Anna Zimt: In machen Nächten hab ich einen anderen

Mein sinnliches Leben in einer offenen Beziehung

 

München ; Knaur ; 2018 ; 204 Seiten ; ISBN 978-3-426-78949-0

 

„Ich bin Projektionsfläche für die Fantasien meiner Liebhaber und umgekehrt“ – hm, für jemanden, der normalerweise Rezensionen zu Geschichtsbüchern und zeitgeschichtlichen Publikationen verfasst mag es etwas ungewöhnlich und
vielleicht auch nicht ganz einfach sein, das kürzlich erschienene Buch „In manchen Nächten habe ich ein anderen. Mein sinnliches Leben in  einer offenen Beziehung“ zu rezensieren. Aber da ich grundsätzlich auch an anderen Genre interessiert und auch ein weltoffener Mensch sowie offen gegenüber allem Neuen bin, hat das Buch nach einem gelesenen Interview mit der Autorin mein Interesse geweckt.

Das Buch wurde unter dem Pseudonym Anna Zimt verfasst, die in Hamburg wohnt und arbeitet. Sie ist 33 Jahre alt, lebt seit sieben Jahren mit ihrem Mann Max in einer sogenannten offenen Beziehung, davon fünf Jahre als Ehepaar. Sie trafen und fanden sich, als sie 18 waren und ihnen wurde schnell klar, dass sie, egal was kommen würde, gemeinsam durch Leben gehen. Das Paar führte zunächst jahrelang eine „Fernbeziehung“, also beide lebten an verschiedenen Orten, seit drei Jahren sie sind aber nun in der Hansestadt vereint. Anna’s Eltern trennten sich, als sie 14 Jahre alt war, dies dürfte aber auf ihr Liebesleben keinen Einfluss gehabt haben. Um es vorab auf den Punkt zu bringen, das Buch ist sehr schön und sinnlich geschrieben und, gerade weil es über die übliche “gesellschaftliche Moral” hinausgeht, auch anregend in jeder Beziehung.

Eine offene Beziehung wie bei Anna und Max bedeutet nichts anderes wie eine „erfüllte und harmonische Beziehung in der auch Sex mit anderen Menschen erlaubt ist“. Dabei gab es  für die beiden nicht DEN einen Entschluss, dies zu tun, sondern es war ein Prozess von situativen Momenten sowie langen Gesprächen. Man lernt andere interessante Menschen kennen, man will sich und neue Dinge ausprobieren, andere Vorlieben entdecken und das finden die beiden sehr sehr aufregend. Sie finden andere Menschen spannend und wollen sich mit ihnen ausprobieren, einfach ab und an wieder verknallt in jemanden zu sein, ohne die Liebe zwischen ihnen selbst in Frage zu stellen. Es ist das sogenannte „kleine Verliebtsein ins Unbekannte“, was daran reizt. Anna weiß genau, was sie für den Sexpartner sein soll und was dieser für sie sein soll – ein Abenteuer, das seine Grenzen hat. Sie ist die Liebhaberin, die Männer die Liebhaber oder bei Max eben umgekehrt. Sie haben sich auch schon mal getrennt, ihr Ehe hat wie in jeder Partnerschaft ihre Höhen und Tiefen, aber sie stellten immer wieder fest, sie wollten voneinander nicht lassen, sie sind und bleiben ein Liebes(-ehe)paar. Gerade in Krisen haben sie die Gründe dafür eingeatmet, wieder ausgeatmet und schließlich aufgeatmet – es war Platz für die neu erwachte Liebe.

Anna und Max leben ihre offene Beziehung nach festgelegten Regeln, sonst, so die Autorin, würde das nicht funktionieren. Dazu gehört eine offene Kommunikation über die Treffen, auch wenn Details und insbesondere Namen einer Affäre nicht
interessieren, zu interessieren haben. Man trifft sich nicht Zuhause und mit der selben Person grundsätzlich nur alle 14 Tage. Auch Sex mit Freunden oder Kollegen ist Tabu. Sicherlich man kann das Modell der beiden „Hauptdarsteller“ nicht als Blaupause für andere hernehmen, jeder / jedes Paar führt ein unterschiedliches Leben unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen und hat unterschiedlichste Erfahrungen. Gerade auch die aufgestellten Regeln muss jeder für sich selbst definieren, auf viele passt da vielleicht keine einzige! Es gibt ja auch keine “One fits all Lösung”, gerade nicht bei der Liebe und beim Sex. Jedes Paar, das für so etwas offen ist, sollte sein ganz eigenes Konzept entwickeln, ausprobieren und immer wieder anpassen. Aber vieles und viele Momente kann man nicht einfach planen, das ist auch wiederum das Spannende daran.

Das Buch ist wirklich sehr sehr offen geschrieben, ob nun über ihre sexuellen Vorlieben, heißen Erlebnisse, aber auch über Treffen negativer Art, bei denen sie sehr enttäuscht wurde und vor allem über ihre Gefühlswelt. Anna berichtet nicht nur über die „perfekten Affären“, sondern auch über negative Erlebnisse. Doch wie auch an anderen Stellen des Lebens, aus Fehlern kann man lernen und die negativen Erfahrungen machen einen noch reicher und die nächsten Male damit umso erfüllender. Kapitel, aus denen sie über einen Mädelsabend oder von Spaziergängen, Gesprächen mit ihrem Mann berichtet, werden sehr geschickt dazu genutzt, ihre Motivation für eine offene Beziehung, ihre Gefühlswelt und Gedanken wiederzugeben, aber auch andere Formen von Beziehungen zu durchleuchten. Gerade bei der Beschreibung ihrer Gefühlswelt, ihrer Sicht der Dinge  zu offenen Beziehungen, ihrer Motive, hat das Buch meines Erachtens seine Stärken. Die Darstellung „sexueller Aktivitäten“ ist da eher ein - zugegebenermaßen aber schönes und erotisches - schmückendes Beiwerk.

Auch der Einfluss der sozialen Medien in Verbindung mit Partnerportalen wie Tinder, also die Tendenz, nur noch zu schreiben, zu posten, anstelle zu reden, richtig zu kommunizieren, wird kurz angerissen. Sie beschreibt dies als die heutige  „Unverbindlichkeit“, da man jederzeit jemanden aus- und anschalten kann, an sich ran oder auch wieder entfernen lassen kann (das sogenannte „Ghosting“).  Überwiegend suchen Männer nur unverbindliche Affären, so die Erzählungen ihrer Freundinnen. Zu Beginn wird alles haarklein beim „Hin- und herschreiben“ ausgelotet, so dass man dann bis zum ersten Treffen alles von seinem Gegenüber weiß und vermeintlich nichts mehr passieren kann (im Sinne von den Falschen kennenlernen), man sich auf Sex konzentrieren kann. Gefühle, ein „Verknalltsein“ wie bei Anna, die Männer grundsätzlich nur in Kneipen trifft, sieht und gleich spürt, ob sie auf jemanden heiß ist oder nicht, spielen hierbei erst einmal keine Rolle. Bauchgefühl, Intuition, Hormone oder vielleicht trifft gar ihre Vagina die Entscheidung, irgendwie ist sie sich immer sicher, wenn sie mit dem Gegenüber Sex haben möchte. Bei manchen fühlt sie sich gar wieder wie 16, fühlt ein Kribbeln, wie man nur in diesem Alter hatte. Und dieses Kribbeln verlangt dann mehr und am Liebsten sofort. Bei Anna geht es trotz allem Anspruchslosen und Unverbindlichen um mehr als nur die Jagd auf Orgasmen. Es geht um genießen, entspannen und die stete wiederkehrende Spannung des Neuen.

Darüber hinaus kann sie sehr gut beschreiben, was sie fühlt, wenn sie auf andere Männer heiß ist, wie sie sich selbst anmacht, wie sie die Männer anmacht, mit ihnen Sex hat, ihre Gefühle, wenn sie jemand versucht, falsch zu befriedigen, wenn sie vielleicht auch mal abblitzt oder wenn es einfach nicht geht, weil der “begehrte Mann“ dann keinen “Freibrief“ von Zuhause hat und sich daran hält ... oder wenn jemanden ihre „schwache Stelle“ erwischt, Intimität, den Zustand tiefster Vertrautheit aufbaut. Auch hier muss sie dann am nächsten Morgen loslassen, auch wenn der „mentale Kater der Sehnsucht“ unbändig groß ist.

Daneben ist das Buch auch eine Hymne auf Berlin, das gleichermaßen wie eine offene Beziehung spannend ist, in das man verknallt sein kann und durch seine Weltoffenheit natürlich auch einen größeren Fundus für offene Beziehungen und Affären bietet, als zum Beispiel irgendwo in der Provinz.

Ich denke, auch diejenigen, die eine „katholisch geprägte konservative Ehe“ und ein entsprechendes Sexualleben führen (also wenn überhaupt Sex, dann nur samstags, im Dunkeln und Missionarsstellung), kommen da zumindest einmal ins Grübeln (obwohl, lesen so Menschen ein derartiges Buch überhaupt?!?), ob Monogamie der Weisheit letzter Schluss ist. Wie umschreibt es die Autorin so nett: eine offene Beziehung ist die beste Antwort auf die Frage: Fremdgehen oder Treue?, die sich viele im Leben stellen, denn es bedeutet Fremdgehen *und* Treue“. Das Dilemma Treue und Abenteuerlust wird gelöst ohne Fremdgehen oder gar Trennung. Allerdings, wenn der andere Partner eben keine offene Beziehung möchte, nicht einwilligt, dass man mit jemanden anderen Sex hat, dann ist es doch die Frage nach dem „Fremdgehen oder Treue“ (spielt in zwei wie ich finde beindruckend gefühlvollen Kapiteln eine große Rolle). Wenn einer meint, dass sexuelle Exklusivität auch Treue bedeutet, dann ist das jedoch schlichtweg Quatsch - Monogamie heißt einfach “Ein-Ehe” und nicht “Ein-Sexpartner”! Obwohl man sich sonst hervorragend versteht, wird Fremdgehen der Grund für eine Trennung, weil man sich lebenslange Monogamie versprochen hat.  Sex ist wichtig, aber nicht das Kernkriterium für eine exklusive Partnerschaft. Für die Autorin ist es dagegen viel wichtiger, ehrlich zu sein, als die sexuelle Exklusivität zu haben. Bei der Autorin sind es eigenen Angaben zufolge 95% „Ehrlichkeit“, sie will aber auch Geheimnisse gerade über ihre Sexabenteuer haben dürfen und gesteht sie auch ihrem Mann zu ... das hat dann auch nichts mit Lügen zu tun, sondern einfach “ ... was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß”.

Viele Kapitel haben es in das Buch geschafft, viele Geschichten hat sie aber sicherlich seit der Herausgabe erlebt und wird noch viele erleben… vielleicht folgt ja irgendwann ein zweiter Teil.

 

Fazit: Ein sehr offen geschriebenes Buch und nebenbei Hymne auf die Stadt Berlin.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2018 Andreas Pickel, Harald Kloth