Jussi Adler-Olsen: Erwartung - Der Marco-Effekt

Der fünfte Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q

München ; dtv ; 2013 ; 567 Seiten ; ISBN 978-3-423-28020-4

 

Jetzt ist er da, der fünfte Fall für Jussi Adler Olsens skurriles Trio im Sonderdezernat „Q“. Carl Morck und seine Assistenten Rose und Assad bekommen endlich wieder jede Menge zu tun. Und das, obwohl  Carl momentan nicht in bester Verfassung ist, da er von seiner Geliebten Mona verlassen wurde und gleichzeitig sein Erzfeind Lars Bjorn sein neuer Vorgesetzter wird. Assad kämpft noch mit den Spätfolgen einer Schußwunde, ist aber wieder im Einsatz. Rose ist in Höchstform wie eh und je. Dann kommt noch Gordon hinzu, ein schlaksiger Grünschnabel, der Carl von  Lars Bjorn vor die Nase gesetzt wurde und Carl desöfteren zur Weißglut treibt.

Zu Beginn bekommt man Einblick in die kriminellen Machenschaften von Zola, einem grausamen und raffgierigen Anführer eines kriminellen Sinti-Clans. Er hat sich mit seinen „Untertanen“ in einer unauffälligen Siedlung bei Kopenhagen niedergelassen, von wo aus er die Mitglieder, größtenteils Jugendliche und Kinder, zum Betteln und Stehlen in die Innenstadt schickt. Seine Herrschaft gründet er auf Angst und Unterdrückung, den Kindern wird jegliche Bildung vorenthalten. Der 15 jährige Marco, der seine Mutter nicht kennt und der seinem Vater ziemlich egal ist, sehnt sich nach einer intakten Familie und einem normalen Leben, wie er es bei den dänischen Kindern sieht. Als Marco ein Gespräch von Zola belauscht, hört er, daß er zu alt sei und beim Betteln zu wenig einbringe. Er solle von einem Auto angefahren werden, damit er als verkrüppelter Jugendlicher wieder ertragreicher betteln könne.


Daraufhin beschließt der Junge zu fliehen. Auf der Flucht wird er noch von Zola und seinen Gehilfen verfolgt, er gräbt sich im Unterholz eines kleinen Wäldchens in ein Bodenloch ein, wo er auf eine relativ stark verweste Leiche stößt, es ist ihm auch gleich klar, daß dieser Mann von Zola umgebracht wurde. Bei der Leiche liegt eine afrikanische Halskette, die Marco an sich nimmt. Als die Verfolger weg sind, hat er nur das Ziel, irgendwie in die Stadt zu kommen.

Er lebt dort für ein paar Monate im Untergrund, immer auf der Hut vor Zolas Männern. Er hält sich mit kleinen Hilfsarbeiten in Geschäften über Wasser, bringt sich selbst Lesen und Schreiben bei, indem er viel Zeit in der öffentlichen Bibliothek verbringt. Marco findet an einer Säule ein kleines Plakat mit dem Foto eines Mannes, der vermißt wird und von seiner Stieftochter gesucht wird. Ihm ist sofort bewußt, daß der Vermißte die Leiche aus dem Wäldchen ist. Er will die Polizei mit geheimen Nachrichten auf sich aufmerksam machen, aber aufgrund seiner Illegalität selbst unentdeckt bleiben.

Das Sonderdezernat „Q“ ist auf diesen Fall jedoch schon anderweitig aufmerksam geworden. Der Ermordete steht in engem Zusammenhang mit korrupten Machenschaften von Bankvorständen und vor allem von Veruntreuung von Entwicklungshilfegeldern im ganz großen Stil.

So beginnt ein spannendes Katz- und Maus-Spiel zwischen dem cleveren Marco, der immer wieder in lebensgefährliche Situationen gerät, seinen Verfolgern und der Polizei. Zuletzt sind es dann Carl, Rose und Assad, die über ihren Schatten springen und Marco die Starthilfe in ein „normales Leben“ geben.

Man fiebert sehr mit Marco mit, Adler Olsen versteht es, die Nöte und Sorgen des kleinen Jungen darzustellen, der sich mit eisernem Willen hart durchkämpft und sich nicht brechen läßt, obwohl er extrem viel einstecken muß an Haß, Gleichgültigkeit und Gewalt.

Der Roman ist wieder ein voller Erfolg von Jussi Adler Olsen. Morck ist wie immer unbequem, absolut unfreundlich und aufbrausend, was aber seine Mitarbeiter kaum beeindruckt. Rose bringt alles mit äußerst direkten knappen Ansagen auf den Punkt, Widerrede zwecklos, Assad kontert mit orientalischen Kamel-Sprüchen, die meist eher Ratlosigkeit hervorrufen und Gordon wird sowieso nicht für voll genommen. Dies macht die Mischung aus den dreien äußerst witzig, es kommt immer wieder zum launigen Schlagabtausch, aber letztendlich sind sich alle einig und ziehen an einem Strang.

Fazit: Das brisante Thema wird von Adler Olsen sehr realistisch dargestellt, man kann sich in die Protagonisten sehr gut hineinversetzen. Jussi Adler Olsen zeigt auch in diesem Roman wieder sein Herz für die Schwachen in der Gesellschaft. Alles in allem ein Buch, das man nur schwer aus der Hand legen kann.


Tanja Lentner

5 Sterne
5 von 5

© 2013 Tanja Lentner, Harald Kloth