Jean-Christophe Derrien/Rémi Torregrossa: 1984

Nach George Orwell

Szenario: Jean-Christophe Derrien. Zeichnungen und Kolorierung: Rémi Torregrossa

 

München ; Knesebeck ; 2021; 124 Seiten ; ISBN 978-3-95728-468-6 ; Hardcover

 

Cover Derrien/Torregrossa: 1984, nach George Orwell
Copyright © Knesebeck Verlag

Es dürfte nicht viele Menschen geben, die George Orwells dystopischen Roman "1984" nicht kennen. Das 1948 verfasste Buch wurde zu einem ikonischen Symbol zur Warnung vor den Gefahren totalitärer Überwachungsgesellschaften und menschenverachtender Diktaturen.

 

Da das Werk ab 2021 in der Europäischen Union keinen Urheberrechtsschutz mehr geniesst, erscheinen im zweiten Pandemiejahr viele neue Romanausgaben. Aber auch drei grafische Umsetzungen im Comicformat. Den Anfang machte im Februar der Knesebeck Verlag (Derrien/Torregrossa). Es folgte im April der Splitter Verlag (de la Croix/Améziane). Und im September der Ullstein Verlag (Nesti).

 

Bemerkenswert an der Adaption aus dem Verlag Knesebeck ist die Farbgebung. Der Comic ist fast vollständig ins schwarz-weiß und in Grautönen gehalten. Damit wird die bedrückende Tristesse des London von 1984, in der Winston Smith lebt, extrem betont. Umso bedeutsamer erscheinen die wenigen kolorierten Panels. Was bei den acht Seiten des Liebesaktes im Wald oder bei den flüchtigen Berührungen im Ministerium sehr gut funktioniert (eine Art positive Parallelwelt für Winston und Julia), erscheint bei anderen Bildern (Gin in der Kantine, Propagandaplakat, Goldsteins Buch, Folterszenen) nicht immer stimmig. Kongenial aber - und leicht zu übersehen - das kleine Schlußpanel wieder in Farbe: Die Blüte einer Kastanie. Ein starker Hoffnungsfunken als Ende dieser düsteren Geschichte.

 

Die Gesichter von Winston und Julia sind nicht besonders detailliert gezeichnet, was aber kein Nachteil ist. Sie können so "Jedermann und -frau" symbolisieren. Allerdings erschwert es den emotionalen Zugang zu den beiden Figuren. Im Gegensatz dazu sind Innenräume und Stadtlandschaften wunderbar kleinteilig dargestellt. Die Zeichnungen des Rattenkäfigs gehören sicher zu den grafischen Höhepunkten dieser Graphic Novel. Erwähnenswert ist auch der oftmalig gewählte Blickwinkel auf die Figuren aus Bodennähe. Dies erzeugt den Eindruck eines heimlichen Beobachters. Die Folterszenen sind intensiv, aber nicht exzessiv ausgeschlachtet, hier ist die Romanvorlage (z. B. in den Kriegszenen) wesentlich brutaler.

 

Fazit: Eine würdige Romanadaption, die in seiner farblichen und grafischen Zurückhaltung, vor allem als Ergänzung zum Kultbuch verstanden werden kann.

 

Harald Kloth 

4 Sterne
4 von 5

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© 2021 Harald Kloth, Cover: Copyright © Knesebeck Verlag

 

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