Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia

Barbara Stollberg-Rilinger

Maria Theresia

Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine Biographie

München ; C.H. Beck ; 2017 ; 1083 Seiten ; ISBN 3-406-69748-8

 

Vor 300 Jahren wurde Maria Theresia geboren, ebenso lang wurde sie in unzähligen Büchern, Aufzeichnungen und Gemälden verherrlicht. Schönheit, Ausstrahlung, Liebeswürdigkeit und eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Staatsführung waren bei ihr einzigartig vereint, so die landläufige Meinung. Zu dieser Verehrung trugen nicht zuletzt auch unzählige Gemälde bei, so zum Beispiel von Bernhard Rode, der gleich zu Beginn ihrer Regierungszeit eine hell erleuchtete und zielstrebig erscheinende Maria Theresia mit Baby auf dem Arm als Radierung malte, als sie
die ungarischen Reichsstände zur Unterstützung gegen die Feinde aufruft. Das dem bei weitem nicht so war, stellt nun die Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger in ihrer anlässlich des 300. Geburtstages von Mara Theresia erschienenen Biografie klar. Und um es Vorwegzunehmen, nachdem die letzte wirkliche Biografie über die Königin und Kaiserin fast 200 Jahre alt war, setzt das Buch Maßstäbe nicht nur über die Person sondern auch hinsichtlich seiner Beschreibungen der politischen Rahmenbedingungen und Lebensumstände im 18. Jahrhundert.

Als Maria Theresia mit nicht einmal 23 Jahren die Nachfolge ihres Vaters Kaiser Karl VI. antrat, blieb ihr nicht viel Zeit, sich in die Regierungsgeschäfte einzuarbeiten und sich vor allem mit den Herausforderungen der komplexen europäischen Mächtekonstellationen vertraut zu machen. Sofort mit einem erbitterten Erbfolgekrieg konfrontiert, musste sie sich früh bewähren und das riesige Reich halbwegs zusammenhalten. Einzig Schlesien ging an die aufstrebende Macht Preußen verloren. Während also der spätere Siebenjährige Krieg, als sich  Friedrich II. von Preußen einer großen Übermacht erwehrte, für den preußisch-deutschen Mythos eine zentrale Rolle spielte, war es dieser
Erbfolgekrieg, der den österreichischen Nationalmythos und auch schon früh den Mythos seiner Kaiserin prägte. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil sie eine Frau war, stellte sie sich mit großer Kühnheit ihren mächtigen Gegenspielern und ihre Standhaftigkeit sowie Widerstandswillen blieben nicht ohne Eindruck. Mit Willenskraft gelang es ihr so, das von Zerfall und Überfall bedrohte Reich vor dem Schlimmsten zu bewahren. Und das trotz 16 Kinder (von den 11 Töchtern und 5 Söhnen erreichten zehn das Erwachsenenalter), die sie bis 1756 gebar, das heißt gerade in der Phase der Erbfolgekriege war sie ständig schwanger. Keine geringere als sie selbst empfand das als lästig oder gar unerträglich, konnte sie doch im Gegensatz zu ihrem großen Widersacher Friedrich II. von Preußen nicht selbst hoch zu Ross als Feldherr ihre Armee an vorderster Front führen. So blieb ihr nur, sich beim regelmäßigen und durch sie selbst ins Leben gerufenen „Damen-Carrousel“ (ein Wettbewerb mit Waffen zu Pferde, nur für Frauen, also Amazonen) als weibliche Kriegerin zu präsentieren. In diesem Zusammenhang bietet Stollberg-Rilinger auch detaillierte Beschreibungen der Auswirkungen der Kriege. Zu der damaligen Zeit resultierte nur die Hälfte der Toten aus Kriegshandlungen selbst, die andere Hälfte starb bereits auf dem Marsch zur Schlacht und in den ärmlichen Lagern. Der Teufelskreis aus Krieg, Hunger und Pestilenz war kaum zu durchbrechen. Sieger und Verlierer nach einer Schlacht festzustellen war auch immer nicht einfach, umso wichtiger war es, so Stollberg-Rilinger, Informationsüberlegenheit und Deutungshoheit zu haben, um so den Gegner und dessen Heimatfront nach gewonnener Schlacht endgültig zu demoralisieren.

„Der König ist der schönste Mann, die Königin die schönste Frau und sie müssen es sein, weil sie König und Königin sind“, heißt ein schöner Spruch. Aber die junge Maria Theresia war wohl wirklich eine sehr hübsche Frau, das bezeugten sogar ihre Feinde. So gelang ihr nichtsdestotrotz der Balanceakt zwischen liebender Mutter und Erzieherin auf der einen Seite und die Leitung der Staatsgeschäfte in einem komplexen Vielvölkerstaat auf der anderen Seite in heutzutage kaum vorstellbarer Weise (siehe die Diskussionen zu dem Thema „entweder Mutter oder Karriere“). Manche Historiker sprechen deshalb nicht umsonst von einer Person, die einen Tag „Mann“, also Kriegsherr und
Staatsführer, am anderen Tag „Frau“, also Mutter und Ehefrau war. De facto wechselte sie quasi stündlich die Rollen. Für die Autorin war Maria Theresia`s Regierungsstil dabei von drei Faktoren geprägt: Erstens die Politik das Heilige Römische Reich betreffend war primär immer habsburgische Hauspolitik, zweitens bestimmte sie alleine die Richtung, ihr Ehemann, eigentlich der Kaiser, hatte dem zu folgen und drittens bevorzugte sie jeden Aristokraten oder Verwandten und Verschwägerten vor jeden noch so geeigneten, talentierten und aufopferungsvoll arbeitenden Bürgerlichen. Ein (Un-)tugend, die ihr im Zeitalter der Aufklärung zunehmend hinderlich wurde.

Gerade „Do ut des“ („Ich gebe, damit Du gibst“) war das Herrscherprinzip der Zeit und vor allem der Habsburger Dynastie. Die standesgemäße Besetzung aller wichtigen Posten in Gesellschaft und Militär für Familienmitglieder, die Verflechtung von Adel und Herrscherdynastie, stand im Mittelpunkt des  Handeln und nicht irgendwelche Staatszwecke. Einfach gesagt, der noch so dumme Neffe wurde dem intelligenten Untertanen stets vorgezogen. Wie schreibt die Autorin so treffend: Es galt Ämter für Personen zu finden und nicht Personen für Ämter! Dies galt auch für die Namen ihrer Kinder, die aus demselben beschränkten Reservoir von Heiligen ausgewählt wurden. Es ging dabei also nicht um Individualität, sondern auch hier um das Zeigen von dynastischer Identität und Kontinuität.

Stollberg-Rilinger hat ein beeindruckendes Quellenstudium betrieben. Eine der besten Quellen über das Leben der Kaiserin überhaut sind die Aufzeichnungen von Johann Joseph Graf – später Fürst – Khevenhüller, jahrzehntelang als Obersthofmeister einer der einflussreichsten Amtsträger des Hofes und DER vertraute Maria Theresia. Sein achtbändiges Tagebuch ist eine beeindruckende Chronik des Kaiserhofes seiner Zeit. Dieses Tagebuch nutzend, bringt uns Stollberg-Rilinger neben politischen Themen auch detailgetreu die Rituale und das Leben am Hof näher. Sei es generell der diszipliniert eingehaltene Tagesablauf, die Erziehung der Kinder, Frömmigkeitsübungen, Glückspiel, die Frage nach dem warum der Nutzung unterschiedlichster Sprachen in Schriftverkehr, Gesprächen und Reden, die Bedeutung von den sogenannten Galatagen als
Demonstration der Kleidung von Reichtum und Magnifizenz, mühsam hat die Autorin aus all den zugänglichen Quellen einige sehr informative und interessante Kapitel über das Innenleben am Hofe zusammengetragen. Gerade Zitate aus den Aufzeichnungen von von Khevenhüller geben tiefe und oftmals auch humorvolle Einblicke in das Hofleben. Besonders markant war bei ihr offensichtlich die Obsession nach ständiger Kontrolle der politischen Mit- und Gegenspieler. Aber selbst in Wien war es übliche Praxis, dass die Damen von hohem Stand zwei Männer
hatten, einen für den Namen und einen für das Bett. Ein Umstand, der Maria Theresia neben ihrer permanenten Eifersucht einen „Keuschheitskommission“ einführen ließ, die u.a. Kutschen und Privatwohnungen kontrollierte. Dies ging selbst ihren engsten Vertrauten zu weit. Kontrolle betraf aber vor allem die Familie. Kaum ein Kind verließ den elterlichen Hof ohne Spitzel und Aufpasser.
Von der Fortpflanzung hing die Stabilität der gesamten herrschaftlichen Ordnung ab, die Weitergabe von Stamm, Rang, Namen, Gütern und Privilegien galt als Rechtfertigung für die Kontrolle der Sexualität. Aber wie sich gerade am Ende ihrer Regierungszeit zeigte scheiterte sie daran, alles und jeden zu kontrollieren. Stollberg-Rilinger beschreibt es als Ironie, dass sie ihren Kindern am wenigsten Vertraute, diese sogar gegeneinander  ausspielte, aber von denjenigen, denen sie am meisten Vertrauen schenkte, z.B. Kaunitz, am perfektesten hintergangen wurde.

Im Verständnis höchster Richter und Gesetzgeber zu sein, wählte sie "Iustitia et clementia" als Motiv ihrer Herrschaft, also im weitesten Sinne Gnade vor Recht ergehen lassen. Unveränderlich in ihrem Leben blieb aber der Bezug zur Religion. Sie war aufgrund des dynastischen Erbrechts von Gott zur Herrschaft beauftragt. Der Schutz der katholischen Länder, die Ehre der Dynastie und das Wohl der Erbländer waren für sie nicht zu trennen und sie trug einzig vor Gott – und nicht mittels des Papstes - Verantwortung für die Religion ihrer Untertanen. Ihre Anhängerschaft für den Jansenismus, eine Bewegung der katholischen Kirche mit dem Ziel der Rückbesinnung auf die ursprüngliche christliche Lehre, bildete immer wieder Konfliktstoff nicht nur mit dem Papst sondern auch mit ihren der Aufklärung gegenüber offenen Kindern.

Trotz eines unbändigen Willens und Kraft wurde es mit der Zeit immer schwieriger, an allen „Baustellen“ des Reichs und interfamiliär erfolgreich zu handeln. Sie arbeitete unermüdlich, ließ sich alles vorlegen, wollte alles prüfen oder lesen, ob nun Gerichtsurteile, Depeschen, Briefe oder auch Berichte über ihre Kinder. Dies wurde irgendwann zu viel, Quantität statt Qualität. Dies als sie insbesondere von der Aufklärung mit ihrem neuen Zeitgeist eingekreist wurde, mit dem sie überhaupt nichts anfangen konnte. Zwar hat auch sie Reformen eingeführt, die aber werde systematisch noch mit einem klaren Ziel versehen und deren Folgen für die Bevölkerung kaum nachweisbar waren. Die Kritik spürend, hat
sie in ihrer Regierungszeit (1750/51 und 1755/56) zwei bedeutende Rechtfertigungsschreiben verfasst, die man später „Politische Testamente“
nannte. Ziel beider Schriften war es, bei ihren Nachkommen Verständnis für ihr Handeln zu finden.

Auch wenn das Buch über 850 (mit Anmerkungen, Bibliografien, Literaturverzeichnis etc. über 1000) Seiten dick ist, ist es unheimlich
kurzweilig. Trotz 300 Jahre zwischen dem heute und dem damals ist es gespickt mit Anekdoten und detaillierten Beschreibungen des Lebens an einem kaiserlich-königlichen Hof mit all seinen Ritualen und Besonderheiten. Viele Historiker schwelgen geradezu, Maria Theresia liebte ihre Untertanen und wurde von ihren Untertanen geliebt, ja angebetet. Voltaire nannte sie die „Herrscherin aller Herzen“, eine Art „Diana des 18. Jahrhunderts“ also. Aber neben der Darstellung von Maria Theresia und ihrer Entourage liefert das Buch, insbesondere im Rahmen der Erzählungen über ihre Töchter und Söhne, auch einen exzellenten Blick in die anderen europäischen Königshäuser und wer mit wem,
wann, wie und wieso verknüpft und verbandelt war oder es – sehr zum Leidwesen der betroffenen Kinder - werden  musste (so z.B. die jüngste Tochter Antonia, die den französischen  Thronfolger Ludwig XVI. ehelichen musste und als Marie Antoinette Madame La Dauphine eine eigene historisch bemerkenswerte Persönlichkeit wurde).

Treu blieb sie aber nicht nur ihren Prinzipien und der alten Ordnung, treu blieb sie vor allem ihrem Mann, Kaiser Franz Stephan, und dies wirklich von Kindheit an bis zu dessen Tod am 18. Augst 1765, also 15 Jahre vor ihrem eigenen Ableben Dabei übersah sie wohl auch den einen oder anderen Seitensprung ihres Gemahls und akzeptierte, dass er ein schlechter Feldherr und Reichsführer war. Dieser hatte in der Politik nicht viel zu melden. Obwohl als Franz I. Stephan zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gekrönt, Maria Teresia war dies als Frau nicht möglich, hatte sie in allen Angelegenheiten „die Hosen an“ und er war nur schmückendes Beiwerk. Als Königin von Böhmen und Ungarn war sie mit Böhmen Teil, mit Ungarn außerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Ich glaube, es gibt angenehmere Konstellationen für Ehepaare. Nach dem Tod ihres Gatten in tiefem Trauer, verstärkte sich mit der Übernahme der Kaiserkrone durch ihren Sohn Joseph sich ihre zunehmende (Lebens-)Unzufriedenheit. Es kam zu massiven Rollenkonflikten aufgrund gegensätzlicher Temperamente, Prinzipien, Denkrichtungen und Reformwilligkeit. Der Starrsinn beider Protagonisten, die Autorin spricht hier sehr treffend von einem kommunikativen Labyrinth“, führte dazu, dass sie sich mehr und mehr aus dem Wege gingen und auch für die Untertanen spürbar teils konträr und gegensätzlich regierten. Der 29. November 1780, der Todestag Maria Theresias, an dem Joseph sofort begann all die bisher durch seine Mutter blockierten Reformen in die Tat umzusetzen, war so gesehen für viele das Ende einer Epoche, aber für andere auch ein notwendiger Neubeginn, der Beginn einer neuen Ära.

Insgesamt also gleichermaßen ein Buch über die Königin wie über das Mitteleuropa im 18. Jahrhundert und über die Geschichte des Hauses Habsburg. Stollberg-Rilinger gelingt es unter sorgfältiger Auswahl und Verwendung all der Quellen und dem Wechsel von Prosa, Analyse und Zitaten meisterhaft, Maria Theresia so darzustellen, wie sie in ihrer damaligen Zeit wahrgenommen wurde. Mit der Weisheit des Rückblicks ist man immer schlauer, hilft aber meist nicht, die Entscheidungen der Zeit zu rechtfertigen oder zu verteufeln. Deshalb ist die Perspektive aus dem damals so wichtig. Die Autorin entmythologisiert sicherlich nicht Maria Theresia, dazu besteht auch kein Anlass. Unter dem Strich hat sie aus einem übernommenen Trümmerhaufen ein solides Haus hinterlassen. Aber sie geht trotzdem sehr kritisch mit ihrem Erbe um und rückt ihre jahrhundertlange Glorifizierung ins rechte Licht. Gerade ihr Widerstand gegen wirkliche Reformen und, im Gegensatz zu ihrem Sohn und späterem Kaiser Joseph II., gegen die Aufklärung, hinterlassen doch den Eindruck einer dem Traditionalismus zu sehr verfallenen und somit 100 Jahre zu spät geborenen Monarchin. Fortschritte in Wissenschaft und Technik sowie der aufkommende Freiheits- und Gleichheitsgedanken überspülten schließlich ihre Form von Regieren.

 

Fazit: Insgesamt ein Buch, das völlig zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat und man geschichtsinteressierten Verwandten und Bekannten unbedingt unter dem Weihnachtsbaum legen sollte.

 

Andreas Pickel

5 Sterne
5 von 5

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© 2017 Andreas Pickel, Harald Kloth