Die Wolke (2006)

Die Wolke

(2006)

Der Filmtitel beginnt mit stilisierten Bildern einer Überwachungskamera. Dazu Stimmen von Technikern - normaler Arbeitsbetrieb in einem Atomkraftwerk. Danach Szenen wie in einem typischen Teenager-Film: Herrliches Sommerwetter in einem kleinen Dorf in Deutschland. Die 16jährige Hannah und ihre Freundin unterhalten sich beim Baden über Jungen. Später in der Schule folgen flüchtige Blicke zwischen Hannah (Paula Kalenberg) und Elmar (Franz Dinda). Hannahs alleinerziehende Mutter ahnt die sich anbahnende Beziehung natürlich. Vormittags bittet die Mutter Hannah noch, ihren Bruder Uli zur Schule zu bringen. Für Hannah ein Grund zum Streit. Doch vor der Abfahrt der Mutter nach Schweinfurt versöhnt man sich. Den Gegensatz zu Hannahs einfacher aber liebevoller Familie stellt Elmars wohlhabende Familie dar. Die Mutter ist schon seit längerem krank. Der Vater (Richy Müller) erzieht seinen Sohn vor allem mit Geldzuwendungen. In der Schule steckt Elmar Hannah einen Zettel zu, sich heimlich zu sehen. Elmar will Hannah seine Gefühle offenbaren. Beim ersten Kuss der Beiden ertönen plötzlich Alarmsirenen. Als die Schüler und Lehrer begreifen, dass dies kein Probealarm, sondern ein Störfall in einem nahen Atomkraftwerk ist, bricht Panik aus. Hannah und Elmar werden getrennt. Unschlüssig und alleine mit Ihrem kleinen Bruder bleibt Hannah vorerst in der elterlichen Wohnung und verpasst so die Möglichkeit zur schnellen Flucht. Ein letzter Anruf der Mutter macht Hannah klar, dass sie fliehen muß. Mit dem Rad versuchen sich die Geschwister zum Bahnhof Bad Hersfeld durchzuschlagen. Doch die herannahende radioaktive Wolke verursacht Panik bei der Bevölkerung, die öffentliche Ordnung bricht schließlich zusammen. Nach dieser Reise wird nichts mehr so sein, wie es zuvor war ...

 

Gudrun Pausewang schrieb ihren Jugendbuchbestseller Die Wolke 1987 aufgrund des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Sie richtete das Buch an Jugendliche, um diese auf die Gefahren der Kernkraft hinzuweisen. In vielen Schulen war und ist dieses politische Jugendbuch Klassenlektüre. Der Kraftwerksunfall von Tschnernobyl am 26. April 1986 gilt als einer der schwersten Unfälle in der Geschichte der Kernkraft und hat tiefgreifende Auswirkungen bis in die heutige Zeit.

 

Die Verfilmung von Gregor Schnitzler (Was tun, wenns brennt?, Soloalbum) lebt von Paula Kalenbergs überzeugender Schauspielleistung. Aus ihrer Sicht wird eine moderne deutsche Familie vorgestellt (Mutter alleinerziehend, die üblichen Querelen zwischen Geschwistern), erleben wir den Einbruch einer Katastrophe in eine ländliche Idylle. Der Wind, der die verseuchte Wolke zur Bevölkerung treibt, dient vom Beginn des Filmes an als Stilmittel, um die Veränderungen in Hannahs Leben anzukündigen. Hannahs Erwachsenwerden muß nun im Zeitraffer ablaufen, die Verantwortung für ihren Bruder lastet übermächtig auf ihr. In ihrer erste Liebe mit Elmar sucht sie das Besondere, er soll anders als sie selbst sein. Geschickt versteht es der Regisseur die Buchvorlage zu modernisieren, ohne die wesentliche Aussage des packenden Jugendbuches aus dem Auge zu verlieren. Die Liebesgeschichte zwischen Hannah (die in der Buchvorlage noch Janna-Berta hieß und jünger war) und Elmar ist menschlich und voller Hoffnung inszeniert und steht so im krassen Gegensatz zu den packenden Szenen von Flucht und Chaos.

 

Die Massenszenen sind hervorragend inszeniert und verstören. Vor allem die Szenen auf dem Bad Hersfelder Bahnhof (sie wurden in Belgien gedreht) wirken glaubhaft und schockieren durch das egoistische und brutale Verhalten der Menschen. Aber auch eher beiläufig wirkende Nebenszenen wirken nach: Ein Mann erschießt seinen Hund, Hamburg wirkt düster und fast wie eine Dritte-Welt-Stadt, Menschen streiten sich um Obst, das Radio meldet, daß die Vereinten Nationen deutsche Waren boykottieren.

 

Regisseur Gregor Schnitzler gelingt mit Die Wolke eine stimmige Literaturverfilmung und eine der besten deutschen Filme 2006. Die jungen Darsteller sind erstklassig, Jugendliche finden durch die hoffnungsvolle Liebesgeschichte leicht Zugang zum Film, ältere Zuschauer lassen sich durch die Dramatik und realistische Darstellung der Ereignisse beeindrucken. Obwohl sich Buch- und Filminhalt teils unterscheiden wurde die politische Aussage des Buches von 1987 nicht verändert, sondern für ein neues Publikum zeitgemäß umgesetzt. Eine Leistung, die dann auch mit der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 2006 und mit der Nominierung für den Deutschen Filmpreis völlig zu Recht gewürdigt wurde.

 

Fazit: Sehr sehenswerte deutsche Literaturverfilmung, dramatisch und mitreißend erzählt.

 

Harald Kloth

4/5 Sterne
4/5 von 5

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© 2014 Harald Kloth

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