Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Die Opfer, die man bringt

Ein Fall für Sebastian Bergman. Band 6

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 556 Seiten ; ISBN: 978-3-8052-5088-7

Nach dem letzten Fall „Die Menschen, die es nicht verdienen“ ist für den Leiter der Reichsmordkommission Torkel Höglund klar, dass der Kriminalpsychologe Sebastian Bergmann nicht mehr Teil des Teams sein kann. In den letzten Jahren hat sich einfach zu viel ereignet. Sebastian muss sich damit abfinden, auch wenn er zu gerne weiterhin in der Nähe von Vanja sein würde. Was er jedoch nicht weiß ist, dass Vanja sich längst nach Uppsala versetzen ließ.

Dort beschäftigt Vanja und ihre derzeitige Chefin Anne-Lie eine Vergewaltigungsserie. Anne-Lie beschließt, Sebastian Bergmann einzuschalten, da sie bei den Ermittlungen nicht weiterkommen, was bei Vanja natürlich jede Menge Unmut auslöst. Da die Serie an Verbrechen nicht abreißt, wird die Reichsmordkommission eingeschaltet und somit sind Torkel, Ursula und Billy wieder mit von der Partie.

Billy durchlebt ein Auf und Ab an Gefühlen, denn was in ihm schlummert ist alles andere als ungefährlich. Nur Sebastian ahnt, was in ihm vorgeht, doch Billy schafft es durch kluge Schachzüge keinerlei Verdacht auf ihn zu lenken. Seit Monaten ist nämlich die ehemalige Kollegin Jennifer verschwunden, angeblich bei einem Höhlentrip in Frankreich. Ihr Vater kann dies aber nicht glauben und wendet sich vertrauensvoll an Billy. Die Vergewaltigungen reißen nicht ab, jetzt werden sogar Opfer zum zweiten Mal überfallen. Aber warum geschieht dies gerade jetzt?

Mit dem sechsten Fall um den Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann ist den beiden Autoren wieder ein Top-Krimi gelungen. Sie schaffen es die Spannung über mehr als 500 Seiten auf sehr hohem Niveau zu halten. Der Plot ist großartig, inklusive der überraschenden Wendungen. Die Geschichte des Teams wird weiterentwickelt und die detaillierte Sicht auf die einzelnen Charaktere lässt einen immer wieder erschauern, vor allem wenn es um Billy geht.

Fazit: Krimi der Extraklasse!

 

Matthias Wagner

5 Sterne
5 von 5

Die Opfer, die man bringt - Ein Fall für Sebastian Bergmann. Band 6  bei amazon.de

 

  Michael Hjorth bei amazon.de

 

  Hans Rosenfeldt bei amazon.de

   

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Dora Heldt: Drei Frauen am See

Roman

 

München ; dtv ; 2018 ; 573 Seiten ; ISBN: 978-3-423-26206-4

Die vier Mädchen Marie, Fiedi, Jule und Alex verbindet eine innige Freundschaft. Die Sommer ihrer Jugend verbringen sie immer zusammen im Haus am See, das Maries wohlhabenden Eltern gehört. So unterschiedlich die vier Mädchen auch sind, sie ergänzen sich perfekt. Dass Marie aufgrund ihres Herzfehlers oft nicht so mithalten kann spielt keine Rolle. Nachdem alle einen Schulabschluss in der Tasche haben, trennen sich die Wege zwar zum Teil, aber ein festes Ritual wird, dass man sich alljährlich an Pfingsten im Haus am See trifft. Das hätte ewig so weitergehen können, wäre da nicht ein riesengroßer Streit gewesen, der letztlich auch dazu geführt hat, dass der Kontakt abgerissen ist.

Als die erfolgreiche Hotelmanagerin Friederike, die angesehene Verlegerin Alexandra und Jule, die eine eigene Physiotherapiepraxis führt, eines Tages vom Tod ihrer Freundin Marie erfahren, sind alle geschockt und hadern mit ihrem schlechten Gewissen. Marie, die sich immer für sie alle interessiert hat und der es am Herzen lag, dass es ihnen gut geht, war von ihnen unbemerkt nach längerer Leidensphase gestorben. Weil sie das Gefühl haben, es Marie schuldig zu sein, kommen sie deren Wunsch nach und kommen noch einmal für ein Pfingsttreffen zum Haus am See. Ob ihnen dort die Aufarbeitung der Vergangenheit gelingt und sie sich ganz im Sinne Maries wieder versöhnen?

Dora Heldt beweist mit diesem Roman, dass sie mehr kann, als luftig leichte Syltgeschichten mit schrulligen Charakteren zu schreiben. Die Geschichte von den vier Frauen, die über so lange Zeit befreundet sind und deren Freundschaft dann plötzlich zerbricht, geht zu Herzen. Jeder kennt sie, diese unbeschwerten Gänseblümchensommer, die für die Jugendzeit der vier Mädchen so prägend waren.

Man taucht ganz tief ein in die Vergangenheit der Frauen und erfährt so einiges über die einzelnen Werdegänge und darüber, warum die Frauen letztlich so wurden, wie sie sind. Im Mittelpunkt des Romans steht immer das Bewusstsein, dass Freundschaft wohl das größte Geschenk ist und es umso schmerzlicher ist, wenn das Band der Freundschaft aus welchen Gründen auch immer zerreißt.

Fazit: ein sehr bewegendes Buch über das hohe Gut der Freundschaft.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

  Drei Frauen am See bei amazon.de

 

  Dora Heldt bei amazon.de

 

© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Robert Gerwarth: Die Besiegten

Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs

 

München ; Siedler ; 2017 ; 480 Seiten ; ISBN: 978-3-8275-0037-3

 

Die Feierlichkeiten anlässlich des 100. Jahrestages des Endes des Ersten Weltkriegs, gemäß dem amerikanischen Historiker George F. Kennan die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, neigen sich mit seinem Höhepunkt am 11. November, an dem Tag, an dem vor 100 Jahren mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens durch das Deutsche Reich im Wald von Compiègne bei Paris die Kampfhandlungen offiziell beendet wurden, dem Ende zu. Doch wird es auch Siegesfeiern geben für das 100-jährige „Jubiläum“ des Endes unzähliger blutiger Bürgerkriege in den fünf Jahren danach? Bis auf einige Gedenkveranstaltungen anlässlich der in dieser Zeit erfolgten Staatengründungen wohl eher nein, ist diese Zeit doch einem breiteren Publikum bis dato weniger bekannt.

 

Bereits 2013 revolutionierte Ian Kershaw mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ (siehe Christopher Clark: Die Schlafwandler) vielleicht nicht die Sichtweise auf den Weg in den „Grande Guerre“, aber gab ihr doch eine neue Richtung. Das Deutsche Kaiserreich war bei weitem nicht unschuldig am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, aber es war nicht mehr schuldig als seine Mit- und Gegenspieler in Moskau, Paris, London oder auch Wien, so das Ergebnis seiner Quellenstudien und Analysen. Ein Jahr später gab Leonhard mit seinem Buch „Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkriegs“ (siehe Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora) ein Standardwerk über die Ereignisse dieser Zeit heraus. Mittels der „Büchse der Pandora“, aus der unmenschliches Leid und Gewalt über die Menschheit herfällt, wurde der Erste Weltkrieg selten besser beschrieben. Nun nähert sich mit Robert Gerwarth endlich auch ein Historiker in einer beindruckenden Gesamtdarstellung den Krisen und Konflikte der unmittelbaren Nachkriegszeit, also der Zeit von 1919 bis 1923.

Gerwarth ist Direktor des „Centre for War Studies“ am University College in Dublin. Während sich viele Autoren bei ihren Studien zum Ersten Weltkrieg auf die Kriegsjahre 1914 bis 1918 und den durchaus spannenden Weg dorthin fokussieren, und höchstens noch eine direkte Verbindungslinie zu Hitler und den Weg in den Zweiten Weltkrieg ziehen, erforscht man an seinem Institut stattdessen auch intensiv die unmittelbar den Friedenshandlungen folgenden Ereignissen bis zum Lausanner Abkommen 1923. Somit werden bis dato in der Geschichtsschreibung eher nur beiläufig oder einzeln beschriebene regionale Ereignisse, Konflikte, intra- und interstaatliche Kriege sowie ihre Konsequenzen und vor allem auch ihre Interdependenzen untersucht. Diese Analysen liefern teils unvermutete neue Rückschlüsse auf den Ersten Weltkrieg an sich aber auch für die folgenden Jahrzehnte, ja teils bis heute.

So behandelt das Buch neben der russischen Revolution von 1917 insbesondere die paramilitärischen Gewaltausbrüche in Mittel-, Südost- und Osteuropa in der Zeit von 1919 bis 1923. Gerwarth spart dabei fast keine Region aus. So thematisiert er neben Russland und dem Deutschen Reich genauso Länder wie Italien, Finnland oder auch Bulgarien und erklärt nebenbei auch, wie Hitler bei Kemal Atatürk erste Ansätze zu Rassenreinheit schätzen lernte, ja ihn diesbezüglich sogar bewunderte. In nur kurzer Zeit zwischen 1917 und 1920 kam es zu 27 gewaltsamen Regimewechsel. Allerdings überdauerten bis Ende der 30er Jahre nur zwei der 1918 geschaffenen Staaten als freie Demokratien. Die sich gegenseitig aufstachelnden Bürgerkriege waren die schlimmsten seit dem 30-Jährigen Krieg, immerhin 250 Jahre waren seitdem verstrichen. Alleine die Revolutionswirren in Russland kosteten 3 Millionen Menschen das Leben und zum Beispiel auch Ungarn verlor in dieser kurzen Zeit zwei Drittel seiner Größe und fast Drei Viertel seiner Bevölkerung.

 

Gerwarth räumt mit vielen bis dato vorherrschenden Mythen zu dieser Zeit auf. So zum Beispiel mit der sogenannte „Brutalisierungsthese“, das heißt, für ihn waren die Schrecken des gerade erst beendeten Krieges eben nicht die Ursachen für Gewaltausbrüche. Dazu waren die (Nachkriegs-)Konflikte zu unterschiedlich und traten dort auf, wo man sie nicht unbedingt erwartete. In anderen Regionen dagegen blieb es ruhig, obwohl gerade dort Gewaltexzesse im ersten Weltkrieg wüteten. Die Erfahrungen der Schützengräben so Gerwarth waren jedenfalls nicht ausschlaggebend für die marodierenden Gruppen in all den unterschiedlichsten Territorien.

So waren es laut Gerwarth vor allem die Verliererstaaten, die „Besiegten“, deren Frustration sich über die für sie ungerechte Friedensordnung, das Vorenthalten des Selbstbestimmungsrechts der Völker, in rohe Gewalt äußerte. Die Niederlagen im Krieg unterstützten die Revolutionen und Zerfallserscheinungen der großen Reiche. Aber auch die „verstümmelten“ Sieger, wie zum Beispiel Italien, hatten nichts zu feiern. Zwischenstaatliche Kriege, Bürgerkriege oder ein Gemenge aus Beidem kennzeichneten diese Zeit. Dabei sollte der Gegner nun nicht nur besiegt, sondern ein für alle Mal vernichtet werden. Dieses „alles oder nichts“ eskalierte dann von einer eher konventionell geführten Auseinandersetzung im Ersten Weltkrieg zu einer an Gewaltexzessen ausufernden Fortsetzung. Dieser eher gesamteuropäische denn nationale Bürgerkrieg war für den Autor auch eine Art Ausgangspunkt für den Zweiten Weltkrieg. Schon gar nicht kann man diese Periode als „Zwischenkriegszeit“ titulieren, gab es doch fast 4 Millionen Opfer, Opfer, die zum Beispiel bis auf das Massaker in Smyrna 1922 fast keine Aufmerksamkeit erregten.

Obwohl das Buch in den Teilen „Niederlage“, „Revolution und Konterrevolution“ sowie „Imperialer Zerfall“ thematisch gegliedert zu sein scheint, geht der Autor vielmehr chronologisch vor. Es beginnt de facto mit der Russischen Revolution von 1917, behandelt dann die Umbruchphase 1918/1919 u.a. in Deutschland, Bulgarien und Italien und endet mit den Nachkriegsjahren 1919 - 1923 und seinen enttäuschten Erwartungen. Radikalisierung als Folge von (oftmals nicht empfundener) Niederlage, Revolution und Gegenrevolution sowie unerfüllte Hoffnungen in den Friedenshandlungen waren eine „ungesunde Gewaltmischung“. Das Gefühl der Umkreisung sowie der Drang, den Tod Hunderttausender von Kameraden und die Niederlage an sich einen höheren Sinn zu geben, schweißte die Menschen für ihre Exzesse zusammen. Im Gegensatz zum Krieg breitete sich nun diese in ihrer Brutalität ausufernde Gewalt auf ethnische Minderheiten sowie vor allem auch auf Alte, Kinder und Frauen aus.

 

Die erstmalig seit dem Westfälischen Frieden wieder in größerem Maße gebrochene Unterscheidung von Kombattanten und Nichtkombattanten in Kampfhandlungen war das wesentlichste Kriterium dieser Zeit. Dabei war, wie später auch besonders bei den Einsatzgruppen der SS festzustellen, der Prozess der Eigendynamik von Mord, Plünderung, Vergewaltigung und ethnischer Säuberung markant. Von Kriegsende wollte kaum einer etwas wissen, denn schließlich war man selbst der personifizierte Krieg. Zusätzlich motiviert in Deutschland durch die „Dolchstoßlegende“ waren Lust auf Gewalt, Brandschatzung, Raub und Tötung an der Tagesordnung. Und gerade dort, wo multiethnische und multikulturelle Reiche wie Österreich-Ungarn, Russland oder das Osmanische Reich auseinanderbrachen oder im Friedenvertrag dividiert wurden, kam es zu ethnisch motivierten blutigen Konflikten. Ein derartiges Ausmaß an Transformation konnte nicht unblutig über die Bühne gehen. Klare oder gar einheitliche regional übergreifende Konzepte der Aufständischen waren dabei nicht festzustellen, nur demokratische oder kommunistische (außer in Russland natürlich) Regierungstendenzen wurden bekämpft. Innerhalb Deutschlands verzeichnete vor allem Bayern in diesen Jahren einen massiven Rechtsruck, München wurde die Hochburg des Nationalismus und war nicht umsonst, so Gerwarth, die Geburtsstätte des Nationalsozialismus.

Das, was einst schon vor über 15 Jahre Wolfgang Schivelbusch für Deutschland betreffend die „Kultur der Niederlage“ nannte (Schivelbusch, Wolfgang: Die Kultur der Niederlage, 464 S., Alexander Fest Verlag, Berlin 2001.) kann durch die Analysen Gerwarths auf ganz Europa übertragen werden. 13 Millionen deutsche Männer, also ca. 20 Prozent der Bevölkerung von 1914, nahmen am Krieg teil, davon verstarben ca. 2 Millionen und über 2.5 Millionen wurden versehrt oder verwundet. Die somit leidgeprüfte Bevölkerung findet nach einer kurzen Verschnaufpause für ihre verlorenen Kriege schnell die Schuldigen. Verantwortlich gemacht und zur Verantwortung gezogen werden die bisher am Steuerrad stehenden, die das Land nach einer langen Vorphase der Orientierung- und Strategielosigkeit in den Krieg und fast in ihre Vernichtung geführt haben. Diese Legitimitätskrise der Regierung wird verstärkt durch fehlende Militärdisziplin, fehlende staatliche Strukturen, äußeren Druck und Kriegsmüdigkeit ganz allgemein. Niederlagen, so schreibt Schivelbusch, sind Zeiten des Vatermords und der Rückbesinnung auf die Mutter Nation, zu deren Rettung und Bewahrung nun die Söhne aufstehen. Daher die Revolutionen - das Wegfegen der Verliererväter - und die karnevalistische Feststimmung, wie in Frankreich im September 1870 und in Deutschland im November 1918. Nun durch Gerwarth wird eine vergleichbare Situation auch in vielen anderen gerade ost- und südosteuropäische Länder bewusst.

Zusammenfassend legt Gerwath deutlich klar: Europa war auch nach dem Ersten Weltkrieg ein sehr fragiles und unsicheres „Pflaster“, indem durch Bürgerkrieg, Konflikte, ethnische Säuberungen und Revolution mehr als 4 Millionen Menschen in einer Art „erweiterten europäischen Bürgerkrieg“ ihr Leben ließen. Gerade die ethnischen Vertreibungen wurden befeuert durch den Zusammenbruch multiethnischer Großreiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich. Auch wenn diese Großreiche jahrhundertelang als „Völkergefängnisse“ galten, praktizierte man dort überwiegend gewaltfrei Ethnien übergreifendes Miteinander und Zusammenleben. Nun wurden Menschen anderer Ethnien in einer Art entmenschlicht, dass in Teilen sogar der Genozid die logische Folge war. Dies und diese Zeit ist wichtig für das Verständnis der weiteren gewaltsamen Kriege, Bürgerkriege und Konflikte des 20. Jahrhunderts und Gerwarth meint damit nicht ausschließlich den Zweiten Weltkrieg. Dabei vermeidet er bewusst Prognosen über zukünftige Konflikte, über die weitere Entwicklung des aktuellen Europas, sondern konzentriert sich stattdessen darauf, die Wurzeln von Krieg und Krisen zu beschreiben, bzw. wie man deren Ursprünge verknüpft. Nichtsdestotrotz ist das Verständnis dieser Zeit unabdingbar, um die Logik und Ziele der folgenden gewalttätigen Konflikte bis hinein zu den Jugoslawienkriegen zu verstehen. Beispielsweise auch die gemachten Zusagen, Widersprüche oder gar Täuschungen bezüglich Palästinas führten dazu, dass der Nahe Osten bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist.

Fazit: Auch weil das Buch nur 340 (mit Anmerkungen, Bibliografien, Literaturverzeichnis fast 500) Seiten dick ist, ist es sehr kurzweilig. Mit hohem Detaillierungsgrad, aber auch jederzeit verständlich zeichnet er den Weg von Krieg in Bürgerkrieg und den immens hohen Gewaltexzessen an Zivilisten nach, vor allem skizziert er einen gesamteuropäisch umfassenden Bogen, der unkontrolliert aus den Fugen geriet. Das Buch ist klar strukturiert und durch die chronologische Abhandlung und exzellente Verknüpfung der teils verwirrenden Ereignisse gelingt es Gerwath sicherlich auch ein breiteres Publikum zu erreichen. Insgesamt eine beeindruckende, äußerst fesselnde Darstellung der Jahre 1919 bis 1923, die bis dato ihresgleichen sucht.

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

Die Besiegten - Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs  bei amazon.de

 

  Robert Gerwarth bei amazon.de

 

Erster Weltkrieg - Buchrezensionen

   

© 2018 Andreas Pickel, Harald Kloth

D. B. John: Stern des Nordens

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 522 Seiten ; ISBN: 978-3-8052-0032-5

 

Die US-Amerikanerin Jenna Willams ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Schwerpunkt Nordkorea tätig. Sie lässt das Verschwinden ihrer Zwillingsschwester nicht los, denn sie glaubt nicht an ein Unglück, wie die offizielle Aussage damals gelautet hat. Sie wird von der CIA angeworben, denn es gilt eine Delegation aus Nordkorea zu empfangen bzw. anschließend nach Pjöngjang zu reisen. Gleichzeitig bereitet sich auch der dem nordkoreanischen Führer treu ergebene Parteifunktionär Cho auf eine Mission in Amerika vor.

Sein Bruder soll in der nordkoreanischen Erbdynastie eine führende Rolle übernehmen, doch dazu muss die Abstammung bis in die dritte Generation ohne Tadel sein. Cho ahnt bereits, dass eine genaue Prüfung Dinge ans Tageslicht bringen wird, die bisher nicht bekannt waren. In der nordkoreanischen Provinz versucht unterdessen die Bäuerin Moon auf dem Markt Geld zu verdienen.

Die Staatssicherheit hat aber ein wachsames Auge auf sie und ihre Kolleginnen geworfen und auch bald wird sie erfahren, was mit Abtrünnigen passiert. Cho und Frau Moon treffen im berüchtigten Lager 22 aufeinander und ahnen zunächst nicht, dass sie mehr verbindet als nur die Tatsache, dass sie zusammen eingesperrt sind. Unterdessen setzt Jenna alles daran in Nordkorea ihre Schwester Susie ausfindig zu machen, denn sie hat den festen Glauben, dass sie noch lebt.

D.B. John hat mit "Stern des Nordens" einen bewegenden Thriller vorgelegt. Zunächst entwickelt sich die Geschichte aus drei sehr unterschiedlichen Perspektiven, die nach und nach ineinander übergehen.

Bedrückend an dem Thriller ist nur, dass im Anhang vom Autor aufgezeigt wird, dass viel von der Handlung keine Fiktion ist, sondern reale Erlebnisse aus dem Land, dass nur sehr wenig nach außen dringen lässt. Er schafft es, daraus einen spannenden Plot zu basteln.

Fazit: ein Thriller, der nahe an der Realität entlangstreift.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

  Stern des Nordens bei amazon.de

 

  D. B. John bei amazon.de

   

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Michael Böhm/Dieter Hentzschel: Dinner mit Elch

Kriminalroman

 

Planegg ; Edition 211 ; 2018 ; 151 Seiten ; ISBN: 978-3-956691-08-9

Olov und sein Sohn Göran, die beide eine Werbeagentur betreiben, verbringen mit ihrem Texter Erik, dessen Freundin Nadja und deren Bekannter Alina ein Wochenende in der abgelegenen Blockhütte, die sie sich vor Jahren gekauft haben. Bereits die Anreise gestaltet sich schwierig, da die Witterungsverhältnisse katastrophal sind. Für das kommende Wochenende ist mit massiven Schneefall zu rechnen.

Kaum hat das Wochenende begonnen, da lässt Erik die erste Bombe platzen. Er wird die Agentur verlassen. Als Olov die Hütte kurz verlässt, nicht mehr wiederkommt und von den anderen mit einer Kopfverletzung gefunden wird, kann sich keiner erklären, wie dies passierte. Am nächsten Tag steht Abdel Faller vor der Tür, weil er sich angeblich im Schneechaos verlaufen hat. Nach und nach wird immer klarer, dass Abdel nichts Gutes im Schilde führt.

Als Olov seinen Verletzungen erliegt und das Wetter am Sonntag immer katastrophaler wird, überschlagen sich die Ereignisse. Allen wird klar, dass sie so schnell nicht aus dieser tief verschneiten Landschaft weg kommen.

Die beiden Autoren legen einen vergnüglichen Kriminalroman vor. Sie haben die Handlung in ein verschneites Gebiet abseits der Zivilisation gelegt. Im Laufe der Geschichte zeichnet sich mehr und mehr ab, wie wenig wir doch voneinander wissen, obwohl wir täglich miteinander arbeiten. Am Ende nimmt die Geschichte eine surreale Wendung, was für den Leser amüsant ist.  

 

Fazit: nette Krimigeschichte für einen unterhaltsamen Abend.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

Dinner mit Elch bei amazon.de

 

Michael Böhm bei amazon.de

 

Dieter Hentzschel bei amazon.de

   

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Jens Henrik Jensen: Gefrorene Flammen

Oxen-Trilogie. Band 3

Thriller

 

München ; dtv ; 2018 ; 592 Seiten ; ISBN:978-3-423-26180-7

Niels Oxen ist nach seiner spektakulären Flucht aus Dänemark in Schweden gelandet. Dort wurde er von der Ärztin Tessa am Strand gefunden und sie hat dafür gesorgt, dass er wieder zu Kräften kam. Derweil gehen alle davon aus, dass er bei dem Angriff auf sein Boot ums Leben gekommen ist.

Die ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin Margrethe Franck wurde nach der missglückten Aktion (am Ende des 2. Teils „Der dunkle Mann“) entlassen und versucht nun, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Der ehemalige Geheimdienstchef Axel Mossmann wurde pensioniert und sein Neffe Christian Sonne, der früher Polizist war, ist jetzt als Tankwart beschäftigt. Die Verantwortlichen des Danehof haben dafür gesorgt, dass diejenigen, die sich mit ihrer Organisation anlegen, nicht mehr auf die Füße kommen.

Nachdem Niels wieder zu Kräften gekommen ist, will er nun versuchen, seine eigene Reputation wieder herzustellen. Noch immer wird er in Dänemark wegen eines Mordes gesucht. Er setzt alles daran, die wahren Täter zu finden, damit er als freier Mensch seinen Sohn Magnus besuchen kann. Schnell kreuzen sich die Wege von Niels, Margrethe, Axel und Christian und sie kommen überein, nochmals alles zu versuchen, um die Verantwortlichen des Danehof ausfindig zu machen.

Doch wem kann man vertrauen, wem muss man vertrauen, um an Informationen zu gelangen? In einem Netzwerk, das seit Jahrhunderten darauf ausgelegt ist, im Verborgenen zu bleiben, ist es nicht leicht, Anhaltspunkte zu finden, die auch eine Beweiskraft haben.

Im dritten und letzten Teil zeigt Jens Henrik Jensen noch einmal sein ganzes Können. Er versteht es, die Geschichte stets spannend zu halten, immer wieder neue Fährten zu legen, die sich manchmal hilfreich, manchmal als Sackgassen erweisen. Die Perspektivenwechsel von Kapitel zu Kapitel steigern die Spannung. Es entsteht ein Sog, dem sich der Leser nicht mehr entziehen kann. Jens Henrik Jensen kann es mit seiner Oxen-Trilogie durchaus mit der Millenium-Trilogie von Stieg Larson aufnehmen.

Fazit: ein Pageturner vom Feinsten.

 

Matthias Wagner

5 Sterne
5 von 5

Gefrorene Flammen, Oxen-Trilogie Band 3 bei amazon.de

 

  Jens Henrik Jensen bei amazon.de

  

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Marie Matisek: Ein Sommer wie Limoneneis

Die Amalfi-Reihe. Band 1

Roman

 

München ; Knaur ; 2018 ; 303 Seiten ; ISBN 978-3-426-52142-7

Marco führt ein Leben wie im Bilderbuch. Er ist erfolgreicher Anwalt in München, lebt am Starnberger See, hat Frau und zwei Kinder und verdient so viel um es sich gut gehen zu lassen. Allerdings hat er meistens keine Zeit dazu, das Leben zu genießen, weil die Arbeit immer vorgeht.

Ausgerechnet an dem Tag, an dem in der Arbeit verkündet wird, dass er zum zweiten Chef erkoren wurde, findet er abends einen Brief seiner Frau Geli. Darin eröffnet sie ihm, dass sie die Scheidung möchte, weil er nie Zeit hat und sie so nicht mehr leben will. Sie ist mit Freundinnen nach Mallorca geflogen und überlässt nun Marco die Kinderbetreuung. Mit ihren sechzehn Jahren ist Sabrina schon sehr selbständig, aber der elfjährige Luis benötigt Betreuung. Als Marco einen körperlichen Zusammenbruch erleidet und zwei Wochen krankgeschrieben wird, tobt der Kanzleichef, doch Marco erkennt, dass es an der Zeit ist, sich eine Auszeit zu gönnen.   Er reist in seine italienische Heimat.

In Amalfi staunt der Vater nicht schlecht, als Marco nach vielen Jahren plötzlich unangekündigt vor der Tür steht. Und es scheint so, als käme er gerade zur rechten Zeit. Marcos Papa Raffaele hat sich ein Bein gebrochen und die Zitronenernte steht an. Widerwillig lässt sich Marco darauf ein, auf der so verhassten elterlichen Plantage mitzuhelfen. Nebenbei begegnet er auch seinem ehemals besten Freund Pippo, der mittlerweile als Eismacher süße Verführungen zaubert. Die beiden verstehen sich so gut wie früher, obwohl fast zwanzig Jahre dazwischenliegen. Als Marco dann auch noch seiner ersten großen Liebe Lisabetta begegnet, ist es um ihn geschehen und er stellt fest, dass er immer noch starke Gefühle für sie hat. Gesundheitlich geht es ihm jedenfalls von Tag zu Tag besser und er genießt die italienische Lebensart. Schließlich kommen auch noch seine Kinder Sabrina und Luis nach Amalfi, was den Großvater enorm glücklich macht.

Marco wird bewusst, dass Raffaele nicht mehr lange in der Lage sein wird, die Plantage allein zu führen. Aber was soll aus dem traditionsreichen Familienbetrieb werden? Hat der Mafioso Remo etwa schon ein Auge auf die Plantage geworfen? Und mit wem ist Lisabetta unglücklich verheiratet? Wie die einzelnen Akteure der Geschichte miteinander verbunden sind, erfährt man immer wieder in Rückblenden, in denen die Kindheitserlebnisse Marcos geschildert werden.

Mit „Sonnensegeln“  hat Marie Matisek schon einmal einen herrlichen Sommerroman vorgelegt. „Ein Sommer wie Limoneneis“ ist wieder so eine schöne luftig-leichte Geschichte. Diese ist angesiedelt an der wunderschönen Amalfiküste und dreht sich zwar um Familie, Freundschaft und vor allem um Liebe, driftet dabei aber nie ins Kitschige ab. Man kann den Duft der blühenden Zitronenbäume förmlich auf jeder Seite in sich aufnehmen.

Fazit: eine wunderbare Urlaubslektüre! Sehr empfehlenswert.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

Ein Sommer wie Limoneneis bei amazon.de

 

  Marie Matisek bei amazon.de

 

© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Monika Bittl: Ohne meinen Mann wär ich glücklich verheiratet

Lesewellness für die Frau mit Anhang

 

München ; Knaur ; 2018 ; 238 Seiten ; 978-3-426-78965-0

Mit sehr viel Humor begibt sich Monika Bittl in diesem Buch auf die Suche nach dem Geheimnis glücklicher Ehen. Dabei beleuchtet sie immer wieder auch ihr eigenes Eheleben und erzählt lustige Geschichten aus dem alltäglichen Ehe- und Familienwahnsinn.

Jeder, der schon länger in einer Beziehung lebt - sei es nun verheiratet oder nicht - kennt das, wovon Monika Bittl so launig erzählt. Die Macken des Partners treten mehr und mehr zu Tage und stören auch zunehmend. Man streitet sich über Kleinigkeiten, wie die Frage, wo die Milch im Kühlschrank zu stehen hat etc. Banalitäten werden zu großen Sachen und der Alltag so manches Mal zur absoluten Herausforderung.

Oft findet man sich dann in Situationen wieder in denen man sich fragt, warum man mit dem Partner überhaupt noch zusammen ist. Missverständnisse kommen dann auch noch dazu. Trotz aller Widrigkeiten ist in den meisten Fällen aber doch eine solche Verbundenheit und Liebe da, die Ehefrauen davon abhält, die Flucht zu ergreifen. Sehr tröstlich ist beim Lesen jedenfalls die Erkenntnis, dass es anderen Paaren wohl ebenso ergeht.

Neben all den teils skurilen Begebenheiten baut Monika Bittl auch Fakten aus Statistiken und Umfragen in den Text ein. Immer wieder wird vor allem eins deutlich: man darf sich selbst und die Vorkommnisse in der Beziehung einfach nicht so ernst nehmen. Wem das gelingt, der ist auf dem richtigen Weg zur stabilen glücklichen Beziehung. Das Lesen dieses manchmal auch sehr zum Nachdenken anregenden Buches könnte zudem ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

Fazit: ein lustiges Buch über Ehen und langjährige Beziehungen

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

Ohne meinen Mann wär ich glücklich verheiratet bei amazon.de

 

  Monika Bittl bei amazon.de

 

  © 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Miriam Gebhardt: Die Weiße Rose

Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurden

 

München ; DVA ; 2017 ; 366 Seiten ; ISBN 3-421-04730-8

 

Aus den unzähligen Publikationen über den Widerstand gegen Hitler stechen zweifellos diejenigen über die Widerstandsgruppe die „Weiße Rose“ hervor. Während sich aber viele Bücher meist auf die Geschwister Scholl konzentrierten, chronologisch und durchaus spannend deren Weg in den Widerstand bis zum Tod durch das Fallbeil nachzeichnen, folgt nun die renommierte Autorin Miriam Gebhardt einer anderen Spur der Widerstandsgruppe: Sie interessiert die Frage, warum ausgerechnet diese fünf jungen Leute und Freunde sowie ihr Professor, also vermeintlich ganz normale Leuten, sich aktiv gegen Hitler und das Regime auflehnten, andere hingegen nicht, ja nicht einmal einen Gedanken daran verloren. Dies in Anlehnung aber Umkehrung der bisherigen Untersuchungen zu „Täterpsychogrammen“. Stimulator war hier Harald Welzer, der in seinem vielbeachteten Buch „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ die These vertrat, dass die Vernichtungspolitik nicht mit genetisch bedingten Abläufen zu erklären ist. Der Weg zum Massenmörder war also nicht vorbestimmt, sondern es wurde vielmehr aus Gründen getötet, die unter den Rahmenbedingungen der Wechselwirkung aus kulturellen und situationsbedingten Faktoren als selbstverständlich galten. Die Täter bewegten sich innerhalb eines „normativen Referenzrahmen“ – es wurde etwas getan, was getan werden muss.

Anders verhält es sich bei den „Widerständlern“ Sophie und Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und dem Philosophie-Professor Kurt Huber. Gebhardt gelingt es hervorragend die Entwicklung und das Umfeld jedes einzelnen für sich zu beschreiben, beginnend bei deren Elternhaus und der Kindheit sowie vor allem ihre spätere Interaktionen untereinander. Fast jeder hatte prägende Schicksalsmomente zu verkraften, Trennungen, wirtschaftliche Not, Todesfälle im engsten Familienkreis. Den Geschwistern Scholl bescheinigt sie ein außergewöhnlich elitäres Selbstbewusstsein. Daneben lernten sie schon früh in der Auseinandersetzung mit ihrem Vater sich zu profilieren und einen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Gerade Sophie Scholl wird als teils „hin- und hergerissene“ Frau beschrieben, stark introvertiert, uneitel und moralischer als vergleichbare junge Frauen. Generell fühlte sie sich eigentlich lieber alleine wohler als in Zweierbeziehungen und vor allem in Gruppen. Mit ihrer auch nach außen getragenen Intellektualität bildete sie einen Gegenpart zu den damaligen Geschlechternormen. Die Vernehmungsprotokolle nach ihrer Verhaftung betrachtend bestätigt Gebhardt deren Ruf als charakterlich unbestechlich, hält allerdings im Gegensatz zu anderen Autoren Sophie Scholl für zu Unrecht als die Hauptaktivistin der Widerstandsgruppe.

Neben der individuellen Entwicklung ist aber viel interessanter die Frage, wo gibt es Gemeinsamkeiten, einerseits bereits in der Zeit, bevor sie sich trafen und dann auch als sie Freunde wurden? Alle Mitglieder der „Weißen Rose“ waren zu einem gewissen Grade Persönlichkeiten mit hohem Intellekt, Willen und musischer Begabung. Sie waren politisch sozialisiert und hatten ein mehr oder weniger gemeinsames Politikverständnis und gemeinsam ethische Prinzipien. Bücher, auch und gerade verbotene, spielten bei allen eine herausragende Rolle, gelesene Bücher wurden in der Gruppe reflektiert und diskutiert. Trotz „individualistischer Lebensentwürfe“ waren sie Gemeinschaften mit gemeinsamen Ideen und Idealen nicht abgeneigt. Im Gegensatz zur Masse der Deutschen ließen sie sich schon früh von den anfänglichen Erfolgen des Regimes nicht blenden und durchschauten früh das hohle Versprechen der gerechten Volksgemeinschaft. Als Hauptgrund für den Weg in den Widerstand ist jedoch wohl allen gemeinsam der innere Antrieb, sich gegen jeglicher Autorität zu wehren aber vor allem die absolute Priorisierung der inneren Autonomie: Das von eigenen Werten geleitete Denken und Handeln. Die jeweils individuelle Vorstellung eines zufriedenstellenden Berufs- und Privatlebens war mit der nationalsozialistischen Realität eines diktatorischen Staatswesens, in dem das Volk alles und das Individuum sich dem unterzuordnen hat, nicht realisierbar. Wenn der Staat die Lieder, die man singen und die Bücher die man lesen sollte, ja sogar die Bekleidung vorschrieb, war der Weg in den Widerstand die einzige Möglichkeit, seine Ideale weiterzuleben. Die Freunde genossen die Freiheit, wollten diese so weit als möglich nutzen, ausnutzen, aber das war in diesem System in vielerlei Hinsicht nicht möglich. Die Widersprüche zwischen den eigenen Werten und den ihnen auferlegten Grenzen des Systems sowie Einschränkungen in ihrer Jugendkultur in Verbindung mit moralischer Verpflichtung brachten sie zusammen. Es gab sicherlich nicht DAS Ereignis und DAS gemeinsame Element, DAS gemeinsame Gruppeninteressen, welches die Gruppe letztlich zu Aktionen bis in den Tod zusammenführte, es waren vielmehr verschieden Beweggründe, individuelle und gemeinsame Lernprozesse, die sie aktiv gegen das brutale Unrechtsregime auflehnen ließen. Dazu, so die Autorin, passt es auch ins Bild, dass es kein bestimmtes Datum oder Aktion gab, an dem man den Beginn der „Weißen Rose“ festmachen kann. Es war vielmehr ein schleichender Prozess der Entfremdung von der nach und nach gleichgemachten und uniformierten Umwelt. Die Dynamik der häufigen Begegnungen bei Musik, Studium und politischen Diskussionen, der eigene aber doch allen gemeinsame bürgerliche Lebensstil, der immer mehr eingeschränkt wurde, sowie die nach und nach größer werdenden Freundschaften unter allen führte zu dem Schritt in den aktiven Widerstand. Aus Ablehnung wurde 1942 schließlich aktive Auflehnung.

In den letzten Wochen vor der Verhaftung ging es dann „Schlag auf Schlag“. Seit Sommer 1942 formierten sich neben Hans Scholl und Alexander Schmorell mit Christoph Probst und Sophie Scholl und wenig später außerdem Willi Graf und Kurt Huber die Kerngruppe der "Weißen Rose". Darüber hinaus versuchten Hans Scholl, Schmorell und Graf nach der Rückkehr von der Ostfront im Herbst 1942 Kontakte zu anderen Oppositionellen aufzubauen. Nach der Orientierungs- und Diskussionsphase gingen sie nun dazu über, mittels Flugblätter das Regime mit den Waffen des Wortes zu bekämpfen. Zwischen dem 27. und 29. Januar 1943 erschien das fünfte Flugblatt, mit dem sie erstmals die breite Masse zum Handeln bewegen wollten: In ihren Augen war eine Invasion vom Westen aus nur noch eine Frage der Zeit. "Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!" Man müsse sich jetzt vom Nationalsozialismus befreien, denn sonst würden die Deutschen "dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist." Als Zukunftsszenario entwarfen sie ein föderatives Deutschland in einem vereinten Europa. Am 18. Februar 1943, dem Tag als Göbbels in seiner berühmt berüchtigten Sportpalastrede zum „totalen Krieg“ aufrief, wurden die Geschwister Scholl bei der Verteilung des sechsten Flugblattes festgenommen. Vier Tage werden sie der psychisch unmenschlichen Verhör- und Vernehmungsmaschinerie der Gestapo ausgesetzt und dann hingerichtet. Alle weiteren Mitglieder der Kerngruppe wurden alsbald ebenso festgenommen, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Insgesamt werden 8 Prozessen gegen 49 Angeklagte geführt. Um den Zynismus des Regimes zu unterstreichen, es wurden die Angehörigen von der Schnelligkeit der Verfahren und Hinrichtungen schlichtweg überrumpelt – oftmals war nicht einmal eine letzte Verabschiedung erlaubt.

Nach dem Krieg dauerte es, bis die ermordeten Widerständler zu ihrer verdienten posthumen Ehre kamen, personelle Kontinuitäten an entscheidenden Stellen der öffentlichen Verwaltung sowie in politischen Ämtern verhinderten dies lange Zeit. Wer war eigentlich „Opfer“ und wer „Täter“ fragt man sich nicht unberechtigt? Aber auch durch die Hinterbliebenen ging ein großer Riss. Angefangen bei dem ersten Buch von Inge Scholl, der älteren Schwester von Hans und Sophie, die ausschließlich die Aktionen und das Wirken ihrer Geschwister für den Widerstand hervorhob, wurden auch später die wichtigen und teils tragenden Rollen der anderen Aktivisten sehr zu Unrecht und zum Unmut von Verwandten vernachlässigt. Alle, so Gebhardt, gelten als pädagogische Vorbilder, die in dem, was sie machen mussten, Arbeits- und Kriegsdienst, Familiendienst, Studium, Verantwortung den meisten heutige Jugendlichen in dem gleichen Alter voraus waren. Heute brauche viele Jugendliche keinen Widerstand mehr leisten, da ihnen jeder Wunsch von den Lippen abgelesen und erfüllt wird.

Gebhardt öffnet mit ihrem Buch Raum für neue Diskussionen, fragt sie doch nicht, warum Menschen zu Täter wurden, sondern im Gegensatz dazu immun blieben gegen die permanente Indoktrination durch Propaganda sowie ständiger Überwachung und in den Widerstand gingen. Nun würde noch die vergleichende Betrachtung fehlen, warum der eine zum Widerstandskämpfer, der andere, vielleicht sogar der unmittelbare Nachbar, zum Mittäter wurde. Die „Weiße Rose“ zeigt das andere Deutschland aber leider auch, dass Widerspruch und Widerstand zwangsläufig zum Tode führten.

Auch wenn nicht alle Argumentationsketten logisch erscheinen und bis in die letzte Konsequenz nachweisbar sind, Gebhardt muss sich doch auf viele Indizien berufen, die Autorin entmythologisiert die Gruppe derart, dass sie nicht als Helden stilisiert werden können und sich damit eben nicht von dem Rest der (untätigen) Deutschen abheben lassen. Nach intensivem Studium aller Dokumente und Berichte des Lebens, der Taten und auch der Denkweise der Mitglieder widerspricht sie vielen bisherigen Autoren über die Weiße Rose. So hatten für sie z.B. die fürchterlichen Bilder und Erlebnisse an der Front keine fundamentale Bedeutung für den Weg in den Widerstand. Auch die fehlgeschlagene Beteiligung an der HJ war nicht wie für viele Autoren ein Schlüsselerlebnis für den Weg in den Widerstand, sondern lediglich eine Art enttäuschende Episode. Ob und wie die Widerstandsgruppe erfolgreich war, ob ihre Aktionen sinnvoll waren ist, so die Autorin, heute zweitrangig, da ihre Wirkung in Diskussionen, Print- und Filmedien sowie im Internet ungebrochen ist. Dies ist Antwort genug.

Die Mitglieder der weißen Rose waren prinzipiell ganz normale Menschen wie andere auch, aber trotzdem in einem gewissen Sinne bemerkenswerte Einzelfälle. Ihre Aktionen waren sicherlich sehr mutig. Aber Helden gesteht man zu, mutig etwas zu tun, was andere nie machen würden. Da sie aber eigentlich keine Helden waren, hätten wesentlich mehr Leute den Weg in den Widerstand suchen müssen. Aber viele wurden stattdessen zum Täter, wobei wir dann wieder am Anfang dieser Rezension stehen ...

 

Fazit: Dieses Sachbuch öffnet Raum für neue Diskussionen.

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

  Die Weiße Rose - Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurden bei amazon.de

 

  Miriam Gebhardt bei amazon.de

 

  © 2018 Andreas Pickel, Harald Kloth

Lisa Gardner: Das zweite Opfer

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 445 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27479-9

 

Schwer verletzt kann sich Nicky Franck aus dem Autowrack befreien. Ihr erster und einziger Gedanke gilt dabei Vero. Die eintreffenden Ermittler um Sergeant Wyatt Foster suchen allerdings vergeblich in der Umgebung der Unglücksstelle nach einem zweiten Opfer. Thomas und Nicky Franck haben keine Kinder und so beginnen Wyatt Foster und sein Team an der Existenz von Vero zu zweifeln. Merkwürdig erscheinen auch das Verhalten des Ehemanns und die schon vorangegangenen Gehirnerschütterungen von Nicky. Hat Thomas etwas mit den Unfällen zu tun? Was verheimlichen Nicky und Thomas vor den Ermittlern? Eine Wende bringen die Ergebnisse der Spurensicherung: Die Fingerabdrücke im Auto gehören zu Veronica Sellers, die vor 30 Jahren als Sechsjährige entführt wurde.

Das Buch ist teilweise aus der Ich-Perspektive von Nicky geschrieben, so dass man als Leser stark in ihre Gefühls- und Gedankenwelt eintaucht. Die teilweise etwas langen „Dialoge“ mit Vero erscheinen anfangs merkwürdig, aber mit zunehmender Seitenzahl beginnt man als Leser die Beziehung der beiden zu verstehen.


Die Perspektive der Polizei wird gut aus Sicht des sympathischen Sergeant Wyatt Foster und seiner Kollegen dargestellt. Viele überraschende Wendungen und die Auflösung dieses Rätsels, das uns Lisa Gardner nur häppchenweise serviert, tragen dazu bei, dass dieser Thriller Hochspannung bis zum Schluss garantiert. Das Buch lässt sich schwer zur Seite legen, weil man unbedingt wissen möchte, was hinter dem Rätsel der verschwundenen Vero und der Ehe von Thomas und Nicky steckt. Ein Teil der Auflösung erscheint etwas zu konstruiert, aber insgesamt gelingt Lisa Gardner auch ein logischer und befriedigender Schluss.

Fazit: Ein wahrer Pageturner, bei dem man als Leser bis kurz vor Schluss miträtselt.

 

Katrin Hildenbrand

4 Sterne
4 von 5

 
Nicky Frank ist mit ihrem neuen Auto unterwegs und stürzt in eine Schlucht. Sie kann nur mit Mühe zurück an den Straßenrand robben. Dort versucht sie ein anderes Auto anzuhalten. Der erste Polizist vor Ort nimmt nur wahr, dass sie nach Ihrer Tochter Vero ruft. Eine große Suchaktion wird gestartet. Die Ermittlungen gehen auf Sergeant Wyatt Forster über, der zusammen mit seinem Kollegen Kevin tätig wird.

Bereits bei der Vernehmung des Ehemanns Thomas Frank wissen die Ermittler nicht mehr, wem und was sie glauben sollen. Der Ehemann weiß nämlich nichts von einem Kind und er müsste es wissen, ist er doch schon 22 Jahre mit Nicky verheiratet.

Sergeant Wyatt hat derweil im privaten Bereich so einige Baustellen zu beackern, denn seit sechs Monaten ist er mit Tessie zusammen. Die Beziehung läuft gut, doch mit Sophie, der Tochter seiner Freundin, will es einfach nicht so klappen.

Die Ermittlungen versteifen sich auf den Ehemann, denn Nicky hat in den letzten Monaten öfter eine Gehirnerschütterung erlitten. Als das Haus der beiden in Flammen aufgeht und Thomas verschwunden ist, wissen die Ermittler nicht mehr, wo sie weiterarbeiten sollen, denn im Unfallauto finden sie auch noch die Fingerabdrücke der vor 30 Jahren vermissten Veronica Sellers. Nachdem ihnen Nicky eine abenteuerliche Geschichte von Madame de Sade aus dem Puppenhaus erzählt und bekannt wird, dass Nicky vor dem Unfall längere Zeit in einem Spirituosenladen war, wissen die Ermittler nicht, wie sie die ganzen Puzzleteile zusammenführen sollen.

Der Thriller von Lisa Gardner ist nicht immer leicht zu lesen, denn die Geschichte mit Nicky und Vero ist doch sehr verworren. Vom Ende her betrachtet ist der Thriller gut konstruiert, kommt aber erst nach der Hälfte so richtig in Gang.

Fazit: etwas verwirrender Plot, erst ab der Hälfte spannend.

 

Matthias Wagner

3 Sterne
3 von 5

  Das zweite Opfer bei amazon.de

 

  Lisa Gardner bei amazon.de

 

  © 2018 Katrin Hildenbrand, Matthias Wagner, Harald Kloth

Matthew J. Arlidge: Blinder Hass

Ein Fall für Helen Grace, Band 7

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 365 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27370-4

 

Im siebten Band um D.I. Helen Grace entdeckt Helen morgens auf einer Landstraße ein vermeintliches Opfer eines Verkehrsunfalls. Doch schnell ist klar, die Frau wurde Opfer eines brutalen Überfalls. Kurze Zeit später wird ein Ladenbesitzer in Southampton überfallen und ebenfalls kaltblütig hingerichtet. Die Polizei kennt dann zwar die Identität der jungen Täter, aber diese morden sich weiter durch die Stadt. Für Helen Grace beginnen eine Jagd nach den Mördern und eine Suche nach dem Motiv für die Verbrechen.

 

Schlag auf Schlag geht es in Arlidges neuestem Thriller. Die prägnant kurzen Kapitel, die oft mit einem Cliffhänger enden, sind mit den Uhrzeiten dieses unglaublichen Tages betitelt. So kann man erahnen unter welchem Zeitdruck D.I. Helen Grace und ihre Kollegen stehen. Der Autor schafft es wieder für Hochspannung und einige überraschende Twists zu sorgen, so dass man es kaum schafft dieses Buch beiseite zu legen. Dieser Band konzentriert sich fast ausschließlich auf diesen einen Tag und die Ermittlungen, so dass auch Leser, die die vorherigen Bände nicht gelesen haben, der Handlung gut folgen können.

 

Fazit: Ein rasanter und spannungsgeladener Thriller!

 

Katrin Hildenbrand

5 Sterne
5 von 5

 

D.I. Helen Grace ist mit ihrem Motorrad auf dem Weg zur Arbeit, als sie eine schwerverletzte Frau auf der Straße findet. Helen ist klar, dass es sich nicht um einen Verkehrsunfall handelt. Die Frau mit Schussverletzung stirbt kurz darauf in Helens Armen.

Als wenig später in einer belebten Einkaufsstraße die Rolläden einer Apotheke heruntergelassen werden, ahnt zunächst niemand, dass der Apotheker das nächste Opfer sein wird. Durch die schnelle Ermittlung von Helen und ihrem Team wird klar, dass es sich bei einem der Täter um den jungen Jason Swift handelt.

Eine Großfahndung läuft an. Doch als Jason tot im Kofferraum des Fluchtfahrzeuges gefunden wird, wird deutlich, dass seine Begleiterin Daisy Anderson die eigentliche Triebfeder ist. Aber warum tötet sie wahllos Menschen? Ist es blinder Hass?

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn den Ermittlern wird immer klarer, dass hinter den Morden doch ein System steckt. Doch wer wird das nächste Opfer sein und schaffen sie es noch rechtzeitig, die Menschen auf der Todesliste zu warnen? Helen und ihr Team setzen alles daran, dass es keine weiteren Opfer gibt, was aber im Umkehrschluss auch heißen kann, dass dies für Polizisten tödlich enden kann.

Im mittlerweile siebten Teil um D.I. Helen Grace bleibt der Autor seinem Stil treu. In kurzen Kapiteln, aus jeweils unterschiedlichen Blickrichtungen wird Spannung auf sehr hohem Niveau erzeugt.

Fazit: Sehr spannend - bis zuletzt gibt Helen alles!

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

Blinder Hass. D.I. Helen Grace. Band 7 bei amazon.de

 

  Matthew J. Arlidge bei amazon.de

 

  © 2018 Katrin Hildenbrand, Matthias Wagner, Harald Kloth

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

Roman

 

Reinbek ; Kindler ; 2018 ; 332 Seiten ; ISBN 978-3-463-40690-9

Sergeant PJ Collins ist Dorfpolizist im äußerst beschaulichen Örtchen Duneen in Irland. Ihm ergeht es wie vielen Dorfbewohnern - jeder scheint aus anderen Gründen mit seinem Leben unzufrieden und unglücklich zu sein. PJ ist frustriert, weil er im Grunde nichts zu tun hat und aufgrund seiner extremen Körperfülle auch noch zum Gespött der Leute wird. Und dann ist da auch noch die Haushälterin Mrs. Meany, die PJ zwar kulinarisch beinahe überversorgt, ansonsten aber sehr reserviert ist.

Als bei Baggerarbeiten menschliche Knochen gefunden werden, scheint der ganze Ort in Aufruhr zu geraten. Im sonst ziemlich öden Duneen ist plötzlich etwas geboten und die Bevölkerung ergötzt sich an wilden Spekulationen. Könnte es sich um Tommy Burke handeln, der vor zwanzig Jahren spurlos verschwunden ist?

 

Brid Riordan ist eine der Frauen, die dieser Fund besonders aufwühlt. Sie war damals mit Tommy verlobt und kurz vor der Hochzeit verschwand er plötzlich. Verwunden hat sie diese Schmach bis heute nicht und selbst ihre beiden Kinder können sie nicht davon abhalten, ihre Traurigkeit im Alkohol zu ertränken. Doch Tommy Burke hatte gleichzeitig auch noch einem anderen Mädchen das Herz gebrochen. Evelyn Ross, dem verletzlichen Mädchen, das den eigenen Vater erhängt im Schuppen gefunden hat, schenkte Tommy ein Halstuch. Alles gipfelte darin, dass sich die beiden Mädchen vor aller Augen auf dem Dorfplatz prügelten. Und am selben Tag verschwand Tommy Burke.

Erstmals in seiner Karriere beginnt PJ Collins zu ermitteln. Dabei passt es ihm natürlich gar nicht, dass Detective Superintendent Linus Dunne aus Cork anreist, der ihm ganz genau auf die Finger schaut und ihn ganz offensichtlich für einen Versager hält.

Im Zuge der Ermittlungen stößt PJ auf allzu Menschliches wie geplatzte Träume, Lebenslügen und Selbstbetrug. Auch alte Wunden reißen wieder auf, was für die Betroffenen sehr schmerzhaft ist. Doch PJ bleibt am Ball und überrascht damit sowohl sich als auch andere.

Mit seinem Debütroman hat Graham Norton ein sehr lesenswertes Stück Literatur geschafffen. Die einzelnen Charaktere werden sehr präzise und wohlwollend beschrieben. Jede Figur kämpft auf ihre Art mit den kleinen Ungerechtigkeiten und Unwägbarkeiten des Lebens. Daneben schwingt immer auch eine gewisse Verlorenheit, Trostlosigkeit und Einsamkeit mit. Und wenn man bei der Geschichte dann auch noch an nebelverhangene Hügel im verregneten Irland denkt, passt alles perfekt zusammen.

Fazit: ein sehr schönes und gleichzeitig auch sehr trauriges Buch. Ideal für verregnete Herbstabende.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

  Ein irischer Dorfpolizist bei amazon.de

 

  Graham Norton bei amazon.de

   

© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Valerie Jakob : Hôtel Atlantique

Roman

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 474 Seiten ; ISBN 978-3-499-29038-1

Der fünfzehnjährige Karim hat einfach nur Pech. Da bricht er ausgerechnet bei der pensionierten Polizistin Madame Gueron ein, die ihm plötzlich mit einer Waffe gegenübersteht. Delphine Gueron verzichtet aber darauf, den Vorfall ihren Kollegen zu melden. Stattdessen schlägt sie dem verdutzten Karim einen Deal vor. Er muss ihr mit kleinen Hilfsdiensten unter die Arme greifen und im Gegenzug lässt sie die Einbruchssache auf sich beruhen. Karim lässt sich auf den Deal ein.

Zu seinen Aufgaben gehört auch, dass er Delphines Freundin Aurélie aus Moby Dick vorlesen muss. Aurélie stürzt kurz darauf aus ihrem Zimmer im Hôtel Atlantique zu Tode. War es ein Schwächeanfall? Daran will Delphine nicht glauben. Hat Aurélies geldgieriger Neffe Damien etwas damit zu tun? Und welche Rolle spielt Richard, der für Aurélie wie ein Bruder ist? Die beiden verbindet eine schwierige Vergangenheit, denn als Kind einer Frau, die sich mit einem deutschen Soldaten eingelassen hatte, durchlebte Richard eine schlimme Kindheit voller Demütigungen und Anfeindungen. Ist die Vergangenheit am Ende der Schlüssel zur Lösung des Falles? Zusammen mit ihrem jungen Helfer Karim ermittelt Delphine Gueron.

Hôtel Atlantique ist ein spannendes Buch. Neben der Lösung des Kriminalfalles wird auch ein düsteres Kapitel europäischer Nachkriegsgeschichte beleuchtet. Richards Geschichte steht beispielhaft für das Schicksal der vielen Wehrmachtskinder, die nach Kriegsende zusammen mit ihren Müttern zu Geächteten wurden.

Fazit: eine spannende Geschichte mit historischem Tiefgang.

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

Hôtel Atlantique bei amazon.de

 

  Valerie Jakob bei amazon.de

   

© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Gilly Macmillan: Bad Friends

Was habt ihr getan?

Thriller

 

München ; Knaur ; 2018 ; 415 Seiten ; ISBN: 978-3-426-52258-5

Noah Sadler, ein 16jähriger Junge aus Bristol, der bereits seit Jahren mit seiner Krebserkrankung kämpft, ist in der Nacht mit seinem besten Kumpel Abdi Mahad, einem somalischen Flüchtling, unterwegs. Noah fällt ins Wasser und alles sieht zunächst so aus, als ob er absichtlich geschubst worden wäre. Jim Clemo, Polizist in Bristol, ist nach einer längeren Abwesenheit wieder im Dienst und wird mit dem Fall betraut.

Er achtet sehr darauf, bloß keine Fehler zu machen, denn er steht unter Beobachtung. Eine Zeugin hat den nächtlichen Vorfall beobachtet und ist die Einzige, die etwas gesehen hat. Doch auch ihre Aussage wirft Widersprüche auf. Derweil greift eine Kriminalreporterin den Fall auf, um in reißerischer Art über diesen vermeintlich von einem Flüchtling begangenen Übergriff zu berichten. Im Zuge der Ermittlungen wird so manches Familiengeheimnis der somalischen Flüchtlingsfamilie offengelegt und als plötzlich Abdi verschwindet und keiner weiß, was er im Schilde führt, wird die Zeit knapp.

Gilly Macmillan gelingt es in diesem Thriller verschiedene Erzählstränge parallel zu entfalten. Da ist die Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen, die von ihrer Herkunft her unterschiedlicher nicht sein könnten.

Und da gibt es den Polizisten, der wieder in den Arbeitsalltag finden muss und schließlich wird auch noch die dramatische Lebenssituation einer Flüchtlingsfamilie erzählt.

Fazit: toller Thriller mit hochpolitischer Note.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

  Bad Friends - Was habt ihr getan? bei amazon.de

 

  Gilly Macmillan bei amazon.de

 

© 2018, Harald Kloth

Karen Ellis: Die im Dunkeln

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 330 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27309-4

Elsa Myers ist FBI-Mitarbeiterin und vor allem spezialisiert auf Fälle von Kindesentführung. Sie sitzt am Krankenbett ihres an Krebs erkrankten Vaters, der nicht mehr lange zu leben hat, als sie der Anruf von Lex Cole erreicht. Ihr Vorgesetzter hat ihm die Nummer weitergegeben, denn der aktuelle Fall bedarf des Einsatzes der besten Mitarbeiter. Ruby, ein siebzehnjähriges Mädchen ist verschwunden und keiner weiß zunächst, wo sie sich aufhält. Ist sie nur aufgrund von pubertären Schüben weggelaufen oder steckt ein Verbrechen dahinter?

Eine große Suchaktion läuft an und viele Freiwillige beteiligen sich. Zum Unmut von Elsa ist auch ihre 16-jährige Nichte Mel mit von der Partie. Einer der Freiwilligen kommt Elsa seltsam vor, doch bevor sie Näheres in Erfahrung bringen kann, ist er verschwunden. Führt der Typ vielleicht etwas im Schilde? Als ein weiteres Mädchen, die 17-jährige Hope, verschwindet und auch Mel wie vom Erdboden verschwunden ist, wird Elsa klar, dass die Zeit drängt, um die Mädchen noch lebend retten zu können.

Karen Ellis legt einen soliden Thriller mit einer fulminanten FBI-Ermittlerin vor, die aufgrund ihrer Vergangenheit mehr als psychisch angeschlagen ist. Der aktuelle Fall und ihr eigenes Leben haben viel miteinander zu tun. Die Autorin schafft es, die Lebens- und Leidensgeschichte von Elsa mit dem Fall zu verknüpfen und auf ein spannendes Ende zulaufen zu lassen.

Fazit: man fiebert mit der Protagonistin mit – ein spannendes Buch!

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

Die im Dunkeln bei amazon.de

 

  Karen Ellis bei amazon.de

   

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Harry Bingham: Fiona - Den Toten verpflichtet

Kriminalroman

(Fiona Griffiths, Band 1)

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 480 Seiten ; ISBN: 978-3-499-29135-7

Fiona Griffiths wird nach ihrem Studium in Cambridge als junge Polizistin in Cardiff eingesetzt. Mehr oder weniger zufällig gerät sie in einen Fall, bei dem eine junge Frau tot in ihrer Wohnung gefunden wird. Das Dramatische an diesem Fall ist, dass auch April, die 6-jährige Tochter des Opfers, tot in der Wohnung liegt. Bei ihr ist es offensichtlich, dass sie ermordet wurde.

Fiona wird Teil der Sonderkommission, hat aber nebenbei auch noch einen Betrugsfall zu klären, was ihr jede Menge Aktenarbeit einbringt. Als eine weitere junge Frau ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wird, fängt Fiona an, auf eigene Faust zu ermitteln. Dafür ist sie bei ihren Vorgesetzten mittlerweile schon bekannt, denn es fällt ihr immer schwer im Team zu arbeiten. Sie entwickelt verschiedene Hypothesen, die alle zunächst an den Haaren herbeigezogen klingen, so dass es ihr nicht möglich ist, diese ihrem Vorgesetzten zu präsentieren.

Zeitgleich entwickelt sich mit einem ihrer Kollegen eine Liebschaft, die Fionas Gefühlswelt mehr und mehr ins Schwanken bringt. Die Bilder des ermordeten Mädchens lassen sie nicht mehr los und ihr wird langsam klar, dass dieser Fall vieles aus ihrem eigenen Leben aufwühlt. Furchtlos und unerschrocken macht sie sich auf den Weg, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen.

 

Die Ermittlerin, die unter dem Cotard-Syndrom (eine seltene psychiatrische Erkrankung) leidet, erweist sich aufgrund ihrer Sensibilität als ganz besondere Spürnase.

Mit dem ersten Teil der Reihe um die Ermittlern Fiona Griffiths wird der Grundstein für eine Krimireihe gelegt. Es folgten Band 2 "Fiona - Das Leben und das Sterben" (2018) und bereits 2017 Band 3 "Fiona - Als ich tot war".

Fazit: ein toller Auftakt, der Lust auf mehr macht.

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

Fiona - Den Toten verpflichtet bei amazon.de

 

  Harry Bingham bei amazon.de

 

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Harry Bingham: Fiona - Das Leben und das Sterben

Kriminalroman

(Fiona Griffiths, Band 2)

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 538 Seiten ; ISBN: 978-3-499-29137-1

Fiona Griffiths ist junge Polizistin bei der Polizei in Cardiff. Als sie zusammen mit einem Kollegen in einer Gefriertruhe die Überreste eines Menschen findet, wird schnell klar, dass es sich vermutlich um die seit Jahren vermisste Mary Langton handelt. Diese ist vor Jahren spurlos verschwunden.

Ein Großaufgebot der Polizei macht sich auf die Suche und schnell finden sich weitere Leichenteile. Doch plötzlich tauchen weitere Körperteile auf, die eindeutig nicht zu Mary gehören. Sie gehören einem gewissen Khalifi, der bei der Firma Barry Precision gearbeitet hat, die im Verdacht steht, Waffensysteme herzustellen. Die Ermittlungen werden immer weiter ausgeweitet. Dabei kommt heraus, dass Khalifi und Mary sich sehr gut kannten. Die Tötungsdelikte liegen aber 5 Jahre auseinander – gibt es da wirklich einen Zusammenhang?

Fiona geht derweil einer anderen Spur nach und macht Bekanntschaft mit zwei Profikillern, die ihr Handwerk beherrschen. Immer wieder kreuzen sich ihre Wege und ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Sie ermittelt aber nicht nur offiziell, sondern auch in eigener Sache, denn sie ist immer noch auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln. Aber das ist nicht so einfach ...

Nach dem ersten Teil "Fiona - Den Toten verpflichtet" nimmt der zweite Teil der Geschichte um die Ermittlerin Fiona Griffiths bereits nach kurzer Zeit Fahrt auf. Neben den Ermittlungen der Polizei schafft es Harry Bingham geschickt, die Lebensgeschichte von Fiona bekannt zu machen. Nach und nach gehen dem Leser mehr und mehr die Augen auf. Bereits 2017 erschien Band 3 "Fiona - Als ich tot war".

Fazit: Rasanter Krimi mit einer psychisch labilen Ermittlerin.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

Fiona - Das Leben und das Sterben bei amazon.de

 

  Harry Bingham bei amazon.de

 

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Max Annas: Finsterwalde

Roman

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 400 Seiten ; ISBN:  978-3-498-07401-2
 
In Finsterwalde, einer Provinzstadt in Brandenburg, werden nach einem Beschluss der neuen Regierung tausende schwarze Mitbürger kaserniert. Viele hatten den Zeitpunkt versäumt, das Land noch rechtzeitig zu verlassen - so auch Marie und ihre beiden Kinder.

 

Die Versorgung ist unregelmäßig, ab und zu werden Lebensmittel quasi wie bei einer Luftbrücke abgeworfen, die Grenzzäune sind streng bewacht, noch dazu wachen Drohnen über der Stadt und Strukturen sind so gut wie keine vorhanden. Jeder kämpft ums Überleben und ist sich selbst der Nächste.

Als ein Video auftaucht, das vermuten lässt in Berlin seien drei schwarze Kinder zurückgeblieben, beschließt Marie zusammen mit anderen einen Weg aus dem Lager zu finden, um die drei Kinder zu retten. Zeitgleich ist Theo mit seiner Familie in Berlin angekommen, nachdem er aus Griechenland weggezogen ist. Seine Frau ist Ärztin und sie versuchen im neuen Deutschland Fuß zu fassen. Er macht so einige Entdeckungen und beschließt dann, sich auf den Weg nach Finsterwalde zu machen.

Die Wege von Marie und Theo kreuzen sich und gemeinsam machen sie sich auf, die Kinder zu finden.
In einem Deutschland, in dem alle, die anders als die Mehrheit sind, gejagt werden, wird dies jedoch ein schwieriges Unterfangen.
 
Der Autor Max Annas ("Illegal") legt mit dem Roman "Finsterwalde" eine beklemmende Zukunftsvision vor. Aber ist es wirklich so abwegig, dass es so kommen könnte? Anhand der beiden Geschichten, die sich im Laufe des Buches mehr und mehr ineinander verweben zeigt er auf, wie sich Gesellschaft entwickelt, wenn keine Regeln mehr gelten. So schildert er eindrucksvoll den Überlebenskampf im Ghetto, wo es keine Strukturen gibt.
 
Fazit: Wäre eine gute Schullektüre, denn sie liefert sehr viel Diskussionsstoff.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

  Finsterwalde bei amazon.de

 

  Max Annas bei amazon.de

   

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Sarah Haywood: Der Kaktus

Wie Miss Green zu küssen lernte

 

München ; Pendo ; 2018 ; 393 Seiten ; ISBN 978-3-86612-443-1  

 

Im Leben von Susan Green gibt es keine Überraschungen. Alles ist geplant, denn mit Unvorhergesehenem kann sie nicht gut umgehen. Auch emotional will Susan stets die Kontrolle haben. Mit Richard scheint sie einen Seelenverwandten gefunden zu haben, denn auch ihm genügt ein wöchentliches Treffen. Immer mittwochs treffen sich die beiden für Theaterbesuche und mehr.

Mit Mitte vierzig lebt Susan ein Leben, das für die meisten Menschen wohl eher der Albtraum wäre. Alles scheint in geregelten Bahnen zu laufen und zwar genau wie Susan es sich vorstellt – der Job bei der Versicherung, die Kakteensammlung, die eigene Wohnung.

Als dann aber Susans Mutter stirbt, gerät dieses Leben zunehmend aus den Fugen. Sie will partout nicht akzeptieren, was testamentarisch festgelegt wurde. Ihr chaotischer und nichtsnutziger Bruder Edward soll nämlich lebenslanges Wohnrecht im elterlichen Haus bekommen. Damit könnte das Haus nicht veräußert werden und Susan würde auch nichts von ihrem Erbe erhalten.

Da sie ihrer Mutter eine solch ungerechte und ungeheuerliche Regelung nicht zutraut, ist Susan fest davon überzeugt, dass Edward hinter der ganzen Sache steckt. Er muss die Mutter unter Druck gesetzt und sie damit zu der Entscheidung gedrängt haben. Um dagegen vorzugehen, holt sich Susan juristischen Rat.

Derweil stellt sie zu allem Überfluss auch noch fest, dass die wöchentlichen Treffen mit Richard nicht ohne Folgen geblieben sind. Eine Schwangerschaft ist das, was Susan jetzt am allerwenigsten brauchen kann. Um auch in dieser Lebenssituation die Kontrolle über ihr Leben zu behalten, trennt sie sich von Richard. Es ergeben sich noch einige andere Dinge, die Susans Leben durcheinanderbringen. Rob, ein Kumpel ihres Bruders, dem sie erst böse Absichten unterstellt, wird zum Retter in der Not.

Langsam beginnt Susan, die manchmal ihren Kakteen nicht unähnlich ist, ihre Stacheln abzulegen und sich anderen Menschen zu öffnen. Dabei stellt sie mit Erstaunen fest, dass das Leben sogar viel schöner sein kann, wenn man bestimmte Dinge einfach zulässt und wartet, bis sie auf einen zukommen.

Mit der Figur der Susan Green hat die Autorin Sarah Haywood in ihrem Debütroman eine äußerst sympathische Protagonistin geschaffen. Von Anfang an fühlt man sich ihr verbunden und muss über ihre Verschrobenheiten schmunzeln.

Fazit: eine sehr unterhaltsame Lektüre - dieses charmante Buch muss man einfach mögen.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

Der Kaktus - Wie Miss Green zu küssen lernte bei amazon.de

 

  Sarah Haywood bei amazon.de

   

© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Bill Clinton/James Patterson: The President Is Missing

Roman

 

München ; Droemer Knaur ; 2018 ; 480 Seiten ; ISBN: 978-3-426-28197-0

Der amerikanische Präsident Jonathan Ducan ist politisch angeschlagen, denn ihm droht ein Amtsenthebungsverfahren.
Zusammen mit seinem Stab bereitet er sich akribisch auf die Befragung im Sonderausschuss vor. Seine Tochter Nelly hat ihm vor kurzem ein nur in Regierungskreisen bekanntes Codewort übermittelt, das ihr in Paris genannt wurde.

 

Der Präsident weiß, dass eine Person aus seinem Sicherheitskabinett die undichte Stelle in der Regierung ist, denn nur so konnte das Codewort überhaupt bekannt werden. Doch wer ist der Maulwurf? Der Präsident begibt sich, ohne den für ihn obligatorischen Personenschutz in die Öffentlichkeit, um sich mit den Leuten zu treffen, die ihm brisante Nachrichten mitzuteilen haben. Was verbirgt sich hinter dem Code Dark Ages?

Kurz nachdem er sich mit seinem Kontaktmann getroffen hat, überschlagen sich die Ereignisse. Nina, die er im Weißen Haus empfangen hat, wurde erschossen und ihr Freund Augie ist zusammen mit dem Präsidenten auf der Flucht. Augie und Nina haben ihr Wissen geteilt, weil sie glaubten dadurch sicherer leben zu können, da man beide braucht um einen gefährlichen Computervirus zu eliminieren. Wenn der Virus einmal ausgebrochen ist, wird er alle amerikanischen Computer lahmlegen.
Man hat die besten Computerfreaks Amerikas zusammen gebracht und versucht, den Niedergang Amerikas aufzuhalten.
Der Wettlauf mit der Zeit beginnt.

 

Der amerikanische Präsident ist derweil nicht im Weißen Haus (the President is missing) und so entstehen die verschiedensten Gerüchte, was mit ihm los sein könnte. Nachdem es seine verfassungsgemäße Aufgabe ist, versucht der Präsident mithilfe der politischen Freunde aus Israel und Deutschland sein Land zu beschützen.

Bill Clinton und James Patterson legen mit "The President Is Missing" einen tollen Politthriller vor. Sehr detailliert wird beschrieben, wie der amerikanische Politikbetrieb funktioniert. Dort stellt sich heutzutage immer mehr die Frage, wem man noch vertrauen kann. Zeitgleich bedroht ein Computervirus die amerikanische Welt. Wer den Thriller "Blackout" von Marc Elsberg gelesen hat, kann sich ungefähr vorstellen, wie die Welt nach einem Zusammenbruch der Versorgung mit Elektrizität funktioniert bzw. nicht mehr funktioniert.

Fazit: Toller Einblick in die Welt eines amerikanischen Präsidenten, geschrieben von einem ehemaligen Präsidenten.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

  The President Is Missing bei amazon.de

 

  Bill Clinton bei amazon.de

 

  James Patterson bei amazon.de

 

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Regensburger Almanach 2017

Die Gegend musste eine Stadt herbei locken

Herausgegeben von Peter Morsbach

 

Regenstauf ; MZ-Buchverlag ; 2017 ; 248 Seiten ; ISBN 978-3-86646-359-2

„Fast monatlich erfahren wir von irgendeinem Ranking, in dem unsere Stadt irgendeinen Spitzenplatz belegt“, sagt Peter Morsbach in seinem Vorwort. Der Herausgeber des jüngsten Regensburger Almanachs stellt „Licht- und Schattenseiten einer reich gewordenen Stadt“ in den Fokus.

Aufgegriffen wird das Jahresthema 2017 zunächst von Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer: als Herausforderung der Kommunalpolitik, innerhalb der als „Insel der Glückseligen“ bezeichneten Stadt das soziale Netz tragfähiger zu knüpfen. Jenseits des Rathauses informieren Autoren wie Michael Eibl von der Katholischen Jugendfürsorge („Kein Jugendlicher darf verlorengehen!“) über Angebote für bestimmte Teile der Stadtgesellschaft, etwa junge Bürger. Reinhard Kellner von den Regensburger Sozialen Initiativen erklärt unter dem Motto: „Teilhaben! Kultur für Einkommensarme“, dass Regensburger über den Verein Kultür eine Kino- oder Konzertkarte für andere mitkaufen können. – Informative und eher unbequeme Kapitel, die man vom Buchcover mit dem gefühlt hunderttausendsten Domfoto samt dem vielzitierten Goethe-Spruch „Die Gegend musste eine Stadt herbei locken“ niemals vermutet hätte.

Es wäre aber kein traditionsreicher Almananach, wie er im ursprünglich MZ-eigenen Buchverlag und nun als Imprint des Battenberg Gietl Verlags in Südostbayern erscheint, enthielte er kein wunderbares Porträt irgendeines Regensburger Originals. Diesmal aus der Feder des ehemaligen Woche- und MZ-Redakteurs Harald Raab über Ludwig Hofmaier, der in den Vierzigern in Saal an der Donau geboren wurde: Der sogenannte Handstand-Lucki, der 1967 von Regensburg nach Rom auf seinen Händen gelaufen und schon damals berühmt geworden war. Wiederbegegnen kann man ihm nun als Antiquitätensammler bei „Bares für Rares“, der Trödelmarkt-Sendung im ZDF. Lucki Hofmaier, auch wenn er längst aus der Donaustadt weggezogen ist, ist also ein gleich doppelt berühmtes, etwas schlitzohriges Regensburger Original. Raab versteht es seine Geschichte wunderbar zu erzählen und mit eigenen Fotos noch anschaulicher zu machen – ein Kapitel aus dem Regensburger Almanach 2017, das schon für sich alleingenommen das Aufschlagen des Sammelbandes lohnt.
Abgerundet wird er durch zwei Beiträge von überregional renommierten Autoren mit regionalem Bezug. Benno Hurt rezensiert das Buchdebüt von Sanja Schwarz und führt ein Interview mit der jungen Autorin, Petra Morsbach widmet ihre literarischen Überlegungen dem 2017 verstorbenen Atlantis-Buchhändler Fred Strohmaier. Und im Jahr des Aufstiegs in die zweite Bundesliga bekommt das auch Thema (Fussball-)Sport den Platz, der ihm in einem Querschnitt durch die Jahresereignisse gebührt.

Fazit: Querschnitt des vergangenen Jahres in Regensburg, der von nachdenklich machenden Sachinformationen über Kultur oder Sport bis humorvollen Porträts von Charakterköpfen reicht.


Gertraud Kellers

4/5 Sterne
4/5 von 5

  Regensburger Almanach 2017 bei amazon.de

 

  Regensburger Almanach bei amazon.de

 

  Peter Morsbach bei amazon.de

 

© 2018 Gertraud Kellers, Harald Kloth

Dora Heldt: Sommer. Jetzt!

Sonnige Geschichten

 

München ; dtv ; 2018 ; 192 Seiten ; ISBN 978-3-423-21728-6

 

Dieses kleine, sehr handliche Taschenbuch beinhaltet je fünf Kolumnen und Geschichten rund um das Thema Sommer.

Seesterne und Muscheln dekorieren dezent einzelne Innenseiten und verbreiten bereits beim Aufschlagen des Buches einen Hauch von Urlaubsflair.

Es sind keine aufregenden, spannungsgeladenen Erlebnisse, die uns Dora Held in dieser Anthologie präsentiert. Vielmehr greift sie ganz alltägliche Begebenheiten auf: Die über den Winter zu eng gewordene Sommerhose bekommt ebenso ihre Rolle wie beispielsweise der Schwimmkurs für einen verzweifelten Jungen.

Oder schwelgen sie mit der Autorin in den Kindheitserinnerungen an den jährlichen Ferienaufenthalt auf Sylt im Haus der Großmutter. Die unbeschwerten Stunden am Strand im Kreis der Großfamilie mit Essen, Spielen und Toben hinterlassen vielleicht auch einen Hauch Wehmut in ihnen.

Zwischen den vor sich hinplätschernden Erzählungen lockern die Kolumnen von Dora Held das Taschenbuch auf. Sie nehmen die Auswüchse menschlichen Verhaltens humorvoll mit einem Augenzwinkern aufs Korn und sind ein Kontrast zu den oft
etwas langatmigen Geschichten.

Fazit: Eine kleine, leichte, wenig anspruchsvolle Sommerlektüre zur Einstimmung auf den Urlaub. Einfach Sommer, Sonne und gute Laune tanken.

 

Elisabeth Gonsch

3 Sterne
3 von 5

Sommer. Jetzt! Sonnige Geschichten bei amazon.de

 

  Dora Heldt bei amazon.de

 

© 2018 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Greer Hendricks/Sarah Pekannen: The wife between us

Wer ist sie wirklich?

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 442 Seiten ; ISBN: 978-3-499-29117-3
 
Vanessa, heute eine Frau mittleren Alters, die frühere Ehefrau von Richard, ist psychisch am Ende und wohnt bei ihrer Tante. Sie lebt heute in New York, aber Ereignisse aus früherer Zeit, als sie in Florida lebte, holen Vanessa immer wieder ein. Vanessa ist vom Leben und von der Liebe gezeichnet. Sie setzt alles daran, die erneute Hochzeit von Richard zu verhindern. Getrieben von diesem Lebensziel vernachlässigt sie sogar ihre Arbeit, was zur Kündigung führt.

Aber wie verhindert man eine Hochzeit, wenn das Brautpaar total ineinander verliebt ist? Richard, ein erfolgreicher Finanzberater, trägt seine Angebetete auf Händen. Aber war das früher bei Vanessa nicht ähnlich?

Mit "'The Wife between Us" – Wer ist sie wirklich? legen die beiden Autorinnen einen interessanten Plot vor. Die Geschichte ist derart ineinander verwoben dass es schwer fällt, eine Inhaltsangabe zu schreiben, ohne zu viel Spannung vorwegzunehmen. Die einzelnen Charaktere werden klar und deutlich beschrieben. Als Leser fällt es schwer, den Überblick zu behalten, und es stellt sich die Frage: wer ist sie wirklich?

Fazit: Unterhaltsamer Psycho-Roman über Liebe und Enttäuschung.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

The wife between us - Wer ist sie wirklich? bei amazon.de

 

  Greer Hendricks bei amazon.de

 

Sarah Pekkanen bei amazon.de

 

© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Guillaume Musso: Das Atelier in Paris

Roman

 

München ; Pendo ; 2018 ; 461 Seiten ; ISBN 978-3-86612-446-2

Der Autor Gaspard Coutances reist wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten nach Paris um dort ein neues Stück zu schreiben. Seine Agentin hat ihm dieses Mal eine ganz besondere Unterkunft gebucht. Das ehemalige Atelier des Malers Sean Lorenz soll seine Kreativität beflügeln. Dumm nur, dass die Unterkunft durch einen Buchungsfehler doppelt vermietet wurde. Die Londoner Polizistin Madeline Greene will nach einer emotionalen Krise in Paris zur Ruhe kommen. Und nun ist da ein wildfremder Mann, der das Atelier ebenfalls für sich in Anspruch nimmt.
 
Nach dem ersten großen Ärger erfahren die beiden, an welchen besonderen Ort es sie verschlagen hat. Sie erhalten Einblick in das Leben des genialen Künstlers, der nach einem schweren Schicksalsschlag ein gebrochener Mann war. Nachdem man seinen kleinen Sohn umgebracht hat, zerstört Lorenz seine Bilder. Aber wo sind die drei Gemälde, die er vor seinem Tod noch gemalt haben soll?
 
Madeline und Gaspard beginnen nachzuforschen. Hängt alles mit den künstlerischen Anfängen von Sean Lorenz zusammen? Er gehörte zu einer Gruppe namens Artificers, die aus drei Personen bestand. Gönnten sie Lorenz den Erfolg nicht? Haben die beiden mit der Entführung und Ermordung von Julian Lorenz zu tun?
 
Für die beiden beginnt eine rasante Jagd nach der Wahrheit, die sie auch nach New York führt. Dabei werden Madeline und Gaspard immer wieder auch mit den eigenen Unzulänglichkeiten und Abgründen konfrontiert.
 
Guillaume Musso hat mit 'Das Atelier in Paris' eine spannende Geschichte konstruiert.  Beim Lesen hält man bei manchen Szenen fast den Atem an, weil es so spannend ist. Vor allem der Schluss lässt einen schließlich aber sprachlos zurück.
 
Fazit: ein perspektivreicher und sehr spannender Roman.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

  Das Atelier in Paris bei amazon.de

 

  Guillaume Musso bei amazon.de

 

© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth