Michael Tsokos: Abgeschlagen

(Paul Herzfeld, Band 1)

Thriller

 

München ; Knaur ; 2019 ; 407 Seiten ; ISBN: 978-3-426-5438-1

Der junge Rechtsmediziner Paul Herzfeld lebt zusammen mit seiner Verlobten Petra und der gemeinsamen Tochter Hannah in Kiel, wo er am Institut für Rechtsmedizin der Universität Kiel tätig ist. Zu seinem Vorgesetzten Professor Schneider, der schon seit Jahrzehnten am Institut tätig ist, hat er eine sehr ambivalente Beziehung. Einerseits schätzt er dessen fachliche Expertise, andererseits ist er vom menschlichen Verhalten seines Kollegen mehr als enttäuscht.

In einem Park in Kiel wird die nackte Leiche des vor kurzem entlassenen Straftäters Achim Wittfeld gefunden. Neben der Leiche finden sich zwei Koffer, in denen sich eine zerstückelte Leiche befindet.

Paul ist zusammen mit Professor Schneider für die Obduktion zuständig. Sehr schnell legt sich der Professor sowohl auf das Tatwerkzeug als auch auf den Tathergang fest. Das mag damit zusammenhängen, dass er Wittfeld vor etlichen Jahren schon begutachtet hat. Als das Tatwerkzeug, eine Machete, die eigentlich in der Asservatenkammer des Instituts liegen sollte, im Park gefunden wird, überschlagen sich die Ereignisse. Nur der Hausmeister hatte einen Schlüssel für den Keller. Dieser Hausmeister hatte auch als Letzter Kontakt zu der zerstückelten Leiche. Der ermittelnde Polizeioberkommissar Tomforde kann daraus ein Motiv entwickeln. Der Verdacht erhärtet sich, als man den Hausmeister tot in seiner Badewanne findet und Vieles für einen Suizid spricht.

Paul Herzfeld kann dies alles nicht so einfach glauben und ermittelt auf eigene Faust. Was ihm dabei nicht bewusst ist, ist die Einsicht mit welch einem raffinierten Gegner er es zu tun bekommt. Als Pauls Verlobte entführt wird, beginnt für ihn sprichwörtlich die Sanduhr zu laufen. Wird er die Forderungen des Entführers erfüllen können?

Der Thriller "Abgeschlagen" um den Rechtsmediziner Paul Herzfeld spielt circa zehn Jahre vor "Abgeschnitten". Paul Herzfeld ist ein junger Rechtsmediziner und muss sich in dieser Branche erst einen Ruf erarbeiten.

Der Autor Michael Tsokos, selbst renommierter Rechtsmediziner, schafft es aus seinen Erfahrungen sowie einer großen Portion Fiktion einen tollen Thriller zu kreieren. Mit den kurzen Kapiteln - immer mit Zeit- und Ortsangaben versehen - entsteht ein Sog, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann.

Fazit: toller Thriller, aber nichts für zart besaitete Seelen.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

Abgeschlagen (Paul Herzfeld, Band 1) bei amazon.de

 

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Liz Eeles: Annies Frühling in Salt Bay

Roman

 

Hamburg ; Rowohlt ; 2019 ; 413 Seiten ; ISBN 978-3-499-27459-6

Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Annie in London ein ziemlich eigenständiges Leben. Als sie den Brief einer Großtante aus Cornwall erhält, die sie unbedingt kennenlernen möchte, ist Annie hin- und hergerissen. Ihre verstorbene Mutter hatte immer erzählt, sie sei von ihren Eltern verstoßen worden, nachdem sie ihnen damals gestanden hatte, schwanger zu sein. Sicher mag es damals in der ländlichen Gegend ein Skandal gewesen sein, als ledige Frau schwanger zu werden, aber warum hat Annie nie etwas von der Großtante erfahren?

Als sie dann ihren Freund Stewart in flagranti mit einer anderen ertappt, trifft Annie eine Entscheidung und macht sich doch auf den Weg nach Salt Bay an die Küste Cornwalls.

Innerlich immer noch sehr aufgewühlt wegen der in die Brüche gegangenen Beziehung stapft Annie im Regen auf das Dorf zu, nachdem sich der Taxifahrer geweigert hat, sie bis nach unten zu fahren. Dann wird sie auch noch von einem rücksichtslosen Autofahrer von oben bis unten vollgespritzt. Wütend greift sie zu einem Stein und trifft das Auto, was dazu führt, dass der Fahrer wutentbrannt auf Annie zustürmt. Dies ist Annies erste und - wie sich herausstellen wird - folgenreiche Begegnung mit dem gutaussehenden aber ziemlich rüpelhaften Josh. Tregavara House, wo Annies Großtante Alice lebt, ist schon etwas in die Jahre gekommen, aber ein wunderschönes Haus an den Klippen. Einerseits ist Annie froh, einiges über ihre Familie und damit ihre Herkunft zu erfahren, doch andererseits will sie auch ihre Unabhängigkeit behalten. Nach und nach wird sehr deutlich, dass Alice auf Hilfe angewiesen ist.

Ob Annabella, wie Annie eigentlich heißt, bereit ist, zu bleiben und ihr unter die Arme zu greifen? Nachdem sie derzeit ohnehin gerade mal wieder keinen Job hat, entschließt sich Annie, vorerst zu bleiben.

Neben der eigenen Familiengeschichte gibt es auch noch die traurige Geschichte der bei einem Schiffsunglück verstorbenen Mitglieder der Salt Bay Choral Society, die den ganzen Ort bis heute zu lähmen scheint. Annie erfährt, dass auch ihr Großvater Chormitglied war und damals ertrunken ist. Weil sie aus eigener Erfahrung weiß, wie heilsam Musik sein kann, will Annie zusammen mit der quirligen Kayla, die als Bedienung im Pub arbeitet, den Chor neu gründen. Doch so einfach ist das nicht, denn es regt sich Widerstand von verschiedenen Seiten.

Und zu allem Überfluss kämpft Annie auch noch mit dem Gefühlschaos, denn seit ihrer ersten Begegnung mit Josh geht ihr dieser nicht mehr aus dem Kopf, obwohl er ständig so abweisend ist. Warum nur ist er auf Annies Familie, die Familie Trebarwith, so schlecht zu sprechen?

In ihrem ersten Roman entführt die Autorin Liz Eeles die Leser in den kleinen Ort Salt Bay an die wildromantische Küste Cornwalls. Wer da gleich an Rosamunde Pilcher denkt, liegt nicht ganz falsch, denn auch dieses Buch ist eine romantische Liebesgeschichte verknüpft mit der interessanten Suche einer jungen Frau nach ihrer Herkunft. Alles spielt in einer atemberaubenden Landschaft und auch ein paar schrullige Charaktere dürfen natürlich nicht fehlen.

Fazit: ein unterhaltsames Buch, leicht wie eine angenehme Frühlingsbrise.

 

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Harry Bingham: Fiona - Wo die Toten leben

Kriminalroman

Fiona Griffiths, Band 5

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 520 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27510-4

Die Polizistin Fiona Griffiths ist privat abends mit Kollegen unterwegs. Sie erhalten einen Notruf und Fiona bringt ihren Kollegen zum Einsatzort. Dort angekommen, wo das reine Chaos herrscht, wird sie von einem Officer kontaktiert, weil es in einer nahegelegenen Kapelle einen Leichenfund gibt. Fiona fährt hin, obwohl es nicht zu ihrem Einzugsgebiet gehört. Eine junge Frau liegt aufgebahrt auf dem Altar der Kapelle. Fiona leitet die Ermittlungen, bis der örtliche Kollege Alun am nächsten Tag übernimmt. Nach der Obduktion steht fest, dass die junge Frau eines natürlichen Todes gestorben ist. Aber warum hat man sie so exponiert abgelegt?

Obwohl die Ermittlungen eingestellt werden, lässt Fiona der Fall nicht los. Die Tote war vor ihrem Tod ein paar Tage Gast im nahegelegenen Kloster. Fiona findet Parallelen zu einem Entführungsfall, der vor über 8 Jahren in dieser Gegend stattgefunden hat. Das Entführungsopfer wurde jedoch bis heute nicht gefunden. Bei ihrer Suche stößt Fiona auf einen Teich und ein dahinter verborgenes Höhlensystem. Sie versucht, sich Zugang  dazu zu verschaffen. Als ihr dies gelingt und sie zusammen mit Alun und einem erfahrenen Experten die Höhle erkundet, wird ihr zu spät bewusst, dass man sie bereits lange beobachtet und ihre Erkundung wie ein Stich ins Wespennest ist. Der Höhleneingang wird gesprengt, sodass die letzten Stunden für Fiona beginnen. In der Dunkelheit des Höhlenlabyrinths kommen ihr so manche Erkenntnisse. Doch was helfen ihr diese, wenn sie womöglich nie mehr das Tageslicht erblicken wird?

Mit dem fünften Teil um die Ermittlerin Fiona Griffiths bringt der Autor einen spannenden Krimi auf den Markt. Fiona, deren soziale Kompetenzen nicht immer vorhanden sind, hat jedoch ein Gespür, dass normalen Menschen fehlt. Mit ihrem sehr eigenwilligen Charakter ist sie im System Polizei immer wieder ein „Sonderling“. Ihre Hartnäckigkeit, die bei ihren Vorgesetzten nicht immer beliebt ist, trägt dazu bei, dass sie an Sachen dran bleibt, bei denen andere schon längst hingeschmissen hätten.

Fazit: ein weiterer interessanter Plot um die Ermittlerin mit etwas anderen emphatischen Fähigkeiten.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Graham Norton: Eine irische Familiengeschichte

Roman

 

Hamburg ; Kindler ; 2019 ; 347 Seiten ; ISBN 978-3-463-40720-3

 

Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter im erzkatholischen Irland hatte es Elisabeth Keane nicht leicht im Leben. Vor vielen Jahren hat es sie nach New York verschlagen - wohl auch, um der gefühlten Enge und sozialen Kontrolle zu entkommen. Im Hinblick auf ihr Liebesleben hatte Elisabeth leider auch wenig Glück.

 

Ihr Mann Elliott, mit dem sie einen Sohn hat, trennte sich von ihr, nachdem er sich als Homosexueller geoutet hatte.
Nun ist Elisabeths Mutter verstorben und sie muss zurück in ihre irische Heimat um den Haushalt aufzulösen. Als sie unter den Hinterlassenschaften der Mutter einen Stapel Briefe findet, beginnt Elisabeth zu lesen und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Stück für Stück kann sie in Erfahrung bringen, wer ihre Mutter Patricia wirklich war. Als sie dann noch vom Notar erfährt, dass sie neben dem Haus ihrer Mutter auch noch ein Haus an der Küste geerbt hat, ist sie zunächst verwirrt.

 

Neugierig macht sie sich auf den Weg dorthin. Malerisch liegt 'Castle House' zwischen dem Meer und einer Burgruine. Das Haus gehörte Elisabeths Vater Edward Foley. Doch wie kam Patricia damals nur an diesen entlegenen Ort? Und warum hieß es immer, ihr Vater sei längst tot? Als Elisabeth erfährt, dass ihr Vater noch lebt und in einem Pflegeheim untergebracht ist, besucht sie ihn. Leider ist sein Zustand so schlecht, dass er Elisabeth keine Hilfe bei den Nachforschungen ist. In seinem Zimmer stößt sie aber auf Fotos, die ihr weiterhelfen. Stück für Stück erfährt die verwirrte Elisabeth, was damals vorgefallen ist.
 
Angesiedelt in der rauen Landschaft an der irischen Küste ist 'Eine irische Familiengeschichte' ein brillianter Roman über das Leben mit all seinen Widrigkeiten und überraschenden Wendungen. Die Geschichte zeigt, dass großes Unglück manchmal am Ende auch großes Glück bedeuten kann. Die kapitelweisen Sprünge von der erzählten Gegenwart in die Vergangenheit machen das Buch zu einem wahren Pageturner. Nach 'Ein irischer Dorfpolizist' beweist Graham Norton erneut, dass er ein begnadeter Geschichtenerzähler ist.
 
Fazit: eine tragische Familiengeschichte brilliant erzählt.

 

Sonja Kraus

5 Sterne
5 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Hans Kruppa: Das Geschenk der Sterne

Roman

 

München ; dtv ; 2018 ; 281 Seiten ; ISBN 3-423-21761-8

Dieser Roman mit Illustrationen von Catherine Ducloux ist etwas ganz Besonderes. Entweder man mag ihn und saugt ihn förmlich in sich auf, oder legt ihn nach ein paar Seiten einfach weg.

Kommen Sie mit auf eine Zeitreise ca. 300 vor unserer Zeitrechnung, eine wirre Epoche die von Gewalt und Kriegen geprägt ist, in den Staat Sung südlich des gelben Flusses. Sie lernen Tschuang Tse, einen Mann des Tao, kennen und Min Teng, scheinbar treuer und überzeugter Soldat des Herrschers Prinz Yan. Zwei völlig gegensätzliche Personen in ihrem Gedankengut und Auftrag treffen hier aufeinander.

Mit der Furchtlosigkeit vor dem Sterben und seiner Weisheit verwirrt Tschuang Tse Min Teng dermaßen, dass der Soldat seinem Auftrag, den Mann des Tao zu töten, nicht nachkommen kann. Trotz mehrerer Anläufe bringt er die Kraft dazu nicht auf und beginnt mehr und mehr nachzudenken und in sich zu gehen. Die schier unendlich langen Dialoge zwischen den beiden enden in der gemeinsamen Flucht vor Prinz Yans Schergen. Es wird ein langer, beschwerlicher Weg für beide Männer voll tiefsinniger Gespräche und wertvoller menschlicher Begegnungen.

Die Dialoge fallen dabei oftmals sehr langatmig aus, was mir persönlich einiges an Durchhaltevermögen gekostet hat. Zu Beginn der einzelnen Kapitel laden dezente, themaorientierte Illustrationen ab er immer wieder zum Weiterlesen ein.

Das Geschenk der Sterne soll den Leser berühren. Es lädt zum Überdenken der eigenen Wertvorstellungen ein und deckt so manche Unsinnigkeiten unseres Lebensstils auf.

Hans Kruppa hat den Philosophen, Weisen und Mystiker Tschuang Tse - eine mit Sicherheit historische Persönlichkeit - zum Leben erweckt. Das bedeutet für den Leser eine lebendige Unterrichtsstunde mit dem Thema Taoismus zu bekommen. Das Nachwort erscheint mir dabei genauso wichtig wie der Roman selbst. Es schadet auf keinen Fall es im Vorfeld zu lesen, ja ich empfinde dies sogar als sehr hilfreich.

Fazit: Ein Buch, philosophisch, weise und voller Gedankenanstöße. Es zeigt Werte, die heute kaum mehr zu finden sind, aber unser Leben um ein Vielfaches bereichern könnten.

 

Elisabeth Gonsch

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Kerstin Cantz: Fräulein Zeisig und der frühe Tod

Kriminalroman

 

München ; Knaur ; 2019 ; 280 Seiten ; ISBN 978-3-426-52261-5

München im Juni 1962. In den Nächten herrscht Ausnahmezustand im Stadtteil Schwabing, weil die Polizei mit brachialer Gewalt gegen Jugendliche Demonstranten vorgeht. Unterhalb des Sendlinger Schuttbergs wird die Leiche eines sechsjährigen Mädchens gefunden. Barfuß sitzt sie in einem Liegestuhl. Die Münchner Mordkommission um Hauptkommissar Manschreck übernimmt die Ermittlungen. Dem Ermittler fällt die junge Elke Zeisig auf, die bei der weiblichen Kriminalpolizei ihren Dienst verrichtet. Sie könnte sich als nützlich erweisen, sodass er sie in seine Ermittlungsarbeit einbindet.

 

Dies stößt bei ihrer Vorgesetzten WKP-Dienststellenleiterin Warneck nicht gerade auf Begeisterung. In den Krawallnächten nutzt ein Täter die Gunst der Stunde um im Tumult auf der Straße zwei junge Frauen zu töten. Fräulein Zeisig hat nicht nur mit den Ermittlungen zu tun, sondern muss sich auch um ihren siebzehnjährigen Bruder kümmern, der plötzlich in München auftaucht. Als dieser verschwindet und sich mit Valeska einlässt, steht diese am nächsten Tag in Elke Zeisigs Büro, weil sie auf der Suche nach einer Kriminalpolizistin ist, die maßgeblich für ihr Schicksal verantwortlich ist.

 

Während die Polizei ermittelt, ist der Zeitungsredakteur Ludwig Maria Seitz auf den Straßen Münchens unterwegs. Er ist immer auf der Suche nach der neuesten spektakulärsten Story für seinen Chef. Nach und nach schafft es Fräulein Zeisig, wichtige Hinweise für die Ermittlungen zusammenzutragen.

 

Kerstin Cantz siedelt den Kriminalroman im München Anfang der 1960er Jahre an. Zum damaligen Zeitpunkt gab es bei der Polizei mehr Pferde als Frauen. Sie versteht es, die tatsächlichen Ereignisse von damals gekonnt in ihre Geschichte einzubauen.

Fazit: Fräulein Zeisig würde man gerne noch näher kennenlernen. Der Roman macht Lust auf mehr.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Nicole Staudinger: Ich nehm´schon zu, wenn andere essen

Wie ich trotz 7 Millionen Ausreden 30 Kilo verlor

 

München ; Knaur ; 2019 ; 200 Seiten ; ISBN 978-3-426-78970-4

Gleich vorweg: dieses Buch ist kein klassisches Abnehmbuch. Nicole Staudinger, die mit Anfang 30 mit der Diagnose Brustkrebs zu kämpfen hatte, schildert in diesem Buch das ewige Auf und Ab im Kampf gegen lästige Pfunde. Durch die Krebserkrankung waren die Bedingungen natürlich erschwert. Von einem richtigen Ratgeber ist das Buch zwar meilenweit entfernt, aber die persönlichen Erfahrungen der Autorin schaffen eine gewisse Nähe zur Leserschaft. Vieles von dem, was Staudinger erzählt, hat jeder schon einmal erlebt. Dass die Gesellschaft nur Frauen akzeptiert, die gewichtstechnisch innerhalb einer gewissen Norm liegen, ist kein Geheimnis. Letztlich ist aber entscheidend, wie man selbst dem eigenen Gewicht gegenübersteht. Solange man seinen Körper so akzeptieren kann, wie er ist, ist alles gut. Wenn man es nicht kann, muss man etwas verändern. Das beginnt damit, sich selbst genau zu beobachten. Man isst oft aufgrund bestimmter Gefühlslagen.

Sei es, um sich zu belohnen, aus Frust oder vor lauter Freude über etwas. Und oft bekommt man schon während des Essens ein schlechtes Gewissen, weil man genau weiß, dass man gerade das Falsche tut. Umso stärker wird dann der Wunsch, gegen die überflüssigen Pfunde vorzugehen. Von Fett-Weg-Shakes bis hin zu Hilfsmitteln wie Bauchrollern, die den Bauch auf wundersame Weise verschwinden lassen sollen. Das Einzige, was durch solche Anschaffungen schlanker wird, ist das Bankkonto. Auch Nicole Staudinger hat viel probiert – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

Letztlich hilft aber nur eins und das hat sie sich an der Sporthochschule Köln auch bestätigen lassen. Es kommt darauf an, wieviel man dem Körper an Nahrung zuführt. Wenn es dauerhaft mehr ist, als der Körper umsetzen kann und wenn man dann auch noch zu wenig Bewegung hat, nimmt man eben zu. Durch Ernährungsumstellung, Disziplin und mehr sportlicher Betätigung schafft es die Autorin abzunehmen. Die Pfunde purzeln und das eigene Wohlbefinden steigt.

Am Ende stellt die Autorin aber auch klar, dass jede Frau für sich entscheiden muss, mit wieviel Kilos auf den Rippen sie sich wohlfühlt. Sie ruft die Frauen zu mehr Selbstbewusstsein auf, denn ein dicker Hintern ist noch lange kein Grund, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben. Jeder Mensch hat Stärken und Fertigkeiten und das hängt nicht von der Kleidergröße ab.

Fazit: eine sehr persönliche Geschichte zum Thema Abnehmen.

Sonja Kraus

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Roman

 

Berlin ; Ullstein ; 2018 ; 320 Seiten; ISBN 978-3-550-05066-4

 

„Zwei Brüder, ein Dorf in Sachsen und eine Wut, die immer größer wird“ (so die Rückseite des Buchenbands). Was ranken sich nicht alles für (Verschwörungs-) Theorien über den Osten Deutschlands, gerade nach den Ausschreitungen in Chemnitz 2018, warum gerade dort der Rechtsextremismus und die Politikverdrossenheit so hoch sind und man Perspektivlosigkeit an allen Ecken und Enden spürt. Da wo Politiker, Historiker und Soziologen bis auf die üblichen Platituden nicht mehr weiterkommen, da muss man am Besten diejenigen fragen, die dort aufgewachsen sind, die allen Unkenrufen zum Trotz dort noch wohnen und leben, ihre Umgebung und ihr Umfeld genau und aufmerksam beobachten. Einer davon ist Lukas Rietzschel, dem es mit seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ in exzellenter Art und Weise gelungen ist, die Vorgänge in seiner
Heimat in Ostdeutschland zu umschreiben, zu beschreiben und zu erklären.

Vielfältige Belastungen verursacht durch die Suche nach Orientierung in einer außen- sowie innenpolitisch immer komplexer und unverständlicher werdenden Welt, technologische Reizüberflutung (Stichwort: Social Media), berufliche sowie private Unsicherheiten, die sich zu einem hohen Grade in Verbitterung äußern, kennzeichnen viele der abseits der großen pulsierenden Städte wie Leipzig und Dresden eher dünn besiedelten Landstriche im Osten.

 

Anhand von zwei Brüdern, Philipp und Tobias, die Rietzschel über 15 Jahre von 2000 bis 2015 in ihrer kindlichen und jugendlichen Entwicklung begleitet, beschreibt der Autor ein Milieu, wie es treffender nicht sein kann. Beide suchen ihren Status, ihre Position im Freundeskreis, in der Gesellschaft und in ihrem Leben. Philipp, der Ältere und wesentlich gefestigter als sein jüngerer Bruder, zieht sich im Laufe seiner Entwicklung nach und nach aus den politischen Diskussionen und vor allem öffentlichkeitswirksamen Aktionen in seiner Heimat zurück und wird ein ganz normaler Bürger. Tobias hingegen, zunehmend rechtsextrem werdend, kämpft mit den Jahren immer vehementer verbal und mit Taten gegen das Fremde, gegen das Befremdliche in seiner Heimat. Dabei spielt für das Erwachsenwerden die zerbrechende Ehe der Eltern genauso eine Rolle wie der Selbstmord eines Bekannten der Eltern. Wie bei anderen Brüderpaaren auch, wechseln sich Streit mit Solidarität („Verbrüderung“) ab, aber je älter sie werden, spürt man vielmehr Gleichgültigkeit oder gar Konkurrenz.

Rietzschel, 1994 geboren, also gerade mal 24 Jahre alt und zu der Generation gehörend die ausschließlich im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen ist, der Autor dabei selbst im Osten von Sachsen, nutzt eine beeindruckende Sprache, um den Lesern die „kalten Lebensumstände“ von Philipp und Tobias vor Augen zu führen. Er beschreibt so wortgewaltig ein Umfeld sowie Denkprozesse, welches man selbst in einem Film nicht besser vermitteln könnte. Unmittelbar nach der Wende die Träume, der Versuch, die Träume zu realisieren, Familienglück, Hausbau, doch dann Desillusionierung Verbitterung, Trennung bis hin zu Resignation. Was bleibt ist die Flucht in Alkohol und Drogen oder eben die Flucht in die westlichen Bundesländer. Dem Autor gelingt es hervorragend Fakten einer Dokumentation oder eines Sachbuchs in einen Roman zu packen – überdurchschnittlich hoher Rassismus und Rechtsextremismus im Osten verursacht durch Arbeits- und
Perspektivlosigkeit. Geschickt wechselt er den Einbau tagesaktueller Geschehnisse (Irak Krieg, „9/11“, Elbe-Hochwasser, Finanzhilfen für Griechenland) mit Erinnerungen und persönlichen Erlebnissen an die eigene Kindheit in seinem Erstlingswerk ab.

Rietzschel beschreibt mittels der beiden Protagonisten in einer beindruckenden Sprache, warum Menschen in ihrer eigenen Welt zu Fremden werden oder ihnen ihre eigene Heimat zunehmend befremdlich vorkommt. Zunächst sind es nur die in der
Gegend lebende sorbische Minderheit, Polen und Türken, Tschechen, welche die Drogen in die Ortschaften bringen oder auch mal die „andersartigen“ Homosexuellen. Dann aber kommen in diese nun „befremdliche Welt“ andere Fremde, Flüchtlinge, die für die unbefriedigende Situation verantwortlich gemacht werden, obwohl die eigenen Lebensverhältnisse durch die Flüchtlinge weder schlechter noch besser als vorher werden. Diesem Paradoxon folgend nimmt Rietzschel die Gesten der beiden Jugendlichen, vor allem von Tobias und seinen Freunden, z.B. bei dem jährlichen örtlichen Volksfest, bei Treffen oder „Rumhängen“ unter extremem Alkoholgenuss, und erklärt an ihnen die sukzessive Zunahme von Aggression, Ärger und Verbitterung. „Verpisst euch, das ist unser Land“ ist ein vielgerufener Slogan der Jungs, die kein Vertrauen und Respekt mehr in die und vor den örtlichen Ordnungshüter haben und lieber wie eine Art Hilfssheriff selbst für Ordnung sorgen. Sehr feinfühlig und ohne direkt aktuelle Ereignisse anzusprechen aber auf sie anzuspielen balanciert Rietschzel diesen Zorn und die Empörung auf der einen und Ohnmacht über die miese Stimmungslage auf der anderen Seite. Insbesondere die Beschreibungen, wenn die aufgestaute Wut in Aktionen und Taten umschlägt, zum Beispiel das Werfen eines blutigen
Schweinekopfes auf ein von muslimischen Flüchtlingen bewohntes Haus, machen das Buch so besonders. Gegen Ende sind sich aber dann selbst die ehemaligen „Kampfgenossen“ fremd, fremd in der eigenen Umgebung, fremd durch unterschiedliche berufliche sowie private Entwicklungsstränge und fremd durch unterschiedlich gewordene Ansichten. Fremd geworden, ohne dabei die Ursache in den eigentlich Fremden zu finden ... und schließlich werden sich selbst die Brüder
fremd, haben sich nichts mehr zu sagen – Stille! Stille, wie in vielen Teilen des ausgedünnten Ostens.

Der Roman ist sprachlich eine „Augenweide“ und erzählt in meist kurzen Szenen doch so viel. Zum Beispiel gleich zu Beginn in einem kurzen Gespräch zwischen Tobias‘ und Philipp’s Vater mit dessen Chef erfährt man viel mehr über die derzeitige Situation im Osten nach der Wende als in langatmigen Filmen oder Büchern. Dies betrifft nicht nur die allgemeine Situation, die marode Infrastruktur, sowie das Dorfleben, sondern auch die intrafamiliären Abläufe und die damals noch hohe Bedeutung der Großeltern, denen Rietzschel ein große Bühne bietet. Er beschreibt exzellent die Gegensätze, verbreitet Hoffnungen z.B. als ein neues Autohaus gebaut wird, um im folgenden Satz gleich wieder zu desillusionieren. Die Schnellstraßen wurden gebaut, damit niemand mehr durch die tristen Ort fahren musste, die Umgehungsstraßen umgingen im wahrsten Sinne des Wortes die Orte und gaben sie somit ihrer Einöde preis.

 

Fazit: Es sind diese kleinen „Bildsequenzen“, jede für sich eine kleine Geschichte, aber doch dem Handlungsstrang untergeordnet, die das Buch so besonders machen – absolut lesenswert.

 

Andreas Pickel

5 Sterne
5 von 5

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© 2019 Andreas Pickel, Harald Kloth

Romy Hausmann: Liebes Kind

Thriller

 

München ; dtv ; 2019 ; 425 Seiten ; ISBN: 978-3-423-26229-3

In einem Waldstück im Landkreis Cham wird eine junge Frau von einem Auto erfasst. Zusammen mit ihrer Tochter Hannah wird sie ins Krankenhaus gebracht.

Gefragt nach ihrem Namen antwortet sie lediglich: Lena. Nachdem die Polizei einige Indizien gefunden hat, besteht der begründete Verdacht, dass es sich bei dem Verkehrsopfer um Lena Beck handelt, die vor mehr als 13 Jahren nach einer Partynacht verschwand.

Der damals ermittelnde Polizist gibt die Information an die Eltern der Vermissten weiter, was dazu führt, dass Matthias und Karin Beck sich sofort auf die Reise nach Cham machen. Im Krankenhaus angekommen kommt es gleich zu heftigen Auseinandersetzungen, da Matthias Beck ein sehr cholerisches Typ ist.

Es dauert auch nicht lange, bis die Medien Wind von der Sache bekommen. Der Fall ist wie gemacht für die Medienlandschaft, weil herauskommt, dass Lena und Hannah jahrelang in eine Hütte eingesperrt waren. In der Hütte findet man den „vermeintlichen“ Entführer tot auf, sowie ein weiteres Kind mit Namen Jonathan.

Wie kann es sein, dass eine ganze Familie jahrelang in einer Waldhütte lebt? Die Ermittlungen beginnen!

Romy Hausmann legt mit Liebes Kind ihr Debüt vor. Aus der Sicht von drei Personen: Hannah, Lena und Matthias baut sie ihren Plot auf. Der Thriller beginnt damit, dass die Eingesperrten wieder in der Freiheit ankommen. Aber was bedeutet Freiheit, wenn man eigentlich Struktur und Zusammenhalt über Jahre hinweg nicht anders kennengelernt hat als im Kreise der Familie? Die Autorin nimmt den Leser mit auf Wege, wo er glaubt das Ziel bereits erkennen zu können, bevor im letzten Moment eine erneute Wendung eintritt. Als man sich schon ganz sicher glaubt, dreht sich noch mal alles.

Fazit: beklemmendes menschliches Drama im Rückwärtsgang.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Jürgen Schreiber: Ein Verräter wie er

Die Geschichte eines kaltblütigen Doppelmords und wie ihn die Stasi vertuschte

 

München ; Droemer ; 2019 ; 336 Seiten ; ISBN: 978-3-426-27758-4

Am 19. August 1961 werden in einem Waldstück in Ostberlin innerhalb kürzester Zeit zwei Personen erschossen. Bereits kurze Zeit später werden ihre Leichen gefunden.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig und fast vier Jahre später wird die Identität der beiden festgestellt. Es handelt sich um zwei junge Männer aus Nicaragua. C. und T. waren als Studenten nach München entsandt und haben nebenbei für den militärischen Geheimdienst der DDR unter den Decknamen „Vergissmeinnicht“ und „Primel“ gearbeitet.

Der Führungsoffizier Helmuth Scheithauer hat sie umgebracht und beinahe wäre das Verbrechen unentdeckt geblieben. Nach mehr als fünf Jahren Ermittlungsarbeit steht fest, dass er der Täter ist. Die Staatssicherheit übernimmt den Fall, was auch bedeutet, dass nichts nach draußen dringt. Selbst seine Ehefrau weiß nicht, warum er von einem auf den anderen Tag verschwunden ist. Perfide und abscheulich wird dargestellt, was ein Überwachungsstaat alles hervorbringt.

Jürgen Schreiber hat für diese Geschichte Tausende von Stasi-Akten gelesen. Er beschreibt sehr genau, wie damals in der DDR das System funktionierte. Detailreich schildert er die Ereignisse, die sich zugetragen haben.

Im Laufe des Lesens ertappt man sich immer wieder dabei, nicht glauben zu können, dass es sich bei den geschilderten Ereignissen um wahre Begebenheiten handelt.

Fazit: Ein Buch, das sich für den Geschichtsunterricht eignet.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Heike Praschel: Mit dem Schulbus in die Wildnis

Eine Familie reist ein Jahr lang durch die Weiten Nordamerikas

 

München ; MALIK ; 2018 ; 255 Seiten ; ISBN 978-3-89029-451-3

 

Heike Praschel und ihr Mann Tom haben sich einen Wunschtraum erfüllt. Gemeinsam mit den beiden Töchtern Paula und Emma reisen sie ein ganzes Jahr lang durch Kanada, Alaska und durch die USA bis nach Mexico. Die beiden vom Schulunterricht befreiten Mädchen dürfen also auf der Reise lernen – zum Beispiel indem sie anhand eines Bestimmungsbuches Tiere kennenlernen. Als wäre das an Abenteuern noch nicht genug, reist die Familie auch noch mit einem für Europäer äußert ungewöhnlichen Gefährt: einem ausrangierten für die USA so typischen gelben Schulbus.

Zwar wollten sie ursprünglich ein etwas kleineres und wendigeres Fahrzeug, aber nach einem umfassenden Innenausbau wächst der Familie der elf Meter lange Bus so sehr ans Herz, dass sie ihn liebevoll Frankie nennen.

Reduziert auf ein Minimum an Habseligkeiten und durch eine ausgeklügelte Verstauungstechnik findet alles im Bus seinen Platz und wird für die vier zum neuen Zuhause auf Rädern.

Gemeinsam erlebt die Familie viele Abenteuer – von der Begegnung mit wilden Tieren über atemberaubende Landschaften bis hin zu der ein oder anderen Panne mit Frankie. Außerdem begegnen sie auf ihrer langen Reise vielen interessanten und liebenswerten Menschen.

Heike Praschel schildert die Erlebnisse sehr offen und ehrlich und lässt die Leser an den Abenteuern ihrer Familie teilhaben. Im Mittelteil des Buches finden sich zahlreiche Abbildungen, die die Schilderungen illustrieren. Es wird deutlich, dass sich das Paar mit der Reise einen großen Traum erfüllt hat. Am Ende steht aber auch fest, dass es noch viele weitere Träume gibt und damit bestimmt auch neue Reisen, Abenteuer und Berichte. Aber zunächst einmal möchte die Familie wieder in Deutschland Fuß fassen, bevor man zu neuen Abenteuern aufbricht.

Fazit: ein schöner Reisebericht über ein modernes Nomadenleben auf Zeit.

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

V. S. Gerling: Die Ewigen

Thriller

 

München ; Bookspot ; 2018 ; 471 Seiten ; ISBN 978-3-95669-104-1

 

Das Buch beginnt mit dem Krebstod der Ehefrau des Millionärs Maximilian Kirchners, der deshalb verzweifelt versucht ein Heilmittel gegen die Krankheit zu finden, um so die gemeinsame Tochter Emma davor zu bewahren. Der von Kirchner beauftragte Molekularbiologe Professor Krohn erfindet jedoch stattdessen eine scheinbar bessere Methode, die sogar den Alterungsprozess des Menschen aufhält.

 

Diese Behandlung wird aber nur den Super-Reichen und Mächtigen weltweit angeboten. Als ein Hacker in das Computersystem des Forschungsprojekts eindringt und die Namen der Personen, die behandelt werden sollen, veröffentlicht, beginnt eine Jagd auf "Die Ewigen". Mit Hilfe von viel Geld und seiner Sicherheitscrew versucht Maximilian Kirchner sich selbst und die anderen in Sicherheit zu bringen. Aber dann treten die ersten Nebenwirkungen der Behandlung auf.

Der Einstieg in die Thematik gelingt Autor Gerling (Ermittler Eichborn und Wagner) relativ gut, doch dann zieht sich die Handlung leider endlos in die Länge. 471 Seiten, die größtenteils gefüllt sind mit Intrigen, Liebesgeschichten und skrupellosen Menschen, die für Geld über Leichen gehen. Spannung kommt leider nicht auf und auch die Protagonisten bleiben bis zum Schluss farblos. Der Schreibstil und die Dialoge sind sehr seicht und deshalb leicht zu überfliegen. Die Handlung bleibt ohne jeden Tiefgang, so dass viel Potential verschenkt wird.

Im Nachwort kündigt der Autor an, bereits am zweiten Teil "Der Ewigen" zu arbeiten.

Fazit: Oberflächliche Darstellung eines durchaus interessanten Themas. Für Thriller-Fans leider nicht zu empfehlen.

 

Katrin Hildenbrand

2 Sterne
2 von 5

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© 2019 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

Scott Bergstrom: Ohne Skrupel

Gwendolyn Bloom. Band 2

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 510 Seiten ; ISBN 978-3-499-27269-1

Gwendolyn Bloom lebt zusammen mit ihrem Vater unter ihrer neuen Identität Judita in Montevideo, Uruguay und arbeitet als Aushilfe in einem Restaurant. Das Untertauchen und die neue Identität waren notwendig, weil ihr Vater vom CIA gejagt wird. Auch ihr Freund Terrance darf die USA nicht mehr besuchen und beide treffen sich in Buenos Aires. Zunächst glauben sie, im Hotel sicher zu sein und eine schöne Zeit verbringen zu können. Doch dann steht plötzlich ein Killer im Zimmer, der jedoch von Gwendolyn liquidiert werden kann. Dies bedeutet aber auch, dass sie Südamerika verlassen muss.

Sie macht sich auf den Weg nach Europa, denn dort gibt es ein riesiges Vermögen, welches der verstorbene Clanchef Viktor Zoric hinterlassen hat. Mit Hilfe der findigen Anwältin Naz schafft sie, das Vermögen auf sich zu übertragen, doch sie hat die Rechnung ohne die CIA in Verbindung mit der NSA gemacht. Die Buchungen werden nicht vollzogen, sodass das Geld weg ist.

Ausgestattet mit einer weiteren Identität setzt sie ihre Reise quer durch Europa fort. Plötzlich findet sie sich in einer Bunkeranlage der CIA wieder. Im Osten Deutschlands wurde schon zu früheren Zeiten politische Psychiatrie betrieben. Gwendolyn werden Drogen verabreicht und ein schmutziges Spiel mit Vertrauen und Misstrauen nimmt seinen Lauf. Sie hat weiterhin den festen Willen, noch einmal ihren Vater zu treffen, denn seit ihrem Weggang aus Montevideo hat sie ihn nicht mehr gesehen.

‚Ohne Skrupel‘ ist ein grundsolider Thriller um die Heldin Gwendolyn Bloom alias Judita alias Lila Kereti alias Marike. Er besticht durch die Wendungen, die sich im Laufe der Handlung immer wieder ergeben.

Band 1: Cruelty - Ab jetzt kämpfst Du allein.


Fazit: spannender Plot mit vielen Überraschungen.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Julie Caplin: Das kleine Café in Kopenhagen

Roman

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 396 Seiten ; ISBN 978-3-499-27553-1

Die PR-Frau Kate Sinclair rechnet fest mit einer Beförderung. Als dann aber stattdessen ihr Kollege Josh das Rennen macht, ist Kate am Boden zerstört. Sie hatte mit Josh eine Beziehung und er scheint sie nur ausgenutzt zu haben. Ihre Ideen hat er einfach als seine ausgegeben um sich selbst in bestem Licht darstellen zu können – mit Erfolg.

Kurz danach geht es darum, einen neuen Kunden zu gewinnen. Kate will beweisen, was sie kann und legt sich mächtig ins Zeug. Der Däne Lars Wilders will in London einen Ableger seines Kaufhauses Hjem eröffnen. Um den Engländern die dänische Lebensart nahezubringen soll Kate Journalisten für eine Pressereise nach Kopenhagen gewinnen. Leichter gesagt als getan.

Aber am Ende hat sie fünf Zusagen. Der sechste Kandidat, Benedict Johnson ist eigentlich Wirtschaftsjournalist. Mit Lifestyle hat er gar nichts am Hut und hasst Pressereisen. Er wurde aber von seinem Chef gezwungen, an dieser teilzunehmen. Also nicht gerade die besten Voraussetzungen für fünf entspannte Tage. Als sich dann noch herausstellt, dass Ben der faszinierende Mann war, mit dem Kate bei einer Preisverleihung heftig geflirtet hatte, verkompliziert sich alles nur noch mehr.

Zwar hat die Gruppe ein festgelegtes Programm und mit Mads einen sehr kompetenten Reiseführer, doch Kate muss die Gruppe zusammenhalten und dafür sorgen, dass niemand sein eigenes Ding macht. Schließlich ist das Ziel der Reise ja eine später folgende positive Berichterstattung. Und dann möchte Kate ihren Chefs ja auch beweisen, dass sie ihren Job gut macht. Ein enormer Druck, den sie bei ihren Besuchen im Café Varme, das Lars Wilders Mutter gehört, ein wenig hinter sich lassen kann. Die mütterliche Art von Eva tut Kate gut.

Im Café wird auch deutlich, warum Hygge für die Dänen so wichtig ist. Offenbar gelten sie deshalb als die glücklichste Nation der Welt. Die Reisegruppe lernt natürlich nicht nur die kulinarischen sondern auch die touristischen Höhepunkte Kopenhagens kennen. Von der kleinen Meerjungfrau über das pittoreske Viertel Nyhavn bis hin zum Tivoli, dem historischen Freizeitpark mitten in der Stadt. Nach einigen kleineren und größeren Katastrophen traut die Agentur Kate wohl nicht mehr zu, die Sache allein zu meistern.

Ausgerechnet der wenig sympathische Josh reist der Gruppe hinterher und soll die Reise zu einem Erfolg machen. Doch die Agentur hat nicht damit gerechnet, dass die Teilnehmer schon freundschaftliche Gefühle füreinander entwickelt haben. Gemeinsam sorgen die Journalisten dafür, dass Kate vor Josh als äußert kompetent dasteht.

Und Kate kämpft darüber hinaus auch noch mit dem Gefühlschaos, das Ben bei ihr verursacht. Zwischen ihnen knistert es gewaltig. Aber kann das wirklich gut gehen? Verbindet die beiden mehr als nur eine geschäftliche Verbindung? Und wird der Auftraggeber Lars Wilders am Ende mit dem Ergebnis zufrieden sein?

Julie Caplins Roman ist eine durchaus charmante Mischung. Eine nette Geschichte, einige Passagen wie aus einem Reiseführer, der die Highlights der dänischen Hauptstadt nahebringt und ganz nebenbei erfährt man auch noch, was die Dänen meinen, wenn sie etwas als hyggelig bezeichnen. Wer selbst schon in Kopenhagen war, wird sich an Vieles zurückerinnern und wer noch nicht dort war, wird sicherlich Lust darauf bekommen, einmal dorthin zu reisen.

Fazit: ein kurzweiliges und unterhaltsames Buch - wie ein kurzer Städtetrip.

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Jessica Fellowes: Unter Verdacht

Die Schwestern von Mitford Manor, Band 1

 

München ; Pendo ; 2018 ; 495 Seiten ; ISBN 978-3-86612-452-3

London im Jahre 1920. Die 19-jährige Louisa Cannon kämpft sich zusammen mit  ihrer Mutter, die als Wäscherin arbeitet, durchs Leben. Ihr Onkel Stephen drangsaliert die beiden wo er nur kann. Statt auch etwas zum Lebensunterhalt beizutragen, hat er bei vielen Leuten Schulden. Als er Louisa eines Tages grob packt und in einen Zug verfrachtet, damit sie sich einem seiner Gläubiger erkenntlich zeigt, wird es Louisa zu viel. Zu allem Überfluss hat ihr der Onkel auch noch einen an sie adressierten Brief vorenthalten.

 

Sie schnappt sich den Brief und springt kurzerhand aus dem bereits fahrenden Zug. Als sie sich dabei verletzt, wird der Bahnpolizist Guy Sullivan auf die junge Frau aufmerksam und kümmert sich um sie. Louisa hat in der Zwischenzeit durch den Brief erfahren, dass sie zu einem Vorstellungsgespräch in Mitford Manor eingeladen wurde, doch der Termin ist noch am selben Tag. Louisa beginnt der Mut zu verlassen, doch mit Guys finanzieller Hilfe und einem Freifahrschein schafft sie es doch noch, spätabends in Mitford Manor anzukommen. Dort ist man zwar zunächst verwundert über das späte Erscheinen, bietet Louisa aber sofort eine Stelle als Assistentin des Kindermädchens an.

Louisa ist überglücklich. Sie hat es geschafft und darf ab sofort im herrschaftlichen Anwesen von Lord und Lady Mitford wohnen und arbeiten. Nanny Blor ist froh über die Unterstützung und auch die Töchter der Mitfords schließen die Neue gleich ins Herz. Tom, der einzige Sohn des Hauses weilt zwar im Internat, mag die Neue allerdings auch auf Anhieb. Nancy, die bald ihren 18. Geburtstag feiern wird, sieht in Louisa eher eine Vertraute als eine Bedienstete. Der spektakuläre Mordfall an der Krankenschwester Florence Nightingale Shore hält die Gegend derweil in Atem. Sowohl der Bahnpolizist Guy als auch die beiden jungen Frauen sind fasziniert von dem Fall und beginnen damit, Nachforschungen anzustellen.

Auf einem Ball lernen sie Roland Lucknor kennen, der zufälligerweise auch in Ypern war und demnach die Krankenschwester Shore gekannt haben müsste. Er bestreitet dies jedoch. Als er eines Tages in Mitford Manor übernachtet, träumt er schlecht und Louisa wird Zeugin, wie er im Traum nach Schwester Shore ruft. Er hat Nancy und Louisa also ganz offensichtlich angelogen. Als Louisa dann in seiner Tasche auch noch das Sparbuch von Rolands Kameraden Xander findet, der sich in Ypern das Leben genommen haben soll, wird die Sache immer mysteriöser. Guy, der mittlerweile wegen seiner Schnüffeleien aus dem Dienst entlassen wurde, ermittelt auf eigene Faust weiter und hält immer noch Kontakt zu Louisa, an der er einen Narren gefressen hat. Kann es sein, dass Roland etwas mit dem Angriff auf Florence Shore zu tun hat? Ein Puzzleteilchen fügt sich ans nächste und die Lösung des Falls scheint immer näher zu rücken.

Mit diesem ersten Band legt die Autorin Jessica Fellowes den Grundstein für eine neue Buchreihe rund um die Schwestern von Mitford Manor, die im Übrigen wirklich existierten. Jeder Band wird sich einer anderen der sechs Schwestern widmen. Auch thematisch hat sich die Autorin für den ersten Band einen real existierenden Kriminalfall ausgesucht und fiktionalisiert. Man fühlt sich beim Lesen immer wieder an Agatha Christie erinnert, da der Mord im Zug stattfindet. Jessica Fellowes schafft es, die glamouröse Zeit der Goldenen Zwanziger (mehr Historische Romane) heraufzubeschwören und den Lesern das England zwischen den Weltkriegen durch tolle Figuren nahezubringen.

Fazit: Pures Lesevergnügen - man darf auf die weiteren Bände gespannt sein!

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

Die Schwestern von Mitford Manor, Band 1: Unter Verdacht bei amazon.de

 

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Dov Alfon: Unit 8200

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 478 Seiten ; ISBN: 978-3-499-27570-8

 

Flughafen Charles de Gaulle, Paris: Eine Passagiermaschine aus Israel landet und kurz nach der Gepäckausgabe verschwindet der IT-Spezialist Yaniv Meidan zusammen mit einer blonden Frau im Aufzug und ward nicht mehr gesehen. In Tel Aviv muss sich Leutnant Oriana Talmor, stellvertretende Leiterin einer Spezialgruppe bei der Geheimdiensteinheit UNIT 8200 auf die neue Situation einstellen, da ihr bisheriger Chef entlassen wurde und der Neue erst um Mitternacht seinen Dienst antreten wird.

 

Was sie zunächst nicht weiß ist, dass der Neue, Oberst Zev Abadi, in Paris ist und unmittelbar nach dem Verschwinden des israelischen Staatsbürgers Kontakt mit dem federführenden Kommissar Leger aufnimmt. Dieser, eigentlich nicht zuständig für den Flughafen, tappt zunächst im Dunkeln. Mit Hilfe von Oberst Abadi stellt sich bald heraus, dass Meidan getötet und über das Flughafenkanalsystem entsorgt wurde. Aber warum wurde er entführt und getötet?

 

Durch die Unterstützung aus seiner Heimat kann Abadi herausfinden, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt hat.
Die eigentliche Zielperson läuft in Paris umher und weiß nicht, dass sie auf der Abschussliste steht. Währenddessen versucht Oriana im Dickicht des Geheimdienstes auf Spuren der in Paris umherirrenden Zielperson zu gelangen. Diese hat beste chinesische Sprachkenntnisse und auf einem Video in Paris ist erkennbar, dass ein chinesisches Exekutivkommando für weitere Morde verantwortlich ist. Das Leben der Person ist in höchster Gefahr. Als dann noch bekannt wird, dass es um Millionenbeträge geht, die über Bitcoin-Zahlungen laufen, stellt sich mehr und mehr die Frage, wem man noch vertrauen kann.

 

UNIT 8200 ist ein rasanter Agententhriller, der alles beinhaltet, was Thrillerfreunden gefällt: interessante Protagonisten, die sowohl in Paris als auch in Tel Aviv versuchen, hinter die Fassade von Macht und Einfluss zu blicken. In relativ kurzen Kapiteln (insgesamt 121) wechseln die Perspektiven in einem sehr rasanten Tempo, was erheblich zum Spannungsaufbau beiträgt.

 

Fazit: Oberst Abadi, der „Bond“ aus Israel.

 

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später

Roman

 

Frankfurt am Main ; S. Fischer ; 2017 ; 682 Seiten ; ISBN 978-3-10-005224-7

 

Die beiden Frauen Márta Horváth und Johanna Messner verbindet seit Kindertagen eine innige Freundschaft. Nun, da beide Anfang vierzig und räumlich voneinander getrennt sind, pflegen sie ihre Freundschaft, indem sie sich anrufen und vor allem indem sie sich beinahe täglich E-Mails schreiben. In diesen Nachrichten, die immer auch ein bisschen wie Tagebucheinträge wirken, lassen sie die Freundin am eigenen Leben teilhaben – mit allen Höhen und Tiefen.

 

Márta lebt in Frankfurt am Main, ist Schriftstellerin und Mutter von drei Kindern, was ihr Leben oft unerträglich kompliziert macht, weil sie einfach keine Ruhe zum Schreiben findet und doch einfach nur ihr Buch, einen Band voller Erzählungen, zu Ende bringen möchte.

 

Johanna, meist nur Jo genannt, ist Lehrerin und lebt in einem kleinen Ort im Schwarzwald. Neben ihrem Beruf schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über Annette von Droste-Hülshoff und reist dementsprechend oft nach Meersburg an den Bodensee und nach Marbach ins Literaturarchiv.

 

Beide Frauen verbindet die Liebe zur Sprache und die leben sie in den E-Mails aus. Poetische Formulierungen, wunderschöne Wortschöpfungen und Sprachbilder schaffen die beiden und es scheint, als bräuchten sie die Korrespondenz, um das eigene Schreiben immer wieder neu zu entdecken und sich gegenseitig zu inspirieren.

 

Durch die jahrelange Freundschaft ist auch die gemeinsame Vergangenheit immer wieder Thema. Johannas verstorbene Eltern, ihr Bruder und ihre zurückliegende Krebserkrankung und Mártas ungarische Familiengeschichte halten immer wieder Einzug in die Unterhaltungen. Ebenso die Orte der Kindheit, die für beide Sehnsuchtsorte sind.

 

Viel geht es auch um verpasste Gelegenheiten und die Frage, ob das Leben, das man lebt zum ursprünglich erdachten Lebensentwurf passt. Oft wirkt es so, als wären die beiden Frauen Ertrinkende, die sich im Studel des Alltags gegenseitig über Wasser halten. Mit letzter Kraft so scheint es, schleppen sie sich zum Teil vor den Computer und tippen eine Nachricht an die Freundin. Meist hundemüde, aber wie beide es allzu oft betonen durchaus so gewollt: „Schlafen werden wir später.“

Die Freundinnen teilen alles miteinander und auch alles was schief läuft, wird schonungslos mitgeteilt. Diese Ehrlichkeit und Offenheit ist es auch, die eine Sogwirkung entfaltet. Man will teilhaben am Leben der beiden und wissen, wie sie ihren Alltag meistern oder eben wie sie an bestimmten Dingen scheitern.

 

Zsuzsa Bánks Roman ist eine moderne Form des Briefromans, der ausschließlich aus der E-Mail-Korrespondenz der beiden Frauen Jo und Márta besteht. Nebenbei wird daraus zugleich auch eine Huldigung der deutschen Sprache, weil die Freundinnen mit solcher Sprachliebe formulieren, dass es die reinste Freude ist, die Texte zu lesen. Immer wieder sind auch Droste-Zitate eingestreut, die den Text noch poetischer machen. Zu Beginn ist der Erzählstil zwar etwas sperrig und ungewohnt, aber Seite für Seite kommt man den Frauen näher. Am Ende wünscht man sich auch so eine sprachgewandte Freundin, mit der man sich austauschen kann.

 

Fazit: ein sehr außergewöhnlicher Roman über eine Frauenfreundschaft mit Höhen und Tiefen.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Klaus Bernhardt: Panikattacken und andere Angststörungen loswerden

Wie die Hirnforschung hilft, Angst und Panik für immer zu besiegen

 

München ; Ariston ; 2017 ; 208 Seiten ; ISBN 3-424-20177-4

Sie müssen nicht gesund werden, um das Leben ihrer Träume zu leben. Sie dürfen anfangen, das Leben ihrer Träume zu leben, damit sie endlich gesund werden können.“, so das Motto des Heilpraktikers Klaus Bernhardt aus seinem Buch Panikattacken und andere Angststörungen loswerden.

 

Rund fünf Prozent der Deutschen leiden an generalisierten Angststörungen, zwei Prozent an Panikattacken. Ohne erkennbaren Anlass treten plötzlich Schwindel, dann Schwitzen und Zittern, schließlich Herzrasen und Herzstechen auf. „Ich habe einen Herzinfarkt und muss jetzt sterben“ denken viele in diesem Moment. Dann beginnt meist der erste Fehler, die Betroffenen machen rein körperliche Ursachen für die Symptome verantwortlich und hetzen von einem Arzt zum anderen, ohne Erfolg. Das Attest, man ist völlig gesund, beruhigt zwar erst einmal, aber die Symptome treten doch weiter auf. Man sucht weitere Ärzte auf, doch der Befund ist immer das gleiche: Man ist physisch gesund. Erst dann und ziemlich wiederwillig erkennen die Menschen schließlich, dass es sich um ein psychisches Problem handelt und suchen einen Facharzt für Psychiatrie auf, der dann umgehend eine Psychotherapie vorschlägt und anordnet. Wenn die Betroffenen diese positiv annehmen tritt dann nach und nach eine Linderung der Beschwerde auf. Doch so Klaus Bernhardt in seinem sehr beeindruckenden und hilfreichen Buch, viele der bisherigen Therapien beruhen auf alten Forschungsständen, nutzen somit veraltete Heilungsmethoden und sind damit wenig effektiv.

Klaus Bernhardt ist kein promovierter Arzt oder gar Facharzt für Psychiatrie, sondern „nur“ Heilpraktiker für Psychotherapie. In seinen intensiven Untersuchungen zu „Angst“ kam er zu dem Schluss, dass die gängigen Therapieformen veraltet sind und den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften widersprechen. So hat er sich auf eine eigene angeeignete Therapieform für die Behandlung von Angstpatienten spezialisiert. Und der Erfolg gibt ihm Recht: 70 Prozent seiner Patienten sind bereits nach sechs Sitzungen vollständig von ihrer Angst und Panikattacken befreit.

Im ersten Kapitel führt Bernhardt die Ursachen von Pankattacken auf. Zunächst, was sind eigentlich Panikattacken? Eine Panikstörung ist durch wiederkehrende schwere Angstattacken gekennzeichnet, die nicht nur in einer spezifische Situation oder Umgebung auftreten und daher auch nicht vorhersehbar sind. Die wesentlichen Symptome sind ähnlich wie bei anderen Angsterkrankungen: plötzlich auftretendes Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsgefühle, Schwindel und Entfremdungsgefühle. Oft haben Betroffene auch Angst zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder wahnsinnig zu werden. Als eigentliche Ursachen sieht Bernhardt Panikattacken als letzte Stufe von missachteten Warnsignalen des Körpers, Medikamenten- oder gar Drogeneinnahmen, oftmaliges negatives Denken sowie der sogenannte „secondary gain“, das bedeutet das Auftreten einer Panikattacke hat einen (unbewussten) positiven Effekt. Interessant ist dabei auch, dass bei 70 Prozent der Betroffenen die Ursachen im persönlichen Umfeld liegen, also in Partnerschaften, Arbeitsumgebung oder auch Freundeskreis.

Im zweiten Kapitel appelliert der Heilpraktiker, nicht so sehr auf den Kopf, sondern wieder mehr auf den Bauch, das Unterbewusstsein zu hören. Dort werden die Warnsignale wahrgenommen, nur hier spürt und fühlt man, was einem gut tut. Warnsignale, so der Autor, sind ein Zeichen dafür, dass man etwas im Leben ändern muss. Im folgenden Kapitel geht es darum, die äußeren Umstände, die zu Panikattacken führen, zu erkennen und zu eliminieren, insbesondere die Einflüsse des unmittelbaren Umfelds. Im wichtigsten vierten Kapitel wird dann beschrieben, wie man wieder „panikfrei“ leben kann. Die Lösung ist ganz einfach: Man sollte das tun und vor allem auch denken, was einem Spaß macht, Freude und Entspannung bereitet. Auf eine gewisse Art verlernt man dann „Angst“, für ängstliche Gedanken ist dann kein Platz mehr im komplexen Geflecht des Gehirns.

 

Dazu stellt er die sogenannte „10-Satz-Methode“ zur Neuprogrammierung des Gehirns sowie die „5-Kanal-Technik“ für das Denken mit Sinneswahrnehmungen vor. Bei der „10-Satz-Methode“ beantwortet man ganz für sich Fragen für ein eigenes wunderbares Leben und bringt unter von Bernhardt gesetzten Regeln 10 Sätze zu Papier, wie man sich ein perfektes Leben vorstellt. Täglich durchdenkt man dann ganz intensiv einen dieser Sätze. Bei der „5-Kanal-Technik“ wird nun das positive Denken mit den Sinneswahrnehmungen verknüpft, also mit Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken und damit das Gehirn verändert. Sehr hilfreich sind im V. Kapitel dann sogenannte Notfalltechniken, wenn man gerade zu Beginn doch noch die eine oder andere Panikattacke hat. Mit „do-it-yourself“ Techniken lernt man, die ständig nach dem gleichen Muster verlaufende Angst-Kettenreaktion zu unterbrechen und die Panikattacke präventiv zu verhindern. Dazu wird ein wertvolles Mentaltraining vorgestellt, dass das Gehirn derart neu vernetzt, dass es nur noch von positiven Gedanken erfüllt ist. Im letzten Kapitel schließlich gibt Bernhardt Hinweise, wie man die Erfolge der Therapie für immer verfestigt und wie man auch sonst ein glücklicheres und erfüllteres Leben führt.

Das Buch erklärt in einfachen Worten Angststörungen und jederzeit nachvollziehbar, was man dagegen in relativ kurzer Zeit machen kann. Medikamentöse Behandlungen, Konfrontationstherapie oder auch Gruppentherapie lehnt Bernhardt ab. Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt an diesem Buch, die Absolutheit der eigenen Methoden über allem anderen zu stellen. Auch andere Methoden haben schon zum Ziel geführt, der Autor und damit das Buch haben es nicht nötig, alles Bisherige schlecht zu reden.

Fazit: Angstpatienten sind weder ernsthaft krank noch „reif für die Klapse“. Das Innere des Gehirns ist lediglich durch ständige negative Gedanken und Selbstzweifeln irgendwie falsch verknüpft. Doch, so Bernhardt, lässt sich das in wenigen Schritten korrigieren, dazu muss man sein Inneres von Sorgen leeren und nur noch mit positiven Gedanken und Gefühlen aufladen. Man muss es nur wollen! Und dazu liefert dieses Buch erstmals einem größeren Publikum hervorragende Hilfestellung, die vor allem schnell helfen und nicht endlose Therapien voraussetzen. Selbst wenn man warum auch immer die Therapien nicht machen möchte, gibt das Buch verständliche Erläuterungen über die Ursachen von Angststörungen. Ein Buch, was allen, die selbst betroffen sind oder die mit Betroffenen täglich Kontakt haben oder mit ihnen zusammenleben dringend zu empfehlen ist.

 

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Andreas Pickel, Harald Kloth

Menno Schilthuizen: Darwin in der Stadt

Die rasante Evolution der Tiere im Großstadtdschungel

 

München ; dtv ; 2018 ; 363 Seiten ; ISBN 3-423-28990-2

 

Bereits im Jugendalter war vor Menno Schilthuizen kein Insekt sicher. Er war ständig auf Jagd nach neuen Exemplaren, um seine Sammlung zu erweitern. Heute ist er Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Leiden und bringt im vorliegenden Buch dem Leser eine ganze Serie von Kuriositäten, welche durch das immer engere Zusammenrücken von Mensch, Tier, Flora und Fauna auf unserem Planeten entstehen, näher.

Als Einstieg wählt er die Parallelen zwischen einem Ameisenbau und einer Stadt. Diese mögen - jedoch nur auf den ersten Blick - für den Leser etwas absonderlich wirken. Doch der Professor erklärt sie sehr verständlich, nachvollziehbar und überzeugend.

"Urbane Evolution ist etwas Schnelles, Beobachtbares und eigentlich Unkompliziertes" ist eine Aussage in seinem Werk.

Er nennt Tier- und Pflanzenbeispiele, vergleicht Land und Stadt von gestern und heute und schildert die Art und Weise der Anpassung der einzelnen Spezies. Damit beweist er die große Bedeutung welche der Stadt als Ökosystem mit ihren vielen kleinen "Lebensinseln" zukommt. Pflanzen, Insekten, Fische, Vögel, ja sogar Säugetiere wie beispielsweise die New Yorker Weißfußmäuse sind von Evolution betroffen.

Ein weiteres, spannendes Kapitel widmet sich der urbanen Lichtverschmutzung und deren Auswirkungen auf die Tierwelt. Dabei stellt sich der Autor auch immer wieder die Frage, welche Veränderungen auf Genetik basieren oder durch Evolution verursacht werden.

"Darwin in der Stadt" ist ein sehr interessantes Werk, erfordert aber viel Aufmerksamkeit beim Lesen und bedient sich stellenweise einer etwas gehobeneren Sprache. Ein Werk, das nicht für den "Schnelldurchlauf" gemacht ist, aber mit verblüffenden Fakten beim interessierten Leser punktet. Es zeigt Beispiele aus Flora, Fauna und Tierwelt, die auf Veränderungen des Lebensraums erfolgreich reagiert haben, um ihren Fortbestand zu sichern.

Fazit: Wissen, das man sich nicht zwingend aneignen muss, aber auf jeden Fall eine Bereicherung ist.

Elisabeth Gonsch

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Harry Bingham: Fiona - Unten im Dunkeln

Kriminalroman

Fiona Griffiths, Band 4

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2019 ; 589 Seiten ; ISBN 978-3-499-27511-1

 

Fiona Griffiths hat sich von ihrem Freund Buzz getrennt und lebt wieder alleine. Noch erschöpft von ihrem letzten Fall klickt sie sich durch die Polizeiakten und wird stutzig. Ein Wachmann stürzte nachts betrunken von einer Klippe in den Tod.  Ein Ingenieur, der sich auf Unterseekabel spezialisiert hat, wird erhängt in seiner Wohnung gefunden. Zunächst deutet alles auf einen Unfall beziehungsweise einen Selbstmord hin.

Doch Fiona wäre nicht Fiona, wenn sie nicht die Nadel im Heuhaufen finden würde. Sie stößt auf Ungereimtheiten, die letztendlich dazu führen, dass Mordermittlungen eingeleitet werden. Zeitgleich ist sie immer noch auf der Suche nach ihrer eigenen Geschichte. Was hat ihr Vater getan und welche Rolle spielte er in seinem Netzwerk?

Fiona heuert ihren ehemaligen Kollegen an, der zwischenzeitlich im Gefängnis saß. Er übernimmt Ermittlungen, die auf offiziellem Polizeiwege so nicht möglich wären. Die dort gewonnenen Indizien legt sie ihren Vorgesetzten vor, weil sie nicht länger als Aushilfe in der Asservatenkammer tätig sein will, denn ihre Welt sind komplizierte polizeiliche Ermittlungen.
Fiona kann ihre Vorgesetzten überzeugen, die nötigen polizeilichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um nach einem mysteriösen Kletterer zu suchen.

 

Zeitgleich deckt sie Versäumnisse in einem anderen Ermittlungsverfahren auf, was zu erheblicher Unruhe im Kollegenkreis führt. Doch nicht alle Wünsche werden Fiona erfüllt, sodass sie letztendlich ohne Wissen ihrer Vorgesetzten auf eigene Faust Undercover ermittelt. Sie gibt sich als Köchin aus, obwohl Kochen nicht zu ihren Stärken zählt.
 
Der mittlerweile vierte Fall um die am Cotard-Syndrom leidende Ermittlerin Fiona zeigt einmal mehr, welche Auswirkungen die Krankheit auf die Persönlichkeitsstruktur hat. Zeitgleich wird ein sehr aktuelles Thema, die Übertragungsgeschwindigkeit bei Unterseekabeln, mitaufgegriffen. Dies alles bringt Harry Bingham zu einem soliden Kriminalroman zusammen.
 
Fazit: guter Krimi für zwischendurch.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth

Anna Funck: Egal, ich ess das jetzt!

Mein Jahr mit grünen Smoothies, Superfoods und anderen bekloppten Ernährungstrends

 

München ; Knaur ; 2019 ; 203 Seiten ; ISBN 978-3-426-78967-4
 
Bücher zum Thema Ernährung gibt es wie Sand am Meer, doch dieses Buch ist erfrischend anders. Die Autorin und Moderatorin Anna Funck hat nämlich einen Selbstversuch gestartet und so ziemlich alle Ernährungstrends ausprobiert, die es gibt. Kein leichtes Unterfangen, wenn es da auch noch einen Mann und zwei kleine Kinder gibt, die ebenfalls bekocht werden wollen.

 

Mit viel Humor und auch ziemlich ehrlich beschreibt die Autorin ihre Erfahrungen mit den einzelnen Trends. Alles wird ausprobiert: von grünen Smoothies über Ayurveda-Küche bis hin zu zuckerfreier Ernährung. Manches mal mehr, manches weniger erfolgreich. Nicht alles lässt sich eben einfach mal in den Alltag integrieren und manche Experimente scheitern dann auch kläglich. Besonders anschaulich werden die Auswirkungen der jeweiligen Ernährungsumstellung auf den eigenen Körper beschrieben. So kann man für sich selbst gut entscheiden, ob man das vielleicht auch mal ausprobieren möchte oder es lieber sein lässt.

Anna Funck schafft es, dass man beim Lesen das Gefühl hat, eine gute Freundin würde von ihren Ernährungsexperimenten erzählen und man würde dann gemeinsam darüber lachen. Dieser Schreibstil macht das Buch einerseits zur unterhaltsamen Lektüre und andererseits erfährt man so ganz nebenbei auch sehr viel Nützliches und Wissenswertes zum Thema Ernährung.
Sehr hilfreich ist die Gliederung des Buches. Jede Ernährungsrichtung hat ein eigenes Kapitel bekommen. Dadurch kann man auch zu einem späteren Zeitpunkt immer mal wieder gezielt zu einem Thema nachlesen.
 
Anna Funck ist es gelungen, auf sehr unterhaltsame Weise einen guten Überblick über die gängigen Ernährungstrends zu geben. Durch die Schilderungen der persönlichen Erfahrungen kann man sich ein gutes Urteil bilden, was für einen selbst zum Ausprobieren in Frage käme. Das Buch liefert also eine gute Orientierungshilfe durch den Ernährungsdschungel.

Fazit: toller unterhaltsamer Überblick über verschiedene Ernährungstrends.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Stefan Bausewein/Julia Schuller: Die Weinmacher

Ein Jahr mit den fränkischen Winzern

 

Cadolzburg ; ars vivendi ; 2018 ; 216 Seiten ; ISBN 3-86913-992-7

 

Wie? Noch ein Buch über Wein? Darauf hat die Welt jetzt wohl gewartet? Ja!

 

Denn dieses Buch ist angesichts der immensen Fülle an Weinbüchern und Weinführern wohltuend anders, es überrascht mit seinem erfrischenden, redaktionellen Konzept, seinen ausdrucksstarken Bild-Material und kreativen Aufbau.

 

In jeder Seite, in jedem Bild, jedem Interview spürt der Leser das Herzblut, das in diesem Projekt steckt, die Heimatverbundenheit der beiden Autoren und die Liebe zum Frankenwein.

 

Dieses Buch führt uns Schritt für Schritt durch das Weinjahr, beginnend mit dem Winter (Rebschnitt), über den Frühling (Drahtarbeiten, Reberziehung, Begrünung und Bodenbearbeitung) und den Sommer (Laubarbeiten, Traubenentwicklung und den Vorbereitungen zur Lese) zum Herbst (Weinlese) und schließlich zurück zum Winter (Kellerarbeit).

 

Es zeigt uns Weinenthusiasten das handwerkliche Können der Winzer, ihre Ängste und Mühen im Weinberg, ihr Know-how, ihre Philosophie und ihren Willen, durch harte Arbeit und mit viel Gefühl für das Terroir und die Traube herrliche Weine zu erzeugen, die das Jahr, den Boden und die Handschrift des Winzers bzw. Winzerin wiederspiegeln.

 

Dieses informative und lesenswerte Kaleidoskop führt uns durch ganz Weinfranken mit seinen verschiedenen Terroirs, zu kleinen Weinbauern, zu alteingesessenen Großwinzern, zu innovativen Jungwinzern, zu einem Büttner und in die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim. Wir besuchen Öko-Winzer, wir treffen Weinbauern, die biodynamisch arbeiten, wir sind im Weinberg mit „Normal“-Winzern und mit Nischen-Winzern philosophieren wir über Wein und mehr.  Alle kommen zu Wort, nehmen kein Blatt vor den Mund, erzählen von ihren Träumen und Ängsten, ihren Visionen, wir schauen mit ihnen über den Tellerrand, sie lassen uns teilhaben an ihren Experimenten und Innovationen und wir lernen vieles über bekannte und weniger bekannte Traubensorten.

 

Auf diese Weise entsteht im Leser ein genaues Bild vom Beruf des Weinbauern, der sich nicht nur im Weinberg und im Keller abspielt; dazu gehört auch Marketing um ihre Erzeugnisse an die Frau bzw. an den Mann zu bringen, der Einsatz von Technik (oder auch nicht) und vieles mehr.

 

Fazit: Hoch das Glas!

 

Wolfgang Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2019 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth

Jojo Moyes: Nächte, in denen Sturm aufzieht

Roman

 

Reinbek ; Rowohlt Polaris ; 2019 ;  475 Seiten ; ISBN 978-3-499-27639-2

Es scheint, als würde der Engländer Mike Dormer kurz davor sein, den größten Deal seit langer Zeit unter Dach und Fach zu bringen. Entsprechend groß ist auch der Druck seines Chefs. Bei dem Projekt geht es um eine Hotelanlage, die er den Investoren schmackhaft gemacht hat. Nun muss Mike nur noch den richtigen Standort für den Komplex finden. Zwar liegt ihm seine Verlobte Vanessa ständig mit den Hochzeitsvorbereitungen in den Ohren, aber selbst diese muss einsehen, dass das Hotelprojekt nun Vorrang hat.

Im beschaulichen Silver Bay an der Küste Australiens scheint Mike all das vorzufinden, was zum Erfolg des Projekts beitragen wird. Auch wenn die Infrastruktur des Ortes zu wünschen übrig lässt, gibt es einen großen Pluspunkt: die Bucht und die Möglichkeit, dort Delfine und sogar Wale zu beobachten. Am eigenen Leib erfährt Mike, wie ergriffen und begeistert man von solch einer Begegnung zurückkehrt. Touristen verirren sich bis dato zwar noch nicht viele nach Silver Bay, aber gerade diese Tatsache könnte Mikes Chance sein, den Standort optimal zu vermarkten.

Während seines Aufenthalts im etwas in die Jahre gekommenen Hotel von Kathleen Whittier Mostyn macht sich Mike Stück für Stück mit dem Leben an der Küste vertraut - natürlich ohne seine wahren Beweggründe für den Aufenthalt preiszugeben. Im Hotel lebt außerdem noch Kathleens Nichte Liza McCullen mit ihrer kleinen Tochter Hannah. Je länger Mike vor Ort ist desto mehr erfährt er über seine Gastgeberinnen. Die toughe Hai-Lady Kathleen beeindruckt Mike. Auch die verschlossene Liza hat es Mike sehr angetan.

Sie scheint ein besonderes Gespür für die Wale zu haben und ist oft die erste, die bei Walbeobachtungstouren auf die Tiere trifft – noch vor allen anderen Booten. Liza und Hannah verbindet ein schicksalhaftes Erlebnis, von dem beide offenbar noch immer traumatisiert sind. Vor den Ereignissen der Vergangenheit sind sie vor Jahren zu Tante Kathleen nach Australien geflohen.

Viel zu spät erkennt Mike leider, dass er mit seinen Plänen das Leben der Frauen, die ihm mit der Zeit ans Herz gewachsen sind, unwiederbringlich zerstören wird. Als dann auch noch Vanessa auftaucht, seine Tarnung auffliegt und deutlich wird, warum er sich wirklich in Silver Bay aufhält, erfährt er Wut und Ablehnung seitens der Bevölkerung. Bei seiner Rückkehr nach England muss er feststellen, dass ihm sein bisheriges Luxusleben fremd geworden ist und er sich an jedem einzelnen Tag in Australien wohler gefühlt hat. Die Beziehung zu Vanessa geht in die Brüche und als Mike bei seiner Schwester Zuflucht sucht, wird ihm klar, dass er sich in die verletzliche Liza verliebt hat.

Hals über Kopf fliegt Mike nach Australien zurück und beginnt nun, mit allen Mitteln gegen das von ihm selbst auf den Weg gebrachte Projekt zu kämpfen. Ob er diesen Kampf David gegen Goliath am Ende für sich entscheiden kann? Und verzeiht ihm Liza, dass er ihr beschauliches Leben sowie Hannahs Zukunft so sehr in Gefahr gebracht hat?

Das Buch "Nächte, in denen Sturm aufzieht" ist eine Neuauflage des bereits 2008 erschienenen Titels "Dem Himmel so nah". Mit diesem Roman beweist Jojo Moyes einmal mehr, dass sie eine grandiose Geschichtenerzählerin ist. Sehr geschickt verwebt sie die Lebensgeschichten sehr unterschiedlicher Menschen mit einer hochaktuellen Thematik. Da prallen rein finanzielle Interessen eines skupellosen Finanzmenschen auf die Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort, denen die eigene Lebenszufriedenheit am allerwichtigsten ist und die einfach nur weiterhin in einer weitgehend unberührten Natur leben wollen. Die Kapitel sind immer abwechselnd aus der Sicht der verschiedenen Personen geschrieben, was die Geschichte noch spannender macht. Auch die Rückblenden in die Vergangenheit der Figuren machen den Roman zu einem echten Pageturner.

Hinzu kommen noch die vielen interessanten Fakten rund ums Thema Wale und Delfine, die ebenfalls sehr geschickt in die Geschichte eingebaut wurden. Man kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, was zu Recht auch dieses Mal wieder zum Bestsellerstatus führen wird.

Fazit: ein Meisterwerk aus der Feder von Jojo Moyes.

 

Sonja Kraus

5 Sterne
5 von 5

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© 2019 Sonja Kraus, Harald Kloth

Katy Mahood: Die Wege, die wir kreuzen

Roman

 

München ; Droemer ; 2019 ; 304 Seiten ; ISBN: 978-3-426-28185-7

 

London 1977: John und Stella treffen in einem Pub aufeinander und verlieben sich. Nicht weit entfernt treffen auch Charlie und Beth aufeinander. Charlie ist schwer gezeichnet, weil bei einem Bombenanschlag seine Schwester und sein bester Freund tödlich verunglückten. Die Wege der beiden Paare kreuzen sich immer wieder, obwohl sie selbst es nicht merken.

 

Stella wird relativ schnell schwanger und muss ihre universitäre Karriere unterbrechen. Zeitgleich beginnt die wissenschaftliche Karriere ihres Ehemannes John. Dies führt zu Spannungen. Stella liebt ihre Tochter Hope über alles, sie trauert aber auch den verpassten Chancen nach. Charlie, der mehr und mehr dem Alkohol verfällt, muss mitansehen, wie die Beziehung zu seiner Frau und der gemeinsamen Tochter Effie zerbricht. Seine Frau lernt den Kollegen Rupert kennen und es dauert nicht lange bis dieser Charlies Platz einnimmt.

 

Die Jahre ziehen ins Land. Während die Kinder älter werden, eröffnen sich für die Eltern neue Möglichkeiten. Doch plötzlich ist nichts mehr wie es war. John erkrankt und kann seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen.

 

London, 30 Jahre später: Hope und Effie lernen sich kennen und beide Familien treffen offiziell aufeinander, ohne zu wissen, dass sie sich schon öfters begegnet sind.

 

Der Roman beschreibt über einen Zeitraum von 30 Jahren die Entwicklung zweier Familien, die sich in der Großstadt London immer wieder kurz begegnen. Sehr dicht an den einzelnen Charakteren beschreibt die Autorin das Auf und Ab zwischenmenschlicher Beziehungen. Sie skizziert dabei auch den Wandel der Liebe im Laufe der Zeit.

 

Fazit: Drei bewegende Jahrzehnte im Leben zweier Familien.

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2019 Matthias Wagner, Harald Kloth