Susan Faludi: Die Perlenohrringe meines Vaters

Geschichte einer Neuerfindung

München ; dtv ; 2018 ; 462 Seiten ; ISBN 978-3-423-28983-2

 

Susan hat seit annähernd 25 Jahren kaum Kontakt zu ihrem Vater in Budapest als sie überraschend eine Mail von ihm erhält: "Er habe jetzt endlich sein sehnlichst gewünschtes weibliches Geschlecht in Thailand durch mehrere Operationen und Hormontherapien erlangt und sie möchte doch bitte seine/ihre Lebensgeschichte aufschreiben"

Susan Faludi hat plötzlich einen Vater namens Stefanie. Doch es fällt ihr sichtlich schwer diese neue Situation zu begreifen. Die Frage "Warum" schreit nach einer Antwort.

2004 beginnt Susan , von zwiespältigen Gefühlen geplagt, mit den Recherchen über eine ihr fast fremde Person und begibt sich nach Ungarn, voller negativer Erinnerungen an ihre Kindheit im Gepäck.

Doch wie kleine Mosaiksteine reihen sich dort während des Aufenthalts im Haus des Vaters alte und neue Geschichten aneinander und ermöglichen es der Autorin die neue Stefanie aber auch ihre eigenen Wurzeln kennen zu lernen.

Der Leser taucht in Stefanies jüdische Familiengeschichte ein, welche eng in die ehemalige politische und gesellschaftliche Struktur eingebettet liegt. Es ist ein düstetes Kapitel Geschichte aus Gesellschaft und Politik, welche große Auswirkungen auf Stefanies Leben hatten. Probleme, mit denen sie sich auseinander setzen und nach Lösungen suchen musste, prägten ihre Persönlichkeit.

Es ist ein Wechselbad der Gefühle zwischen Toleranz und Entsetzen darüber, dass der Vater jetzt eine Frau ist - mit weiblichen Allüren, die stolz Stöckelschuhe und Handtasche zu Kleidern trägt. Das schlägt sich auch im Text nieder wenn beispielsweise "der Vater in ihrem Kleid die Treppe hinunter steigt"

Während der Zeit der Recherche und dem Entstehen des Buchmanuskripts 2014 lernte Susan Stefanie näher kennen und begleitete ihren Vater bis zum Sterbebett. Letztendlich entstand dadurch viel mehr als eine Lebensgeschichte. Es ist die wunderbare Geschichte des Neubeginns einer Tochter-Vater-Beziehung unter außergewöhnlichen Umständen.

Fazit: Das Buch bietet viel Hintergrundwissen und beleuchtet mit viel Gefühl die Problematik der Transsexualität aus dem Blickwinkel der Tochter.

Elisabeth Gonsch

4 Sterne
4 von 5

© 2018 Elisabeth Gonsch, Harald Kloth