Anna Zimt: In machen Nächten hab ich einen anderen

Mein sinnliches Leben in einer offenen Beziehung

 

München ; Knaur ; 2018 ; 204 Seiten ; ISBN 978-3-426-78949-0

 

„Ich bin Projektionsfläche für die Fantasien meiner Liebhaber und umgekehrt“ – hm, für jemanden, der normalerweise Rezensionen zu Geschichtsbüchern und zeitgeschichtlichen Publikationen verfasst mag es etwas ungewöhnlich und
vielleicht auch nicht ganz einfach sein, das kürzlich erschienene Buch „In manchen Nächten habe ich ein anderen. Mein sinnliches Leben in  einer offenen Beziehung“ zu rezensieren. Aber da ich grundsätzlich auch an anderen Genre interessiert und auch ein weltoffener Mensch sowie offen gegenüber allem Neuen bin, hat das Buch nach einem gelesenen Interview mit der Autorin mein Interesse geweckt.

Das Buch wurde unter dem Pseudonym Anna Zimt verfasst, die in Hamburg wohnt und arbeitet. Sie ist 33 Jahre alt, lebt seit sieben Jahren mit ihrem Mann Max in einer sogenannten offenen Beziehung, davon fünf Jahre als Ehepaar. Sie trafen und fanden sich, als sie 18 waren und ihnen wurde schnell klar, dass sie, egal was kommen würde, gemeinsam durch Leben gehen. Das Paar führte zunächst jahrelang eine „Fernbeziehung“, also beide lebten an verschiedenen Orten, seit drei Jahren sie sind aber nun in der Hansestadt vereint. Anna’s Eltern trennten sich, als sie 14 Jahre alt war, dies dürfte aber auf ihr Liebesleben keinen Einfluss gehabt haben. Um es vorab auf den Punkt zu bringen, das Buch ist sehr schön und sinnlich geschrieben und, gerade weil es über die übliche “gesellschaftliche Moral” hinausgeht, auch anregend in jeder Beziehung.

Eine offene Beziehung wie bei Anna und Max bedeutet nichts anderes wie eine „erfüllte und harmonische Beziehung in der auch Sex mit anderen Menschen erlaubt ist“. Dabei gab es  für die beiden nicht DEN einen Entschluss, dies zu tun, sondern es war ein Prozess von situativen Momenten sowie langen Gesprächen. Man lernt andere interessante Menschen kennen, man will sich und neue Dinge ausprobieren, andere Vorlieben entdecken und das finden die beiden sehr sehr aufregend. Sie finden andere Menschen spannend und wollen sich mit ihnen ausprobieren, einfach ab und an wieder verknallt in jemanden zu sein, ohne die Liebe zwischen ihnen selbst in Frage zu stellen. Es ist das sogenannte „kleine Verliebtsein ins Unbekannte“, was daran reizt. Anna weiß genau, was sie für den Sexpartner sein soll und was dieser für sie sein soll – ein Abenteuer, das seine Grenzen hat. Sie ist die Liebhaberin, die Männer die Liebhaber oder bei Max eben umgekehrt. Sie haben sich auch schon mal getrennt, ihr Ehe hat wie in jeder Partnerschaft ihre Höhen und Tiefen, aber sie stellten immer wieder fest, sie wollten voneinander nicht lassen, sie sind und bleiben ein Liebes(-ehe)paar. Gerade in Krisen haben sie die Gründe dafür eingeatmet, wieder ausgeatmet und schließlich aufgeatmet – es war Platz für die neu erwachte Liebe.

Anna und Max leben ihre offene Beziehung nach festgelegten Regeln, sonst, so die Autorin, würde das nicht funktionieren. Dazu gehört eine offene Kommunikation über die Treffen, auch wenn Details und insbesondere Namen einer Affäre nicht
interessieren, zu interessieren haben. Man trifft sich nicht Zuhause und mit der selben Person grundsätzlich nur alle 14 Tage. Auch Sex mit Freunden oder Kollegen ist Tabu. Sicherlich man kann das Modell der beiden „Hauptdarsteller“ nicht als Blaupause für andere hernehmen, jeder / jedes Paar führt ein unterschiedliches Leben unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen und hat unterschiedlichste Erfahrungen. Gerade auch die aufgestellten Regeln muss jeder für sich selbst definieren, auf viele passt da vielleicht keine einzige! Es gibt ja auch keine “One fits all Lösung”, gerade nicht bei der Liebe und beim Sex. Jedes Paar, das für so etwas offen ist, sollte sein ganz eigenes Konzept entwickeln, ausprobieren und immer wieder anpassen. Aber vieles und viele Momente kann man nicht einfach planen, das ist auch wiederum das Spannende daran.

Das Buch ist wirklich sehr sehr offen geschrieben, ob nun über ihre sexuellen Vorlieben, heißen Erlebnisse, aber auch über Treffen negativer Art, bei denen sie sehr enttäuscht wurde und vor allem über ihre Gefühlswelt. Anna berichtet nicht nur über die „perfekten Affären“, sondern auch über negative Erlebnisse. Doch wie auch an anderen Stellen des Lebens, aus Fehlern kann man lernen und die negativen Erfahrungen machen einen noch reicher und die nächsten Male damit umso erfüllender. Kapitel, aus denen sie über einen Mädelsabend oder von Spaziergängen, Gesprächen mit ihrem Mann berichtet, werden sehr geschickt dazu genutzt, ihre Motivation für eine offene Beziehung, ihre Gefühlswelt und Gedanken wiederzugeben, aber auch andere Formen von Beziehungen zu durchleuchten. Gerade bei der Beschreibung ihrer Gefühlswelt, ihrer Sicht der Dinge  zu offenen Beziehungen, ihrer Motive, hat das Buch meines Erachtens seine Stärken. Die Darstellung „sexueller Aktivitäten“ ist da eher ein - zugegebenermaßen aber schönes und erotisches - schmückendes Beiwerk.

Auch der Einfluss der sozialen Medien in Verbindung mit Partnerportalen wie Tinder, also die Tendenz, nur noch zu schreiben, zu posten, anstelle zu reden, richtig zu kommunizieren, wird kurz angerissen. Sie beschreibt dies als die heutige  „Unverbindlichkeit“, da man jederzeit jemanden aus- und anschalten kann, an sich ran oder auch wieder entfernen lassen kann (das sogenannte „Ghosting“).  Überwiegend suchen Männer nur unverbindliche Affären, so die Erzählungen ihrer Freundinnen. Zu Beginn wird alles haarklein beim „Hin- und herschreiben“ ausgelotet, so dass man dann bis zum ersten Treffen alles von seinem Gegenüber weiß und vermeintlich nichts mehr passieren kann (im Sinne von den Falschen kennenlernen), man sich auf Sex konzentrieren kann. Gefühle, ein „Verknalltsein“ wie bei Anna, die Männer grundsätzlich nur in Kneipen trifft, sieht und gleich spürt, ob sie auf jemanden heiß ist oder nicht, spielen hierbei erst einmal keine Rolle. Bauchgefühl, Intuition, Hormone oder vielleicht trifft gar ihre Vagina die Entscheidung, irgendwie ist sie sich immer sicher, wenn sie mit dem Gegenüber Sex haben möchte. Bei manchen fühlt sie sich gar wieder wie 16, fühlt ein Kribbeln, wie man nur in diesem Alter hatte. Und dieses Kribbeln verlangt dann mehr und am Liebsten sofort. Bei Anna geht es trotz allem Anspruchslosen und Unverbindlichen um mehr als nur die Jagd auf Orgasmen. Es geht um genießen, entspannen und die stete wiederkehrende Spannung des Neuen.

Darüber hinaus kann sie sehr gut beschreiben, was sie fühlt, wenn sie auf andere Männer heiß ist, wie sie sich selbst anmacht, wie sie die Männer anmacht, mit ihnen Sex hat, ihre Gefühle, wenn sie jemand versucht, falsch zu befriedigen, wenn sie vielleicht auch mal abblitzt oder wenn es einfach nicht geht, weil der “begehrte Mann“ dann keinen “Freibrief“ von Zuhause hat und sich daran hält ... oder wenn jemanden ihre „schwache Stelle“ erwischt, Intimität, den Zustand tiefster Vertrautheit aufbaut. Auch hier muss sie dann am nächsten Morgen loslassen, auch wenn der „mentale Kater der Sehnsucht“ unbändig groß ist.

Daneben ist das Buch auch eine Hymne auf Berlin, das gleichermaßen wie eine offene Beziehung spannend ist, in das man verknallt sein kann und durch seine Weltoffenheit natürlich auch einen größeren Fundus für offene Beziehungen und Affären bietet, als zum Beispiel irgendwo in der Provinz.

Ich denke, auch diejenigen, die eine „katholisch geprägte konservative Ehe“ und ein entsprechendes Sexualleben führen (also wenn überhaupt Sex, dann nur samstags, im Dunkeln und Missionarsstellung), kommen da zumindest einmal ins Grübeln (obwohl, lesen so Menschen ein derartiges Buch überhaupt?!?), ob Monogamie der Weisheit letzter Schluss ist. Wie umschreibt es die Autorin so nett: eine offene Beziehung ist die beste Antwort auf die Frage: Fremdgehen oder Treue?, die sich viele im Leben stellen, denn es bedeutet Fremdgehen *und* Treue“. Das Dilemma Treue und Abenteuerlust wird gelöst ohne Fremdgehen oder gar Trennung. Allerdings, wenn der andere Partner eben keine offene Beziehung möchte, nicht einwilligt, dass man mit jemanden anderen Sex hat, dann ist es doch die Frage nach dem „Fremdgehen oder Treue“ (spielt in zwei wie ich finde beindruckend gefühlvollen Kapiteln eine große Rolle). Wenn einer meint, dass sexuelle Exklusivität auch Treue bedeutet, dann ist das jedoch schlichtweg Quatsch - Monogamie heißt einfach “Ein-Ehe” und nicht “Ein-Sexpartner”! Obwohl man sich sonst hervorragend versteht, wird Fremdgehen der Grund für eine Trennung, weil man sich lebenslange Monogamie versprochen hat.  Sex ist wichtig, aber nicht das Kernkriterium für eine exklusive Partnerschaft. Für die Autorin ist es dagegen viel wichtiger, ehrlich zu sein, als die sexuelle Exklusivität zu haben. Bei der Autorin sind es eigenen Angaben zufolge 95% „Ehrlichkeit“, sie will aber auch Geheimnisse gerade über ihre Sexabenteuer haben dürfen und gesteht sie auch ihrem Mann zu ... das hat dann auch nichts mit Lügen zu tun, sondern einfach “ ... was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß”.

Viele Kapitel haben es in das Buch geschafft, viele Geschichten hat sie aber sicherlich seit der Herausgabe erlebt und wird noch viele erleben… vielleicht folgt ja irgendwann ein zweiter Teil.

 

Fazit: Ein sehr offen geschriebenes Buch und nebenbei Hymne auf die Stadt Berlin.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Andreas Pickel, Harald Kloth

Katrin Einhorn: Paris für Anfänger

Roman

 

München ; dtv ; 2018 ; 284 Seiten ; ISBN 978-3-423-21750-7

 

Diese kurzweilige Geschichte beginnt recht harmlos mit dem Besuch eines Flohmarktes, bei dem Paul, Annika und Jojo aufeinander treffen. Bereits zu Beginn arbeitet die Autorin die Charaktere der drei Hauptfiguren detailreich heraus.

Mit Paul begegnen wir einem ruhigen, zuverlässlichen Zeitgenossen, der sein Leben am liebsten geplant umsetzt. Seine Freundin Annika erscheint dagegen eher quirlig und ist beruflich sehr viel unterwegs.

Die letzte im Trio ist Jojo, Annikas Schwester. Das Energiebündel Jojo fällt unter die Kategorie 'unkomplizierter aber anstrengender Lebenskünstler', weshalb Paul gerne einen weiten Bogen um Jojo macht. Jojo verkauft Sachen auf dem Flohmarkt und kauft ebenso selbst dort ein, wenn sie ein Schnäppchen oder eine Rarität aufgestöbert hat. Und eben genau so ein 'kleines Schnäppchen', sprich Kontrabass, macht Jojo an diesem Tag.

An und für sich wäre das kein großartiges Ereignis. Erst die Tatsache, dass Jojo dieses Musikinstrument nach Paris bringen soll, Annika beruflich unterwegs ist und deshalb Paul - wenn auch sehr widerwillig - einspringt um Jojo auf dieser Reise zu begleiten, bringt die ganze Geschichte in Schwung. Der Transport gestaltet sich schwierig, immer wieder tauchen neue Hürden auf, die es zu meistern gilt. Es entwickelt sich eine wahre Schnitzeljagd, die Paul und Jojo auf Trab halten und weitreichende Folgen nach sich ziehen.

Diese Lektüre lebt von den Gegensätzen der Hauptakteure zueinander. Eine amüsante Art von "Schwarz-Weiß-Malerei", die Leselust und Lesegenuß zur Folge hat.

Es ist eine einfache, überschaubare Geschichte, die mit ihrer Lebhaftigkeit sowie ihrem Detailreichtum überrascht und dabei entspannenden, gewaltfreien Lesegenuss bietet.

Fazit: Ab auf die Couch und einfach lesen!

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Clemens und Katja Ettenauer: Katzen in leiwanden Grafiken

Hanna Jungwirth, Simone Hildebrand

Wem ich ständig meine Liebe bekunde

 

Wien ; Holzbaum ; 2018 ; 24 Seiten ; ISBN 978-3-902980-78-6

 

Suchen sie etwas nicht Alltägliches? Sind sie  "Katzenversteher" oder Liebhaber dieser eigenwilligen Spezies? Liebäugeln sie damit, solch einem Fellbündel Unterschlupf zu geben? Dann unbedingt vorher mehrere intensive Blicke in das Heft wagen!

Suchen sie einen nicht alltäglichen Beitrag zum Thema Samtpfote? Haben sie genug von süßen Katzenbildern? Sie sind ein humorvoller Mensch?
Dann dürfte diese Broschüre für sie genau das Richtige sein!

Gnadenlos werden hier die liebenswerten Eigenschaften, Vorlieben und gewöhnungsbedürftigen Eigenheiten unserer Stubentiger ins Licht gerückt. Wenig Text und umsomehr Kreisdiagramme bringen es punktgenau auf's Papier, was jeder
Katzenbesitzer sowieso längst weiß und ihn wissend schmunzeln lässt.

Die Broschüre eignet sich perfekt als kleines Mitbringsel, Geschenk oder nette Geste für liebe Freunde. Mit dem Preis von fünf Euro ist es auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich und hält länger als ein Blumenstrauß.

Fazit: Katzen bringen gute Laune ins Leben - wenn auch hin und wieder erst auf den zweiten Blick!

 

Elisabeth Gonsch

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth

Jennifer Kitses: Ein Tag, eine Nacht

Roman

 

München ; dtv ; 2018 ; 314 Seiten ; ISBN: 978-3-423-28970-2
 
Helen und Tom sind seit Jahren verheiratet und leben mit ihren beiden Töchtern Sophie und Ilona in Devon, wo sie sich ein Haus gekauft haben. Tom pendelt mit dem Zug nach New York, wo er in einer Nachrichtenagentur arbeitet. Ein neuer Tag beginnt im Leben der Familie und keiner ahnt, dass am Ende des Tages nichts mehr so sein wird wie zuvor. Tom erhält eine Nachricht seiner früheren Chefin Donna, mit der er die gemeinsame Tochter Elena hat und von der Helen bisher noch nichts weiß.

 

Sie glaubt, dass der damalige Seitensprung ihres Mannes schon lange Geschichte ist. Tom ist völlig durch den Wind, denn Donna will nach Europa ziehen und natürlich Elena mitnehmen. Fast zeitgleich gerät Helen in eine Auseinandersetzung mit halbstarken Teenagermädchen und merkt, wie eine Aggression in ihr hochsteigt, die sie lange nicht mehr gespürt hat. Das Leben von Helen und Tom steuert an diesem Tag getrennt voneinander auf den Abgrund zu und beide haben scheinbar keinen Plan B.
 
Jennifer Kites ist mit ihrem ersten Roman eine äußerst spannende Geschichte gelungen. Sie schafft es, die Spannung immer auf dem Höhepunkt zu halten. Der Roman könnte auch durchaus im Genre Thriller eingeordnet werden. Obwohl die eigentliche Handlung an nur einem Tag stattfindet, wird die Vergangenheit immer wieder geschickt mittels Rückblenden eingebaut. Die Kapitel sind abwechselnd aus der Sicht der Protagonisten Helen und Tom geschrieben. Spannungserhaltend ist die Tatsache, dass jedes Kapitel immer mit der jeweiligen Uhrzeit versehen ist und so die Handlungsdichte deutlich wird.
 
Fazit: 24 Stunden einer Ehe, die es in sich haben!

 

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Paolo Giordano: Den Himmel stürmen

Roman

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 522 Seiten ; ISBN 978-3-498-02533-5
 
Alles beginnt damit, dass drei Nachbarsjungen nachts heimlich in den Pool der Gasparros springen. Teresa, die Tochter des Hauses, die ihre Ferien immer zusammen mit ihrem Vater bei der Großmutter verbringt, beobachtet alles von ihrem Zimmer aus. Nach dem nächtlichen Vorfall entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Teresa und den Nachbarsjungen. Bern, Nicola und Tommaso leben auf einem Hof ganz in der Nähe. Der tief religiöse Cesare ist Nicolas leiblicher Vater und Berns Onkel. Tommaso hat er als Pflegekind bei sich aufgenommen. Auf dem Hof herrschen strenge Regeln und der dort herrschende beinahe sektenhafte Glaube mutet seltsam an. Dennoch besitzen die Jungs eine Freiheit, die sich Teresa nur wünschen kann und die sie immer wieder fasziniert. Sie findet deren Leben einerseits befremdlich, andererseits will sie aber in der Nähe der Jungen sein und nimmt damit andere Dinge gerne in Kauf.

Teresa und Bern, von dem sie von Anfang an fasziniert war, kommen sich näher und lieben sich einen Sommer lang.
Dann verlieren sie sich aus den Augen und erst als Teresa zur Beerdigung ihrer Großmutter nach Apulien zurückkehrt, sehen sich die beiden wieder. Sie werden ein Paar und leben zusammen mit anderen Umweltaktivisten auf Cesares verlassenem Hof. Das Zusammenleben dort ist immer wieder von Spannungen geprägt in deren Verlauf Teresa Dinge tut, die zum Zerwürfnis mit ihren Eltern führen. Für sie zählt in diesem Moment aber nur die Nähe zu Bern. Doch ist die Liebe wirklich so stark, dass sie das ganze Leben lang mit allen Höhen und Tiefen bestehen wird?

Paolo Giordano erzählt die Geschichte von vier jungen Menschen, die sich über viele Jahre kennen und vieles zusammen erleben. Im Zentrum der Geschichte steht die Beziehung zwischen dem ungestümen Bern und Teresa, der Tochter aus gutem Hause. Wie physikalische Teilchen ziehen sich die beiden an und stoßen sich auch wieder ab. Auf Phasen des Zusammenseins folgen immer wieder Phasen, in denen sich die beiden verlieren. In manchen Momenten scheint Teresa durch ihre bedingungslose Liebe zu Bern nur noch bedingt zu rationalem Handeln fähig zu sein.

Giordano schafft es, diese emotionale Abhängigkeit und völlige Fixierung, die dann in absoluter Lethargie endet, besonders plastisch darzustellen. Diese schier unglaubliche Trägheit und auch die damit verbundene Traurigkeit gehen förmlich beim Lesen auf den Leser über. Gegen Ende hin zeigt sich, welch zerstörerische Kraft die Liebe haben kann und was im Leben letztlich wirklich wichtig ist. Im Wechselbad der Gefühle bleibt der Leser am Ende etwas verstört zurück.

Fazit: trotz einiger Längen ein empfehlenswerter Roman.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Sandra Schmid/Sandra Bühler: Menschen wie Du & Ich

 

Bern ; Stämpfli ; 2018 ; 168 Seiten ; ISBN 978-3-7272-6007-0

 

"Was hat dich im Leben am meisten geprägt?"

 

Die beiden Autorinnen Sandra Schmid und Sandra Bühler sind in Afrika, Amerika, Europa und Asien herumgereist. Dort ermutigten sie Menschen, aus deren Leben und besonderen Erlebnissen zu erzählen. Am Ende dieser interessanten Begegnungen wurde mit Erlaubnis der Interviewten noch eine Fotografie angefertigt.

Bereits das beeindruckende Bild auf dem Cover berührt einen und weckt Neugierde auf den Inhalt.

Die hochwertige Bindung, das Großformat, die schwarzweissen Fotos und das ansprechende Design machen diesen Fotoband zu etwas Besonderem.

 

Man blättert gespannt ... eine weiße Seite mit kleinem schwarzen Herz. Dann folgt das aussagekräftige Vorwort der Autorinnen zum „Drehbuch des Lebens“ jedes Einzelnen von uns, weckt Gänsehaut und das Verlangen nach „Mehr“. Treffender kann man kaum formulieren. Schon dieser Einführungstext berührt, bestätigt und regt zum Nachdenken an.

Die wunderbaren, aussagekräftigen Fotografien im Innenteil sagen oft mehr als Worte. Warum suchen Menschen den besonderen Kick im Konsum von Drogen? Was motiviert dazu weit über seine Grenzen zu gehen? Wie geht es Überlebenden der Terroranschläge am 11. September 2001?

Jeder Mensch schreibt jeden Tag ein neues Kapitel seines Lebens, zum Teil bestimmen wir den Inhalt selbst, vieles können wir nicht oder nur begrenzt beeinflussen. Lebensgeschichten aus der ganzen Welt, die unterschiedlicher nicht sein könnten und in welchen Gut und Böse oft sehr nahe beieinander liegen.

 

Fazit: Dieser tolle Fotoband zeigt eine bunte Palette von sehr tiefgehenden Kurzbiografien "... am Ende sind wir alle Menschen wie du und ich."

 

Jutta Kloth

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Jutta Kloth, Harald Kloth

Christian Schenk/Fred Sellin: Riss

Mein Leben zwischen Hymne und Hölle

 

München ; Droemer ; 2018 ; 256 Seiten ; ISBN: 978-3-426-27768-3

Der 1965 in Rostock geborene Christian Schenk ist in der DDR aufgewachsen. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gewinnt er die Goldmedaille im Zehnkampf. Drei Jahre später holt er dann bei der Weltmeisterschaft in Tokio die Bronzemedaille. Keiner - am wenigsten er selbst - ahnt, dass die Lebenskurve auch eine andere Richtung kennt und es auch bergab gehen kann.

Mit Hilfe des Autors Fred Sellin erzählt Christian Schenk seine Lebensgeschichte, angefangen von den Vater-Sohn-Konflikten bis hin zu den fragwürdigen Trainingsmethoden und Medikamentengaben in der DDR. Nach und nach erkennen sowohl er selbst als auch Personen aus seinem Umfeld, dass er an einer schweren psychischen Erkrankung leidet. Die bipolare Störung hat zwei extreme Gesichter: einerseits die euphorischen, produktiven ja geradezu manischen Phasen, andererseits die schwerdepressiven Phasen, wo es ihm schwer fällt, das Bett zu verlassen.

Christian Schenk erzählt, wie schwer es ihm fiel, die Krankheit zu akzeptieren und mit ihr zu leben: „man reflektiert nur in der Niederlage. Und die Krankheit ist eine Niederlage.“

Er zeigt auf, wie mühsam es ist, mit dieser Krankheit zu leben, auch wenn ihm bekannt ist, welche Auswirkungen sie hat: „es sind jedes Mal die gleichen Abläufe: Berg türmt sich auf. Ich sehe den Pfad nicht, der zum Gipfel führt.“

Das Buch ist in 2 mal 13 Kapitel aufgeteilt. Vor jedem Erzählkapitel ist eine kurze Erlebnisbeschreibung eingefügt, die erahnen lässt, was in der erkrankten Person vor sich geht.

Die Lektüre dieses Buches macht durchaus betroffen, weil man anhand der Schilderungen hautnah miterleben konnte, wie nach einem großen Erfolg, was ein Olympiasieg durchaus ist, die Welt aus den Angeln gerät. Es gibt aber auch jede Menge Hoffnung in den Schilderungen.

Diese Zuversicht möchte man jedem Betroffenen wünschen: „wie es auch weiter geht, es wird gute Tage geben und schlechte ... Am nächsten Morgen geht die Sonne wieder auf. Und dann werde ich dabei sein.“

Fazit: eine Lebens- und Leidensgeschichte, die anrührt.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Daniel Speck: Piccola Sicilia

Roman

 

Frankfurt ; FISCHER; 2018 ; 621 Seiten ; ISBN: 978-3-596-70162-9

Ninas Leben befindet sich gerade an einem Wendepunkt. Ihre Ehe mit Gianni ist gescheitert, aber die Scheidungspapiere möchte sie doch noch nicht sofort unterschreiben. Da erreicht sie der Anruf ihres alten Freundes Patrice, der vor Sizilien nach einem mysteriösen Nazi-Schatz sucht.

Als sich die Deutschen aus Tunis zurückzogen sollen sie noch versucht haben, sechs Kisten beschlagnahmten jüdischen Schmuckes außer Landes zu bringen. Doch das Flugzeug stürzte offenbar ins Meer und ebenjenes Flugzeug will Patrice jetzt finden. Dabei ist er auch auf den Namen von Ninas Großvater gestoßen, der eigentlich als in der Wüste verschollen galt. Kann das sein? Nina ist verwirrt und reist nach Italien.

Als sie in Marsala neben Angehörigen anderer Besatzungsmitglieder auch noch auf Joëlle trifft, gerät Ninas Welt ins Wanken. Joëlle behauptet nämlich, dass Ninas Großvater Moritz ihr Vater sei. Während sich die Bergungsarbeiten des Flugzeugwracks hinziehen, erfährt Nina von Joëlles Familie. Die jüdische Familie Sarfati lebte in Piccola Sicilia, dem italienischen Viertel von Tunis. Dort herrschte ein friedliches Nebeneinander von Juden, Muslimen und Christen, bis der Krieg kam und das Klima vergiftete.

Joëlles Mutter Yasmina war von den Sarfatis adoptiert worden, weil sie ebenfalls Jüdin war. Zu Victor, dem Sohn der Sarfatis hatte Yasmina ein sehr inniges Verhältnis, was ihr letztlich auch zum Verhängnis werden sollte. Denn in Zeiten in denen aus Freunden plötzlich Feinde werden, ist keiner mehr sicher. Aber was verbindet den Nazi Moritz mit der jüdischen Familie?
Stück für Stück enthüllt Joëlle eine faszinierende Familiengeschichte voller Geheimnisse.

Daniel Speck arbeitet mit ‚Piccola Sicilia‘ ein Stück deutscher Geschichte auf, dem bisher noch wenig Beachtung geschenkt worden ist. Auch in Nordafrika versteckten Muslime jüdische Nachbarn vor den Deutschen. Die Geschichte beruht außerdem auf einer wahren Begebenheit und zeigt, dass auch in barbarischen Zeiten die Menschlichkeit über allem stehen kann.

Der Autor versteht es, die von Joëlle erzählten Rückblicke so geschickt mit den Geschehnissen der erzählten Gegenwart zu verknüpfen, dass das Buch vom Anfang bis zum Ende spannend und unterhaltsam bleibt.

Fazit: eine spannend erzählte Geschichte, die uns lehrt, wie wichtig es ist, Menschlichkeit zu zeigen – damals wie heute.

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Haylen Beck: Ohne Spur

Thriller

 

München ; dtv ; 2018 ; 384 Seiten ; ISBN 978-3-423-21764-4

Audra Kinney ist mit ihren zwei Kindern Louise und Sean auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Mit dem Auto will sie von New York zu einer Freundin nach San Diego, einmal quer durch die USA. Mitten in der Wüste von Arizona, nahe der Ortschaft Silver Water wird sie vom örtlichen Sheriff angehalten, angeblich, weil ihr Auto überladen ist. Im Kofferraum ihres Wagens findet der Sheriff Whiteside ein Päckchen Marihuana. Aufgrund dieses Fundes wird Audra schließlich verhaftet. Zwischenzeitlich trifft Whitsides Kollegin Collins ein, die die beiden Kinder in ihre Obhut nimmt.

Auf dem örtlichen  Revier angekommen erkundigt sich Audra beim Sheriff nach den Kindern, worauf dieser nur antwortet: „Welche Kinder?“ Sie versteht die Welt nicht mehr. Der schlimmste Albtraum einer Mutter beginnt, denn ihre Kinder sind spurlos verschwunden und keiner glaubt ihr.

Alle sind der Meinung, sie habe den Kindern etwas angetan, war doch in New York auch die Jugendbehörde bei ihr. Audras Wort steht gegen das des Sheriffs Whiteside. Niemand will ihr glauben und es tauchen immer mehr Beweise gegen sie auf. Doch Danny, ein Mann, dem vor Jahren ähnliches passiert ist, glaubt ihr. Aber kann er ihr auch wirklich helfen?

Mit 'Ohne Spur' ist Heylen Beck ein spannendes und sehr unterhaltsames Debüt gelungen. Die Autorin schafft es, die Spannung vom ersten bis zum letzten Wort zu steigern. Immer wieder gibt es neue Wendungen die das Buch zum Pageturner machen.

Fazit: Der Albtraum jeder Mutter, ein großartig aufgebauter Thriller.

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Axel Petermann/Claus Cornelius Fischer: Die Elemente des Todes

True-Crime-Thriller

 

München ; Knaur ; 2018 ; 496 Seiten ; ISBN 978-3-426-52313-1

 

In diesem True-Crime-Thriller des Autors Claus Cornelius Fischer und des bekannten Profilers Axel Petermann ermittelt Hauptkommissar Kiefer Larsen in einer äußerst brutalen Mordserie in Norddeutschland. Schon bald geraten die eiskalten und skrupellosen Freunde und Geschäftsmänner Daniel Becker und Moritz Vogel ins Visier der Ermittler. Dennoch wird es schwierig, ihnen die Morde tatsächlich nachzuweisen. Können die Kommissare um Kiefer Larsen die Mörder rechtzeitig stoppen, bevor ein weiterer Mensch aus dem Weg geräumt wird?

 

Der Klappentext verspricht einen packenden Thriller über die Abgründe des Bösen. Leider machen es die Autoren es dem Leser am Anfang nicht leicht in die Handlung einzusteigen. Zu viele verschiedene Namen, Personenkonstellationen und Zeitsprünge sorgen für Verwirrung. Erst nach ca. 200 Seiten gelingt es den Fischer und Petermann den Leser an die Story zu fesseln, denn dann möchte man wissen, wie es mit den gewissenlosen und abgebrühten Killern weitergeht. Dazu braucht man viel Durchhaltevermögen, wird aber schließlich mit einer rasanten und packenden Handlung belohnt.
Das Buch ist durchzogen von sadistischen Phantasien und Szenen. Zudem machen die vielen grausamen Details der Gewaltszenen und Morde dieses Buch zu einer wirklich harten Kost.

 

Der Schreibstil ist vor allem anfangs holprig und erschwert den Lesefluss noch zusätzlich. Im Vergleich zu den True-Crime-Thrillern von Michael Tsokos und Andreas Gößling kann dieses Buch von Story und Schreibstil nicht mithalten.
Von Hauptkommissar Larsen erfährt der Leser zu viele unwichtige Details über seine Vergangenheit und sein Privatleben. Interessant sind jedoch die Einblicke in die Ermittlungsarbeit der Kommissare und besonders in die Fallanalyse.

 

Fazit: Ein Thriller mit deutlichen Schwächen. Mit viel Durchhaltevermögen wird man mit einer fesselnden Jagd auf die Mörder belohnt.

 

Katrin Hildenbrand

3 Sterne
3 von 5

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© 2018 Katrin Hildenbrand, Harald Kloth

Jussi Adler-Olsen: Miese kleine Morde

Crime Story

 

München ; dtv ; 2018 ; 124 Seiten ; ISBN: 978-3-423-21762-0

Lars Hvilling Hansen wird von seiner Ehefrau verlassen, weil sie in ihm nur einen Langweiler sieht. Ziellos und ohne Plan stolpert er durchs Leben, bis ihm beim Friseurbesuch eine geniale Geschäftsidee kommt. Er hört den Kundinnen zu, wie sie über ihre Ehemänner lästern. Die Idee reift in ihm und er beschließt, Auftragsmörder zu werden. Ganz dezent und unauffällig können sich die Damen so ihrer Männer entledigen und Lars lebt ganz gut von den Provisionen. Doch Francois, der Friseur glaubt nicht an so viele Zufälle, beginnt zu kombinieren und stellt Lars zur Rede.

Mit einem kleinen Krimi schafft es Jussi Adler-Olsen seinen Fans das Warten auf den nächsten Krimi um das Sonderdezernat einigermaßen erträglich zu machen. Aus der Sicht von Lars entwickelt sich eine rasante Geschichte, in der die Abgründe menschlicher Natur immer wieder beleuchtet werden.

Fazit: Eine tolle Stunde Krimigenuss!

Matthias Wagner

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Lori Nelson Spielman: Heute schon für morgen träumen

Roman

 

Frankfurt ; FISCHER Krüger ; 2018 ; 397 Seiten ; ISBN: 978-3-8105-3062-2

Emilia, die einfach oft nur Em genannt wird, ist hin- und hergerissen. Soll Sie die Einladung Ihrer Tante Poppy annehmen und diese nach Italien begleiten? Ihrer Nonna Rosa ist die ganze Sache ein Dorn im Auge. So war es immer schon, wenn es um Poppy ging. Aus welchem Grund auch immer scheint das Band zwischen den beiden Schwestern für alle Zeit zerrissen zu sein. Andererseits wäre diese Reise für Em auch eine riesengroße Chance. Statt sich permanent von anderen Familienmitgliedern bevormunden zu lassen, könnte sie ein Abenteuer erleben und für eine kurze Zeit die Freiheit genießen. Verständlich, dass die Familie von der Idee alles andere als begeistert ist. Schließlich ist Em regelmäßig Kindermädchen für die Töchter ihrer Schwester Daria. Tagein und tagaus arbeitet sie außerdem als Bäckerin im elterlichen Geschäft um dann abends in ihre kleine Wohnung zurückzukehren, wo nur ihr Kater auf sie wartet. Alle haben sich damit abgefunden, dass es keinen Mann in Emilias Leben gibt, obwohl sie schon dreißig ist. Auf den zweitgeborenen Töchtern der Familie Fontana lastet nämlich offenbar ein Fluch. Sie sind dazu verdammt, alleine zu bleiben.

Letztlich ist es dann auch die Hoffnung darauf, dass ihre Tante Poppy in Italien diesen Fluch durchbrechen könnte, die Em und ihre Cousine Lucy – ebenfalls eine Zweitgeborene – dazu bewegen, die Reise anzutreten. Das Vorhaben der flippigen Tante scheint verrückt zu sein. Vor über fünfzig Jahren hat sie einem Mann, den sie damals liebte, das Versprechen gegeben, dass sie an ihrem achtzigsten Geburtstag auf den Kirchentreppen in Ravello auf ihn warten wird. Die Hintergründe der Geschichte erfahren Emily und Lucy im Laufe der Reise immer häppchenweise. Schnell wird deutlich, dass diese Reise für die Tante die letzte ihres Lebens sein wird und sie möglicherweise gar nicht mehr nach Amerika zurückkehren wird. Sie ist unheilbar krank und hat nicht mehr lange zu leben. Dennoch überrascht die alte Frau ihre Nichten immer wieder mit ihrer ungetrübten Zuversicht und positiven Lebenseinstellung. Ob ihr größter Wunsch, das langersehnte Wiedersehen mit dem geliebten Mann wohl Wirklichkeit wird?

Lori Nelson Spielmans Roman ist eine Familiengeschichte mit Sogwirkung. Durch die in regelmäßigen Abständen eingestreuten Rückblenden in die Vergangenheit wird die außergewöhnliche Lebensgeschichte der flippigen Poppy erzählt. Zwar ist so manches an vielen Stellen vorhersehbar, aber dennoch bleibt der Roman unterhaltsam. Das Buch hat alles, was man sich für so eine Geschichte wünscht: Leichtigkeit und Tiefgang zugleich. Und am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man seine Träume nicht aufgeben sollte.

Fazit: Familiengeschichte mit viel Herz und Schmerz.

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Wolfgang Herrndorf: Stimmen

Texte, die bleiben sollten

 

Berlin ; Rowohlt ; 2018 ; 191 Seiten ; ISBN: 978-3-7371-0057-1

Dieses unscheinbare dünne Buch hat es in sich. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der seinem Leben aufgrund eines bösartigen Hirntumors im Sommer 2013 vorzeitig ein Ende setzte, hat sich vor seinem Tod sehr viele Gedanken darüber gemacht, welche Texte posthum veröffentlicht werden sollten.

Alles, was er als zu schlecht empfand, hat Herrndorf vor seinem Tod noch selbst vernichtet. Umso sorgfältiger scheint er bei der Auswahl der Texte gewesen zu sein, die wirklich für die Nachwelt erhalten werden sollten. Für den vorliegenden Band, der laut Verlagsankündigung der letzte mit Werken aus dem Nachlass Wolfgang Herrndorfs sein wird, haben seine Nachlassverwalter Großes geleistet.

Die Texte in ‚Stimmen‘ – übrigens war ‚Stimmen‘ auch eines von Herrndorfs Pseudonymen, unter dem er im Internetforum ‚Wir höflichen Paparazzi‘ schrieb – spiegeln das Können des Autors wieder. Anklänge an seinen wohl erfolgreichsten Roman ‚Tschick‘ finden sich darin ebenso wie Gedichte oder ein skuril-philosophisches Gespräch in einer Trash-TV-Show.

Auch in diesen fragmentarischen Stücken zeigt sich Herrndorfs besondere Art des Erzählens. Die Texte sind perfekte Mischungen unterschiedlicher Gefühlslagen und das macht sie zu typischen Herrndorf-Texten.

Mal lustig, mal sentimental, aber niemals ins Kitschige abdriftend. Besonders bemerkenswert sind die im Buch enthaltenen Kindheitsrückblicke. In ihnen wird sehr deutlich, welch großer Verlust Herrndorfs Tod für die Literaturszene ist. Zwar werden Generationen von Schülern seinen ‚Tschick‘ als Klassenlektüre lesen, aber da wäre noch so viel mehr möglich gewesen. Den Lesern bleiben jedoch nur die Texte, die nach dem Wunsch Herrndorfs auch bleiben sollten.

Fazit: beeindruckendes Vermächtnis eines Autors, der sein Handwerk beherrschte.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Sebastian Fitzek: Der Insasse

 

München ; Droemer ; 2018 ; 365 Seiten ; ISBN: 978-3-426-28153-6

In der Familie Berkhoff ist nichts mehr so, wie es früher war. Seit einem Jahr ist der kleine Max, der nur kurz die Nachbarin besuchen wollte, verschwunden. Sein Vater ist fest davon überzeugt, dass auch für dieses Verbrechen der Psychopath Guido Tramnitz verantwortlich ist, der nach seinem Prozess in der geschlossenen Psychiatrie sitzt. Er hat ein ausführliches Geständnis über seine Taten abgelegt, aber mit keinem Wort den kleinen Max Berkhoff erwähnt.

Wie aber können die Eltern Gewissheit erlangen, was mit ihrem Kind passiert ist, wenn der Täter schweigt und es auch sonst keine weiteren Anhaltspunkte gibt? Doch eine Chance bleibt, sich dem mutmaßlichen Täter zu nähern: selbst Insasse der Psychiatrie zu werden.

Es ist jedoch nicht abzusehen, was hinter den hohen Mauern alles passieren wird. Wer spielt hier welches Spiel und wem kann man vertrauen? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn in den Wirrnissen keimt auch der Hoffnungsschimmer auf, dass Max eventuell doch noch am Leben ist.

Der neue Psychothriller von Sebastian Fitzek ist bereits haptisch ein Genuss. Wer ihn in die Hand nimmt, spürt beim Lesen die Gummizelle. Das entgeht dann leider den Lesern der elektronischen Version. Wie üblich entwickelt Fitzek wieder einen raffinierten Plot, der bis zum Schluss spannend bleibt und Überraschungen birgt.

Fazit: Ein ordentlicher Psychothriller á la Fitzek.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Anna Tell: Vier Tage in Kabul

Die Unterhändlerin. Band 1

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 359 Seiten ; ISBN 978-3-499-27384-1

Amanda Lund arbeitet bei der schwedischen Kriminalpolizei und bildet in Afghanistan die dortigen Polizisten aus. Als zwei Botschaftsmitglieder entführt werden, beordert sie ihr Chef Bill Ekman zu einem Einsatz nach Kabul, da sie dort als Verhandlungsspezialistin gute Dienste leisten kann. Zeitgleich wird in einem Park in Schweden eine Leiche gefunden. Wie sich herausstellt, handelt es sich um einen Mitarbeiter des Außenministeriums, der vor kurzem aus Afghanistan zurückbeordert wurde.

Amanda versucht in Kabul mit den Ansprechpartnern in den einzelnen Institutionen wie der Botschaft und dem Innenministerium zu verhandeln, damit ein gemeinsames Vorgehen der Sicherheitskräfte möglich wird. Sie merkt jedoch sehr schnell, dass Absprachen nicht eingehalten werden. Als gleich zwei Befreiungsaktionen scheitern, ist der schwedische Botschafter plötzlich nicht mehr erreichbar. Die Situation spitzt sich zu, weil deutlich wird, dass die Entführer schön langsam die Nerven verlieren.

Währenddessen versucht Bill in Schweden die Zusammenhänge herzustellen, was ihm schwerfällt, weil die Ministerien ein absolutes Informationsverbot erlassen haben. Mehr und mehr kommt die Frage auf, wer welche Fäden in den Händen hält.

Anna Tell entwickelt einen rasanten Thriller. Anhand mehrerer Erzählstränge, die immer wieder miteinander verschlungen sind, wird ein toller Spannungsbogen aufgebaut, der auf ein fulminantes Ende zuläuft.

Fazit: ein absolut lesenswerter Thriller mit topaktueller Thematik.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Achill Moser: Unterwegs

Vom Sinn des Reisens und von der Magie des Abenteuers

 

München ; dtv ; 2018 ; 270 Seiten ; ISBN: 978-3-423-26182-1

Wer wäre besser geeignet, den Menschen etwas über den Sinn des Reisens zu erzählen als jemand, der selbst fast die ganze Welt bereist hat? Achill Moser ist so jemand. Er hat bei Nomadenvölkern in Afrika und Asien gelebt, ist zu Fuß durch Wüsten gewandert und hat neben zahlreichen Reisereportagen auch schon einige Bücher veröffentlicht.

In 'Unterwegs' erzählt er von seinen Reisen in die unterschiedlichsten Gegenden der Welt und von den zum Teil existenziellen Erfahrungen, die er dabei gemacht hat. Ob Island, Kanada oder die Sahara – jede Landschaft hat für ihn ihren eigenen, ganz speziellen Reiz. Deshalb ist das Buch auch unterteilt in Kapitel, die zum Beispiel 'Wälder – grüne Wunder'oder 'Wüsten – freie Räume' heißen.

Seine detailreichen Schilderungen untermauert Moser mit vielen geschichtlichen Daten und anderen wissenswerten Fakten. Zum Teil zitiert er auch aus den Reiseberichten anderer Forschungsreisender.

Die Erkenntnis, dass nicht der Mensch die Landschaft formt, sondern die Landschaft den Menschen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Achill Moser geht es darum, den Menschen zu zeigen, dass man sich auf Abenteuer einlassen und neue Wege gehen muss. Nur dadurch kann man Neues entdecken, neue Seiten an sich kennenlernen und zeitgleich zur Ruhe kommen. Darin liegt für ihn die Magie des Reisens. Man ist unterwegs und findet dabei aber auch zu sich zurück.

Jedes Kapitel dieses Reisebuches wird durch ein oder mehrere wunderschöne Fotos und dazu passende Zitate eingeleitet. Einzig das Schriftbild selbst ist etwas gewöhnungsbedürftig und stört etwas den Lesefluss – aber das ist wohl Geschmackssache.

Fazit: auch wenn die Schilderungen manchmal etwas langatmig sind, handelt es sich um ein interessantes Buch zum Thema Reisen.

Sonja Kraus

3 Sterne
3 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Rita Falk: Eberhofer, Zefix!

Geschichten vom Franzl

 

München ; dtv ; 2018 ; 128 Seiten ; ISBN 978-3-423-28991-7

 

Was soll man jetzt – vor allem als Niederbayer und bekennender Eberhofer-Fan – zu dieser Anthologie sagen?

Vielleicht „schade“ dass sich dtv dazu durchringen konnte, vier bereits seit langem bekannte Geschichten vom Eberhofer Franz in ein Buch zu pressen und für den kleinen Preis auf den Markt zu werfen.

Eigentlich sind es ja vier urkomische, schräge Gschichterln, die vom Stunk mit der Susi, einem dämlichen Mordfall im Ruhrpott, einem Wellnes-Wochenende in Österreich mit dem Simmerl, dem Flötzinger und mindestens 17 Stamperln Himbeergeist handeln und wie und warum der Franz sein Herz an den Ludwig verlor.

Vielen Fans der Reihe wird das sauer aufstoßen, denn das geht eindeutig Richtung nepp!
Was ist also das Fazit für den neuesten Eberhofer?

Genau: Frau Falk, zefix!

 

Wolfgang Gonsch

1 Stern
1 von 5

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© 2018 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth

Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Die Opfer, die man bringt

Ein Fall für Sebastian Bergman. Band 6

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 556 Seiten ; ISBN: 978-3-8052-5088-7

Nach dem letzten Fall „Die Menschen, die es nicht verdienen“ ist für den Leiter der Reichsmordkommission Torkel Höglund klar, dass der Kriminalpsychologe Sebastian Bergmann nicht mehr Teil des Teams sein kann. In den letzten Jahren hat sich einfach zu viel ereignet. Sebastian muss sich damit abfinden, auch wenn er zu gerne weiterhin in der Nähe von Vanja sein würde. Was er jedoch nicht weiß ist, dass Vanja sich längst nach Uppsala versetzen ließ.

Dort beschäftigt Vanja und ihre derzeitige Chefin Anne-Lie eine Vergewaltigungsserie. Anne-Lie beschließt, Sebastian Bergmann einzuschalten, da sie bei den Ermittlungen nicht weiterkommen, was bei Vanja natürlich jede Menge Unmut auslöst. Da die Serie an Verbrechen nicht abreißt, wird die Reichsmordkommission eingeschaltet und somit sind Torkel, Ursula und Billy wieder mit von der Partie.

Billy durchlebt ein Auf und Ab an Gefühlen, denn was in ihm schlummert ist alles andere als ungefährlich. Nur Sebastian ahnt, was in ihm vorgeht, doch Billy schafft es durch kluge Schachzüge keinerlei Verdacht auf ihn zu lenken. Seit Monaten ist nämlich die ehemalige Kollegin Jennifer verschwunden, angeblich bei einem Höhlentrip in Frankreich. Ihr Vater kann dies aber nicht glauben und wendet sich vertrauensvoll an Billy. Die Vergewaltigungen reißen nicht ab, jetzt werden sogar Opfer zum zweiten Mal überfallen. Aber warum geschieht dies gerade jetzt?

Mit dem sechsten Fall um den Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann ist den beiden Autoren wieder ein Top-Krimi gelungen. Sie schaffen es die Spannung über mehr als 500 Seiten auf sehr hohem Niveau zu halten. Der Plot ist großartig, inklusive der überraschenden Wendungen. Die Geschichte des Teams wird weiterentwickelt und die detaillierte Sicht auf die einzelnen Charaktere lässt einen immer wieder erschauern, vor allem wenn es um Billy geht.

Fazit: Krimi der Extraklasse!

 

Matthias Wagner

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Dora Heldt: Drei Frauen am See

Roman

 

München ; dtv ; 2018 ; 573 Seiten ; ISBN: 978-3-423-26206-4

Die vier Mädchen Marie, Fiedi, Jule und Alex verbindet eine innige Freundschaft. Die Sommer ihrer Jugend verbringen sie immer zusammen im Haus am See, das Maries wohlhabenden Eltern gehört. So unterschiedlich die vier Mädchen auch sind, sie ergänzen sich perfekt. Dass Marie aufgrund ihres Herzfehlers oft nicht so mithalten kann spielt keine Rolle. Nachdem alle einen Schulabschluss in der Tasche haben, trennen sich die Wege zwar zum Teil, aber ein festes Ritual wird, dass man sich alljährlich an Pfingsten im Haus am See trifft. Das hätte ewig so weitergehen können, wäre da nicht ein riesengroßer Streit gewesen, der letztlich auch dazu geführt hat, dass der Kontakt abgerissen ist.

Als die erfolgreiche Hotelmanagerin Friederike, die angesehene Verlegerin Alexandra und Jule, die eine eigene Physiotherapiepraxis führt, eines Tages vom Tod ihrer Freundin Marie erfahren, sind alle geschockt und hadern mit ihrem schlechten Gewissen. Marie, die sich immer für sie alle interessiert hat und der es am Herzen lag, dass es ihnen gut geht, war von ihnen unbemerkt nach längerer Leidensphase gestorben. Weil sie das Gefühl haben, es Marie schuldig zu sein, kommen sie deren Wunsch nach und kommen noch einmal für ein Pfingsttreffen zum Haus am See. Ob ihnen dort die Aufarbeitung der Vergangenheit gelingt und sie sich ganz im Sinne Maries wieder versöhnen?

Dora Heldt beweist mit diesem Roman, dass sie mehr kann, als luftig leichte Syltgeschichten mit schrulligen Charakteren zu schreiben. Die Geschichte von den vier Frauen, die über so lange Zeit befreundet sind und deren Freundschaft dann plötzlich zerbricht, geht zu Herzen. Jeder kennt sie, diese unbeschwerten Gänseblümchensommer, die für die Jugendzeit der vier Mädchen so prägend waren.

Man taucht ganz tief ein in die Vergangenheit der Frauen und erfährt so einiges über die einzelnen Werdegänge und darüber, warum die Frauen letztlich so wurden, wie sie sind. Im Mittelpunkt des Romans steht immer das Bewusstsein, dass Freundschaft wohl das größte Geschenk ist und es umso schmerzlicher ist, wenn das Band der Freundschaft aus welchen Gründen auch immer zerreißt.

Fazit: ein sehr bewegendes Buch über das hohe Gut der Freundschaft.

 

Sonja Kraus

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Sonja Kraus, Harald Kloth

Robert Gerwarth: Die Besiegten

Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs

 

München ; Siedler ; 2017 ; 480 Seiten ; ISBN: 978-3-8275-0037-3

 

Die Feierlichkeiten anlässlich des 100. Jahrestages des Endes des Ersten Weltkriegs, gemäß dem amerikanischen Historiker George F. Kennan die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, neigen sich mit seinem Höhepunkt am 11. November, an dem Tag, an dem vor 100 Jahren mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens durch das Deutsche Reich im Wald von Compiègne bei Paris die Kampfhandlungen offiziell beendet wurden, dem Ende zu. Doch wird es auch Siegesfeiern geben für das 100-jährige „Jubiläum“ des Endes unzähliger blutiger Bürgerkriege in den fünf Jahren danach? Bis auf einige Gedenkveranstaltungen anlässlich der in dieser Zeit erfolgten Staatengründungen wohl eher nein, ist diese Zeit doch einem breiteren Publikum bis dato weniger bekannt.

 

Bereits 2013 revolutionierte Ian Kershaw mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ (siehe Christopher Clark: Die Schlafwandler) vielleicht nicht die Sichtweise auf den Weg in den „Grande Guerre“, aber gab ihr doch eine neue Richtung. Das Deutsche Kaiserreich war bei weitem nicht unschuldig am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, aber es war nicht mehr schuldig als seine Mit- und Gegenspieler in Moskau, Paris, London oder auch Wien, so das Ergebnis seiner Quellenstudien und Analysen. Ein Jahr später gab Leonhard mit seinem Buch „Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkriegs“ (siehe Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora) ein Standardwerk über die Ereignisse dieser Zeit heraus. Mittels der „Büchse der Pandora“, aus der unmenschliches Leid und Gewalt über die Menschheit herfällt, wurde der Erste Weltkrieg selten besser beschrieben. Nun nähert sich mit Robert Gerwarth endlich auch ein Historiker in einer beindruckenden Gesamtdarstellung den Krisen und Konflikte der unmittelbaren Nachkriegszeit, also der Zeit von 1919 bis 1923.

Gerwarth ist Direktor des „Centre for War Studies“ am University College in Dublin. Während sich viele Autoren bei ihren Studien zum Ersten Weltkrieg auf die Kriegsjahre 1914 bis 1918 und den durchaus spannenden Weg dorthin fokussieren, und höchstens noch eine direkte Verbindungslinie zu Hitler und den Weg in den Zweiten Weltkrieg ziehen, erforscht man an seinem Institut stattdessen auch intensiv die unmittelbar den Friedenshandlungen folgenden Ereignissen bis zum Lausanner Abkommen 1923. Somit werden bis dato in der Geschichtsschreibung eher nur beiläufig oder einzeln beschriebene regionale Ereignisse, Konflikte, intra- und interstaatliche Kriege sowie ihre Konsequenzen und vor allem auch ihre Interdependenzen untersucht. Diese Analysen liefern teils unvermutete neue Rückschlüsse auf den Ersten Weltkrieg an sich aber auch für die folgenden Jahrzehnte, ja teils bis heute.

So behandelt das Buch neben der russischen Revolution von 1917 insbesondere die paramilitärischen Gewaltausbrüche in Mittel-, Südost- und Osteuropa in der Zeit von 1919 bis 1923. Gerwarth spart dabei fast keine Region aus. So thematisiert er neben Russland und dem Deutschen Reich genauso Länder wie Italien, Finnland oder auch Bulgarien und erklärt nebenbei auch, wie Hitler bei Kemal Atatürk erste Ansätze zu Rassenreinheit schätzen lernte, ja ihn diesbezüglich sogar bewunderte. In nur kurzer Zeit zwischen 1917 und 1920 kam es zu 27 gewaltsamen Regimewechsel. Allerdings überdauerten bis Ende der 30er Jahre nur zwei der 1918 geschaffenen Staaten als freie Demokratien. Die sich gegenseitig aufstachelnden Bürgerkriege waren die schlimmsten seit dem 30-Jährigen Krieg, immerhin 250 Jahre waren seitdem verstrichen. Alleine die Revolutionswirren in Russland kosteten 3 Millionen Menschen das Leben und zum Beispiel auch Ungarn verlor in dieser kurzen Zeit zwei Drittel seiner Größe und fast Drei Viertel seiner Bevölkerung.

 

Gerwarth räumt mit vielen bis dato vorherrschenden Mythen zu dieser Zeit auf. So zum Beispiel mit der sogenannte „Brutalisierungsthese“, das heißt, für ihn waren die Schrecken des gerade erst beendeten Krieges eben nicht die Ursachen für Gewaltausbrüche. Dazu waren die (Nachkriegs-)Konflikte zu unterschiedlich und traten dort auf, wo man sie nicht unbedingt erwartete. In anderen Regionen dagegen blieb es ruhig, obwohl gerade dort Gewaltexzesse im ersten Weltkrieg wüteten. Die Erfahrungen der Schützengräben so Gerwarth waren jedenfalls nicht ausschlaggebend für die marodierenden Gruppen in all den unterschiedlichsten Territorien.

So waren es laut Gerwarth vor allem die Verliererstaaten, die „Besiegten“, deren Frustration sich über die für sie ungerechte Friedensordnung, das Vorenthalten des Selbstbestimmungsrechts der Völker, in rohe Gewalt äußerte. Die Niederlagen im Krieg unterstützten die Revolutionen und Zerfallserscheinungen der großen Reiche. Aber auch die „verstümmelten“ Sieger, wie zum Beispiel Italien, hatten nichts zu feiern. Zwischenstaatliche Kriege, Bürgerkriege oder ein Gemenge aus Beidem kennzeichneten diese Zeit. Dabei sollte der Gegner nun nicht nur besiegt, sondern ein für alle Mal vernichtet werden. Dieses „alles oder nichts“ eskalierte dann von einer eher konventionell geführten Auseinandersetzung im Ersten Weltkrieg zu einer an Gewaltexzessen ausufernden Fortsetzung. Dieser eher gesamteuropäische denn nationale Bürgerkrieg war für den Autor auch eine Art Ausgangspunkt für den Zweiten Weltkrieg. Schon gar nicht kann man diese Periode als „Zwischenkriegszeit“ titulieren, gab es doch fast 4 Millionen Opfer, Opfer, die zum Beispiel bis auf das Massaker in Smyrna 1922 fast keine Aufmerksamkeit erregten.

Obwohl das Buch in den Teilen „Niederlage“, „Revolution und Konterrevolution“ sowie „Imperialer Zerfall“ thematisch gegliedert zu sein scheint, geht der Autor vielmehr chronologisch vor. Es beginnt de facto mit der Russischen Revolution von 1917, behandelt dann die Umbruchphase 1918/1919 u.a. in Deutschland, Bulgarien und Italien und endet mit den Nachkriegsjahren 1919 - 1923 und seinen enttäuschten Erwartungen. Radikalisierung als Folge von (oftmals nicht empfundener) Niederlage, Revolution und Gegenrevolution sowie unerfüllte Hoffnungen in den Friedenshandlungen waren eine „ungesunde Gewaltmischung“. Das Gefühl der Umkreisung sowie der Drang, den Tod Hunderttausender von Kameraden und die Niederlage an sich einen höheren Sinn zu geben, schweißte die Menschen für ihre Exzesse zusammen. Im Gegensatz zum Krieg breitete sich nun diese in ihrer Brutalität ausufernde Gewalt auf ethnische Minderheiten sowie vor allem auch auf Alte, Kinder und Frauen aus.

 

Die erstmalig seit dem Westfälischen Frieden wieder in größerem Maße gebrochene Unterscheidung von Kombattanten und Nichtkombattanten in Kampfhandlungen war das wesentlichste Kriterium dieser Zeit. Dabei war, wie später auch besonders bei den Einsatzgruppen der SS festzustellen, der Prozess der Eigendynamik von Mord, Plünderung, Vergewaltigung und ethnischer Säuberung markant. Von Kriegsende wollte kaum einer etwas wissen, denn schließlich war man selbst der personifizierte Krieg. Zusätzlich motiviert in Deutschland durch die „Dolchstoßlegende“ waren Lust auf Gewalt, Brandschatzung, Raub und Tötung an der Tagesordnung. Und gerade dort, wo multiethnische und multikulturelle Reiche wie Österreich-Ungarn, Russland oder das Osmanische Reich auseinanderbrachen oder im Friedenvertrag dividiert wurden, kam es zu ethnisch motivierten blutigen Konflikten. Ein derartiges Ausmaß an Transformation konnte nicht unblutig über die Bühne gehen. Klare oder gar einheitliche regional übergreifende Konzepte der Aufständischen waren dabei nicht festzustellen, nur demokratische oder kommunistische (außer in Russland natürlich) Regierungstendenzen wurden bekämpft. Innerhalb Deutschlands verzeichnete vor allem Bayern in diesen Jahren einen massiven Rechtsruck, München wurde die Hochburg des Nationalismus und war nicht umsonst, so Gerwarth, die Geburtsstätte des Nationalsozialismus.

Das, was einst schon vor über 15 Jahre Wolfgang Schivelbusch für Deutschland betreffend die „Kultur der Niederlage“ nannte (Schivelbusch, Wolfgang: Die Kultur der Niederlage, 464 S., Alexander Fest Verlag, Berlin 2001.) kann durch die Analysen Gerwarths auf ganz Europa übertragen werden. 13 Millionen deutsche Männer, also ca. 20 Prozent der Bevölkerung von 1914, nahmen am Krieg teil, davon verstarben ca. 2 Millionen und über 2.5 Millionen wurden versehrt oder verwundet. Die somit leidgeprüfte Bevölkerung findet nach einer kurzen Verschnaufpause für ihre verlorenen Kriege schnell die Schuldigen. Verantwortlich gemacht und zur Verantwortung gezogen werden die bisher am Steuerrad stehenden, die das Land nach einer langen Vorphase der Orientierung- und Strategielosigkeit in den Krieg und fast in ihre Vernichtung geführt haben. Diese Legitimitätskrise der Regierung wird verstärkt durch fehlende Militärdisziplin, fehlende staatliche Strukturen, äußeren Druck und Kriegsmüdigkeit ganz allgemein. Niederlagen, so schreibt Schivelbusch, sind Zeiten des Vatermords und der Rückbesinnung auf die Mutter Nation, zu deren Rettung und Bewahrung nun die Söhne aufstehen. Daher die Revolutionen - das Wegfegen der Verliererväter - und die karnevalistische Feststimmung, wie in Frankreich im September 1870 und in Deutschland im November 1918. Nun durch Gerwarth wird eine vergleichbare Situation auch in vielen anderen gerade ost- und südosteuropäische Länder bewusst.

Zusammenfassend legt Gerwath deutlich klar: Europa war auch nach dem Ersten Weltkrieg ein sehr fragiles und unsicheres „Pflaster“, indem durch Bürgerkrieg, Konflikte, ethnische Säuberungen und Revolution mehr als 4 Millionen Menschen in einer Art „erweiterten europäischen Bürgerkrieg“ ihr Leben ließen. Gerade die ethnischen Vertreibungen wurden befeuert durch den Zusammenbruch multiethnischer Großreiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich. Auch wenn diese Großreiche jahrhundertelang als „Völkergefängnisse“ galten, praktizierte man dort überwiegend gewaltfrei Ethnien übergreifendes Miteinander und Zusammenleben. Nun wurden Menschen anderer Ethnien in einer Art entmenschlicht, dass in Teilen sogar der Genozid die logische Folge war. Dies und diese Zeit ist wichtig für das Verständnis der weiteren gewaltsamen Kriege, Bürgerkriege und Konflikte des 20. Jahrhunderts und Gerwarth meint damit nicht ausschließlich den Zweiten Weltkrieg. Dabei vermeidet er bewusst Prognosen über zukünftige Konflikte, über die weitere Entwicklung des aktuellen Europas, sondern konzentriert sich stattdessen darauf, die Wurzeln von Krieg und Krisen zu beschreiben, bzw. wie man deren Ursprünge verknüpft. Nichtsdestotrotz ist das Verständnis dieser Zeit unabdingbar, um die Logik und Ziele der folgenden gewalttätigen Konflikte bis hinein zu den Jugoslawienkriegen zu verstehen. Beispielsweise auch die gemachten Zusagen, Widersprüche oder gar Täuschungen bezüglich Palästinas führten dazu, dass der Nahe Osten bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist.

Fazit: Auch weil das Buch nur 340 (mit Anmerkungen, Bibliografien, Literaturverzeichnis fast 500) Seiten dick ist, ist es sehr kurzweilig. Mit hohem Detaillierungsgrad, aber auch jederzeit verständlich zeichnet er den Weg von Krieg in Bürgerkrieg und den immens hohen Gewaltexzessen an Zivilisten nach, vor allem skizziert er einen gesamteuropäisch umfassenden Bogen, der unkontrolliert aus den Fugen geriet. Das Buch ist klar strukturiert und durch die chronologische Abhandlung und exzellente Verknüpfung der teils verwirrenden Ereignisse gelingt es Gerwath sicherlich auch ein breiteres Publikum zu erreichen. Insgesamt eine beeindruckende, äußerst fesselnde Darstellung der Jahre 1919 bis 1923, die bis dato ihresgleichen sucht.

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

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Erster Weltkrieg - Buchrezensionen

   

© 2018 Andreas Pickel, Harald Kloth

D. B. John: Stern des Nordens

Thriller

 

Reinbek ; Rowohlt ; 2018 ; 522 Seiten ; ISBN: 978-3-8052-0032-5

 

Die US-Amerikanerin Jenna Willams ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Schwerpunkt Nordkorea tätig. Sie lässt das Verschwinden ihrer Zwillingsschwester nicht los, denn sie glaubt nicht an ein Unglück, wie die offizielle Aussage damals gelautet hat. Sie wird von der CIA angeworben, denn es gilt eine Delegation aus Nordkorea zu empfangen bzw. anschließend nach Pjöngjang zu reisen. Gleichzeitig bereitet sich auch der dem nordkoreanischen Führer treu ergebene Parteifunktionär Cho auf eine Mission in Amerika vor.

Sein Bruder soll in der nordkoreanischen Erbdynastie eine führende Rolle übernehmen, doch dazu muss die Abstammung bis in die dritte Generation ohne Tadel sein. Cho ahnt bereits, dass eine genaue Prüfung Dinge ans Tageslicht bringen wird, die bisher nicht bekannt waren. In der nordkoreanischen Provinz versucht unterdessen die Bäuerin Moon auf dem Markt Geld zu verdienen.

Die Staatssicherheit hat aber ein wachsames Auge auf sie und ihre Kolleginnen geworfen und auch bald wird sie erfahren, was mit Abtrünnigen passiert. Cho und Frau Moon treffen im berüchtigten Lager 22 aufeinander und ahnen zunächst nicht, dass sie mehr verbindet als nur die Tatsache, dass sie zusammen eingesperrt sind. Unterdessen setzt Jenna alles daran in Nordkorea ihre Schwester Susie ausfindig zu machen, denn sie hat den festen Glauben, dass sie noch lebt.

D.B. John hat mit "Stern des Nordens" einen bewegenden Thriller vorgelegt. Zunächst entwickelt sich die Geschichte aus drei sehr unterschiedlichen Perspektiven, die nach und nach ineinander übergehen.

Bedrückend an dem Thriller ist nur, dass im Anhang vom Autor aufgezeigt wird, dass viel von der Handlung keine Fiktion ist, sondern reale Erlebnisse aus dem Land, dass nur sehr wenig nach außen dringen lässt. Er schafft es, daraus einen spannenden Plot zu basteln.

Fazit: ein Thriller, der nahe an der Realität entlangstreift.

Matthias Wagner

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Michael Böhm/Dieter Hentzschel: Dinner mit Elch

Kriminalroman

 

Planegg ; Edition 211 ; 2018 ; 151 Seiten ; ISBN: 978-3-956691-08-9

Olov und sein Sohn Göran, die beide eine Werbeagentur betreiben, verbringen mit ihrem Texter Erik, dessen Freundin Nadja und deren Bekannter Alina ein Wochenende in der abgelegenen Blockhütte, die sie sich vor Jahren gekauft haben. Bereits die Anreise gestaltet sich schwierig, da die Witterungsverhältnisse katastrophal sind. Für das kommende Wochenende ist mit massiven Schneefall zu rechnen.

Kaum hat das Wochenende begonnen, da lässt Erik die erste Bombe platzen. Er wird die Agentur verlassen. Als Olov die Hütte kurz verlässt, nicht mehr wiederkommt und von den anderen mit einer Kopfverletzung gefunden wird, kann sich keiner erklären, wie dies passierte. Am nächsten Tag steht Abdel Faller vor der Tür, weil er sich angeblich im Schneechaos verlaufen hat. Nach und nach wird immer klarer, dass Abdel nichts Gutes im Schilde führt.

Als Olov seinen Verletzungen erliegt und das Wetter am Sonntag immer katastrophaler wird, überschlagen sich die Ereignisse. Allen wird klar, dass sie so schnell nicht aus dieser tief verschneiten Landschaft weg kommen.

Die beiden Autoren legen einen vergnüglichen Kriminalroman vor. Sie haben die Handlung in ein verschneites Gebiet abseits der Zivilisation gelegt. Im Laufe der Geschichte zeichnet sich mehr und mehr ab, wie wenig wir doch voneinander wissen, obwohl wir täglich miteinander arbeiten. Am Ende nimmt die Geschichte eine surreale Wendung, was für den Leser amüsant ist.  

 

Fazit: nette Krimigeschichte für einen unterhaltsamen Abend.

 

Matthias Wagner

3/4 Sterne
3/4 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Jens Henrik Jensen: Gefrorene Flammen

Oxen-Trilogie. Band 3

Thriller

 

München ; dtv ; 2018 ; 592 Seiten ; ISBN:978-3-423-26180-7

Niels Oxen ist nach seiner spektakulären Flucht aus Dänemark in Schweden gelandet. Dort wurde er von der Ärztin Tessa am Strand gefunden und sie hat dafür gesorgt, dass er wieder zu Kräften kam. Derweil gehen alle davon aus, dass er bei dem Angriff auf sein Boot ums Leben gekommen ist.

Die ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin Margrethe Franck wurde nach der missglückten Aktion (am Ende des 2. Teils „Der dunkle Mann“) entlassen und versucht nun, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Der ehemalige Geheimdienstchef Axel Mossmann wurde pensioniert und sein Neffe Christian Sonne, der früher Polizist war, ist jetzt als Tankwart beschäftigt. Die Verantwortlichen des Danehof haben dafür gesorgt, dass diejenigen, die sich mit ihrer Organisation anlegen, nicht mehr auf die Füße kommen.

Nachdem Niels wieder zu Kräften gekommen ist, will er nun versuchen, seine eigene Reputation wieder herzustellen. Noch immer wird er in Dänemark wegen eines Mordes gesucht. Er setzt alles daran, die wahren Täter zu finden, damit er als freier Mensch seinen Sohn Magnus besuchen kann. Schnell kreuzen sich die Wege von Niels, Margrethe, Axel und Christian und sie kommen überein, nochmals alles zu versuchen, um die Verantwortlichen des Danehof ausfindig zu machen.

Doch wem kann man vertrauen, wem muss man vertrauen, um an Informationen zu gelangen? In einem Netzwerk, das seit Jahrhunderten darauf ausgelegt ist, im Verborgenen zu bleiben, ist es nicht leicht, Anhaltspunkte zu finden, die auch eine Beweiskraft haben.

Im dritten und letzten Teil zeigt Jens Henrik Jensen noch einmal sein ganzes Können. Er versteht es, die Geschichte stets spannend zu halten, immer wieder neue Fährten zu legen, die sich manchmal hilfreich, manchmal als Sackgassen erweisen. Die Perspektivenwechsel von Kapitel zu Kapitel steigern die Spannung. Es entsteht ein Sog, dem sich der Leser nicht mehr entziehen kann. Jens Henrik Jensen kann es mit seiner Oxen-Trilogie durchaus mit der Millenium-Trilogie von Stieg Larson aufnehmen.

Fazit: ein Pageturner vom Feinsten.

 

Matthias Wagner

5 Sterne
5 von 5

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© 2018 Matthias Wagner, Harald Kloth

Marie Matisek: Ein Sommer wie Limoneneis

Die Amalfi-Reihe. Band 1

Roman

 

München ; Knaur ; 2018 ; 303 Seiten ; ISBN 978-3-426-52142-7

Marco führt ein Leben wie im Bilderbuch. Er ist erfolgreicher Anwalt in München, lebt am Starnberger See, hat Frau und zwei Kinder und verdient so viel um es sich gut gehen zu lassen. Allerdings hat er meistens keine Zeit dazu, das Leben zu genießen, weil die Arbeit immer vorgeht.

Ausgerechnet an dem Tag, an dem in der Arbeit verkündet wird, dass er zum zweiten Chef erkoren wurde, findet er abends einen Brief seiner Frau Geli. Darin eröffnet sie ihm, dass sie die Scheidung möchte, weil er nie Zeit hat und sie so nicht mehr leben will. Sie ist mit Freundinnen nach Mallorca geflogen und überlässt nun Marco die Kinderbetreuung. Mit ihren sechzehn Jahren ist Sabrina schon sehr selbständig, aber der elfjährige Luis benötigt Betreuung. Als Marco einen körperlichen Zusammenbruch erleidet und zwei Wochen krankgeschrieben wird, tobt der Kanzleichef, doch Marco erkennt, dass es an der Zeit ist, sich eine Auszeit zu gönnen.   Er reist in seine italienische Heimat.

In Amalfi staunt der Vater nicht schlecht, als Marco nach vielen Jahren plötzlich unangekündigt vor der Tür steht. Und es scheint so, als käme er gerade zur rechten Zeit. Marcos Papa Raffaele hat sich ein Bein gebrochen und die Zitronenernte steht an. Widerwillig lässt sich Marco darauf ein, auf der so verhassten elterlichen Plantage mitzuhelfen. Nebenbei begegnet er auch seinem ehemals besten Freund Pippo, der mittlerweile als Eismacher süße Verführungen zaubert. Die beiden verstehen sich so gut wie früher, obwohl fast zwanzig Jahre dazwischenliegen. Als Marco dann auch noch seiner ersten großen Liebe Lisabetta begegnet, ist es um ihn geschehen und er stellt fest, dass er immer noch starke Gefühle für sie hat. Gesundheitlich geht es ihm jedenfalls von Tag zu Tag besser und er genießt die italienische Lebensart. Schließlich kommen auch noch seine Kinder Sabrina und Luis nach Amalfi, was den Großvater enorm glücklich macht.

Marco wird bewusst, dass Raffaele nicht mehr lange in der Lage sein wird, die Plantage allein zu führen. Aber was soll aus dem traditionsreichen Familienbetrieb werden? Hat der Mafioso Remo etwa schon ein Auge auf die Plantage geworfen? Und mit wem ist Lisabetta unglücklich verheiratet? Wie die einzelnen Akteure der Geschichte miteinander verbunden sind, erfährt man immer wieder in Rückblenden, in denen die Kindheitserlebnisse Marcos geschildert werden.

Mit „Sonnensegeln“  hat Marie Matisek schon einmal einen herrlichen Sommerroman vorgelegt. „Ein Sommer wie Limoneneis“ ist wieder so eine schöne luftig-leichte Geschichte. Diese ist angesiedelt an der wunderschönen Amalfiküste und dreht sich zwar um Familie, Freundschaft und vor allem um Liebe, driftet dabei aber nie ins Kitschige ab. Man kann den Duft der blühenden Zitronenbäume förmlich auf jeder Seite in sich aufnehmen.

Fazit: eine wunderbare Urlaubslektüre! Sehr empfehlenswert.

 

Sonja Kraus

4/5 Sterne
4/5 von 5

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