Letzte große Trost

Stefan Slupetzky

Der letzte große Trost

Roman

Reinbek ; Rowohlt ; März 2016 ; 250 Seiten ; ISBN: 978-3-498-06152-4

 

In den letzten Jahren häuften sich Publikationen zu einer Art familiengeschichtlichen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit. Dies einerseits, um sich gegenüber bereits bekanntgewordenen Verbrechen von Familienangehörigen zu rechtfertigen, aus Eigeninteressen die Verwicklung von Familienangehörigen in nationalsozialistische Aktionen nachzuforschen oder weil man im Fundus von verstorbenen Angehörigen Tagebuch- oder sonstige Aufzeichnungen gefunden hat, die das Interesse geweckt haben. Als Beispiel seien hierbei die Bücher von „Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie“ oder auch von „Martin Pollack: Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater“ genannt. In eine vergleichbare Richtung geht auch das neue Buch von Stefan Slupetzky, der allerdings seine eigene Lebensgeschichte in fiktive Personen packt.

Die Hauptperson, in dem Buch ein Mann namens Daniel Kowalski, führt ein mehr oder weniger ruhiges kleinbürgerliches Leben. Nachdem für einen jungen Mann üblichen Wechsel von Freundinnen (wir erfahren dabei u.a. auch, dass seine erste Liebe Nadja Comăneci - natürlich nur auf einem Bild war), die oftmals seine Leidensfähigkeit aufs größte strapazierten, findet er schließlich Marion, die Frau seines Lebens (... die Begegnung mit Marion war der Wendepunkt von Daniels langem Niedergang gewesen...), die im alsbald Zwillinge schenkt. Als er erst 22 Jahre alt ist, stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt, seine suizidgefährdete Mutter erleidet später einen Hirnschlag und ist in ihrem fast leblos daliegenden Körper fortan stark pflegebedürftig. Ihre Pflege stellt die Beziehung von Marion und Daniel auf eine harte Probe, führt aber Dank der fürsorglichen und hilfsbereiten Einstellung von Marion nicht zur Ehekrise. Seinem Bruder wird dies alles zu viel und er flüchtet vor all den Familienangelegenheiten nach Amerika, versagt aber dort sowohl beruflich wie auch privat.

Dies alles erfahren wir im Verlaufe des Buches als Rückblick, geschickt verpackt in Dialogen mit seiner Frau Marion. Die eigentliche Geschichte setzt ein, als ein Brief seiner Großtante aus Israel die Fundamente von Daniel erschüttert. Konfrontiert nun mit der ambivalenten Geschichte seiner Familie führt ihn jede Tür, die er für Erklärungen öffnet, zu einer neuen verschlossenen Tür. Bereits hin- und hergerissen zwischen einerseits mütterlicherseits verfolgten und ermordeten Juden und mit der aktiven Beteiligung von Kowalski’s Großvater an dem Massenmord an den Juden andererseits findet er in dem Haus seiner Großtante, in dem er seine Kindheit verbracht hat, das Tagebuch seines Vaters. Genügend Rotwein trinkend, erschließt er sich in dem Tagebuch lesend nach und nach das Leben seines Vaters. In einer Art selbstzerstörerischen Verzweiflung lässt ihn von nun an der Gedanken nicht mehr los, dass sein an einem Herzinfarkt verstorbener Vater dessen Tod nur inszeniert hätte, um sich von der Familie abzusetzen. Er soll also noch leben!

Nach einem Szenenwechsel, im Teil 2 des Buches, befindet sich Daniel dann mit seiner Frau in Rom, an gleicher Stelle, an der er einst mit seinem Vater vor dessen Tod war. Anstelle nun weiter auf den Spuren seines Vaters zu sein, befindet sich Daniel plötzlich in seinen eigene Spuren, in seinen eigenen Fesseln und er selbst hegt nun die gleichen Pläne wie sein Vater: seinen eigenen Tod zu fingieren, sich als Tod erklären zu lassen und sich dann mit einer neuen Identität auf die Suche nach seinem Vater zu machen. Aber als ihm nach und nach die Sinnlosigkeit seines Unterfanges klar wird, belässt er es bei den Plänen. In all seiner Verzweiflung, inneren Zerrissenheit, Wirrungen und Verwirrungen, die Vermengung von Realität und Fiktion, steht aber immer seine Frau Marion zu und hinter ihm. Sie ist der Grund, warum er letztendlich „geerdet“ bleibt, seine Gedanken und Pläne verpuffen und das ist uns allen ein großer Trost.

Slupetzky, der bisher überwiegend durch Krimis über den Ex-Kommissar und Privatdetektiv Lemming bekannt geworden ist, bürdet sich viel auf, ist der Roman doch eine Suche nach der eigenen Identität, eine Vater-Sohn Geschichte, eine Geschichte über eine Familie mit einerseits jüdischen und andererseits nationalsozialistischen Wurzeln und alles miteinander verwoben eine Geschichte über die zweite Nachkriegsgeneration in der Verarbeitung der Schuld der Kriegsgeneration. Sprachlich auf sehr hohem Niveau ist jeder Satz zu durchdringen, um den Gedanken des Autors folgen zu können. Ein Slupetzky schreibt nicht nur einfach so hin, um einen Roman interessant und spannend zu machen, nein, alles ist durchdacht und bewusst so geschrieben. Als er z.B. in das Haus seiner Kindheit zurückkehrt schreibt er: „Das Dach des Haues trug jetzt einen goldenen Saum; im frühen Abendlicht sangen die Vögel. Es waren andere Vögel als in Daniels Kinderzeit, unbeschwert zwitschernde Nachkommen lange gestorbener Generationen.“ Einfach stark ausgedrückt! Die eigentliche Handlung dauert lediglich 2 Tage, alles andere ist Rückblick, beeindruckend umgesetzt! Trotz aller Sprünge durch Themen, Zeiten und Emotionen, die dem Leser so einiges an Aufmerksamkeit abfordern, ein gelungener Parforceritt durch Emotionen und Vergangenheitsbewältigung.

Kowalski‘s und damit Slupetzky’s Recherchen führen tief hinein in die verwirrten Gedanken eines Suchenden. Allerdings stellt das Buch nicht wie so oft, wenn Söhne über ihre Väter schreiben, eine Abrechnung, einen Befreiungsschlag dar, hat Slupetzky doch keine klaren deutbaren Erinnerungen an seinen Vater und kann so völlig unvoreingenommen recherchieren und seine Gedanken niederschreiben. Trotzdem ist das Buch emotionsgeladen, spürt man doch in jeder Zeile Enttäuschung und Wut über das Wirken und die Taten des Vaters.

 

Fazit: Auch wenn Slupetzky manchmal dazu neigt, in familiäre Sentimentalitäten abzuschweifen, gelingt ihm eine vortreffliche Beschreibung der Hin- und Hergerissenheit der (zweiten) Nachkriegsgeneration in der Vergangenheitsbewältigung. Der Protagonist Daniel, eigentlich der Held des Romans, der aber keiner ist, könnten viele von uns sein. Und das macht die Geschichte so authentisch. Diese Gedanken- und Gefühlswelten von Slupetzky sind absolut empfehlenswert. Ein Buch, das man gerne auch öfters liest.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2016 Andreas Pickel, Harald Kloth