Hanns Cibulka: Nachtwache

Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943

Berlin ; Matthes & Seitz ; 2022 ; 159 Seiten ; ISBN 978-3-95757-947-8

Buchcover Hanns Cibulka: Nachtwache
Copyright © Verlag Matthes & Seitz

 

„Es ist 09:00 Uhr ... In den frühen Morgenstunden seien die ersten Angriffswellen der 7. US-Armee auf einem hundertfünfzig Kilometer langen Küstenstreifen an Land gegangen, man nennt die Orte Gela, Licata und Scoglitti. Südlich von Syrakus soll die 8. englische Armee unter General Montgomery gelandet sein ..."

 

In unzähligen Büchern zu Kriegsberichterstattungen zum Zweiten Weltkrieg liegt der Schwerpunkt darauf, in einer möglichst martialischen und schreckenerregenden Sprache die gesamte Grausamkeit eines Krieges darzulegen. Meist geht es um die Erfahrung und den Umgang mit Gewalt in einem durch Kriegserfahrungen stimulierten Umfeld.  Ja, Krieg ist grausam, das sieht man derzeit auch wieder an den Bildern über das Leiden in der Ukraine. Aber Krieg kann auch in einer anderen entgegengesetzten Art und Weise gerade die Psyche belasten. Das ist dann, wenn man gewohnt ist, zu kämpfen, somit keine Zeit hat, über irgendetwas nachzudenken, weil es die Geschehnisse, der Kampf um das eigene Leben nicht zulassen, aber stattdessen einfach mal nichts passiert, Stille, trügerische Stille um einen herum ist. Dieses Gefühl vermittelt in eindringlicher Manier Hanns Cibulka in seinem exzellent authentisch geschriebenen (Tage-)Buch Nachtwache - Tagebuch aus dem Kriege.

Um die Beschreibungen besser einordnen zu können, zunächst einen Blick auf  die außenpolitischen Rahmenbedingungen und Geschehnisse der Zeit: Nachdem das Afrikakorps unter General Erwin Rommel und die italienische Armee in Nordafrika im Mai 1943 gegenüber den Alliierten kapitulieren mussten, war deren nächstes Ziel, auf das europäische Festland überzusetzen. Um das Überraschungsmoment zu nutzen, täuschte man eine geplante Landung in Griechenland und auf der Insel Sardinien vor. Das Täuschungsmanöver gelang, die Deutschen verstärkten an beiden Orten ihre Truppen.

 

Währenddessen landeten die kanadischen, englischen und amerikanischen Truppen im Rahmen der Operation „Husky“ auf der Insel Sizilien, um somit von dort aus Süden kommend Richtung Mitteleuropa vorzustoßen. In dieser Zeit spielt auch das Buch, in dem die Einheit von Cibulka von Neapel aus schließlich über die Straße von Messina zur Verstärkung nach Sizilien verlegt wird. Am Abend des 9. Juli 1943 landen Fallschirmspringer, am Morgen des 10. Juli stürmt die Hauptstreitmacht der Alliierten die Strände. Fünfeinhalb Wochen und 50.000 Tote später, am 17. August 1943, ist Sizilien erobert. Die Invasion führte bereits Ende Juli zum Sturz Mussolinis, Italien scherte als engster Verbündeter Nazi-Deutschlands aus. Als die neue italienische Regierung Waffenstillstand mit den Alliierten schloss, löste die Deutsche Wehrmacht den Fall „Achse“ aus und besetzte in wenigen Tagen weite Teile Italiens.  Nach und nach drängten die Alliierten aber aus dem Süden kommend die Wehrmacht wieder zurück. Traurige Berühmtheit erlangte dabei die Schlacht um das Kloster Monte Cassino. 

 

Cibulka, 1920 geboren und in Schlesien aufgewachsen, wurde mit 19 Jahren zur Wehrmacht eingezogen und war in Polen, in der Ukraine und schließlich in Italien eingesetzt, wo er auch auf Sizilien in Kriegsgefangenschaft geriet. Nach dem Krieg zog er über Thüringen sowie Ost-Berlin nach Gotha und hatte bis zu seiner Pensionierung 1985 die Leitung der dortigen Heinrich-Heine-Bibliothek inne. Er verstarb knapp 20 Jahre später 2004 und erhielt dort 10 Jahre später von der Stadt Gotha ein Ehrengrab. Unter seinen zahlreichen Publikationen, die ihn zu den eher unabhängigen Autoren in der DDR zählen lassen, stechen insbesondere seine bildgewaltigen Gedichte hervor. Cibulkas eigener Anspruch war es, seine Leser zum Nachdenken anzuregen und eine Art Leitfaden für das eigene Leben zu geben. Dabei beschäftigte ihn immer wieder das Thema Erinnerung, so auch in dem einen oder anderen Tagebuch, wie neben dem vorliegenden Werk zum Beispiel das Sizilianische Tagebuch, das über die Zeit seiner Kriegsgefangenschaft erzählt. Cibulka schrieb fünf Tagebücher in chronologischer Reihenfolge, erst das vorliegende Werk Nachtwache durchbrach diese Sequenz, beschreibt es doch die Zeit vor dem ersten publizierten Tagebuch.

 

Das Tagebuch Nachtwache wurde erstmalig 1989 in der DDR veröffentlicht, als eine Art persönliches Vermächtnis zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, und nun über 30 Jahre später neu aufgelegt. Es beginnt am 14. Mai 1943, also sieben Wochen vor der Landung der Alliierten, und endet am 1. August 1943. Cibulka war trotz seiner erst 23 Jahren schon kriegserfahren und eine Koryphäe im Bereich der Nachrichtentruppe, zuständig für den Betrieb der Fernsprech- und Funkverbindungen in einem Flugabwehrkanonenregiment. Die Erzählungen Cibulkas setzen ein mit dem Aufbruch aus Caserta bei Neapel in Richtung eines Dorfes westlich von Catania auf Sizilien und enden inhaltlich abrupt, als er an Malaria erkrankt auf einem Lazarettschiff Richtung Livorno in der Toskana transportiert wird.

 

Nachtwache beschreibt die Kriegserlebnisse in Italien aus Sicht eines einfachen Soldaten. Dabei geht es nicht um historische Zusammenhänge, Beschreibung militärische Strategien und Taktiken (einzig die Beschreibungen aus den Kriegstagebüchern nach jedem Tageskapitel geben einen Eindruck über die jeweilige strategische Lage) und schon gar nicht um die Beschreibung eines dahinsiechenden Unrechtregimes, sondern um Empfindungen eines Soldaten über den Krieg und im Krieg. Es ist ein ständiges Warten, warten auf die feindlichen Bodentruppen, aber vor allem im rückwärtigen Kriegsgebiet, in dem die Einheit von Cibulka eingesetzt ist, eher ein auch angstvolles Warten auf die überlegene Luftwaffe der Alliierten. Einen Feind in Form von Bodentruppen hat er kaum gesehen. So gibt er gegenüber einem italienischen Kameraden zu, bis dato nicht einen Schuss abgefeuert zu haben. Unterbrochen wird die Ruhe nur bei Fliegeralarm und Luftangriffen, dem Gegenfeuer der eigenen oder italienischen Flugabwehr und dann, ja und dann wieder lange Zeit einfach nur Stille. Selbst bei unmittelbarem Artilleriebeschuss, wenn man das Pfeifen der Granaten hört aber der Einschlag erst verspätet erfolgt „...wir können in Ruhe sitzenbleiben und frühstücken ...“.

 

Ansonsten, so der Erzähler, wird es nach Einbruch der Dunkelheit nur dann lebendig, wenn Käfer und Motten sich kamikazehaft auf jegliche Lichtquellen stürzen oder auch Moskitos und Mücken sich gierig ihre Blutopfer suchen. Selbst als die eingangs beschriebene Landung der Alliierten erfolgt, bleibt Cibulka relativ gelassen, denn die Landung fremder Heere hat sich auf Sizilien in den letzten 3.000 Jahren schon mehrmals vollzogen und ein einzelner kleiner Soldat hat gar nicht den Überblick welche Masse and Verbänden da auf einen zurollen. Deswegen hat Cibulka auch viel Zeit, Zeit, um Nachzudenken, über Dichter und Denker, über Sinn und Unsinn des Krieges, über Vorgesetzte (trotz der unvorstellbaren Leiden im Krieg muss man schmunzeln bei Dialogen wie: „Herr Major, darf man hoffen, dass wir bald ins Feuer kommen? Sie dürfen, Oberleutnant, Sie dürfen ,,,“), über Land und Leute vor Ort, über das Leben. Wer auch nur einmal ansatzweise dieses stumpfsinnige „Warten auf etwas“, muss nicht zwingend als Soldat sein, diese Art Alarmbereitschaft, zum Beispiel bei der Feuerwehr oder ganz anders am Fließband, erlebt hat, weiß, wie wichtig es ist, wenn man geistig aufmerksam bleiben möchte, auch den Geist zu beschäftigen, damit man dann sofort zu 100% da ist, wenn man gebraucht ist.

Deswegen auch der Titel Nachtwache, Wache im Sinne eines Alarmpostens zum Schutz seiner Einheit aber auch am Sterbebett seiner Mutter. Im übertragenen Sinne zum Schutze von Menschen, die in Gefahr sind, deren Freiheit eingeschränkt wird, die heimatlos umherirren aber andererseits über die „Bösen“, damit deren Handlungsraum, Böses zu verbreiten, eingeschränkt bleibt. Dies verpackt Cibulka lyrisch und poetisch, für manchen vielleicht in Teilen in zuviel Prosa.

Gegen Ende des Buches spekuliert Cibulka damit, dass die einfachen Soldaten irgendwann genug vom Krieg haben, desertieren und zusammen darüber herzhaft lachen. So abwegig ist das gar nicht, bedenkt man, dass bereits 1914 im 1. Weltkrieg die sich zuvor in den gegenüberliegenden Schützengräben erbittert bekämpfenden deutschen und britischen Soldaten aus ihren Stellungen begaben und zusammen das Weihnachtsfest feierten. Auch wenn oder besser obwohl man danach wieder gegenseitig auf sich schoss.  

Insgesamt beschreibt Cibulka eine ich nenne es mal „trügerische entspannte Spannung“. Er beschreibt ein Sizilien im Hochsommer, landschaftlich im Landessinneren Nahe des Ätnas schon auch reizvoll, ab und an kleinere kriegerische Scharmützel in der Luft, literarisch untermalte Gedanken zu Goethe’s Italienischer Reise, Ernst Jünger (Auf den Marmorklippen), Wanderjahren in Italien von Gregorovius und die Fragmente des Empedokles, dem auf Agrigent auf Sizilien geborenen griechischen Philosophen und Dichter. Letzteren hebt er in seinem Tagebucheintrag zum 25. Juni als denjenigen hervor, der damals schon die Heilkraft von Kräutern erkannte und auch, dass man Heilung, genauso wie eine schwere Krankheit, nicht immer rational erklären kann, sondern die heilende Wirkung undefinierbar von einer Art zentrierter Heilkräuter im eigenen Körpers erreicht wird.

Sowohl das Lesen als auch die Fortschreibungen im eigenen Tagebuch bezeichnet Cibulka als Hunger, den man stillen muss. Aber während Goethe die Wahl hatte zu entscheiden, ob er im Rahmen seiner „Italienischen Reise“ nach Sizilien fährt oder nicht, hatte Cibulka wie eigentlich alle Soldaten dieser Welt diese Freiheit nicht – hier wird befohlen und ausgeführt. Diese militärische Disziplin der Befehlstaktik löst jegliche Individualität auf und sollte dagegen zugunsten einer Akzeptanz des Schöpferischen, was in jedem Menschen steckt, abgelöst werden. Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse, die am Ende jedes Kapitels eingefügten Wehrmachtsberichte geben ein Bild davon, was da auf die immer schwächer werdende Wehrmacht zurollt bzw. vielmehr „angeschifft“ wird ... aber da wird Cibulka aufgrund seiner Malariainfektion schon von der nahenden Front abtransportiert und hat in seinem Fieberwahn wieder viel Zeit, später in Kriegsgefangenschaft sowieso, über eben Goethe, Ernst Jünger und Empedokles nachzudenken und zu sinnieren.  

Cibulkas Büchlein ist beeindruckend in seinen Natur- und Situationsbeschreibungen und in seiner sehr bildhaften Charakterisierung der Menschen in seiner Umgebung. So beschreibt er einen ukrainischen General „ ...von der Seite her gesehen, fing dieses Gesicht wirklich erst an, Profil zu werden, mir schien, als wartete es auf einen inneren Befehl, auf das Signal, welche Form es endgültig annehmen sollte. Solche Gesichter werden nicht in einem einzigen Leben verbraucht, sie sind auf Jahrhunderte angelegt.“ Nationalsozialistische Ideologie in seinen wahnwitzigen Auswüchsen spielen keine Rolle. Stattdessen erfahren wir, dass im sizilianischen Sommer mittags die Luft nur bleiern ist, es aber zu heiß ist für Schusswechsel und um sich gegenseitig in den Tod zu schicken.

Es ist schwer zu sagen, was genau das Tagebuch ist – eine klassische Autobiographie über Kriegserlebnisse jedenfalls nichts. Es ist auf alle Fälle ein wunderbar zu lesendes Büchlein über Sizilien, seine Geschichte, seine katholischen Wurzeln, seine Landschaft, seine Sprache, die neben dem Italienischen arabische, griechische und iberische Elemente enthält, seine Fauna sowie vor allem seine Flora und seine Menschen. Auch 80 Jahre später würden aufmerksame Besucher der Insel zu ähnlichen Beobachtungen kommen. Aber aufmerksam beobachten und das aufgefasste unaufgeregt aber doch lesenswert zu Papier zu bringen, können nur wenige. Cibulka kann es! ... genauso gut wie seine vielmehr süffisante Beschreibung des Typus Offiziers in der Wehrmacht am Beispiel seines Einheitsführers.

Was war, darf nie wieder sein, möchte man im Sinne Cibulka sagen. Nachtwache am Grab derjenigen, die für millionenfaches Leiden gesorgt haben. Nicht aus Ehrerbietung natürlich, sondern, um sicherzugehen, dass die Leidbringer dieser Welt sich nie wieder aus ihrer Gruft bewegen.

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die NATO zum Schutz ihrer Mitgliedsländer dort und zur Abschreckung an den Grenzen ihrer Ostflanke, Deutschland zum Beispiel in Litauen, ihre Truppenpräsenz verstärkt. Das, was Cibulka erlebt hat und beschreibt, ist aktueller denn je – wochen-, ja monatelang auf etwas warten, was man hofft, es wird nie kommen ...

 

Fazit: Ein wunderbar zu lesendes Büchlein über Sizilien, seine Geschichte, seine katholischen Wurzeln, seine Landschaft, seine Sprache, seine Fauna sowie vor allem seine Flora und seine Menschen.

 

Andreas Pickel

4/5 Sterne
4/5 von 5

© 2023 Andreas Pickel, Harald Kloth, Cover: Copyright © Verlag Matthes & Seitz

 

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