Im Frühling sterben

Ralf Rothmann

Im Frühling sterben

Roman

Berlin ; Suhrkamp ; 2015 ; 233 Seiten ; ISBN 978-3-518-42475-9

 

Zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, dem weltweit in unzähligen Veranstaltungen, von China und Japan über Russland bis nach England, gedacht wurde, fragt man sich, ob es nach einer so langen Zeit, nach mittlerweile unumstößlichen Fakten zu allen Aspekten dieses komplexen Themas immer noch Neuerscheinungen zu diesem schwärzesten Kapitel deutscher Geschichte bedarf. Dies war auch mein erster Gedanke, als ich auf das neue Buch von Ralf Rothmann stieß. Und um es kurz zu machen, Bücher solcher Art sind absolut lesens- und lohnenswert, verbinden sie doch den unbeschwerten Stil eines Romans mit der harten Realität unter Nutzung wahrer Gegebenheiten und vermeiden so ein Vergessen… und dieses Aufrechterhalten der Erinnerung sind wir all den Millionen Toten verpflichtet.

 

Der Inhalt des Buches "Im Frühling sterben" von Ralf Rothmann ist schnell erzählt: Walter Urban und Friedrich „Fiete“ Caroli werden gegen Ende des Krieges im Rahmen eines eigentlich lustigen Trinkabends zwangseingezogen zur SS. Beide sind gerade mal 17 alt und werden an die Front nach Ungarn geschickt, obwohl sie als Melker in einer für die schwierige Ernährung der Bevölkerung so wichtigen Beruf arbeiten. Walter wird Fahrer im rückwärtigen Gebiet, Fiete ist als Infanterist an der Front eingesetzt. Schnell verlieren sie sich aus den Augen, nur einmal sehen sie sich, als Fiete verwundet in einem Lazarett liegt. Fiete ist schon bald den menschenunwürdigen Bedingungen, körperlichen Anstrengungen und vor allem psychischen Belastungen des Fronteinsatzes nicht gewachsen. Er versucht zu fliehen, zu desertieren, wird aber gefasst und standrechtlich zum Tode verurteilt und erschossen. Einer der Schützen ist sein alter Freund Walte.

 

Was zunächst wie einer der üblichen Romane klingt, ist in Wahrheit ein großartiges Buch. Rothmann gelingt es von Beginn an seine Leser einerseits zu fesseln, andererseits zu schaudern. Auf nicht einmal 250 Seiten beackert er augenöffnend, aber vor allem umfassend alle Aspekte der letzten Tage des zweiten Weltkriegs, wofür andere 1.000 Seiten oder gar mehrere Bände brauchen: Fanatische Offiziere, die immer noch willenlos ihrem Führer folgend und an den Endsieg glaubend, ihre untergebenen Soldaten in eine aussichtslose Schlacht gegen die Übermacht der Roten Armee und damit in den sicheren Tod schicken; Göhring‘s in der Propaganda unbesiegbare Luftwaffe, die nur noch schlapp ihre Flüge hängen lässt; Kriegsverbrechen der SS werden beschrieben, auch wenn der Holocaust nur angedeutet wird. Es wird aber auch der unbändige Kampfeswille der Soldaten, die Zähheit, der Durchalte- und Überlebenswille unter unmenschlichen hygienischen Bedingungen, Krankheit und Hunger erschreckend realitätsnah beschrieben. Ob krank oder versehrt, psychisch oder physisch, es gab kein Entkommen von den Grausamkeiten des Krieges, der Front.

 

Sachlich nüchtern und doch so ekelerregend beschreibt Rothmann die moralische und psychische Verelendung, Verrohung und Abgestumpftheit der Soldaten in den letzten Kriegswochen. Ständig unter Alkoholeinfluss stehend, von Huren „betreut“, ist für sie ein Menschenleben, egal, ob Feind oder Kamerad, ja auch das eigene Leben nichts mehr Wert. Unter Alkoholeinfluss kann selbst ein Leben unter Leichen und Panzerschrott schön sein. Wer sich mit der Verrohung der Menschen im Zweiten Weltkrieg näher beschäftigen möchte, dem sei in diesem Zusammenhang das bereits 2006 erschienene Buch von Harald Welzer, Täter - Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, zu empfehlen.

 

Auch das Leben, besser Überleben unter den Bedingungen der Mangelbewirtschaftung zuhause, die Umstellung auf die Kriegswirtschaft, den totalen Krieg, der alle Kriegsuntauglichen, Frauen, Alte und Kindern einband, der grausame Bombenkrieg gegen deutsche Städte wird einem plastisch vor Augen geführt. Rothmann verschont uns von nichts. Rothmann ist der vielleicht renommierteste deutsche Autor der Gegenwart. In kurzer Zeit schaffte es der Sohn eines einfachen Bergbauarbeiters, sein Vater starb bereits mit 61 Jahren, einen Bestseller nach dem anderen zu schreiben. Meist sind seine eigene Lebensgeschichte Thema seiner Bücher, so auch in dem aktuellen Buch. Rothmann, 1953 geboren, ist in einer Epoche des Friedens aufgewachsen, aber hat gerade als Kind die zerrissenen Seelen der Kriegsteilnehmer am eigenen Leib erfahren. Meisterhaft gelingt es ihm, anhand der beiden von einem Tag auf den anderen in den Krieg abkommandierten minderjährigen Melkern die ganze Tragweite der allerorts chaotischen Zustände in den letzten Kriegstagen auf die Psyche eines Individuums, nein einer ganzen Nation hin metapherhaft darzustellen. Sein eigenes Empfinden, seine eigenen Kindheitserlebnisse transferiert er in die Geschichte der beiden Melker. In seinen Darstellungen spürt man, wie sehr mit dem 8. Mai 1945 der Krieg gerade in den Köpfen der Menschen noch lange nicht vergessen war, sondern noch Jahrzehnte danach die Nachkriegsgeneration und seine Kinder prägte.

 

Rothmann bewältigt so seinen ihn offensichtlich immer noch beschäftigenden Konflikt mit seinem so verschlossenen und gefühlskalt wirkenden Vater, einem „Schweiger“, was die Erlebnisse des Krieges angeht. In einem Radiointerview offenbarte er einmal: „Geh auf Dein Zimmer!“ war der Standardsatz seiner Eltern, wenn er nach Kriegserlebnisses des Vaters bohrte. Aber sein Vater ist beileibe kein Einzelfall, eine ganze Nachkriegsgeneration „schwieg“, übernahm keine (moralische) Verantwortung für das Geschehene, ja, ein großes zeithistorisches Vakuum entstand. Viele verweigerten innerlich, die verursachten Verbrechen auch Verbrechen zu nennen.

 

Auch mein Großvater gehörte dazu, war auch an der Ostfront und hat bis zu seinem Tod mit 92 Jahre weitestgehend über seine Erlebnisse geschwiegen. Rothmann kennt keine Tabus, füllt dieses Vakuum mit Wahrheit, klärt auf. Er berichtet so detailgenau, als wenn er mit dabei gewesen wäre, erzählt wie der Schatten seines Vaters, so, als schreibe er ein Kriegstagebuch. Walter gibt in den gesamten Wochen seiner Kriegszeit einen einzigen Schuss ab – und den ausgerechnet bei der Exekution auf seinem besten Freund. Der innere Konflikt von Walter bei dem Erschießungskommando für seinen besten Freund wirft so auch die oft gestellte Frage nach Schuld und Unschuld auf, handelte man auf Befehl oder nach dem Gewissen. Selbst der Nobelpreisträger für Literatur, Günther Grass, schwebt über dem Roman, werden Walter und Fiete doch in die SS Division Frundsberg aufgenommen, in der auch Grass diente. Rothmann findet Worte für das eigentlich Unbeschreibliche, das macht das Buch so besonders. Umrahmt wird das ganze durch imposante Landschafts- und Situationsbeschreibungen. Rothmann‘s detailgenaue Beschreibungen fesseln und schrecken gleichermaßen ab, vor allem durch seine detaillierten Beschreibungen der menschenverachtenden Situation an der Front, durch die Gedankenwelt der Protagonisten der Front, der einfachen Soldaten. Gerade durch den Wechsel zwischen aktuellen Geschehnissen, Gedanken der Hauptperson und Rückblenden fügt er nach und nach mosaikartig Einzelbilder eines Kriegsteilnehmers zu einer Art Film zusammen.

 

Der durchgehend beklemmende Roman ist auch sprachlich eine „Augenweide“. Die Umschreibungen veranschaulichen die gesamte Tristesse des Lebens, der Lebensbedingungen der Charaktere. Aber zumindest endet die Geschichte halbwegs gut, zumindest Walter überlebt den Krieg sowie eine kurze Kriegsgefangenschaft und wird mit seiner Jugendliebe glücklich. Rothmann versucht seinen Vater zu verstehen, das Schweigen zu verstehen und hilft damit auch uns, unsere Väter und Großväter zu verstehen. Kein Krieg, so Rothmann ist jemals zu Ende. Er setzt mit diesem Buch einer ganzen traumatisieren Kriegsgeneration ein Denkmal.

 

Fazit: Insgesamt ein gerade für die jüngere Generation, für die der Krieg in weiter Entfernung liegt, ein absolut empfehlenswertes, großartiges Buch.

 

Andreas Pickel

5 Sterne
5 von 5

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© 2015 Andreas Pickel, Harald Kloth