Wolf Schneider: Der Soldat - Ein Nachruf

Wolf Schneider

Der Soldat - Ein Nachruf

Eine Weltgeschichte von Helden, Opfern und Bestien

Der Soldat war im Laufe der Tausenden Jahre seiner Geschichte fast alles: Heilbringer, Retter, Held, Söldner, aber auch Fahnenflüchtiger, Mörder, Brandschatzer, stumpfer Befehlsempfänger und somit Massenware seines Herrschers oder Heerführers. Vor allem aber war er in all den Jahren ein Instrument, ein Instrument der Politik, das sich zugegebenermaßen oftmals in seiner Geschichte verselbständigt hat. Dieses Dasein als Instrument der Politik hat sich bis heute, zumindest in westlichen Demokratien, so manifestiert.

 

In Deutschland gilt im Bereich der Sicherheitspolitik und damit beim Einsatz militärischer Mittel das strikte Primat der Politik. Die Politiker, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, geben den Soldaten ein Mandat für einen Auslandseinsatz. Das sollte man nicht vergessen, wenn mancher Kritik an den Soldaten übt, an ihrem Einsatz zum Beispiel in Afghanistan und den Kosten. Die Soldaten sind nicht ihrer selbst Willen im Einsatz, um neues Kriegsgerät zu testen oder sich selbst zu legitimieren. Nein, Soldaten opfern auch heute noch ihr Leben für ihr Land, für deren Bevölkerung, für deren Repräsentanten, die den Soldaten den Auftrag geben. Ja, und dieser Soldat soll nun weitestgehend überflüssig geworden sein. Das ist zumindest die These des renommierten Buchautors Wolf Schneider, der einen beeindruckenden „Nachruf“ auf die Soldaten verfasst hat. Schneider unterstreicht seine These an unterschiedlichen Entwicklungen:

  • Zunächst sind in den Krisengebieten immer mehr private Firmen und Söldner aktiv (alleine die USA haben in Afghanistan über 100.00 Zivilisten im Einsatz), welche die Soldaten in vielen Bereichen ersetzen;
  • Gegen asymmetrisch agierende und verdeckt operierende Kräfte wie Selbstmordattentäter und Partisanen ist der „normale“ Soldat wirkungslos;
  • der Einsatz von Kampfdrohnen reduziert die Notwendigkeit von Soldaten, die unmittelbar „ihren Kopf hinhalten“;
  • der Cyberwar und letztlich die Massenvernichtungswaffen verhindern einen großangelegten klassischen Krieg mit dem Soldaten in der Hauptrolle.

Um seine These zu untermauern, streift Schneider dazu alle notwendigen Themenbereiche: wofür und für wen im Laufe der Geschichte Soldaten mit welchen Mitteln kämpften, litten und starben. Der Soldat war Jahrtausende lang der „Macher“, derjenige, der Entscheidungen herbeiführte, der militärische, aber auch technisch, politische und wirtschaftliche Entwicklungen anstieß, der, so Schneider, „große Beweger der Weltgeschichte“. Dabei spielte der Genuss von Macht, die Lust nach Reichtum und Einfluss in den testosterongefüllten Köpfen der meist männlichen Kriegern eine wesentliche Rolle.

 

Das Buch ist aber viel mehr als nur eine Geschichte der Soldaten, es ist ein Parforceritt durch die Wehr- und Kriegsgeschichte, der Entwicklung der Waffensysteme, der Motive von Kriegen, seiner Psychologie, seiner Strategie, der Kriegskunst. So gesehen ist das Buch schon so etwas wie eine komprimierte Form des in den 1920er und 30er Jahren entstandenen monumentalen siebenbändigen Werkes von Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte.

 

Auch alle namhaften Militär- und Kriegstheoretiker wie Liddel Hart, Martin van Creveld, Sun Tzu und vor allem Carl von Clausewitz dürfen nicht fehlen, sei es in Form von Zitaten oder durch die Darstellung der Grundzüge ihrer Theorien und Lehren. Wolf Schneider fesselt das Thema seit er 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft über die „Verwirrungen des Soldatseins“ nachdachte. Nach einem wenig beachteten Erstversuch 20 Jahre später hat es dann fast 70 Jahre gedauert, bis sein persönliches Denkmal für 3.000 Jahre Soldatentum fertiggestellt war. Ihm gelingt dabei der Drahtseilakt, sich einerseits nicht auf die Seite der Militaristen oder andererseits der Pazifisten zu stellen, sondern die Rolle des stets eher reaktiven Soldaten in seiner Geschichte mit all seinen Umständen und Rahmenbedingungen neutral und unvoreingenommen zu analysieren. Allerdings, auch wenn durch Cyberwar, unbenannte Drohnen, verdeckt operierende Gegner, der Soldat in seiner ursprünglichen, traditionellen Form mehr und mehr ausgedient hat und z. B. durch sogenannten Spezial- oder spezialisierte Kräfte ersetzt wird, wegen der Komplexität sogar ersetzt werden muss. Auch bei Drohnen oder dem „virtuellen Kriege im Netz“, braucht man weiter Menschen, also Soldaten, die das ganze steuern und leiten. Erst wenn hier Roboter am Werk sind, verliert der Soldat endgültig die Kontrolle.

 

Etwas zu kurz kommt in diesem Sachbuch nur das Soldatenleben an sich. Obwohl der Autor selbst im Krieg und Kriegsgefangenschaft gelitten hat, findet der Aspekt der persönlichen Kriegserfahrungen, der persönlichen Erfahrungen, Soldat zu ein, leider keinen Platz in dem Buch. Auch wenn die Ukraine-Krise die sogenannte Friedensdividende zu konterkarieren scheint, der Ruf im Westen nach wieder mehr Soldaten lauter wird und damit Schneider’s These schon wieder veraltet scheint, ist seine Kernaussage im Grunde richtig. “Schön, dass Millionen Männer nicht mehr Soldaten werden müssen – aber weniger schrecklich macht ihr Fehlen zukünftige Kriege nicht“, so Schneider.

 

Die Welt wird also auch ohne Soldaten nicht besser, dass steht unzweifelhaft fest. Der Soldat wird abhängig von der gewählten Form des Konflikts in unterschiedlicher Ausprägung immer Protagonist bleiben. Nur die Art des Kämpfens hat sich verändert, wobei der alte Grundsatz gilt: Ein Krieg kann nicht in der Luft gewonnen werden, sondern Luftschläge müssen immer durch „boots on the ground“ unterstützt werden. Das Soldaten heute in Konflikten keine *militärischen* Entscheidungen mehr herbeiführen können, ist zumindest zu hinterfragen und liegt nicht an den Soldaten selbst. Die Ursache liegt hier vielmehr bei der Politik, die weder für die notwendigen Rahmenbedingungen oder dem öffentlichen und politischen Rückhalt sorgt, obwohl sie zumindest in westlichen Demokratien die militärischen Einsätze mandatiert und anweist – es fehlt das Vertrauen, dass das Militär alleine eine langanhaltende Entscheidung herbeiführen kann. Soldaten gab es immer und wird es immer geben. Die Frage stellt sich nur nach seiner Rolle.

 

Fazit: Lesenswert macht das Buch die exzellente Verknüpfung von Ereignissen, Entwicklungen, Prozessen Theorien und die jeweilige Rolle des Soldaten. Das Ineinandergreifen von politischen, krisenhaften, diplomatischen Abläufen mit Geschehnissen und Weiterentwicklungen im Bereich der Waffentechnik und der Kriegstheorie geben den notwendigen Rahmen. Ein guter methodischer Aufbau und ein überwiegend sachlicher Stil, der Wechsel zwischen Thesen und Fakten bereiten ein außerordentlich kurzatmiges Lesevergnügen und einen veränderten Blick auf den Soldaten.

 

Andreas Pickel

4 Sterne
4 von 5

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© 2014 Andreas Pickel, Harald Kloth

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