Region aus teils anderen Blickwinkel betrachtet, den Ländern dort und ihre vielschichtigen, teils vitalen Beziehungen untereinander eine durchweg positive Zukunft attestiert und sehr zweckmäßige Hinweise gibt, die Zukunft noch positiver zu gestalten.

Daniel Gerlach gilt als absoluter Kenner der (noch) fragilen Region. Seine Eindrücke aus unzähligen Reisen in die Länder des Nahen Osten sowie seine zahlreichen Begegnungen mit den Protagonisten vor Ort, teils auch mit hier noch weitestgehend unbekannten „Strippenzieher“ im Hintergrund, aber auch sein Gespür für Land und Leute hat er in einem beeindruckenden Buch zu Papier gebracht. Antrieb für ihn war es, den derzeitigen negativen Diskurs kritisch zu hinterfragen und die Ereignisse sowie die aktuelle Situation realistisch einzuordnen – und das ist ihm zweifellos hervorragend gelungen. Bereits zu Beginn bringt er uns die arabische Renaissancebewegung Nahda näher, weitere bis dato unbekannte Strömungen und Entwicklungen, die unserer westeuropäischen Assoziation „Naher Osten gleich Pulverfass“ widersprechen, folgen in seinem Buch. Der Beginn der teils ziemlich unübersichtliche Situation heute ist für Gerlach zeitlich einzuordnen mit dem Sturz des Schah-Regimes im Iran und die Etablierung einer islamistischen Republik dort, gefolgt von der zunehmenden Inthronisierung autoritärer Präsidenten in der Region wie Hussein im benachbarten Irak. Gerlach spricht also von einem 40-jährigen Krieg und widerspricht damit Autoren, welche lieber Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg von 1618 ziehen möchten.

 

Der Autor sieht dabei zwei „Hebel“ für eine friedvollere Region: Zum einen die Abschaffung des Despotismus und zum anderen die Überwindung des Sektarismus, also „eine von Ressentiments geprägte Geisteshaltung, die sich in einer Überbetonung der ethnischen und religiösen Identität von Einzelnen oder Gruppen innerhalb eines staatlichen Gemeinwesens äußerst“. Sektarismus verdrängt jegliche anderweitige oppositionelle Strömungen aus seinem Einflussbereich, schürt Konflikte und fördert keinen Frieden sondern vertieft vielmehr die Gräben, anstelle sie zu überwinden. Die Araber nutzen hierfür den Begriff „Ta’ifiya“, d.h. man spaltet bewusst Gemeinschaften innerhalb eines Staates, spielt diese unterschiedlichen Strömungen gegeneinander aus und macht sich konfessionelle oder ethnische Ressentiments machtpolitisch zu nutze. Jemand, der die Menschen nur als Sunniten, Schiiten, Drusen, Alawiten oder Christen betrachtet und die eigene Identität dahingehend überbetont, gilt als tai’fi. Und neben der Tatsache einer Art „Stellvertreterkrieg“, in dem vor allem Russland, Iran und die Türkei ihre Interessen durchsetzen wollen, trug und trägt vor allem dieser Sektarismus auch zu einem Großteil zu der derzeitigen Situation in Syrien bei. Die Überwindung des Ta’ifiya gilt als Schlüssel für einen Frieden in der Region! Auf Syrien bezogen, damit die Sunniten, also die Hälfte der Bevölkerung, nicht ein Volk im Exil im eigenen Land wird, liegt es nun an der Kraft der syrischen Bevölkerung, dies zu verhindern. Zu verhindern auch, das Assad einen Staat Syrien rein nach seinen, für Gerlach, „albtraumartigen“ Vorstellungen aufbaut, sondern ein Syrien, welches den Wohlgefallen der Mehrheit der syrischen Bevölkerung findet.

Ein großes Kapitel widmet Gerlach neben Syrien dem Irak, die Eroberung von Teilen des Landes durch den IS, die Rückeroberung durch den Irak sowie Prognosen für die Zukunft. Gerade im Irak wird glaubensübergreifend sehr pragmatisch agiert, Stammeskulturen und Netzwerke aus der Zeit des Widerstandes fördern dies und ermöglichen sogar eine Zusammenarbeit mit den Kurden. Nicht Parteien halten sich Milizen dort, um ihre Politik durchzusetzen, nein, Milizenführer wie Hadi al-Ameri, der Held der Volksmobilisierung gegen den IS, machen nun (Partei-)Politik. Obwohl es diesen überwiegend nur um den Erhalt ihrer eigenen Art von „Hausmacht“ geht, also wenig Drang nach Erneuerung besteht, beruhigt sich die Situation dort zunehmend. Unabhängig davon, wer das Land gerade mal führt, welches Regime aufsteigt oder auch fällt, Leuten wie Ameri, Nuri al-Maliki oder auch Abu Mahdi al-Muhandis bleiben machtpolitisch eine Konstante. Da die sich aber nicht immer „grün“ sind, könnten diese „Konstanten“ doch wieder zu Bürgerkrieg und Förderung von Extremismus führen. Nun liegt es an dem neugewählten Präsidenten Adil `Abd al-Mahdi das Land zusammen zu halten und gute Beziehungen zu seinen Nachbarn zu halten, um ein Auseinanderfallen zu verhindern. Aber letztendlich zeigt sich auch im Irak, der größte Feind des Staates kommt von innen. Den zählt es außen vor zu lassen und seine eigenen Machtverhältnisse zu konsolidieren.

Auch wenn der IS größtenteils besiegt ist, Gerlach rät sich noch länger und intensiv mit den Ursachen und Verlauf dieser Herrschaftsform zu beschäftigen. Viele Staaten sind immer noch zu fragil, so dass ein erneutes Herausbilden einer vergleichbaren Herrschaft nicht auszuschließen ist. Nur wenn die Bürger fühlen, dass der Staat in der Lage ist, sie zu beschützen und ihre ökonomischen Lebengrundlagen zu erhalten, kann ein Abdriften zu derart extremen Gruppierungen wie den IS verhindert werden.

Der Islam, so Gerlach ist heutzutage vielfältiger als noch vor einigen Jahren. Aber, dies muss nicht automatisch so weitergehen, der Islam noch toleranter werden. In beiden Strömungen des Islams, also sowohl unter Sunniten wie Schiiten gibt es genügend Prediger und Imame, die sich dagegen sperren. Allerdings ist diese auch durch europäische Islamisten geförderte Diversifizierung sicherlich ein Schlüssel für ein friedvolleres grenzüberschreitendes Miteinander. Friedvoller wäre der Nahe Osten sicherlich auch, wenn man die Staaten ihre Angelegenheiten alleine regeln lassen würde, ihn also quasi unter sich belassen würde. Aber besonders Amerika, das von einer Middle East Security Alliance der arabischen Staaten träumt, Russland, Iran, die Türkei glauben, dass gerade ihre Einmischung einen friedvollen Nahen Osten fördert. Aber stattdessen nähren diese nur die schwellenden Konflikte und hinterlassen oftmals verbrannte Erde, die andere wieder mühevoll aufbauen müssen. Das Gute, so Gerlach, es gibt in der Region kaum Konflikte zwischen den Staaten. Die meisten Konflikte sind Bürgerkriege, blutige Auseinandersetzungen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren. So viele Opfer auch diese fordern, zwischenstaatliche Kriege wären weit noch Dramatischer, vielleicht sogar für den gesamten Weltfrieden.

Hoffnung setzt Gerlach auf die Zivilgesellschaft als Gegenpol zu autoritären Führungspersönlichkeiten und Staaten. Allerdings kann sich diese nur adäquat entwickeln und fruchtbar auswirken, wenn der autoritäre Staat nicht zu stark, zu unterdrückend wirken kann. Dann werden jegliche Versuche der Zivilgesellschaft auf ein friedvolles Miteinander und Fortschritt bereits im Keim erstickt werden. Wie der Arabische Frühling zeigt, besonders wirkungsvoll ist es, wenn sich verschiedene Gruppierungen gegen die Machthaber zusammentun: Organisationen, die in Koordination mit dem Ausland ihre Ziele und Bedürfnisse kommunizieren, starke wirtschaftliche Interessengruppen und nicht zuletzt vernachlässigte Bevölkerungsgruppen (meist in der Mehrzahl), die nach dem Motto „alles oder nichts“ ein hohes Auflehnungspotential zeigen. Wenn es dem Staat oder staatlichen Institutionen aber gelingt, ein Lager auf seine Seite zu ziehen und so das „Bündnis“ zu brechen wird es schwierig für reformatorische Prozesse. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen sieht Gerlach diese gesellschaftlichen Kräfte als die einzigen an, die realistisch betrachtet den vier Hauptursachen für die Konflikte entgegenwirken können: Despotismus, Sektarismus, religiös begründeter beschönigter Extremismus und ökonomische Perspektivlosigkeit. Der Staat, so der Islam-Kenner, kann diese Herausforderungen nur im Zusammenwirken mit der Zivilgesellschaft lösen.

Eine gemeinsame arabische Sprache unter rund 450 Millionen Einwohnern, über 50% der Bevölkerung unter 25 Jahre, bieten einen immenses Potential für wirtschaftliche Entwicklung. Dies betrifft das Potential an Arbeitskräften gleichermaßen wie das Potential an innovativen produktiven Ideen oder für die Optimierung von wirtschaftlichen Prozessen. Abbau von Zollschranken und die Etablierung einheitlicher Standards wäre ein erster Anfang, innerhalb der Staaten ist ein Zugang zu Kommunikation, Dienstleistungen und schließlich Kapital der Schlüssel zum Erfolg. Dies gilt für alle Bevölkerungsgruppen, Frauen sind mit ihren ganz eigenen Schlüsselqualifikationen darin zwingend nicht auszuschließen.

Wirtschaftliche Prosperität und ein friedvolles Miteinander reduzieren dann auch erheblich den Drang zu Migration in den Westen. Deshalb sollte gerade der Westen nicht einseitig autoritäre Staaten und Führer sowie Gruppierungen unterstützen, die auch nur egoistisch in die eigene Tasche wirtschaften und handeln sowie andere Bevölkerungsgruppen unterdrücken, sondern dort, wo mit einer gewissen Ausgewogenheit zwischen allen Bevölkerungsgruppen gehandelt und regiert wird. Eine Art Marschall-Plan wäre vielleicht sogar hilfreich. Dies hat dann auch positive Auswirkungen auf den Westen selbst. Gerlach warnt in diesem Zusammenhang davor, siehe auch das Beispiel Afghanistan, den arabischen Staaten die über Jahrhunderte entwickelte Form der europäischen Demokratie aufzuzwingen. Dies würde genau das Gegenteil bewirken, Jeder der Staaten im Nahen Osten hat seine eigene Form der Demokratie zu finden, die den Eigenheiten und Ausprägungen des jeweiligen Landes am Besten entspricht.

Die vier Geißeln der vergangenen und derzeitigen Konflikte im Nahen Osten, Despotismus, Sektarismus, religiös verbrämter Extremismus und ökonomische Perspektivlosigkeit können, so Gerlach, nur von der Zivilgesellschaft gelöst werden. Die derzeitigen Staatsführer solidarisieren mindestens mit einer dieser vier Ursachen, um sich selbst weiter legitimieren zu können. Wenn sich die Staaten von diesen „Geißeln“ befreien, machen sie sich selbst obsolet. Das werden sie (noch) zu verhindern wissen, aber wer weiß, wie für lange noch. Vielleicht auch, dass die Bewohner der arabischen Welt dieses beeindruckende Buch lesen. Es klingt jedenfalls nicht utopisch, was Gerlach empfiehlt, sondern mit der notwendigen Geduld sehr realistisch. Diese Zeit müssen wir der Gegend dort geben, um sich selbst zu finden, sich selbst Zukunft und Perspektive zu geben. Gerlach bricht mit seinem Buch alle stereotypen Diskussionen, sieht wie der deutsche Politik- und Islamwissenschaftler Michale Lüders noch nicht den „Armageddon im Orient“, sondern gibt für eine positive Entwicklung genug fruchtbaren Samen.

 

Fazit: Gerlach gelingt es hervorragend, anhand neuer Blickwinkel auf die Situationsbeschreibung der arabischen Welt, das in jeglicher Hinsicht hohe Potential der Region darzustellen, erklärt deren Widersprüchlichkeiten, soziale und religiöse Vielfalt, Hemmnisse und vor allem ihre Chancen. Das „pessoptimistische“ Buch ist absolut lesenswert.

 

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Andreas Pickel, Harald Kloth

Paul McNeive: Resistent

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 477 Seiten ; ISBN: 978-3-3499-27617-0

Tsan Yohoto ist knapp 80 Jahre alt und Inhaber des größten Pharmaunternehmens in Japan. Fast seine gesamte Familie, außer seiner Mutter, ist beim Atombombenabwurf 1945 in Hiroshima umgekommen. Seit Jahrzehnten trägt er einen massiven Rachegedanken in sich, den er zum Abschluss seiner beruflichen Tätigkeit umsetzen möchte.

Gemeinsam mit dem Terrornetzwerk Al-Qaida plant er sein perfides Manhattan-Projekt. Zeitgleich sollen zwei große Kampagnen gestartet werden. Ein bekanntes Antibiotikum soll als Lifestyle-Produkt beworben werden. Auf der anderen Seite wird ein großes Fastfood-Unternehmen dafür sorgen, dass die Einwohner von New York jede Menge Burger Essen, denen Antibiotikum zugemischt wurde.

Ziel des Planes ist, dass bei der Bevölkerung eine Antibiotika-Resistenz entsteht. Später soll dann ein Erreger in New York verbreitet werden, der Tausende von Menschen dahinrafft. Und der Plan scheint aufzugehen, denn die New Yorker lassen sich scharenweise das Antibiotikum verschreiben und „fressen“ Burger ohne Ende.

Detective John Wyse von der New Yorker Polizei ist einer der ersten, der merkt, was möglicherweise dahinterstecken könnte. Aber wer glaubt schon einem kleinen Kriminalpolizisten? Als sich die Todesfälle mehren wird klar, dass es womöglich keine Rettung gibt.

Resistent ist ein hochaktueller Thriller, der aufzeigt, wie moderne Kriegsführung funktionieren kann. Auf der einen Seite toll, auf der anderen Seite billig und schon ködert man Hunderttausende von Menschen.

Der Autor, der Antibiotikaresistenz aus eigener Erfahrung kennt, zeigt in seinem Thriller, wie international agiert werden kann und dass es für den modernen Krieg keine klassischen Waffen braucht.

Fazit: Nach dieser Lektüre wird das nächste Burger-Essen gemischte Gefühle auslösen!

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Monika Bittl: Man muss auch mal loslassen können

Roman

 

München ; Knaur ; 2018 ; 271 Seiten ; ISBN 978-3-426-52323-0

Charlotte ist verzweifelt. Seit einigen Jahren schreibt sie erfolglos an einem Roman, hat alle ihre Ersparnisse aufgebraucht und sich durch einen Trick sogar die Krankenversicherungsbeiträge gespart. Da erfährt sie, dass sie Krebs hat. Um ihren Geschwistern zu ersparen, auf einem Haufen Schulden sitzen zu bleiben, sieht Charlotte nur einen Ausweg. Sie muss ihrem Leben selbst ein Ende setzen.

Verkäuferin Jessy dachte eigentlich, sie hätte mit dem Studenten Jossip das große Los gezogen. Sie ist hoffnungslos verliebt in ihren ersten festen Freund. Sogar von Hochzeit hat er schon gesprochen. Da erwischt sie ihn in flagranti in ihrem Boxspringbett, wo er sich gerade mit einer anderen vergnügt. Das kann doch gar nicht wahr sein! Wütend schmeißt sie die beiden raus. Doch ohne Jossip sieht Jessy in ihrem Leben einfach überhaupt keinen Sinn mehr.

Das Wirtshaus von Wilma hat schon bessere Zeiten erlebt. Das Rauchverbot scheint ihr jetzt das Genick zu brechen. Da bei Kontrollen jedes Mal geraucht wurde, drohen ihr Strafzahlungen und der Entzug der Konzession. Dabei liebt Wilma nichts mehr als das Wirtshaus samt seiner Stammgäste. Aber die Lage ist einfach nur noch hoffnungslos. Wilma mag nicht mehr.

Die drei Frauen treffen im Wartebereich der Beratungsstelle ‚Dare it‘ aufeinander und beschließen am Ende, dass es einfacher ist, sich zusammenzutun und gemeinsam das Ziel zu verfolgen. Nach gescheiterten Selbstmordversuchen mit Tabletten und Autoabgasen wollen sich die drei von einer Brücke stürzen. Dazu müssen sie sich aber erst Mut antrinken. An der Tankstelle, an der sie den Alkohol kaufen wollen, werden sie Zeugen eines Überfalls.

Ralle, dessen Elektrobetrieb etwas in Schieflage geraten ist und Moritz, der Junge aus gutem Hause, der noch seine Bestimmung in der Welt sucht, haben den Überfall geplant. Dabei haben sie aber nicht mit der resoluten Wilma gerechnet, die in den beiden bewaffneten Männern die Lösung ihres Problems erkennt. Im Beisein der verdutzten Möchtegern-Räuber verkündet sie kurzerhand, dass die drei Frauen die Geiseln der beiden seien und setzt sich mit Jessy und Charlotte schon mal ins Fluchtfahrzeug. Wie wird das nur enden?

Diese irrwitzige Geschichte von Monika Bittl (Ohne meinen Mann wär ich glücklich verheiratet) ist zwar komplett an den Haaren herbeigezogen, besticht aber mit sehr viel schwarzem Humor und lustigen Charakteren. Und im Kern der Geschichte stehen die wichtigen Themenkreise Freundschaft, Gemeinschaft, Zusammenhalt und Loyalität.

Fazit: Unterhaltsame Lektüre.

 

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Karen Sander: Wenn ich tot bin

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 281 Seiten ; ISBN: 978-3-499-29159-3

Madeline McFarland ist 19 Jahre alt und wird seit mehr als 10 Jahren vermisst. Eines Tages taucht sie plötzlich im Haushalt ihrer Mutter Susan wieder auf. Diese ist mittlerweile erneut verheiratet und hat eine 8-jährige Tochter namens Harper. Doch die Wiedersehensfreude währt nicht lange. Als Susan vom Einkaufen zurückkommt liegt ihr Ehemann Stuart schwer verletzt mit einer Stichwunde in der Küche. Die Tochter Harper sitzt verängstigt im Schrank und von Madeline fehlt jede Spur.

Detective Sergeant Kate Fincher und ihr Partner Detective Inspektor Tom Pine von der Polizei Edinburgh übernehmen die Ermittlungen. Tom kennt die Familie McFarland seit langer Zeit, weil er im Entführungsfall Madeline von Anfang an mit dabei war. Eine junge Frau, die sich seit neuestem Amy nennt ist auf der Flucht vor Ben, ihrem Peiniger. Sie schlägt sich in die Highlands durch kann sich scheinbar gut verstecken.

Als Susans Ehemann Stuart aus dem Krankenhaus verschwindet und auf seinem Laptop verdächtige Fotos auftauchen, glauben die Ermittler die Fallhintergründe zu kennen. Doch dann wird eine weibliche junge Leiche gefunden und nach einem ersten DNA Abgleich scheint vieles dafür zu sprechen, dass es sich um Madeline handelt. Wenn das jedoch zutrifft stellt sich die große Frage: Wer ist Amy und wer verfolgt sie?

Karen Sander legt mit 'Wenn ich tot bin' einen soliden Krimi vor, der den Leser immer wieder auf Fährten führt, die sich dann als Irrwege herausstellen. Sie schafft es, alle Figuren in die Handlung mit einzubeziehen und entwickelt einen Plot, der bis zum Ende spannend bleibt.

Fazit: Spannender Plot.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Regine Rompa: Unser Hof in der Bretagne

Neuanfang zwischen Beeten, Bienen und Bretonen

 

Hamburg ; Rowohlt Polaris ; 2019 ; 255 Seiten ; 978-3-499-63426-0  

 

Die beiden Mitdreißiger Regine Rompa und ihr Freund Anton haben das Großstadtleben in Berlin satt. Zu laut, zu voll, zu viel Stress und zu wenig Zeit für Dinge, die glücklich machen. Sie wollen endlich ein sinnvolles Leben führen und bewusster leben. Als freie Autorin und Programmierer können die beiden eigentlich von überall arbeiten – vorausgesetzt es gibt eine gute Internetverbindung. Sie verkaufen ihre Eigentumswohnung und machen sich auf die Suche nach einer neuen Heimat. Als sie einen alten Hof in einem kleinen Dorf in der Bretagne entdecken, reisen die beiden dorthin.

Und das obwohl die beiden so gut wie kein Französisch sprechen. Im Dorf Kerjégu leben dauerhaft nur noch zwei alte Damen, andere Häuser werden lediglich als Feriendomizile genutzt und sind nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Als Regine und Anton das reetgedeckte Häuschen und die dazugehörigen 13.000 Quadratmeter Land sehen, verlieben sie sich sofort und bekommen zum Glück auch den Zuschlag. Der Wechsel vom Überangebot der Großstadt Berlin in ein winziges Dorf ohne öffentlichen Nahverkehr, ohne Lieferdienste oder Abendgestaltungsmöglichkeiten wie Kino und Theater macht den beiden aber nichts aus.

Im Gegenteil - nun kommt ihnen zugute, dass sie bereits in Berlin immer schon Sehnsucht nach dem Landleben hatten – sie haben sich haufenweise Bücher zu den Themen Landleben und Selbstversorgung gekauft von denen sie jetzt profitieren können. Denn das ist ein Ziel der beiden – sich möglichst selbst zu versorgen und mehr im Einklang mit der Natur zu leben.

Zumindest im Hinblick auf das Essen stellt das für die beiden Vegetarier kein Problem dar. Sie legen Gemüsebeete an und obwohl ein unerwarteter Kälteeinbruch viele Setzlinge zerstört, können die beiden im Laufe des ersten Jahres schon eine ganze Menge an Gemüse ernten. Nach und nach lernen Regine und ihr Freund auch andere Auswanderer in der Gegend kennen. Und da gibt es einige, die auch auf der Suche nach dem einfachen Leben auf dem Land aus den unterschiedlichsten Gegenden in die Bretagne gezogen sind.

Dieser Austausch bereichert auch Regines und Antons Leben und man hilft sich gegenseitig. Schon bald entschließen sich die beiden zur Hühnerhaltung, ein zweiter Hund wird aufgenommen und sie erreichen, dass ihr Land zum Wildtierschutzgebiet erklärt wird, was bedeutet, dass künftig auf dem Gelände nicht mehr gejagt werden darf.

Die Autorin Regine Rompa schildert in ihrem Buch, wie sie zusammen mit ihrem Partner Anton die Zelte in der Großstadt Berlin abgebrochen und in einem kleinen Dorf in der Bretagne - mittendrin im Nirgendwo  – einen Neuanfang gewagt hat. Manchmal hat man zwar das Gefühl, die unangenehmen Erlebnisse wurden für das Buch im Nachhinein etwas weichgespült, aber an sich schadet das dem Buch auch nicht sonderlich. Im Zentrum steht die Frage, wie man heute leben will.

Ob man verantwortungsbewusst mit der Natur umgeht, wie Konsum (auch Fleischkonsum) hinterfragt werden kann und was man eigentlich braucht, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Fazit: Unterhaltsamer Aussteigerbericht.

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Wargames - Kriegsspiele

(1983)

 

In den 1980er Jahren wurde die Gefahr eines Atomkriegs wieder so groß, wie seit der Kubakrise 1962 nicht mehr. Verschiedene Spielfilme setzten sich mit dem Thema ernsthaft auseinander. Richteten sich us-amerikanische Filme wie "The Day After" oder "Testament" vor allem an ein erwachsenes Publikum, so wurde mit "Wargames" vor allem ein jugendliches Publikum angesprochen.

 

In diesem nun schon über 35 Jahre alten Thriller des Spannungsspezialisten John Badham ("Das fliegende Auge/Blue Thunder", "Gegen die Zeit/Nick of Time") löst ein jugendlicher Hacker aus Versehen fast den Dritten Weltkrieg aus. Er kommuniziert dabei mit dem Supercomputer "W.O.P.R." und spielt das (für ihn vermeintliche) Spiel "Weltweiter Thermonuklearer Krieg".

 

Wer die 1980er mochte, der wird auch heute noch mit "Wargames" gut unterhalten. Matthew Broderick als Hacker Lightman nebst Freundin (Ally Sheedy) sind perfekt besetzt. Naturgemäß sind die technischen Aspekte eher schlecht gealtert. Das Internet, wie wir es heute kennen, lag erst in den Anfängen. Aber "Wargames" war einer der ersten Filme, in denen Hacker überhaupt dargestellt wurden.

 

Der eigentliche Hauptdarsteller im Film ist aber keine Person, sondern ein Ort. Das Kontrollzentrum NORAD (Nordamerikanisches Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando) wurde mit hohem Aufwand in einer riesigen Studiokulisse dargestellt. Dies entsprach zwar so nicht der Realität, wirkt im Film aber sehr effektiv.

 

Die bemerkenswerteste Szene des Films ist vielleicht am Anfang zu sehen. Ein Offizier im Raketensilo verweigert sich dem Befehl zum Start der Atomwaffen. Letztendlich wird diese Handlung aber als Übung entlarvt. Die menschliche Dramatik und die Irrationalität der gegenseitigen Vernichtung verpuffen damit leider schon bei Beginn. Was bleibt ist ein Film, der der Faszination für Computerspiele völlig erliegt. Kritik am Militarismus oder an Atomwaffen wird man hier nicht finden.

 

Die 2012 erschienene Blu-ray enthält als Sonderausstattung einen Audiokommentar von Regisseur John Badham und den Drehbuchautoren. Außerdem enthalten ist ein Making Of, ein Bericht über Hacker, die Geschichte von NORAD und ein sehr witziges Filmchen über das Spiel Tic Tac Toe (das im Film eine eminent wichtige Rolle spielt).

 

Siehe auch: "Die Atombombe" im utopischen Fernseh- und Spielfilm.

 

Fazit: Auch heute noch spannender 80er Jahre-Thriller, der sich vornehmlich an computeraffine Teenies richtete und mit seiner Mischung aus Thriller und Atomkriegsangst den Nerv seiner Zeit traf. Technisch allerdings arg angestaubt. Fragwürdig erscheint aus heutiger Sicht das fehlende Aufzeigen der fürchterlichen Folgen von Atomwaffen.

 

Harald Kloth

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2019 Harald Kloth

Remigiusz Mróz: Die kalten Sekunden

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 382 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27606-4

Damian Werner ist mit seiner Freundin Ewa in deren Stammkneipe. Er macht ihr am späten Abend am Fluss einen Heiratsantrag. Was er nicht ahnt, dass sie bereits in der Kneipe beobachtet werden. Er wird zusammengeschlagen und Ewa vor seinen Augen vergewaltigt. Er verliert das Bewußtsein und als er erwacht, fehlt von Ewa jede Spur.

Dies soll auch die nächsten zehn Jahre so bleiben. Bis sein bester Freund Blitzer nach einem  Konzert auf der Fanhomepage ein Foto von Ewa entdeckt. Damian Werner ist ganz benommen, als er das Bild auf dem Facebook-Account zu Gesicht bekommt, denn er war immer der Meinung, dass Ewa noch lebe. Gemeinsam mit Blitzer engagieren sie die Detektei Reimann Investigations, da die Polizei keine weiteren Ermittlungen einleiten will.

Doch plötzlich sind die Bilder samt Account verschwunden und Blitzer liegt tot in seiner Wohnung. Kassandra, die Chefin von Reimann Investigations nimmt die Sache selbst in die Hand, denn auch sie will raus aus ihrem Alltag, der geprägt ist von massiven nächtlichen Übergriffen ihres Ehmanns Robert. Wird es Damian gelingen, den Kontakt zu Ewa aufzunehmen und wie kann ihn Kassandra dabei unterstützen?

Die kalten Sekunden ist ein raffinierter Thriller, der in drei Abschnitte aufgeteilt ist. Der Leser wird hineingezogen in die Verzweiflung von Damian Werner, der sich nicht erklären kann, warum Ewa vor zehn Jahren plötzlich verschwand. Nach und nach wird das Geheimnis gelüftet und als alles klar scheint, wird nochmals alles auf den Kopf gestellt.

Fazit: Plot mit unvorhersehbarem Ende.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

André Franquin: Schwarze Gedanken

Komplett

 

Hamburg ; Carlsen ; 2017 ; 70 Seiten ; ISBN 978-3-551-76530-7

 

Der belgische Comiczeichner André Franquin (1924 - 1997) ist vor allem durch seine humorvollen Serien "Spirou und Fantasio", "Gaston" oder "Marsupilami" einer breiten Leserschaft bekannt geworden.

 

In den "Schwarzen Gedanken" setzt er sich respektlos und anarchisch mit unserer Gesellschaft auseinander. Jäger sind ein immer wiederkehrendes Motiv. Wobei dies für den Waidmann immer sehr tragisch endet. Eine zweite Gruppe, die Franquin immer wieder beharkt sind Militärs. Machtgierig und kriegsgeil treiben diese ihre Spielchen und gipfeln schließlich in apokalyptischen Szenarien. Auch die Todesstrafe ist ein beliebtes Thema, das er immer wieder aufgreift. Gnadenlos macht sich Franquin über die Menschen lustig, wenn er etwa einen trauernden Hund am Grab seines Herrchens zeigt, der aber in Wirklichkeit nur den Bällchen im Sarg hinterhertrauert. Eine Figur, der Mann, der auf einem einsamen Labyrinth-Asteroiden ausgesetzt wurde, versucht sogar in mehreren Episoden verzweifelt sein Gefängnis zu verlassen ... natürlich wird es ihm nicht gelingen.

 

Die filigranen schwarz-weißen Zeichnungen verstehen immer wieder zu überraschen, etwa wenn sich die vermeintlich rettenden Lichter einer fernen Stadt als Wolfsaugen entpuppen. Oder sich Planet Erde als Handgranate verwandelt, mit der Generäle Boccia spielen.

 

Erstaunlich ist, dass diese 1977 entstandenen Comicstrips in ihrer Aussage und Thematik noch immer hochaktuell sind. Aus heutiger Sicht stellen diese kurzen Geschichten eine Sternstunde des europäischen Comics dar.

 

1989 erschien im Alpha-Comic Verlag eine Hardcover-Normalausgabe (ISBN 3-89311-001-1) und eine auf 500 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe (ISBN 3-89311-077-1) mit Goldprägung und handsigniertem Druck. 2017 erschien im Carlsen Verlag eine Neuausgabe (ISBN 978-3-551-76530-7) im Hard- und Softcover. 2018 erschien im Carlsen Verlag ein Sonderband "Es waren einmal Schwarze Gedanken" (ISBN 3-551-76529-4) mit erweiternden Bonusmaterial.

 

Fazit: Düster-zynische Comicstrips eines herausragenden Comicmeisters.

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

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© 2003 - 2019 Harald Kloth

Andreas Winkelmann: Die Lieferung

Thriller

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 399 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27517-3

Viola, eine alleinlebende Altenpflegerin, hat das Gefühl, verfolgt zu werden. Als sie es ihrer Freundin Sabine erzählt, merkt auch diese, dass etwas komisch ist. Viola informiert die Polizei über einen möglichen Stalker. Doch dann wird Sabine tot in Hamburg aufgefunden und von Viola fehlt jede Spur. Die Ermittler, Polizeikommissar Jens Kerner und sein Team, finden in der Wohnung nur eine frisch gelieferte, aber nicht angerührte Pizza. Zeitgleich wird in einem Wald bei Hamburg eine junge Frau aufgegriffen, die seit Jahren als vermisst gilt.

Sie ist wie ein wildes Tier, ein Gespräch mit ihr ist nicht möglich. Alles was nach Stunden im Krankenhaus vermutlich feststeht ist, dass sie Kim heißt. Jens' Mitarbeiterin Rebecca befindet sich derweil auf Reha. Seit Jahren sitzt sie im Rollstuhl und muss zweimal jährlich eine Woche in die Klinik, damit der Muskelaufbau vorankommt. Als eine Physiotherapeutin mitbekommt, dass Rebecca bei der Polizei arbeitet, schildert sie ihr das Schicksal ihrer Tochter. Vor Jahren ist diese verschwunden und keiner weiß, was passierte. Nach dem Ende der Reha macht sich Rebecca auf die Suche nach ähnlich gelagerten Fällen. Und tatsächlich findet sie Parallelen. Den Ermittlern gelingt es, nach Gesprächen mit den Angehörigen der anderen Fälle, gewisse Ähnlichkeiten herauszuarbeiten. Alle verschwundenen jungen Frauen waren bildhübsch und kurz vor ihrem Verschwinden starb ein ihnen Nahestehender. Welches bestialische Spiel wird hier gespielt?

Mit seinem neuen Roman 'Die Lieferung' legt der Autor einen spannenden und raffiniert inszenierten Thriller vor. Aus verschiedenen Perspektiven wird das Fallgeschehen beschrieben. Immer wieder gibt es kurze Passagen, in denen auf die Kindheit des Täters eingegangen wird. Obwohl man bereits Mitte des Buches glaubt alles zu wissen, überrascht der Autor immer wieder mit Wendungen, die einen oft erschüttern.

Fazit: spannendes Psychogramm eines Psychopathen.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Julie Caplin: Die kleine Bäckerei in Brooklyn

Roman

(Romantic Escapes, Band 2)

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 461 Seiten ; ISBN 978-3-499-27552-4

Eigentlich dachte Sophie, die als Food-Journalistin arbeitet, alles wäre bei ihr im Lot. Bis sich plötzlich herausstellt, dass ihr Freund James ein verheirateter Mann und Vater einer kleinen Tochter ist. Sophie ist am Boden zerstört. Da trifft es sich, dass in der Redaktion gerade händeringend jemand gesucht wird, der für eine verletzte Kollegin einspringen kann, um für ein halbes Jahr in der New Yorker Redaktion zu arbeiten.

Sophie nutzt diese Chance, weil sie dadurch den nötigen Abstand zu James gewinnen kann. In New York angekommen bezieht sie ein kleines Apartment in Brooklyn, das über einer Bäckerei liegt. Die Besitzerin Bella ist zugleich auch die Vermieterin und schon bald werden die beiden Freundinnen. Als Food-Journalistin hat auch Sophie Spaß am Backen und nachdem Bella fast in Aufträgen ertrinkt, hilft Sophie immer mal wieder mit. Auch in der Redaktion läuft es gut. Sophie und der Frauenschwarm Todd teilen sich einen Schreibtisch.

Zunächst empfindet sie sein Machogehabe als ziemlich unangenehm, aber als sich die beiden näher kennenlernen merkt Sophie, dass hinter dieser oberflächlichen Fassade ein sensibler Mann steckt. Die beiden nähern sich an und Sophie beginnt mehr und mehr ihre Schutzmauern, die sie nach dem Reinfall mit James um sich gezogen hatte, einzureißen. Aber kann das wirklich gut gehen? Als sich herausstellt, dass Bella Todds Cousine ist und diese Sophie rät, sich von Todd fernzuhalten, weiß Sophie gar nicht mehr, was sie denken soll. Ist Todd wirklich so fies, wie Bella sagt?

‚Die kleine Bäckerei in Brooklyn‘ ist wie schon ‚Das kleine Café in Kopenhagen‘ eine Mischung aus Liebesgeschichte und Städteführer. Zwar ist es ein Wiedersehen mit einer der früheren Protagonistinnen, aber leider ist das Buch nicht so gut gelungen wie der Vorgänger. Julie Caplin schafft es zwar ganz gut, das Lebensgefühl der New Yorker einzufangen, aber insgesamt ist die Geschichte doch sehr vorhersehbar.  

 

Fazit: Liebesgeschichte vor der Kulisse New Yorks, die einen aber nicht so recht vom Hocker reißt.

 

Sonja Kraus

3 Sterne
3 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Wajima Safi: Denn wir waren Krieger

Roman

 

München ; Bookspot ; 2019 ; 261 Seiten ; ISBN: 978-3-95669-114-0

Hauptbahnhof München 1980: Jamal, seine Ehefrau Layla und die kleine Tochter Mina sind über Indien aus ihrer Heimat Afghanistan geflohen. Layla ist schwanger und kurz darauf wird der Sohn Omar geboren. Die Familie muss sich im für sie fremden Land zurechtfinden. Vieles ist anders als in der Heimat. Zunächst sind Jamal und Layla ganz auf sich alleine gestellt.

Beide haben viele Erinnerungen an die Heimat am Hindukusch. Kann Deutschland für die beiden so etwas wie eine zweite Heimat werden? Sie leben zuerst in einem Asylheim und bekommen dann eine eigene Wohnung zugewiesen. Jamal schafft sich mit dem Autohandel ein kleines Gewerbe, das nach und nach mehr Geld abwirft. Immer mehr Landsleute und Familienmitglieder treffen sich in der Wohnung und immer deutlicher wird sichtbar wie unterschiedlich die Mentalität von Deutschen und  Afghanen ist.

Der Roman „Denn wir waren Krieger“ eignet sich als Lektüre um beim Thema Integration ein Einfühlungsvermögen für die „Fremden“ zu entwickeln. Die Autorin, selbst in Kabul geboren und in München aufgewachsen, liefert eine sehr emotionale Geschichte, die absolut in unsere Zeit passt.

Fazit: Wäre geeignet als (Pflicht-)Lektüre für Fremdenfeinde!

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Morton Rhue: Über uns Stille

Gesprochen von Jacob Weigert

 

Ravensburg ; Ravensburger Buchverlag ; 2012 ; 3 CDs ; 221 Minuten ; ISBN 978-3-8337-3028-3

 

1962. Vereinigte Staaten und Sowjetunion stehen sich in der Kubakrise gegenüber. Die Welt hält den Atem an und steht am Rande eines Atomkriegs.

 

Der 12jährige Scott ist ein typisch amerikanisches "Durchschnittskind". Den drohenden Konflikt der Supermächte erfahren Scott und seine Freunde vor allem aus den Radiomeldungen. Als sein Vater als Einziger im Viertel einen Luftschutzbunker anlegen lässt, erregt dies bei den Nachbarn Aufsehen und Ungläubigkeit.

 

Schließlich geschieht das bisher Undenkbare: Durch Sirenenalarm geweckt, flüchtet Scotts Familie mitten in der Nacht in ihren Schutzraum. Doch auch Nachbarn erkämpfen sich "ihren Platz" darin. Scotts Mutter wird schwer verletzt. Als nach vielen Tagen die Ressourcen knapp werden, wird die Lage im Bunker gefährlich. Doch an ein Verlassen ist wegen der hohen Strahlung Oben nicht zu denken.

 

Morton Rhue ist in Deutschland vor allem durch seinen Jugendroman "Die Welle" bekannt geworden, der auch mehrmals verfilmt wurde. "Über uns Stille" beschreibt vor Allem die psychologischen Folgen des Eingesperrtseins auf engstem Raum. Beispielsweise die anfängliche Scham beim Toilettengang oder bei der Körperpflege. Die ungeheure Angst der Eingesperrten, die sich in bedrohliche Konflikte zuspitzt.

 

Obwohl die tatsächlichen Ereignisse der Kubakrise in den 1960ern als Hintergrund verwendet werden, könnte diese Geschichte so ähnlich auch in jeder anderen Dekade oder in der Gegenwart angesiedelt sein. Letztendlich geht es um die Frage, ob nicht die Überlebenden eines Atomkriegs die Toten beneiden würden (ein Zitat, das Nikita Chruschtschow zugeschrieben wird). Neben "Die letzten Kinder von Schewenborn" von Gudrun Pausewang, der die Auwirkungen auf ein kleines Dorf in Deutschland beschreibt, dürfte "Über uns Stille" von Morton Rhue eines der wenigen literarischen Werke zum Thema Atomkrieg für Jugendliche sein.

 

Erzählt und von Jacob Weigert exzellent gesprochen ist der Roman aus der Sicht eines amerikanischen Jungen. In immer wieder eingeschobenen Rückblenden, entfaltet sich die relativ unbekümmerte Zeit "Davor". Die Identifikation mit der Hauptfigur fällt damit sehr leicht.

Das Hörbuch umfasst 3CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 221 Minuten. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "The Bomb".

 

Siehe auch "Die Atombombe" im utopischen Fernseh- und Spielfilm.

 

Fazit: Düsteres Hörbuch zum Thema Krieg, nicht nur für Jugendliche.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Harald Kloth

Fatih Akin: Im Clinch

Die Geschichte meiner Filme

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 330 Seiten ; ISBN 978-3-499-00028-7

In diesem sehr persönlichen Buch spricht Fatih Akin über seinen Werdegang, seine türkische Herkunft, seine Familie, seine Heimatstadt Hamburg und seinem auf all diesen Dingen basierenden Verhältnis zum Film und Verständnis vom Filmemachen.

Das Buch basiert auf zahlreichen Interviews mit Fatih Akin. Dadurch, dass der Regisseur so frei von der Leber weg spricht, trifft er den Leser ab der ersten Seite mitten ins Herz. Chronologisch werden alle Filme besprochen – von den ersten Kurzfilmanfängen bis hin zu den großen Kinofilmen. Akin gewährt Einblick in den jeweiligen Produktionsalltag der einzelnen Filme, liefert interessante Anekdoten und verschweigt auch Pannen nicht. Diese Ehrlichkeit zeichnet ihn aus. Es wird nichts beschönigt wenn es um filmische Reinfälle geht und auf der anderen Seite ruht er sich auch nicht auf Erfolgen aus. Die Leidenschaft mit der Akin von seinen Filmen erzählt lässt erahnen, mit wieviel Herzblut er als Regisseur am Set agiert. Immer wieder kommt auch zur Sprache, von welchen Filmemachern Akin beeinflusst wurde.

Im Buch selbst gibt es für jeden Film eine Seite mit allen Eckdaten sowie einer kurzen Inhaltsangabe. Die vielen Abbildungen werten das Buch optisch enorm auf. Die erweiterte Neuausgabe enthält auch Informationen zu den aktuellsten und zudem sehr erfolgreichen Filmen ‚Tschick‘ , ‚Aus dem Nichts‘ sowie ‚Der goldene Handschuh‘. Trotz all der Erfolge ist Fatih Akin jemand, der auf dem Boden geblieben ist. Er musste schließlich auch herbe Rückschläge einstecken. Dennoch ist seine Devise, nach großen Misserfolgen einfach weiterzumachen um am Ende doch vielleicht wieder Erfolge feiern zu können. Aufgeben ist jedenfalls nicht sein Ding und das macht ihn so sympathisch. Das Buch zeigt, dass Fatih Akin nicht ohne Grund ein Regisseur ist, der seit vielen Jahren die Filmlandschaft in Deutschland und darüber hinaus prägt.

Fazit: großartige Werkschau eines grandiosen Regisseurs.

Sonja Kraus  

5 Sterne
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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Nicole Dau: Glück ist in der kleinsten Hütte

Unser Traum vom Tiny House

 

München ; Piper ; 2019 ; 223 Seiten ; ISBN 978-3-492-06159-9

Für die PR-Beraterin Nicole Dau steht schon seit längerem fest, dass sich ihr bisheriges Leben ändern muss, da sie ansonsten daran zerbricht. Aber wie? Zu Beginn besteht der Wunsch, nach Lust und Laune einfach mal aus dem Alltag auszusteigen. Und wie ginge das besser, als mit einem umgebauten Bus. Ein rollendes Zuhause muss also her. Dank Internet informieren sich Nicole und ihr Mann Carsten über den Ausbau und das Leben im Bus.

Doch das Projekt scheitert an den altersgemäßen Schäden des Fahrzeugs. Ebenfalls schon länger hegen die beiden den Wunsch, der Stadt Hamburg den Rücken zu kehren – zwar nicht was die Jobs anbelangt, aber im Hinblick auf das Wohnen. Denn was nützt es, mitten in der Stadt zu wohnen, wenn einen die Arbeit und das restliche Umfeld so auslaugen, dass man abends gar keine Lust mehr hat, vor die Tür zu gehen um das vielfältige Angebot zu nutzen? Dann lieber gleich aufs Land ziehen. Doch wie soll man sich das heutzutage leisten können? Im Internet stoßen die beiden auf die Idee der Tiny Houses. In ihnen reift die Idee heran, sich ein Haus auf Rädern zu bauen. Damit wäre die Grundidee des rollenden Zuhauses wieder aufgegriffen.

Nicole und Carsten recherchieren, sehen sich andere Tiny Houses an, die man zum Teil auch bereits schlüsselfertig kaufen kann. Doch schnell wird den beiden klar, wenn sie das Projekt in Angriff nehmen, dann kommt nur ‚Marke Eigenbau‘ in Frage. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einem zum Ausbau geeigneten Objekt. Parallel dazu beginnen die beiden auch, ihr bisheriges Leben in der Stadt Hamburg aufzulösen. Überflüssige Dinge werden auf dem Flomarkt verkauft da man im neuen Leben ja nicht mehr so viel Platz haben wird und viele Sachen sich einfach über die Jahre angehäuft haben, ohne dass man sie wirklich benötigt. Als der Kauf eines alten Bienenhauses und ein Stellplatz vor den Toren Hamburgs schon in trockenen Tüchern scheinen, kündigen die beiden ihre Hamburger Wohnung. Dann zerschlägt sich aber das mit dem Bienenhaus und die beiden müssen schnellstens ein Alternativobjekt finden, um später nicht ohne Dach über dem Kopf dazustehen. Zum Glück klappt das mit dem Stellplatz wenigstens. Auch wenn sie es fast schon nicht mehr für möglich gehalten haben, finden sie einen Bauwagen, der sich für ihre Umbaumaßnahmen zu eignen scheint. Die beiden schlagen zu und ab diesem Zeitpunkt verbringen sie jede freie Minute im und um den Bauwagen. Zeitgleich trüffeln die beiden was das Zeug hält. Damit ist gemeint, dass sie die Kleinanzeigen nach Dingen durchforsten, die andere Leute verschenken.

Ziel ist es, möglichst wenig Material neu zu kaufen. Das Paar plant also Upcycling im großen Stil. Und es funktioniert erstaunlich gut. Zwar kommen die beiden um einige Neukäufe nicht herum, aber so gut wie alle Holzelemente wie Balken und Verkleidungen sammeln sie sich kostenlos zusammen. Die beiden werkeln drauflos und Stück für Stück werden Fortschritte sichtbar. Am schwierigsten gestaltet sich der geplante Aufbau für das Schlafloft, doch auch diese Herausforderung meistern die beiden Hobbyheimwerker. Und letztlich können sie wie geplant ins neue Zuhause einziehen und das Landleben genießen.

Diese sehr persönliche und ehrliche Schilderung des Projekts ‚Wir bauen uns ein Tiny House‘ macht Lust aufs Heimwerken. Und eins kann man von Nicole Dau und ihrem Mann lernen : man muss sich manchmal einfach trauen, Dinge zu tun, die man zuvor noch nie gemacht hat. Dabei wächst man nämlich oft auch über sich selbst hinaus. Die Fotos im Mittelteil vermitteln sehr anschaulich, wie der Bauwagen Stück für Stück zum gemütlichen Zuhause wurde.

Fazit: sehr lesenswertes Buch über die Chancen und Herausforderungen beim Tiny House-Bau.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Lina Wolff: Die polyglotten Liebhaber

Roman

 

Hamburg : Hoffmann und Campe ; 2018 ; 282 Seiten ; ISBN 978-3-455-00143-3

 

Wer kennt das nicht nach einigen Ehejahren: die Frau sagt etwas, der Mann guckt ungläubig, versucht die Botschaft des anderen Geschlechts, des „Wesens vom anderen Stern“ zu verstehen, antwortet schließlich anderslautend wie erwartet, anfangs eher verlegen und trifft noch dazu den falschen Ton. Schließlich bricht ein Streit aus und keiner kennt so richtig die Ursache! Aber auch abseits von Ehe und Partnerschaft kommt es selbst in besten und jahrelangen Freundschaften immer wieder mal zu Missverständnissen zwischen Mann und Frau, die man sich eigentlich nicht erklären kann. Wenn man(n) meint, endlich den „Dreh“ bei Frauen heraus zu haben, man(n) glaubt, eine Frau mit all ihren Macken zu verstehen, dann kann in einer vergleichbaren Situation dieselbe Reaktion bei einer anderen Frau schon wieder grundverkehrt sein. Diesem Phänomen geht die schwedische Autorin Lina Wolff in ihrem sehr gelungenen Roman „Die polyglotten Liebhaber“ auf den Grund. Dabei geht es Wolff um Devotion, Altruismus und die Ausübung einer von Egoismus getriebener männlicher Macht über die Frauen, aber vor allem auch um Frauen, die alles andere als wehrlos wirken, sondern wissen, sich körperlich und sprachlich für manch erlittene Erniedrigung zu rächen.

Roter Handlungsfaden in dem Buch ist ein Manuskript des Schriftstellers Max Lamas mit dem Titel „Die polyglotten Liebhaber“. Das Manuskript ist der Versuch, die Sehnsucht eines Mannes wiederzugeben, das andere Geschlecht zu verstehen. Der Versuch endet letztendlich aber in einem frauenverachtenden Buch. Die Angebetete ist eine junge, optisch sehr ansprechende Frau, die alle Sprachen von Lamas spricht – insgesamt elf. Über dieses Sprach(enverständnis), so Lamas, wäre dann eine unbeschreibliche Harmonie und lustvolle Beziehung zwischen Mann und Frau möglich. Um diesen Roman schlängeln sich nun drei zunächst unterschiedliche Erzählstränge von einer gewissen Ellinor, eben Max und von Lucrezia, die Enkelin der Frau, bei der sich Max Lamas in Italien einnistet, um seinen Roman zu schreiben. Ellinor aus einem Dorf in Südschweden kommend, scheint eine burschikose Frau zu sein, die sich auch mal prügelt und nicht unbedingt „Sex von der Stange“ liebt. Über ein Dating-Portal lernt sie Calisto Rondas, einen äußerlich wenig ansprechenden Literaturkritiker kennen. Dieser lockt Ellinor in sein idyllisch gelegenes Haus am Meer. Aber sie merkt schon bald, dass Calisto durch seine gewaltbreite Vorstellung von Sex wenig Sinn für Idylle hat. Eben jener Calisto besitzt das einzige Exemplar des Manuskripts von Max Lamas, um es zu rezensieren. Ellinor nun, nach einer vergewaltigungsähnlichen Sexnacht eigentlich angeekelt von Calisto, entschließt sich mit ihm zusammenzuleben. Einerseits, und das gilt für Beide, um vielleicht einer drohenden Einsamkeit zu entgehen (Calisto hatte zuvor seine große Liebe verloren), andererseits, um herauszufinden, welche Geheimnisse aus der Vergangenheit diesen so an diesem Manuskript hängen lassen, welche Sprache(n) im übertragenen Sinne dieser Mann selbst für seine Biografie spricht. Um das herauszufinden und als eine Art Rache für die Vergewaltigung, verbrennt sie das Manuskript, wohlwissend, welchen Wert es für das Leben von Calisto hatte. Schließlich trifft sie Mildred, die (blinde) Ex-Frau Calistos, die ihr den Menschen Calisto ein wenig näher bringt ... obwohl sie Mildred eigentlich hasst, weil diese so perfekt wirkt. Aber insgesamt versteht sie als Frau, die in ihrem Dorf das Handfeste, das Greifbare, das Körperliche kennengelernt und gelernt hat die scheinbar den Männern vorbehaltene intellektuelle Sphäre nicht. In den anderen beiden Teilen werden dann die Hintergründe zu diesem Manuskript dargestellt. Zum Beispiel, als Max Lamas seiner Gastgeberin in Italien, der Marchesa Matilde Latini, zunächst erfolgreich den Hof macht und der Liebhaber der mittlerweile für derartige Abenteuer eigentlich zu alt gewordenen Dame wird, um ihr kurze Zeit später das Herz zu brechen und diese in die Verarmung zu verführen. Daneben spielt noch Michel Houellebecq, Lieblingsschriftsteller von Calisto, eine Rolle, der mit seinen Büchern den Part eines Art „Literaturfrauenhassers“ übernimmt. Nach und nach und immer tiefer dringt man über diese verschiedene Handlungsstränge in die (unterschiedliche) Gedankenwelt von Mann und Frau, in die Moral des Buches ein.

Auf der Suche nach dem Partner fürs Leben sucht man jemanden mit gleichen Interessen, jemanden, der für einen Verständnis aufbringt, der einen so nimmt, wie man ist, ja, jemanden, der die gleiche Sprache wie man selbst spricht. Doch schon bald merkt man, dass eine Suche mit gewissen Idealvorstellungen zum Scheitern verurteilt ist – Mann und Frau sprechen einfach zu unterschiedliche Sprachen und haben vor allem auch eine unterschiedliche Auffassung selbst zu den allgemeinsten Aspekten des Lebens. Der Topf findet eben nicht immer den dazugehörigen Deckel, kann ihn vielleicht gar nicht finden, weil es den gar nicht gibt, weil der sich nicht so formen lässt, wie wir es vielleicht wollen. Die Ursache dafür geht Lina Wolff bemerkenswert aufschlussreich auf den Grund. Neben der thematisch äußerst interessanten Botschaft, ist der Roman auch sprachlich eine „Augenweide“, unheimlich realistisch, irgendwie witzig, dann aber wieder auch erschreckend. Wolff erzählt in meist kurzen Szenen und Dialogen doch so viel, meist auch versteckte Hinweise das Zusammenleben von Mann und Frau betreffend, die man oftmals erst beim genaueren Lesen erkennt. So lernen wir auch, dass Spiegel und Geschlechtsverkehr abgeschafft gehören, weil sie die Anzahl der Menschen erhöhen, Frauen die Naturwissenschaften den Männern überlassen und stattdessen lieber Sprachen lernen sollten und Frauen offensichtlich deshalb Entwürdigungen ertragen, nur um be- und versorgt zu sein.

Polyglott zu sein bedeutet, mehrere Sprachen zu sprechen. Aber offensichtlich sind Mann und Frau trotz dieser Fähigkeit zu Mehrsprachigkeit nicht in der Lage eine gemeinsame „Mann-Frau-Sprache“ zu sprechen. Wir sprechen in unterschiedliche Richtungen, quasi aneinander vorbei. Während Männer offensichtlich ihre Phantasien und Vorstellungen von Zusammenleben in mehr oder weniger intellektuellen Werken zu Papier bringen, schreiten Frauen eher zur Tat, zeigen Emotionen. Das scheint mehr zu überzeugen und zum Ziel zu führen! Diese unterschiedliche Herangehensweisen passen aber nicht zusammen!

 

Fazit: Nur schwer pauschalisierbare Stärken und Schwächen von Männern und Frauen sowie der Unberechenbarkeit im Denken, aber auch in ihren Taten und Handlungen machen eine vernünftige Kommunikation zwischen den Geschlechtern zu einer großen Herausforderung. Dies führt uns Wolff dank IHRER deutlichen und klaren Sprache vor Augen und macht das Buch so besonders – sehr lesenswert.

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Andreas Pickel, Harald Kloth

Marie Bernard: Cocktails, Chips und Chaos

Roman

 

Planegg ; Ladies Lounge ; 2019 ; 357 Seiten ; ISBN : 978-3-95669-102-7

Julia Lorenz ist 26 Jahre und arbeitet in Hamburg in der Marketingabteilung eines Pharmaunternehmens. Ihre Beziehung zu Eric, die ein halbes Jahr dauerte, ist während der Weihnachtsferien bei den Eltern in die Brüche gegangen. Mittlerweile ist Julia also wieder Single. So bleiben ihr in Hamburg nur ihre beste Freundin Michelle und ihr bester Freund Thomas.

Julia hat im Betrieb einen wichtigen Geschäftspartner zu betreuen, der mehr möchte als nur eine geschäftliche Beziehung. Zeitgleich taucht auch Claas wieder auf, den sie seit Kindertagen kennt und der mittlerweile als Arzt in Hamburg arbeitet. Julia ist in vielerlei Bereichen mehr als tollpatschig und so passiert, was passieren muss, die beiden begegnen sich und das Chaos ist perfekt.

Sie weiß nicht wohin mit dem Gefühlschaos, in ihrem Frust bleiben oft nur kalorienhaltige Lebensmittel wie Chips, Eis und andere Süßigkeiten. Ob sich doch noch eine Chance für die große Liebe eröffnet?

"Cocktails, Chips & Chaos" ist ein klassischer Frauenroman im Stil von Bridget Jones. Die Autorin schafft es, dass man eine Sympathie für Julia entwickelt, obwohl oft absehbar ist, wie sie sich selbst die Probleme schafft. Die Anspielungen auf verschiedenste Filmtitel machen aus Cocktails, Chips & Chaos einen unterhaltsamen Roman.

Fazit: Frauenroman, der auch Männern gefallen kann.

 

Matthias Wagner

2/3 Sterne
2/3 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Tausendundeine Nacht - Das glückliche Ende

Aus dem Arabischen von Claudia Ott

 

München ; dtv ; 2018; 426 Seiten ; ISBN 3-423-14649-4

 

Der zweite Band von Tausendundeiner Nacht besticht, wie schon Band eins "Wie alles begann", durch seine blumig orientalische, oft umständlich wirkende Sprache. (Genau genommen ist dies der dritte Band, denn der mittlere Teil dieser Märchensammlung ist bis dato leider verschollen)

Es ist ein umfangreicher Geschichtenschatz mit detailreichen Wortmalereien und bietet die Möglichkeit für den Leser in eine bunte Märchenwelt abzutauchen. Stellenweise benötigt man gutes Durchhaltevermögen für die langatmigen Textpassagen. Diese, versetzt man sich jedoch in die Situation der schönen Erzählerin Schahrasad, sind durchaus angebracht um Zeit zu gewinnen und ihren scheinbar sicheren Tod hinauszuzögern.

Doch wie es sicherlich den meisten Märchenkennern bekannt ist, kommt es vollkommen anders: Krönender Abschluss ist die märchenhafte Heirat Schahrasads mit König Schahriyar. Ein wunderschönes, rauschendes Happy End nicht nur für die beiden - aber mehr wird hier nicht verraten.

Die bei uns größtenteils unbekannten Märchen sind absolut lesenswert und verdienen es, entdeckt zu werden. Sie fordern Konzentration und eignen sich prima als Couchlektüre zum Abschalten, Entspannen und Träumen.

Wie bereits im ersten Band findet der Leser auch hier abschließend einen äußerst umfangreichen Anhang mit interessanten Erklärungen, was das Buch zu einer runum gelungenen Sache macht. Die Bebilderung beschränkt sich auf schlichte, orientalische Ornamente in schwarz/weiß. Farbenprächtige phantasiereiche Märchenbilder entstehen bei der Lektüre höchstens im Kopf.

Fazit: Für Märchenliebhaber unverzichtbar.

 

Elisabeth Gonsch

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth