Harry Bingham: Fiona - Unten im Dunkeln

Kriminalroman

Fiona Griffiths, Band 4

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 589 Seiten ; ISBN 978-3-499-27511-1

 

Fiona Griffiths hat sich von ihrem Freund Buzz getrennt und lebt wieder alleine. Noch erschöpft von ihrem letzten Fall klickt sie sich durch die Polizeiakten und wird stutzig. Ein Wachmann stürzte nachts betrunken von einer Klippe in den Tod.  Ein Ingenieur, der sich auf Unterseekabel spezialisiert hat, wird erhängt in seiner Wohnung gefunden. Zunächst deutet alles auf einen Unfall beziehungsweise einen Selbstmord hin.

Doch Fiona wäre nicht Fiona, wenn sie nicht die Nadel im Heuhaufen finden würde. Sie stößt auf Ungereimtheiten, die letztendlich dazu führen, dass Mordermittlungen eingeleitet werden. Zeitgleich ist sie immer noch auf der Suche nach ihrer eigenen Geschichte. Was hat ihr Vater getan und welche Rolle spielte er in seinem Netzwerk?

Fiona heuert ihren ehemaligen Kollegen an, der zwischenzeitlich im Gefängnis saß. Er übernimmt Ermittlungen, die auf offiziellem Polizeiwege so nicht möglich wären. Die dort gewonnenen Indizien legt sie ihren Vorgesetzten vor, weil sie nicht länger als Aushilfe in der Asservatenkammer tätig sein will, denn ihre Welt sind komplizierte polizeiliche Ermittlungen.
Fiona kann ihre Vorgesetzten überzeugen, die nötigen polizeilichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um nach einem mysteriösen Kletterer zu suchen.

 

Zeitgleich deckt sie Versäumnisse in einem anderen Ermittlungsverfahren auf, was zu erheblicher Unruhe im Kollegenkreis führt. Doch nicht alle Wünsche werden Fiona erfüllt, sodass sie letztendlich ohne Wissen ihrer Vorgesetzten auf eigene Faust Undercover ermittelt. Sie gibt sich als Köchin aus, obwohl Kochen nicht zu ihren Stärken zählt.
 
Der mittlerweile vierte Fall um die am Cotard-Syndrom leidende Ermittlerin Fiona zeigt einmal mehr, welche Auswirkungen die Krankheit auf die Persönlichkeitsstruktur hat. Zeitgleich wird ein sehr aktuelles Thema, die Übertragungsgeschwindigkeit bei Unterseekabeln, mitaufgegriffen. Dies alles bringt Harry Bingham zu einem soliden Kriminalroman zusammen.
 
Fazit: guter Krimi für zwischendurch.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Anna Funck: Egal, ich ess das jetzt!

Mein Jahr mit grünen Smoothies, Superfoods und anderen bekloppten Ernährungstrends

 

München ; Knaur ; 2019 ; 203 Seiten ; ISBN 978-3-426-78967-4
 
Bücher zum Thema Ernährung gibt es wie Sand am Meer, doch dieses Buch ist erfrischend anders. Die Autorin und Moderatorin Anna Funck hat nämlich einen Selbstversuch gestartet und so ziemlich alle Ernährungstrends ausprobiert, die es gibt. Kein leichtes Unterfangen, wenn es da auch noch einen Mann und zwei kleine Kinder gibt, die ebenfalls bekocht werden wollen.

 

Mit viel Humor und auch ziemlich ehrlich beschreibt die Autorin ihre Erfahrungen mit den einzelnen Trends. Alles wird ausprobiert: von grünen Smoothies über Ayurveda-Küche bis hin zu zuckerfreier Ernährung. Manches mal mehr, manches weniger erfolgreich. Nicht alles lässt sich eben einfach mal in den Alltag integrieren und manche Experimente scheitern dann auch kläglich. Besonders anschaulich werden die Auswirkungen der jeweiligen Ernährungsumstellung auf den eigenen Körper beschrieben. So kann man für sich selbst gut entscheiden, ob man das vielleicht auch mal ausprobieren möchte oder es lieber sein lässt.

Anna Funck schafft es, dass man beim Lesen das Gefühl hat, eine gute Freundin würde von ihren Ernährungsexperimenten erzählen und man würde dann gemeinsam darüber lachen. Dieser Schreibstil macht das Buch einerseits zur unterhaltsamen Lektüre und andererseits erfährt man so ganz nebenbei auch sehr viel Nützliches und Wissenswertes zum Thema Ernährung.
Sehr hilfreich ist die Gliederung des Buches. Jede Ernährungsrichtung hat ein eigenes Kapitel bekommen. Dadurch kann man auch zu einem späteren Zeitpunkt immer mal wieder gezielt zu einem Thema nachlesen.
 
Anna Funck ist es gelungen, auf sehr unterhaltsame Weise einen guten Überblick über die gängigen Ernährungstrends zu geben. Durch die Schilderungen der persönlichen Erfahrungen kann man sich ein gutes Urteil bilden, was für einen selbst zum Ausprobieren in Frage käme. Das Buch liefert also eine gute Orientierungshilfe durch den Ernährungsdschungel.

Fazit: toller unterhaltsamer Überblick über verschiedene Ernährungstrends.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Stefan Bausewein/Julia Schuller: Die Weinmacher

Ein Jahr mit den fränkischen Winzern

 

Cadolzburg ; ars vivendi ; 2018 ; 216 Seiten ; ISBN 3-86913-992-7

 

Wie? Noch ein Buch über Wein? Darauf hat die Welt jetzt wohl gewartet? Ja!

 

Denn dieses Buch ist angesichts der immensen Fülle an Weinbüchern und Weinführern wohltuend anders, es überrascht mit seinem erfrischenden, redaktionellen Konzept, seinen ausdrucksstarken Bild-Material und kreativen Aufbau.

 

In jeder Seite, in jedem Bild, jedem Interview spürt der Leser das Herzblut, das in diesem Projekt steckt, die Heimatverbundenheit der beiden Autoren und die Liebe zum Frankenwein.

 

Dieses Buch führt uns Schritt für Schritt durch das Weinjahr, beginnend mit dem Winter (Rebschnitt), über den Frühling (Drahtarbeiten, Reberziehung, Begrünung und Bodenbearbeitung) und den Sommer (Laubarbeiten, Traubenentwicklung und den Vorbereitungen zur Lese) zum Herbst (Weinlese) und schließlich zurück zum Winter (Kellerarbeit).

 

Es zeigt uns Weinenthusiasten das handwerkliche Können der Winzer, ihre Ängste und Mühen im Weinberg, ihr Know-how, ihre Philosophie und ihren Willen, durch harte Arbeit und mit viel Gefühl für das Terroir und die Traube herrliche Weine zu erzeugen, die das Jahr, den Boden und die Handschrift des Winzers bzw. Winzerin wiederspiegeln.

 

Dieses informative und lesenswerte Kaleidoskop führt uns durch ganz Weinfranken mit seinen verschiedenen Terroirs, zu kleinen Weinbauern, zu alteingesessenen Großwinzern, zu innovativen Jungwinzern, zu einem Büttner und in die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim. Wir besuchen Öko-Winzer, wir treffen Weinbauern, die biodynamisch arbeiten, wir sind im Weinberg mit „Normal“-Winzern und mit Nischen-Winzern philosophieren wir über Wein und mehr.  Alle kommen zu Wort, nehmen kein Blatt vor den Mund, erzählen von ihren Träumen und Ängsten, ihren Visionen, wir schauen mit ihnen über den Tellerrand, sie lassen uns teilhaben an ihren Experimenten und Innovationen und wir lernen vieles über bekannte und weniger bekannte Traubensorten.

 

Auf diese Weise entsteht im Leser ein genaues Bild vom Beruf des Weinbauern, der sich nicht nur im Weinberg und im Keller abspielt; dazu gehört auch Marketing um ihre Erzeugnisse an die Frau bzw. an den Mann zu bringen, der Einsatz von Technik (oder auch nicht) und vieles mehr.

 

Fazit: Hoch das Glas!

 

Wolfgang Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2019 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth

Jojo Moyes: Nächte, in denen Sturm aufzieht

Roman

 

Reinbek ; Rowohlt Polaris ; 2019 ;  475 Seiten ; ISBN 978-3-499-27639-2

Es scheint, als würde der Engländer Mike Dormer kurz davor sein, den größten Deal seit langer Zeit unter Dach und Fach zu bringen. Entsprechend groß ist auch der Druck seines Chefs. Bei dem Projekt geht es um eine Hotelanlage, die er den Investoren schmackhaft gemacht hat. Nun muss Mike nur noch den richtigen Standort für den Komplex finden. Zwar liegt ihm seine Verlobte Vanessa ständig mit den Hochzeitsvorbereitungen in den Ohren, aber selbst diese muss einsehen, dass das Hotelprojekt nun Vorrang hat.

Im beschaulichen Silver Bay an der Küste Australiens scheint Mike all das vorzufinden, was zum Erfolg des Projekts beitragen wird. Auch wenn die Infrastruktur des Ortes zu wünschen übrig lässt, gibt es einen großen Pluspunkt: die Bucht und die Möglichkeit, dort Delfine und sogar Wale zu beobachten. Am eigenen Leib erfährt Mike, wie ergriffen und begeistert man von solch einer Begegnung zurückkehrt. Touristen verirren sich bis dato zwar noch nicht viele nach Silver Bay, aber gerade diese Tatsache könnte Mikes Chance sein, den Standort optimal zu vermarkten.

Während seines Aufenthalts im etwas in die Jahre gekommenen Hotel von Kathleen Whittier Mostyn macht sich Mike Stück für Stück mit dem Leben an der Küste vertraut - natürlich ohne seine wahren Beweggründe für den Aufenthalt preiszugeben. Im Hotel lebt außerdem noch Kathleens Nichte Liza McCullen mit ihrer kleinen Tochter Hannah. Je länger Mike vor Ort ist desto mehr erfährt er über seine Gastgeberinnen. Die toughe Hai-Lady Kathleen beeindruckt Mike. Auch die verschlossene Liza hat es Mike sehr angetan.

Sie scheint ein besonderes Gespür für die Wale zu haben und ist oft die erste, die bei Walbeobachtungstouren auf die Tiere trifft – noch vor allen anderen Booten. Liza und Hannah verbindet ein schicksalhaftes Erlebnis, von dem beide offenbar noch immer traumatisiert sind. Vor den Ereignissen der Vergangenheit sind sie vor Jahren zu Tante Kathleen nach Australien geflohen.

Viel zu spät erkennt Mike leider, dass er mit seinen Plänen das Leben der Frauen, die ihm mit der Zeit ans Herz gewachsen sind, unwiederbringlich zerstören wird. Als dann auch noch Vanessa auftaucht, seine Tarnung auffliegt und deutlich wird, warum er sich wirklich in Silver Bay aufhält, erfährt er Wut und Ablehnung seitens der Bevölkerung. Bei seiner Rückkehr nach England muss er feststellen, dass ihm sein bisheriges Luxusleben fremd geworden ist und er sich an jedem einzelnen Tag in Australien wohler gefühlt hat. Die Beziehung zu Vanessa geht in die Brüche und als Mike bei seiner Schwester Zuflucht sucht, wird ihm klar, dass er sich in die verletzliche Liza verliebt hat.

Hals über Kopf fliegt Mike nach Australien zurück und beginnt nun, mit allen Mitteln gegen das von ihm selbst auf den Weg gebrachte Projekt zu kämpfen. Ob er diesen Kampf David gegen Goliath am Ende für sich entscheiden kann? Und verzeiht ihm Liza, dass er ihr beschauliches Leben sowie Hannahs Zukunft so sehr in Gefahr gebracht hat?

Das Buch "Nächte, in denen Sturm aufzieht" ist eine Neuauflage des bereits 2008 erschienenen Titels "Dem Himmel so nah". Mit diesem Roman beweist Jojo Moyes einmal mehr, dass sie eine grandiose Geschichtenerzählerin ist. Sehr geschickt verwebt sie die Lebensgeschichten sehr unterschiedlicher Menschen mit einer hochaktuellen Thematik. Da prallen rein finanzielle Interessen eines skupellosen Finanzmenschen auf die Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort, denen die eigene Lebenszufriedenheit am allerwichtigsten ist und die einfach nur weiterhin in einer weitgehend unberührten Natur leben wollen. Die Kapitel sind immer abwechselnd aus der Sicht der verschiedenen Personen geschrieben, was die Geschichte noch spannender macht. Auch die Rückblenden in die Vergangenheit der Figuren machen den Roman zu einem echten Pageturner.

Hinzu kommen noch die vielen interessanten Fakten rund ums Thema Wale und Delfine, die ebenfalls sehr geschickt in die Geschichte eingebaut wurden. Man kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, was zu Recht auch dieses Mal wieder zum Bestsellerstatus führen wird.

Fazit: ein Meisterwerk aus der Feder von Jojo Moyes.

 

Sonja Kraus

5 Sterne
5 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Katy Mahood: Die Wege, die wir kreuzen

Roman

 

München ; Droemer ; 2019 ; 304 Seiten ; ISBN: 978-3-426-28185-7

 

London 1977: John und Stella treffen in einem Pub aufeinander und verlieben sich. Nicht weit entfernt treffen auch Charlie und Beth aufeinander. Charlie ist schwer gezeichnet, weil bei einem Bombenanschlag seine Schwester und sein bester Freund tödlich verunglückten. Die Wege der beiden Paare kreuzen sich immer wieder, obwohl sie selbst es nicht merken.

 

Stella wird relativ schnell schwanger und muss ihre universitäre Karriere unterbrechen. Zeitgleich beginnt die wissenschaftliche Karriere ihres Ehemannes John. Dies führt zu Spannungen. Stella liebt ihre Tochter Hope über alles, sie trauert aber auch den verpassten Chancen nach. Charlie, der mehr und mehr dem Alkohol verfällt, muss mitansehen, wie die Beziehung zu seiner Frau und der gemeinsamen Tochter Effie zerbricht. Seine Frau lernt den Kollegen Rupert kennen und es dauert nicht lange bis dieser Charlies Platz einnimmt.

 

Die Jahre ziehen ins Land. Während die Kinder älter werden, eröffnen sich für die Eltern neue Möglichkeiten. Doch plötzlich ist nichts mehr wie es war. John erkrankt und kann seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen.

 

London, 30 Jahre später: Hope und Effie lernen sich kennen und beide Familien treffen offiziell aufeinander, ohne zu wissen, dass sie sich schon öfters begegnet sind.

 

Der Roman beschreibt über einen Zeitraum von 30 Jahren die Entwicklung zweier Familien, die sich in der Großstadt London immer wieder kurz begegnen. Sehr dicht an den einzelnen Charakteren beschreibt die Autorin das Auf und Ab zwischenmenschlicher Beziehungen. Sie skizziert dabei auch den Wandel der Liebe im Laufe der Zeit.

 

Fazit: Drei bewegende Jahrzehnte im Leben zweier Familien.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Catherine Ryan Howard: Ich bringe dir die Nacht

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 441 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27494-7

Will Hurley wurde vor mehr als zehn Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er gestanden hat, innerhalb kurzer Zeit fünf junge Frauen umgebracht zu haben. Damals war ganz Dublin in heller Aufregung, weil der „Kanalmörder“ sein Unwesen
trieb. Seither sitzt er in der Psychiatrie und soll baldmöglichst ins Gefängnis überstellt werden.

 

Alison Smith, die damals die Freundin von Will war, ist nach dem Bekanntwerden des Täters geflüchtet und lebt seither in den Niederlanden. Sie hat mit ihrer Zeit in Dublin abgeschlossen und sich eigentlich geschworen, nie wieder zurückzukehren.

 

Doch plötzlich stehen zwei Polizisten vor ihrer Haustür und versuchen sie zu motivieren, mit nach Dublin zu fliegen, denn es sind wieder Morde passiert, die in der Vorgehensweise genau so gelaufen sind wie damals. Zudem hat Will den Polizisten in Aussicht gestellt, Details von früher preiszugeben, aber er will sie nur seiner Jugendliebe Ali mitteilen. Trotz heftiger Bedenken macht sich Ali auf die Reise und schon bald überstürzen sich in Dublin die Ereignisse, denn als bekannt wird, dass sie wieder in der Stadt ist, stürzen sich die Medien auf sie.


Im Besuchszimmer teilt Will ihr mit, dass er nicht der Kanalkiller ist und das Geständnis nur ablegte, weil er sich nach und nach in Widersprüche verwickelte. In Verbindung mit den neuen Morden hat auch der Polizist Malone Zweifel an Wills
Schuldeingeständnis. Aber wer war bzw. ist dann der Täter?

‘Ich bringe dir die Nacht‘ ist ein rasanter Thriller, der überaus gut konstruiert ist. Es gibt immer wieder neue Wendungen und als man schon fast zufrieden auf die letzten Seiten blickt, bringt die Zielgerade noch einmal ein fulminantes Schluss-Szenario.

Fazit: Unschuldig schuldig – oder doch nicht?

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Heine Bakkeid: Triff mich im Paradies

(Thorkild Aske, Band 2)

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019; 298 Seiten ; ISBN: 978-3-499-29057-2
 
Der ehemalige Polizist Thorkild Aske, der früher ein führender Verhörspezialist war, ist ein psychisches Wrack. Er schafft den Alltag nur mit jeder Menge Psychopharmaka. Sein Psychiater und guter Freund Ulf verschreibt ihm keine Pillen mehr, sondern vermittelt ihn stattdessen in eine Beschäftigung.

 

Thorkild soll der Schriftstellerin Milla Lund als Experte zur Seite stehen, denn diese ist dabei ihre Romanreihe um den Ermittler August Mugabe abzuschließen. Zunächst ist er über diesen Auftrag nicht erfreut, denn er würde am liebsten nur ohne Beschäftigung in den Tag hinein leben und vor Selbstmitleid zerfließen. Aber bevor er eine Arbeit der Arbeitsverwaltung antritt macht er sich auf, Milla zu unterstützen.

 

Schnell wird klar, dass sie ihn vor allem braucht, weil sie auf der Suche nach ihrer Tochter ist, die sie vor langer Zeit abgegeben hat. Der Auftrag ist alles andere als ungefährlich denn sein Vorgänger als Berater wurde erschossen und Thorkild merkt schnell, dass man es auf ihn abgesehen hat. Als er eine Mitteilung erhält, dass es besser wäre, die Suche einzustellen, motiviert ihn dies umso mehr, aber er ahnt nicht, dass das Übel gar nicht weit ist.

Nach '... und morgen werde ich Dich vermissen' legt der Autor mit 'Triff mich im Paradies' die Fortsetzung der Reihe um den ehemaligen Polizisten Thorkild Aske vor, der vom Leben gezeichnet ist. Gegen Ende des Buches beschreibt der Protagonist sich selbst als krank. Die Abhängigkeit von Psychopharmaka wird eindringlich dargestellt. Der Plot ist raffiniert konstruiert, immer wieder ist die Sicht des vermeintlichen Opfers eingefügt, was den Spannungsbogen noch erhöht.
 
Fazit: spannende Fortsetzung des Psychogramms eines kranken Ex-Polizisten.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Angriffsziel Moskau

(Fail-Safe)

USA 1963

 

Im Kalten Krieg: Ein vom Kurs abgekommenes Zivilflugzeug wird irrtümlich für einen angreifenden, sowjetischen Flugkörper gehalten. Routinemäßig wird eine US-Bomberstaffel zum sogenannten Fail-Safe-Punkt beordert. Als die Kommandozentrale in Nebraska den Irrtum aufklären kann, ist es aber bereits zu spät. Die Kommunikation ist durch russische Funksignale gestört und die Langstreckenbomber sind auf dem Weg zum Zielpunkt Moskau. Verzweifelt versuchen der us-amerikanische Präsident (Henry Fonda) und der sowjetische Ministerpräsident einen alles vernichtenden Weltkrieg abzuwenden.

 

Nach dem 1962 veröffentlichten Roman "Fail-Safe" ("Feuer wird vom Himmel fallen") von Eugene Burdick und Harvey F. Wheeler entstand die Literaturverfilmung nur wenig später. Kurz nach der Kubakrise wurde zum ersten Mal die Möglichkeit einer vollständigen Vernichtung beider Machtblöcke durch einen Fehler filmisch skizziert. Wie Regisseur Sidney Lumet in der Dokumentation "Filmprojekt Angriffsziel Moskau" sagt, lehnte das amerikanische Militär nicht nur eine Mithilfe bei diesem Film ab, sondern behinderte auch das Beschaffen von geeignetem Archivmaterial. So wurden die benötigten Bomberszenen (Interkontinentalraketen gab es zur damaligen Zeit noch nicht) heimlich gedreht und mehrmals verwendet. Verwunderlich ist dies nicht, kritisiert der Film doch in aufwühlender Weise die Militärmaschinerie ob ihrer Abhängigkeit von Technik, dem enormen Zeitdruck lebenswichtige Entscheidungen zu treffen und das Fehlen von Vertrauen in die Menschen.

 

Zu den eindrucksvollsten Szenen gehören die Ignoranz des Bomberpiloten, als ihn seine Frau per Funk überzeugen will, dass eben kein Krieg sei und er umkehren soll. Ebenso dazu gehören die Vernichtung andeutenden Standbilder zum Schluß.

 

Henry Fonda stellt den US-Präsidenten in seiner unnachahmlichen Schauspielkunst als perfektes Staatsoberhaupt dar. Souverän, empathisch und übermenschliche richtige Entscheidungen treffend. Der hervorragende Walter Matthau gibt den Atomkrieg propagierenden Atomphysiker eine bizarre Note. In einer emotional sehr interessanten Rolle ist, der später als Fiesling J. R. bekannt gewordene, Larry Hagman als Übersetzer zu sehen.

 

Der vielfach ausgezeichnete Regisseur Sidney Lumet hat mit "Angriffsziel Moskau" einen kammerspielartig wirkenden Polit-Thriller von enormer Spannung geschaffen. Bis auf wenige Ausnahmen am Anfang spielt "Fail Safe" nur an vier wichtigen Orten, u.a. dem Atombunker des US-Präsidenten und der US-Kommandozentrale.

 

Dass dieser Film nach über 50 Jahren (!) noch immer beklemmend wirkt, auch wenn sich die technischen Gegebenheiten geändert haben, spricht für dieses völlig unterschätzte Meisterwerk.

 

1964 verfilmte Stanley Kubrick mit "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben" eine ähnliche Geschichte, stellte aber statt ernster Dramatik absurden Humor in der Vordergrund. Im Jahr 2000 entstand eine Neuverfilmung für das Fernsehen mit George Clooney.

 

Die DVD mit einer Lauflänge von 107 Minuten enthält als Bonusmaterial die kurze Dokumentation "Filmprojekt Angriffsziel Moskau", in der unter anderem Regisseur Sidney Lumet zu Wort kommt. Außerdem findet sich optional eine deutsch untertitelter Regiekommentar.

 

Thematisch ähnlich Filme auf der Sonderseite Filmreise in eine strahlende Zukunft.

 

Fazit: Ein zeitlos spannender Klassiker aus dem Kalten Krieg.

 

Harald Kloth

5 Sterne
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© 2019 Harald Kloth

Linda Gask: Meine Patienten, die Depression & ich

Vom Leben als Psychotherapeutin und selbst Betroffene

 

München ; dtv ; 304 Seiten ; ISBN 3-423-26213-3

 

Das Taschenbuch zeichnet ein Bild vom verzweifelten Kampf depressiver Menschen mit ihrer Erkrankung, der nicht immer gewonnen wird und deshalb oft tragisch im Suizid endet.

Die Autorin, selbst als Psychiaterin tätig, outet sich mutig und schildert ihren Lebensweg, geprägt von Depressionen, mit allen Höhen und Tiefen. Dieser Schritt verleiht dem Taschenbuch eine sehr persönliche Note, da es sich nicht nur auf irgendwelche Fallbeispiele aus der psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxis beschränkt.

Mit Hilfe von Beispielen aus ihrer langjährigen ärztlichen Tätigkeit wird der Leser an dieses schwierige Thema herangeführt und kann erkennen wie heimtückisch eine Depression mit ihren vielen Facetten zuschlägt. Dabei veranschaulicht Frau Gask beeindruckend, wie kräfteraubend das für Betroffene und deren Angehörige ist.

Belastende, prägende Erlebnisse während der Kindheit und Jugend, die Bedeutung des Lebensumfeldes und mögliche Auslöser einer depressiven Phase muss der Therapeut in einfühlsamer, biografischer Arbeit aufspüren um dann gemeinsam mit dem Klienten  Lösungsstrategien erarbeiten zu können.

Dabei wird klar, dass Medikamente zwar helfen aber weit mehr Unterstützung als durch ein paar Tabletten erforderlich ist. Die Bereitschaft, sich auf eine Therapie einzulassen bildet die Grundvoraussetzung für eine erfolgversprechende Therapie.

 

Fazit: Dieses Taschenbuch verbindet auf unterhaltsame Weise Lesefreude mit Wissensvermittlung. Es ist, wie ich finde, ein wertvoller Beitrag um Verständnis und Akzeptanz in der breiten Bevölkerung für diese quälende Krankheit voranzutreiben und Vorurteile einzudämmen.

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
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© 2019 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört ...

Illustriert und bearbeitet von Fred Fordham

Graphic Novel

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 272 Seiten ; ISBN: 978-3-499-21822-4
 
Alabama in den 1930er Jahren. Es herrscht strikte Rassentrennung, Schwarze werden diskriminiert und auch der Ku-Klux-Klan hat die Region fest im Griff. Die achtjährige Jean Louise Finch, die von allen nur Scout genannt wird, verbringt ihre Ferien immer zusammen mit ihrem älteren Bruder Jem.

 

Wie Kinder eben sind, malen sie sich die tollsten Geschichten aus. Vor allem der äußerst zurückgezogen lebende Arthur Radley, den alle nur Boo nennen, fasziniert sie. Sie verstehen nicht, wie sich jemand so abschotten kann. Immer wieder versuchen sie durch Mutproben, sich dem Haus zu nähern.

Scouts und Jems Vater Atticus ist Anwalt. Als er die Verteidigung eines Schwarzen übernimmt, der angeblich ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll, werden die beiden Kinder mit Alltagsrassismus und Vorurteilen konfrontiert.

 

So sehr sich ihr Vater für den zu Unrecht beschuldigten Tom Robinson auch einsetzt – am Ende entscheidet sich die Jury, den Angeklagten für schuldig zu befinden. Selbst die Kinder spüren, welch große Ungerechtigkeit hier vor sich geht. Und zu allem Überfluss wird Atticus dann auch noch bedroht.

 

Ist die Welt wirklich so schlecht wie es scheint oder gibt es neben Atticus unter den Erwachsenen auch noch gute Menschen?
 
Harper Lees Roman ist seit vielen Jahren ein Klassiker zum Thema Rassismus und Zivilcourage. Bereits 1962 erschien eine hervorragende und vielfach ausgezeichnete Literaturverfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle.

Der Illustrator Fred Fordham hat den Stoff jetzt neu bearbeitet und zur Graphic Novel umgestaltet. Diese sehr gelungene Neubearbeitung ist geeignet, auch künftige Generationen von Lesern für diese wichtige Geschichte zu begeistern.
 
Fazit: tolle Graphic Novel.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Matthew Richardson: Niemand kennt deinen Namen

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 394 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27408-4
 
Solomon Vine ist Spion beim englischen Geheimdienst MI6. Nach einem Vorfall ist er derzeit suspendiert. Sein Vorgesetzter und väterlicher Freund Cosmo Newton engagiert ihn, weil Gabriel Wilde, ebenfalls Spion beim Geheimdienst, von der Bildfläche verschwunden ist. Solomon hat zusammen mit ihm die Ausbildung gemacht und kennt ihn wie seinen Bruder.
Leider hat die Beziehung in den letzten Jahren sehr gelitten, denn Gabriel hat Solomon seine Verlobte Rose Spencer ausgespannt.

 

Bei den Ermittlungen stößt Solomon auf die verschiedensten Personen und immer wieder stellt sich die gleiche Frage: wem kann er vertrauen? Cosmo Newton stirbt, kurz bevor er ihm eine neue Entwicklung mitteilen kann. Solomon findet im für ihn bestimmten Nachlass Dokumente, die zunächst für ihn keinen Sinn ergeben. Als er schließlich bei einem Einbruch im Parlamentsgebäude verhaftet wird ihm klar, dass er seinem entführten Freund Gabriel wohl nicht mehr helfen kann. Plötzlich wendet sich das Blatt und der Geheimdienstchef überträgt ihm persönlich die Beschattung eines Verdächtigen. Nach und nach entschlüsselt Solomon die einzelnen Rätsel, ahnt jedoch nicht, wer hinter dem Codenamen Niemand steht.
 
Matthew Richardson ist mit dem Thriller 'Niemand kennt deinen Namen' ein fulminantes Thriller-Debüt gelungen. Die relativ kurzen Kapitel (insgesamt 65) spielen zu unterschiedlichen Zeiten. Neben den Zeitsprüngen schafft der Autor es immer wieder, neue Wendungen einzubauen. Was am Anfang klar zu sein scheint ist am Ende doch ganz anders.
 
Fazit: Ein Agent des MI6, der es mit 007 aufnehmen kann.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Mhairi McFarlane: Sowas kann auch nur mir passieren

Roman

 

München ; Knaur ; 2018 ; 463 Seiten ; ISBN 978-3-426-52076-5

Für die Kellnerin Georgina läuft es gerade mehr als schlecht. Erst verliert sie ihren Job und dann erwischt sie ihren Freund Robin in flagranti mit seiner Assistentin im Bett. Die Tatsache, nicht mehr im miesesten Lokal Sheffields zu arbeiten, wäre ja gerade noch so zu verkraften gewesen. Aber wie Robin mit dem Seitensprung umgeht und sein Getue danach – das ist Georgina einfach zu viel. Sie beendet die Beziehung. Das ist für den Macho Robin natürlich untragbar, denn wenn überhaupt, dann ist er es, der Beziehungen beendet. Dementsprechend lässt er die Sache auch nicht auf sich beruhen und stellt Georgina nach.

Die ist überglücklich, dass sie durch die Vermittlung ihres Schwagers einen neuen Job in einem frisch renovierten Pub ergattert hat. Getrübt wird die gute Stimmung eigentlich nur durch die Tatsache, dass Georginas Jugendliebe Lucas einer der Betreiber des Ladens ist. Offensichtlich scheint er – im Gegensatz zu Georgina – keinerlei Erinnerung mehr an damals zu haben.

Für Georgina war Lucas aber die große Liebe, aus der aber nie so richtig etwas geworden ist. Eigentlich hätten sie in der Nacht der Abschlussparty Sex miteinander haben sollen, doch aus der Nacht im Hotelzimmer wurde dann nichts. Auch wenn Georgina es sich gar nicht eingestehen möchte, empfindet sie immer noch genauso viel für ihn wie damals. Lucas jedoch ist absolut reserviert und sieht die Verbindung rein geschäftlich. Erst als Georginas Ex Robin ins Pub kommt und sie vor allen Gästen bloßstellt, hilft er ihr und steht ihr bei. Ob es doch noch ein emotionales Band zwischen den beiden gibt? Nach und nach tauen die beiden auf und nähern sich einander an.

Nach ihrem letzten Roman „Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt“ legt die Autorin Mhairi McFarlane nun erneut eine äußerst unterhaltsame Liebesgeschichte vor. Viele witzige Szenen und Dialoge sowie einige Skurrilitäten machen das Buch zu einem sehr kurzweiligen Lesevergnügen.

Fazit: Eine Feel Good-Story vom Feinsten.

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Jostein Gaarder: Ein treuer Freund

Roman

 

München ; dtv ; 2018 ; 269 Seiten ; ISBN: 978-3-423-14664-7

Der Gymnasiallehrer Jakop Jacobsen war schon immer ein Einzelgänger Seit seiner Jugend hat er nur wenige Kontakte. Sein bester Freund ist Pelle, mit dem er lange Gespräche führt. Jakop hat ein merkwürdiges Hobby : er geht gern auf fremde Beerdigungen. Er gibt sich dort als Freund des Toten aus, obwohl er diesen oft nur flüchtig kannte. Bei den Familien der Toten fühlt er sich wohl. Er versucht der Einsamkeit zu entkommen indem er leidenschaftlich über indogermanische Sprachen forscht.

Er spricht/doziert über die weit verästelte Sprachfamilie und erklärt, wie die Wörter zusammenhängen. Er sitzt dann beim Leichenschmaus und philosophiert über den Vornamen des Verstorbenen: „Erik ist verwandt mit dem keltischen Wort für König, *rix, lateinisch rex, im Sanskrit raja, im heutigen Irisch ri, das wir auch in der schwedischen Bezeichnung für Schweden, Sverige, finden.“ Auf einer dieser Beerdigungen  begegnet er Agnes. An sie wendet er sich in Briefen, in denen er aus seinem Leben erzählt.

„Ein treuer Freund“ liest sich über mache Seiten hinweg als ob man in einer philosophischen Vorlesung sitzen würde. Ständig gibt es Wort-, Orts- und Göttergeschichten. Außerdem geht es viel um das Thema Einsamkeit.

Wer dieses Buch liest, sollte stark sein und ein großes Durchhaltevermögen besitzen, denn ansonsten besteht die Gefahr, dass es bereits lange vor dem Ende aus der Hand gelegt wird.

Fazit: ein Roman mit ein bisschen zu viel Philosophie.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Susan Faludi: Die Perlenohrringe meines Vaters

Geschichte einer Neuerfindung

 

München ; dtv ; 2018 ; 462 Seiten ; ISBN 978-3-423-28983-2

 

Susan hat seit annähernd 25 Jahren kaum Kontakt zu ihrem Vater in Budapest als sie überraschend eine Mail von ihm erhält: "Er habe jetzt endlich sein sehnlichst gewünschtes weibliches Geschlecht in Thailand durch mehrere Operationen und Hormontherapien erlangt und sie möchte doch bitte seine/ihre Lebensgeschichte aufschreiben"

Susan Faludi hat plötzlich einen Vater namens Stefanie. Doch es fällt ihr sichtlich schwer diese neue Situation zu begreifen. Die Frage "Warum" schreit nach einer Antwort.

2004 beginnt Susan , von zwiespältigen Gefühlen geplagt, mit den Recherchen über eine ihr fast fremde Person und begibt sich nach Ungarn, voller negativer Erinnerungen an ihre Kindheit im Gepäck.

Doch wie kleine Mosaiksteine reihen sich dort während des Aufenthalts im Haus des Vaters alte und neue Geschichten aneinander und ermöglichen es der Autorin die neue Stefanie aber auch ihre eigenen Wurzeln kennen zu lernen.

Der Leser taucht in Stefanies jüdische Familiengeschichte ein, welche eng in die ehemalige politische und gesellschaftliche Struktur eingebettet liegt. Es ist ein düstetes Kapitel Geschichte aus Gesellschaft und Politik, welche große Auswirkungen auf Stefanies Leben hatten. Probleme, mit denen sie sich auseinander setzen und nach Lösungen suchen musste, prägten ihre Persönlichkeit.

Es ist ein Wechselbad der Gefühle zwischen Toleranz und Entsetzen darüber, dass der Vater jetzt eine Frau ist - mit weiblichen Allüren, die stolz Stöckelschuhe und Handtasche zu Kleidern trägt. Das schlägt sich auch im Text nieder wenn beispielsweise "der Vater in ihrem Kleid die Treppe hinunter steigt"

Während der Zeit der Recherche und dem Entstehen des Buchmanuskripts 2014 lernte Susan Stefanie näher kennen und begleitete ihren Vater bis zum Sterbebett. Letztendlich entstand dadurch viel mehr als eine Lebensgeschichte. Es ist die wunderbare Geschichte des Neubeginns einer Tochter-Vater-Beziehung unter außergewöhnlichen Umständen.

Fazit: Das Buch bietet viel Hintergrundwissen und beleuchtet mit viel Gefühl die Problematik der Transsexualität aus dem Blickwinkel der Tochter.

Elisabeth Gonsch

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Rachel Joyce: Ein ferner Duft wie von Zitronen

Eine Weihnachtserzählung

 

Frankfurt am Main ; Fischer Taschenbibliothek ; 2018 ; 63 Seiten ; ISBN 978-3-596-52219-4

Kurz vor Weihnachten hat das Leben von Binny eine Wendung genommen, die alles verändert und die Binny wahnsinnig wütend macht. Schuld daran ist Oliver, der ohnehin seit langem für sie die Wurzel allen Übels war. Ob sie wollte oder nicht, hat sie ihn für alles Negative verantwortlich gemacht. Vielleicht ist er auch deshalb nicht mehr da.

Während ihre Kinder Coco und Luke bei der Generalprobe fürs Krippenspiel sind bleiben für Binny noch ein paar Stunden, um das Weihnachtsfest vorzubereiten. Als sie sich vor einer dieser überengagierten Mütter in den nächstbesten Laden flüchtet, erlebt sie eine Überraschung. In dem Laden gibt es nämlich nur Putzmittel, sonst nichts.

Über allem liegt ein leichter Hauch von Zitronenduft, der Binny an früher erinnert. Und zwischen all den Putzmitteln erfährt Binny von der jungen Verkäuferin, wie tröstlich es sein kann, etwas sehr Gewöhnliches zu tun und dabei ganz bei sich selbst zu sein.

Rachel Joyce zeigt mit dieser kleinen Geschichte, dass es manchmal die einfachen und kleinen Dinge im Leben sind, die uns trösten können und uns zur Ruhe kommen lassen.

Fazit: eine schöne kurze Weihnachtsgeschichte – ideal zum Verschenken.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Andrea Camilleri: Gewisse Momente

 

Reinbek ; Kindler ; 2019 ; 170 Seiten ; ISBN 978-3-463-40680-8

In seinem neuesten Buch ‚Gewisse Momente‘ blickt der berühmte italienische Schriftsteller Andrea Camilleri auf Begegnungen mit besonderen Menschen zurück, die sein Leben geprägt haben.

Es ist also ein sehr persönliches Buch geworden, in dem sich die Erfahrungen und Erlebnisse eines beeindruckenden Schriftstellerlebens widerspiegeln.

Zum einen erzählt Camilleri aus seiner Jugend, die er zur Zeit des Faschismus auf Sizilien verbrachte, zum anderen lässt er Begegnungen mit bekannten Schriftstellerkollegen oder anderen bedeutenden Persönlichkeiten Revue passieren.

Die Geschichten bilden das ganze Panorama der italienischen Gesellschaft sowie des italienischen Geisteslebens über einen Zeitraum von vielen Jahren ab.

Auch wenn einem nicht alle Namen der Persönlichkeiten der italienischen Literatur- und Kulturszene geläufig sind, kann man aus den treffend beschriebenen Anekdoten durchaus nachvollziehen, wie das Leben in Italien damals wie heute ausgesehen hat.

Fazit: ein durchaus unterhaltsames Buch eines großen italienischen Schriftstellers.

 

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Wolf Haas: Junger Mann

 

Hamburg ; Hoffmann und Campe Verlag ; 2018 ; 240 Seiten ; ISBN: 978-3-4550-0388-8

Sommer 1973, die Ölkrise hält Europa in Atem. Der Ich-Erzähler ist knapp 14 Jahre alt, etwa 180 cm groß und wiegt zu Ferienbeginn 93 Kilo. Außerhalb der Ferien besucht er ein Internat, währenddessen sein Vater in der psychiatrischen Klinik verweilt. Sein Taschengeld bessert er sich durch die Tätigkeit als Tankwart auf. Dort trifft er auf Tscho, den Berufskraftfahrer, den er schon seit frühester Kindheit kennt.

Er macht auch die Bekanntschaft mit dessen 20-jähriger Frau Elsa, in die er sich von einer Sekunde auf die andere verliebt. Er hat sich daraufhin fest vorgenommen, sein Gewicht zu verlieren, um eventuell eine Chance bei Elsa zu haben. Dies ist nicht leicht, denn er muss seine Mutter davon überzeugen, dass er seine Ernährung komplett umstellen will. Aber das Gewicht ist nur eine Sache. Er kann Elsa mit seinen Englischkenntnissen beeindrucken und erhält aus diesem Grund einen Job bei Tscho, der ihn auf eine Reise durch halb Europa mitnimmt.

Wolf Haas erzählt die Geschichte eines pubertierenden jungen Mannes, der in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufwächst. Inwieweit er autobiografische Bezüge einbaut ist ungewiss, ist der Autor doch 1960 geboren und wäre 1973 im Alter des Protagonisten.

Während des Lesens denkt man zwangsläufig immer wieder an Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick", denn zu groß sind die Parallelen im Aufbau der Geschichte. Auch die Art des Erzählens, die Sprache der Protagonisten nimmt einen sofort mit und man befindet sich sehr schnell mitten in der Geschichte.

Der Roman ist äußerst unterhaltsam und kurzweilig, als wollte der Autor darauf verweisen, dass die Jugend ähnlich schnell vorbeigeht wie die Lektüre.

Fazit: Ein Coming-of-Age-Roman, der das Zeug zur Schullektüre hat.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Claire Messud: Das brennende Mädchen

 

Hamburg ; Hoffman und Campe ; 2018 ; 252 Seiten ; ISBN: 978-3-455-03392-5

Julia lebt zusammen mit ihren Eltern in Royston und ist seit ihrer Kindheit befreundet mit Cassie Burnes, die mit ihrer Mutter Bev ebenfalls dort lebt. Sie besuchen die gleiche Schule und verbringen die Freizeit fast immer gemeinsam. In einem Sommer machen sie sich auf, um die berüchtigte verlassene Klinik zu erkunden, die seit mehr als zwanzig Jahren leer steht.

Niemand glaubt, dass die innige Freundschaft der Mädchen irgendwann einmal zerbrechen könnte. Doch die Freundschaft bröckelt mehr und mehr und Julia kann nicht verstehen, weshalb dem so ist. Liegt es an Dr. Anders Shut, dem neuen Freund von Cassies Mutter? Gleichzeitig macht sich Cassie auf, ihren Vater zu suchen, denn sie glaubt ihrer Mutter nicht, die seit ihrer Kindheit sagt, er wäre bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Plötzlich ist Cassie verschwunden und keiner kann sich erklären, wo sie ist. Es wird wild spekuliert, doch dann hat Julia eine Idee.

Der Roman erzählt die Geschichte von zwei jungen Mädchen, die eigentlich immer schon befreundet sind. Aber was heisst Freundschaft überhaupt und wie gut kennt man die beste Freundin? Ein Buch, dass das Thema Freundschaft in den Fokus stellt. Leider wird das Buch den Erwartungen nicht gerecht.

Die Geschichte ist zu konstruiert und das Buch zeigt außerdem einige Längen, die den Lesefluss erschweren. Wer sich bis zum Ende durchbeisst wird das Buch mit gewisser Enttäuschung weglegen. Es fehlt einfach das gewisse Etwas.

Fazit: Rückblick auf die erste Freundschaft.

Matthias Wagner

2/3 Sterne
2/3 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Thirteen Days

(USA 2000)

 

Die Kubakrise war eine Konfrontation zwischen der Sowjetunion und der USA während des Kalten Krieges im Oktober 1962. Während 13 Tagen drohte dieser Konflikt, um von der Sowjetunion heimlich auf Kuba stationierte Atomwaffen, in einen Atomkrieg zwischen den Supermächten zu eskalieren.

 

Regisseur Roger Donaldson (No Way Out, Dante´s Peak, Bank Job) liefert einen fulimanten Thriller ab, der fast nur aus historisch belegten Gesprächen besteht und zum Großteil in den Räumen des Weissen Hauses spielt. Die Darsteller Kevin Costner (als Berater Kenny O´Donnell), Bruce Greenwood (als Präsident John F. Kennedy) und Steven Culp (als Robert Kennedy) spielen souverän die Rollen der großen historischen Vorbilder.

 

Der politische Druck und die Zwänge, unter denen Präsident Kennedy in diesen Tagen stand, wird greifbar. Einerseits drängten die Militärs auf die militärische Lösung, weil die USA der Sowjetunion militärisch überlegen war. Andererseits wollte er sich nicht dem Vorwurf einer Beschwichtigungs-Politik aussetzen. John F. Kennedy erkannte auch einen direkten Zusammenhang mit der Berlin-Krise (1958 bis 1962). Letztendlich konnten Kennedy und der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow durch kluges und besonnenes Handeln einen Dritten Weltkrieg abwenden.

 

Als interessantes Bonsumaterial ist neben Audiokommentaren unter anderem die Dokumentation "Roots of The Cuban Missile Crisis" mit Archiv- und Interviewmaterial und das kürzere Making Of "Bringing History to the Silver Screen" enthalten.

 

Fazit: Hochspannender Politthriller, der die Mechanismen auf höchster politischer Ebene aufzeigt.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2018 Harald Kloth

Guillaume Musso : Was wäre ich ohne Dich?

Roman

 

München ; Piper ; 2018 ; 384 Seiten ; ISBN 978-3-492-30549-5  

 

Der Polizeihauptmann Martin Beaumont ist dem Meisterdieb Archibald MacLean auf der Spur. Als sogenannter Kunstbulle ist er auf Kunstraub spezialisiert und glaubt, das System des Kunsträubers durchschaut zu haben.

Als er den Dieb auf einer Brücke in Paris festsetzt, wird er vor die Wahl gestellt, das wertvolle Gemälde zu retten oder den Dieb zu verhaften. Dass sich Martin für das Bild entscheidet, stellt sich später als Fehler heraus, denn der Meisterdieb hat ihn hereingelegt und ihm eine Fälschung untergejubelt. Doch so schnell gibt Martin nicht auf. Er will Archibald um jeden Preis auf frischer Tat ertappen.

Martin ist überzeugt, dass der Dieb als nächstes in San Francisco zuschlagen wird, um einen wertvollen Diamanten zu stehlen. Mit gemischten Gefühlen reist er nach Amerika. Dort hat er vor vielen Jahren seine große Liebe Gabrielle kennengelernt und die Beziehung ging sehr schmerzvoll zu Ende. Als er dann Gabrielle wieder trifft, muss er feststellen, dass zwischen seiner großen Liebe und seinem ärgsten Feind Archibald eine Verbindung besteht, die er niemals für möglich gehalten hätte. Das Schicksal der drei ist untrennbar miteinander verbunden. Am Ende triumphiert aber wie so oft doch die Liebe.

Guillaume Musso hat mit 'Was wäre ich ohne Dich' erneut eine spannende Geschichte konstruiert. Zwar sind die Passagen im Graubereich zwischen Leben und Tod etwas sehr an den Haaren herbeigezogen, aber das ist Geschmackssache und diese übernatürlichen Elemente sind ja schließlich fester Bestandteil jedes Musso-Romans. Trotz allem fiebert man bis zum Schluss mit dem Protagonisten Martin mit. Man wünscht sich für diesen engagierten Polizisten einfach ein Happy End. Besonders schön sind die meist sehr treffenden einleitenden Zitate zu Beginn jedes Kapitels.  

 

Fazit: eine spannende Geschichte für zwischendurch.

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Starke Typen - Welt der Tiere - 2019

 

Palazzi ; Bremen ; 2018 ; 14 Seiten ; ISBN 978-3-95938-042-3

 

Einer der schönsten Tierkalender kommt jedes Jahr aus dem Palazzi Verlag. "Starke Typen - Welt der Tiere" ist auch 2019 wieder ein Kalender-Highlight.

 

Der Kunstdruck-Kalender im Format 60 mal 50 Zentimeter zeigt 12 Tierporträts der besten Fotografen.

  1. "Was ist denn hier los?" scheinen die Rentiere in Norwegen zu fragen.
  2. "Bitte nicht stören!" denkt sich der Große Panda in China.
  3. "Immer cool bleiben!" können die Goldstumpfnasen dank ihres dicken Fells in China.
  4. "Was willst Du?" könnte das Flusspferd in Botswana denken.
  5. Die Stirnlappenbasilisken in Costa Rica können tatsächlich übers Wasser laufen.
  6. "In der Ruhe liegt die Kraft ..." und so sind auch die Löwen in Uganda Vielschläfer.
  7. "Einfach mal abtauchen" können die als exzellente Taucher bekannten Blaufußtölpel in Ecuador.
  8. "Alle mal herhören!" ruft das Europäische Ziesel in Österreich und warnt so vor Gefahren.
  9. Die Netzgiraffen in Kenia haben durch ihre Körpergröße eine gute Übersicht.
  10. Nutrias oder Biberratten sind fast reine Vegetarier und haben orange Nagezähne.
  11. "Einfach mal abhängen!" scheint sich das Braunkehl-Faultier in Panama zu denken.
  12. "Darf ich bitten?" - Gleichermaßen elegant und kraftvoll schlägt der Eisbär in Alaska Löcher ins Eis.
Starke Typen - Welt der Tiere - 2019
Starke Typen - Welt der Tiere - 2019

Der Text jedes Kalenderblatts ist zweisprachig deutsch und englisch. Am Blattende findet sich das Kalendarium (in DE, EN, FR) mit Symbolen der Mondphasen. Sonn- und Feiertage sind hervorgehoben. Auch die durchnummerierten Kalenderwochen sind eingetragen.

 

Der Palazzi Kalender-Verlag produziert klimaneutral und nachhaltig unter anderem durch die Verwendung von Papier aus zertifizierter Waldwirtschaft und dem Gebrauch von Biofarben auf Basis nachwachsender Rohstoffe.

 

Fazit: Ein tierisch faszinierender, hochwertiger Kunstdruck-Kalender mit amüsanten Kommentaren.

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Harald Kloth

Bild mit freundlicher Genehmigung: Palazzi Verlag

Anna Zimt: In machen Nächten hab ich einen anderen

Mein sinnliches Leben in einer offenen Beziehung

 

München ; Knaur ; 2018 ; 204 Seiten ; ISBN 978-3-426-78949-0

 

„Ich bin Projektionsfläche für die Fantasien meiner Liebhaber und umgekehrt“ – hm, für jemanden, der normalerweise Rezensionen zu Geschichtsbüchern und zeitgeschichtlichen Publikationen verfasst mag es etwas ungewöhnlich und
vielleicht auch nicht ganz einfach sein, das kürzlich erschienene Buch „In manchen Nächten habe ich ein anderen. Mein sinnliches Leben in  einer offenen Beziehung“ zu rezensieren. Aber da ich grundsätzlich auch an anderen Genre interessiert und auch ein weltoffener Mensch sowie offen gegenüber allem Neuen bin, hat das Buch nach einem gelesenen Interview mit der Autorin mein Interesse geweckt.

Das Buch wurde unter dem Pseudonym Anna Zimt verfasst, die in Hamburg wohnt und arbeitet. Sie ist 33 Jahre alt, lebt seit sieben Jahren mit ihrem Mann Max in einer sogenannten offenen Beziehung, davon fünf Jahre als Ehepaar. Sie trafen und fanden sich, als sie 18 waren und ihnen wurde schnell klar, dass sie, egal was kommen würde, gemeinsam durch Leben gehen. Das Paar führte zunächst jahrelang eine „Fernbeziehung“, also beide lebten an verschiedenen Orten, seit drei Jahren sie sind aber nun in der Hansestadt vereint. Anna’s Eltern trennten sich, als sie 14 Jahre alt war, dies dürfte aber auf ihr Liebesleben keinen Einfluss gehabt haben. Um es vorab auf den Punkt zu bringen, das Buch ist sehr schön und sinnlich geschrieben und, gerade weil es über die übliche “gesellschaftliche Moral” hinausgeht, auch anregend in jeder Beziehung.

Eine offene Beziehung wie bei Anna und Max bedeutet nichts anderes wie eine „erfüllte und harmonische Beziehung in der auch Sex mit anderen Menschen erlaubt ist“. Dabei gab es  für die beiden nicht DEN einen Entschluss, dies zu tun, sondern es war ein Prozess von situativen Momenten sowie langen Gesprächen. Man lernt andere interessante Menschen kennen, man will sich und neue Dinge ausprobieren, andere Vorlieben entdecken und das finden die beiden sehr sehr aufregend. Sie finden andere Menschen spannend und wollen sich mit ihnen ausprobieren, einfach ab und an wieder verknallt in jemanden zu sein, ohne die Liebe zwischen ihnen selbst in Frage zu stellen. Es ist das sogenannte „kleine Verliebtsein ins Unbekannte“, was daran reizt. Anna weiß genau, was sie für den Sexpartner sein soll und was dieser für sie sein soll – ein Abenteuer, das seine Grenzen hat. Sie ist die Liebhaberin, die Männer die Liebhaber oder bei Max eben umgekehrt. Sie haben sich auch schon mal getrennt, ihr Ehe hat wie in jeder Partnerschaft ihre Höhen und Tiefen, aber sie stellten immer wieder fest, sie wollten voneinander nicht lassen, sie sind und bleiben ein Liebes(-ehe)paar. Gerade in Krisen haben sie die Gründe dafür eingeatmet, wieder ausgeatmet und schließlich aufgeatmet – es war Platz für die neu erwachte Liebe.

Anna und Max leben ihre offene Beziehung nach festgelegten Regeln, sonst, so die Autorin, würde das nicht funktionieren. Dazu gehört eine offene Kommunikation über die Treffen, auch wenn Details und insbesondere Namen einer Affäre nicht
interessieren, zu interessieren haben. Man trifft sich nicht Zuhause und mit der selben Person grundsätzlich nur alle 14 Tage. Auch Sex mit Freunden oder Kollegen ist Tabu. Sicherlich man kann das Modell der beiden „Hauptdarsteller“ nicht als Blaupause für andere hernehmen, jeder / jedes Paar führt ein unterschiedliches Leben unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen und hat unterschiedlichste Erfahrungen. Gerade auch die aufgestellten Regeln muss jeder für sich selbst definieren, auf viele passt da vielleicht keine einzige! Es gibt ja auch keine “One fits all Lösung”, gerade nicht bei der Liebe und beim Sex. Jedes Paar, das für so etwas offen ist, sollte sein ganz eigenes Konzept entwickeln, ausprobieren und immer wieder anpassen. Aber vieles und viele Momente kann man nicht einfach planen, das ist auch wiederum das Spannende daran.

Das Buch ist wirklich sehr sehr offen geschrieben, ob nun über ihre sexuellen Vorlieben, heißen Erlebnisse, aber auch über Treffen negativer Art, bei denen sie sehr enttäuscht wurde und vor allem über ihre Gefühlswelt. Anna berichtet nicht nur über die „perfekten Affären“, sondern auch über negative Erlebnisse. Doch wie auch an anderen Stellen des Lebens, aus Fehlern kann man lernen und die negativen Erfahrungen machen einen noch reicher und die nächsten Male damit umso erfüllender. Kapitel, aus denen sie über einen Mädelsabend oder von Spaziergängen, Gesprächen mit ihrem Mann berichtet, werden sehr geschickt dazu genutzt, ihre Motivation für eine offene Beziehung, ihre Gefühlswelt und Gedanken wiederzugeben, aber auch andere Formen von Beziehungen zu durchleuchten. Gerade bei der Beschreibung ihrer Gefühlswelt, ihrer Sicht der Dinge  zu offenen Beziehungen, ihrer Motive, hat das Buch meines Erachtens seine Stärken. Die Darstellung „sexueller Aktivitäten“ ist da eher ein - zugegebenermaßen aber schönes und erotisches - schmückendes Beiwerk.

Auch der Einfluss der sozialen Medien in Verbindung mit Partnerportalen wie Tinder, also die Tendenz, nur noch zu schreiben, zu posten, anstelle zu reden, richtig zu kommunizieren, wird kurz angerissen. Sie beschreibt dies als die heutige  „Unverbindlichkeit“, da man jederzeit jemanden aus- und anschalten kann, an sich ran oder auch wieder entfernen lassen kann (das sogenannte „Ghosting“).  Überwiegend suchen Männer nur unverbindliche Affären, so die Erzählungen ihrer Freundinnen. Zu Beginn wird alles haarklein beim „Hin- und herschreiben“ ausgelotet, so dass man dann bis zum ersten Treffen alles von seinem Gegenüber weiß und vermeintlich nichts mehr passieren kann (im Sinne von den Falschen kennenlernen), man sich auf Sex konzentrieren kann. Gefühle, ein „Verknalltsein“ wie bei Anna, die Männer grundsätzlich nur in Kneipen trifft, sieht und gleich spürt, ob sie auf jemanden heiß ist oder nicht, spielen hierbei erst einmal keine Rolle. Bauchgefühl, Intuition, Hormone oder vielleicht trifft gar ihre Vagina die Entscheidung, irgendwie ist sie sich immer sicher, wenn sie mit dem Gegenüber Sex haben möchte. Bei manchen fühlt sie sich gar wieder wie 16, fühlt ein Kribbeln, wie man nur in diesem Alter hatte. Und dieses Kribbeln verlangt dann mehr und am Liebsten sofort. Bei Anna geht es trotz allem Anspruchslosen und Unverbindlichen um mehr als nur die Jagd auf Orgasmen. Es geht um genießen, entspannen und die stete wiederkehrende Spannung des Neuen.

Darüber hinaus kann sie sehr gut beschreiben, was sie fühlt, wenn sie auf andere Männer heiß ist, wie sie sich selbst anmacht, wie sie die Männer anmacht, mit ihnen Sex hat, ihre Gefühle, wenn sie jemand versucht, falsch zu befriedigen, wenn sie vielleicht auch mal abblitzt oder wenn es einfach nicht geht, weil der “begehrte Mann“ dann keinen “Freibrief“ von Zuhause hat und sich daran hält ... oder wenn jemanden ihre „schwache Stelle“ erwischt, Intimität, den Zustand tiefster Vertrautheit aufbaut. Auch hier muss sie dann am nächsten Morgen loslassen, auch wenn der „mentale Kater der Sehnsucht“ unbändig groß ist.

Daneben ist das Buch auch eine Hymne auf Berlin, das gleichermaßen wie eine offene Beziehung spannend ist, in das man verknallt sein kann und durch seine Weltoffenheit natürlich auch einen größeren Fundus für offene Beziehungen und Affären bietet, als zum Beispiel irgendwo in der Provinz.

Ich denke, auch diejenigen, die eine „katholisch geprägte konservative Ehe“ und ein entsprechendes Sexualleben führen (also wenn überhaupt Sex, dann nur samstags, im Dunkeln und Missionarsstellung), kommen da zumindest einmal ins Grübeln (obwohl, lesen so Menschen ein derartiges Buch überhaupt?!?), ob Monogamie der Weisheit letzter Schluss ist. Wie umschreibt es die Autorin so nett: eine offene Beziehung ist die beste Antwort auf die Frage: Fremdgehen oder Treue?, die sich viele im Leben stellen, denn es bedeutet Fremdgehen *und* Treue“. Das Dilemma Treue und Abenteuerlust wird gelöst ohne Fremdgehen oder gar Trennung. Allerdings, wenn der andere Partner eben keine offene Beziehung möchte, nicht einwilligt, dass man mit jemanden anderen Sex hat, dann ist es doch die Frage nach dem „Fremdgehen oder Treue“ (spielt in zwei wie ich finde beindruckend gefühlvollen Kapiteln eine große Rolle). Wenn einer meint, dass sexuelle Exklusivität auch Treue bedeutet, dann ist das jedoch schlichtweg Quatsch - Monogamie heißt einfach “Ein-Ehe” und nicht “Ein-Sexpartner”! Obwohl man sich sonst hervorragend versteht, wird Fremdgehen der Grund für eine Trennung, weil man sich lebenslange Monogamie versprochen hat.  Sex ist wichtig, aber nicht das Kernkriterium für eine exklusive Partnerschaft. Für die Autorin ist es dagegen viel wichtiger, ehrlich zu sein, als die sexuelle Exklusivität zu haben. Bei der Autorin sind es eigenen Angaben zufolge 95% „Ehrlichkeit“, sie will aber auch Geheimnisse gerade über ihre Sexabenteuer haben dürfen und gesteht sie auch ihrem Mann zu ... das hat dann auch nichts mit Lügen zu tun, sondern einfach “ ... was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß”.

Viele Kapitel haben es in das Buch geschafft, viele Geschichten hat sie aber sicherlich seit der Herausgabe erlebt und wird noch viele erleben… vielleicht folgt ja irgendwann ein zweiter Teil.

 

Fazit: Ein sehr offen geschriebenes Buch und nebenbei Hymne auf die Stadt Berlin.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Andreas Pickel, Harald Kloth

Katrin Einhorn: Paris für Anfänger

Roman

 

München ; dtv ; 2018 ; 284 Seiten ; ISBN 978-3-423-21750-7

 

Diese kurzweilige Geschichte beginnt recht harmlos mit dem Besuch eines Flohmarktes, bei dem Paul, Annika und Jojo aufeinander treffen. Bereits zu Beginn arbeitet die Autorin die Charaktere der drei Hauptfiguren detailreich heraus.

Mit Paul begegnen wir einem ruhigen, zuverlässlichen Zeitgenossen, der sein Leben am liebsten geplant umsetzt. Seine Freundin Annika erscheint dagegen eher quirlig und ist beruflich sehr viel unterwegs.

Die letzte im Trio ist Jojo, Annikas Schwester. Das Energiebündel Jojo fällt unter die Kategorie 'unkomplizierter aber anstrengender Lebenskünstler', weshalb Paul gerne einen weiten Bogen um Jojo macht. Jojo verkauft Sachen auf dem Flohmarkt und kauft ebenso selbst dort ein, wenn sie ein Schnäppchen oder eine Rarität aufgestöbert hat. Und eben genau so ein 'kleines Schnäppchen', sprich Kontrabass, macht Jojo an diesem Tag.

An und für sich wäre das kein großartiges Ereignis. Erst die Tatsache, dass Jojo dieses Musikinstrument nach Paris bringen soll, Annika beruflich unterwegs ist und deshalb Paul - wenn auch sehr widerwillig - einspringt um Jojo auf dieser Reise zu begleiten, bringt die ganze Geschichte in Schwung. Der Transport gestaltet sich schwierig, immer wieder tauchen neue Hürden auf, die es zu meistern gilt. Es entwickelt sich eine wahre Schnitzeljagd, die Paul und Jojo auf Trab halten und weitreichende Folgen nach sich ziehen.

Diese Lektüre lebt von den Gegensätzen der Hauptakteure zueinander. Eine amüsante Art von "Schwarz-Weiß-Malerei", die Leselust und Lesegenuß zur Folge hat.

Es ist eine einfache, überschaubare Geschichte, die mit ihrer Lebhaftigkeit sowie ihrem Detailreichtum überrascht und dabei entspannenden, gewaltfreien Lesegenuss bietet.

Fazit: Ab auf die Couch und einfach lesen!

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Clemens und Katja Ettenauer: Katzen in leiwanden Grafiken

Hanna Jungwirth, Simone Hildebrand

Wem ich ständig meine Liebe bekunde

 

Wien ; Holzbaum ; 2018 ; 24 Seiten ; ISBN 978-3-902980-78-6

 

Suchen sie etwas nicht Alltägliches? Sind sie  "Katzenversteher" oder Liebhaber dieser eigenwilligen Spezies? Liebäugeln sie damit, solch einem Fellbündel Unterschlupf zu geben? Dann unbedingt vorher mehrere intensive Blicke in das Heft wagen!

Suchen sie einen nicht alltäglichen Beitrag zum Thema Samtpfote? Haben sie genug von süßen Katzenbildern? Sie sind ein humorvoller Mensch?
Dann dürfte diese Broschüre für sie genau das Richtige sein!

Gnadenlos werden hier die liebenswerten Eigenschaften, Vorlieben und gewöhnungsbedürftigen Eigenheiten unserer Stubentiger ins Licht gerückt. Wenig Text und umsomehr Kreisdiagramme bringen es punktgenau auf's Papier, was jeder
Katzenbesitzer sowieso längst weiß und ihn wissend schmunzeln lässt.

Die Broschüre eignet sich perfekt als kleines Mitbringsel, Geschenk oder nette Geste für liebe Freunde. Mit dem Preis von fünf Euro ist es auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich und hält länger als ein Blumenstrauß.

Fazit: Katzen bringen gute Laune ins Leben - wenn auch hin und wieder erst auf den zweiten Blick!

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth