Interview mit dem Autor Peter Scholl-Latour

Zwischen den Fronten - Erlebte Weltgeschichte von Peter Scholl-Latour

 

Peter Scholl-Latour (1924 - 2014) war einer der populärsten deutschen Berichterstatter. Der Journalist veröffentlichte zahlreiche Bücher zum Nahen Osten und Islam. Dieses Interview mit Peter Scholl-Latour führte die Autorin Dagmar Schmidbauer im Jahr 2007. Es erschien gekürzt am 18. Dezember 2007 in der Tageszeitung Passauer Neue Presse (PNP).

 

Unter Journalisten weiß man, Peter Scholl-Latour zu interviewen ist nicht leicht. Dabei ist der dreiundachtzigjährige kein schwieriger Mensch, ein angenehmer Gesprächspartner und er weiß wo von er spricht, hat fast die ganze Welt bereist und er hat, mit dem was er sagt Recht. Punkt.

 

Wer mit ihm auf Reisen gehen möchte, liest etwa sein neues Buch und lernt mit ihm die Länder und Menschen kennen, die er besuchte und interviewte, aber es gibt auch einen Menschen Peter Scholl-Latour hinter seinen Büchern. Dagmar Schmidbauer sprach mit dem unbequemen Journalisten, der so gern anderen die Welt erklärt.

 

Sie haben bereits mit zwölf Jahren ihr Elternhaus verlassen, um in einem Schweizer Internat sicher zu leben. Waren sie schon damals zu unbequem für ihre Mitmenschen?
Peter Scholl-Latour: Nö, ich war überhaupt nicht unbequem, meine Eltern wollten dass ich Französisch lerne und danach wurde das Jesuitenkolleg im schweizerischen Freiburg ausgewählt, es war dort allerdings in der Tat nicht sehr bequem, wir mussten morgens um halb sechs aufstehen.

 

Als Jugendlicher haben Sie versucht sich den Partisanen des Marschalls Tito im damaligen Jugoslawien anzuschließen, wurden aber an der Grenze zu Slowenien von der Gestapo aufgegriffen und zurückgebracht. Was hat Sie zu diesem Vorhaben bewegt und warum sind Sie aufgeflogen?
Peter Scholl-Latour: Zuvor hatte ich bereits zweimal versucht im Westen über die Grenze zu kommen, aber das ging schief, darum habe ich es dann an der Slowenischen Grenze versucht, aber auch hier wurde ich zurückgeholt.

 

Warum wollten Sie sich Tito anschließen?
Peter Scholl-Latour: Ich wollte mich Tito nicht anschließen, ich hab doch keine Sympathie für die Kommunisten gehabt, zu keiner Zeit meines Lebens, ich wollte aus Deutschland raus!

 

Die Gestapo hat Sie dann zurückgeholt, warum glauben Sie, waren Sie so wichtig?
Peter Scholl-Latour: Ich war angefordert vom Reichssicherheitsamt in Berlin, in völliger Überschätzung meiner Person.

 

Die haben schon damals gewusst, was aus Ihnen wird.
Peter Scholl-Latour: Vielleicht? Nein (Lacht!) Wir sind bis nach Prag gekommen und gelangten zur russische Offensive an der Oder und bürokratisch wie die damals alle waren, haben sie uns wieder an die Ausgangsplätze zurückgeschickt. So bin ich wieder in Graz gelandet, übrigens der Hauptsicherheitstrakt von Österreich. In Wien hab ich mich im Gestapogefängnis mit Flecktyphus infiziert und bin in ein Krankenhaus eingewiesen worden, wo dann die Nonnen vom Orden des heiligen Vinzenz von Paul, mit ihren weißen Flügelhauben waren, und war wieder ein glücklicher Mensch.

 

Aber Sie waren doch in Schutzhaft genommen worden ...
Peter Scholl-Latour: Schutzhaft war damals der Ausdruck für politische Gefangene.

 

Kaum war der zweite Weltkrieg vorüber, da haben Sie sich dem französischen Fallschirmjäger–Expeditionskorp angeschlossen und gingen nach Indochina. Sie besitzen neben der Deutschen auch die Französische Staatsbürgerschaft, fühlten Sie sich dem französischen Staat eher verpflichtet?
Peter Scholl-Latour: Nein, das war eine familiäre Tradition. Wissen Sie das liegt alles so weit zurück und man muss das aus dem Zusammenhang sehen. Ich habe in der NS-Zeit sehr gute deutsche Freunde und auch Schulkameraden gehabt. Der eine hatte Krach mit seinen Eltern und ist in die Waffen SS eingetreten, aber der war noch lange kein Nazi. Der einzige, der wirklich fies war, der war in nichts drin gewesen und alle anderen waren hochanständige Menschen.

 

Gibt es eine Frau an Ihrer Seite, die Ihre ganzen Reisen, Ihre Unternehmungen, die ja nicht immer ungefährlich waren, mitgetragen hat?
Peter Scholl-Latour: Meine Frau Eva ist auf verschiedenen Reisen dabei gewesen. Ich hab sie in den Irak mitgenommen und in die Wüste, Afghanistan kennt sie, aber aus früheren Zeiten, als das Land noch friedlich war, das ist heute nicht mehr das Fall. Meine Frau ist reisefreudig und sie kennt auch sehr viele Teile der Welt. In diesem Jahr haben wir eine gemeinsame Reise in die Antarktis gemacht.

 

War das immer ungefährlich für sie?
Peter Scholl-Latour: Im Kaukasus ist sie mal zwischen die Bürgerkriegsparteien gekommen. Sie schätzte die Gefahren nicht richtig ein, aber das geht den Kamerateams oft genauso.

 

Vereinbart sich so ein Leben mit einer Familie?
Peter Scholl-Latour: Ich hab einen Sohn, der lebt in Neuseeland, den ich natürlich nur relativ selten sehe.

 

Sind Sie besonders mutig oder einfach nur neugieriger als andere?
Peter Scholl-Latour: Ich bin nicht ängstlich und in Großstädten lauern ja auch Gefahren, das darf man nicht unterschätzen, aber neugierig bin ich schon sehr, ja! (Schmunzelt)

 

Konnten Sie Gefahren schon immer so gut einschätzen?
Peter Scholl-Latour: Das hab ich im Laufe meines Lebens gelernt.

 

Sind Sie auch mal auf die Nase gefallen, weil Sie vielleicht zu heißspornig an etwas herangegangen sind?
Peter Scholl-Latour: Wenn ich auf die Nase gefallen wäre, säße ich jetzt nicht hier! Aber nein, noch im vergangenen Jahr bin ich mit der Bundeswehr in Afghanistan auf Patrouille gewesen ...

 

... na ich wunder mich, was Sie alles noch machen, andere lassen es in Ihren Alter ruhiger angehen. Was treibt sie an, was bringt Sie dazu mit 83 auf Weltreise zu gehen?
Peter Scholl-Latour: Warum soll ich aufhören, solange es mir bekommt. Wenn erst mal Krankheiten kommen und die werden kommen, da mache ich mir keine Illusionen, muss ich ohnehin aufhören. Aber es ist ja auch stimulierend, mit jungen Kameramännern zusammen zu sein, die meine Enkel sein könnten. Ich mache da sehr positive menschliche Erfahrungen, sie sind fleißig, sind höflich und interessiert.

 

Gibt es einen Platz auf der Welt, wo es Ihnen besonders gut gefällt, wo Sie gern leben möchten?
Peter Scholl-Latour: Ich habe bereits ein Haus in Südfrankreich, dort schreibe ich zwischen meinen Reisen meine Bücher. Schreiben ist anstrengender als Reisen.

 

Ihre letzte Reise ist noch gar nicht lange her und jetzt liegt schon Ihr Buch vor, wie machen Sie das?
Peter Scholl-Latour: Ich bin eben ein fleißiger Mensch.

 

Wie lange arbeiten Sie pro Tag?
Peter Scholl-Latour: Das ist schwer zu sagen, ich habe ja auch Termine und reise zwischendurch. In diesem Jahr war ich im Sudan, in Kuwait, in Dafur, in der Antarktis, in Amerika, in Mexiko, im Nahen Osten, in China und in Tibet, und dann in Russland.

 

Sie haben die ganze Welt bereist, bis auf Ost-Timor. Warum fehlt gerade dieses Land?
Peter Scholl-Latour: Genau! Ich musste Prioritäten setzen. Aber nächstes Frühjahr reise ich nach Ost-Timor, das ist schon fest geplant.

 

Warum haben Sie sich dieses Land aufgehoben?

Peter Scholl-Latour: Man kann ja nicht alles gleichzeitig machen.

 

Wollten Sie schon immer Journalist werden, oder war das einfach der Beruf mit dem sich alles unter einen Hut bringen ließ?
Peter Scholl-Latour: Ich bin durch Zufall zum Journalismus gekommen. Ich war in Paris, ich studierte und hatte nur wenig Geld. Ich schrieb über die französische Besatzungszone, das kannte damals kaum jemand in Frankreich und versuchte meinen Artikel bei einer französischen Zeitung loszuwerden. Am Ende bin ich zu „Le Mond„ gegangen, das war damals die weitaus größte Zeitung in Frankreich und die hat den Artikel gleich auf der ersten Seite gebracht. Aber der Journalismus ist für mich nur Mittel zum Zweck, um ein Leben zu führen, das man sonst nicht führen kann.

 

Schreiben um Reisen zu können, statt Reisen um zu Schreiben?
Peter Scholl-Latour: Ja, ich hatte als Kind immer die Vorstellung Entdecker zu sein. Das kann man auch heute noch, aber man kann es nur in Ausnahmesituationen realisieren.

 

Wie viele Sprachen beherrschen Sie?
Peter Scholl-Latour: Och so viel ist das nicht. Ich spreche neben Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch einigermaßen, in Arabisch hab ich ein Diplom, aber das ist sechzig Jahre her, so viel ist da nicht übrig geblieben, aber es hilft mir ein paar Koransprüche zu zitieren.

 

Und wie viele Pässe haben Sie im Laufe Ihres Lebens gefüllt?
Peter Scholl-Latour: Die habe ich nicht gezählt, aber es ist schon ein hübscher Stapel.

 

Hat es Sie nie gereizt in die Politik zu gehen und selbst etwas zu entscheiden?
Peter Scholl-Latour: Sie können doch gar nichts machen in der Politik, da müssen Sie doch die Ochsentour machen. Leute, die unmittelbar nach dem Krieg angefangen haben, die hatten vielleicht einen gewissen schöpferischen Raum, heute sind das doch alles Pofallas.

 

Glauben Sie, heute hat man als Journalist mehr Chancen etwas zu bewirken?
Peter Scholl-Latour: Nein, aber als Schriftsteller! Meine Bücher verkaufen sich sehr gut und hier kann ich schreiben was ich will. Als junger Mann bräuchte ich damit allerdings auch nicht antreten. Da würde man mir wahrscheinlich sogar in den Text reinreden. Die Freiheit der Presse im Westen, wobei die viel besser ist als anderswo, ist letztlich die Freiheit von zweihundert reichen Leuten ihre Meinung zu veröffentlichen.

 

Nach den ersten zwei Seiten ist dem Leser Ihres neuen Buches „Zwischen den Fronten“ klar, was Peter Scholl-Latour: Sie von der derzeitigen Regierung von Amerika halten. Was hat Ihnen Georg Walker Bush getan?
Ich bin ein Freund der Amerikaner und da Präsident Bush schlecht für die Amerikaner ist, bin ich gegen Bush!

 

Das Buch blickt auf sechzig Jahre erlebte Geschichte zurück, ist das auch Ihre persönliche Geschichte?
Peter Scholl-Latour: Ich hab bereits einen Vertrag mit einem anderen Verlag über meine Memoiren geschlossen, dies hier sind keine Memoiren, dies ist eine Betrachtung über den Niedergang und das Aufkommen der Imperien. Der Niedergang Europas. Als ich Kind war, da gehörte die Welt noch den Europäern. Da hatte das Britische Weltreich fast den ganzen Globus umspannt. Es gab nur eine Zivilisationform und das war die Europäische. An die Amerikanische hat in den zwanziger Jahren niemand gedacht, heute würde niemand mehr davon sprechen, das es nur eine Europäische Form gibt, leider.

 

Dabei soll der Ausdruck „das Alte Europa“ kein Kompliment für uns sein.
Peter Scholl-Latour: Ich bin dezidiert vom Alten Europa, auch wenn das ein ganz blöder Ausdruck ist, aber es ist kein junges Europa, es ist ein sehr altes europäisches Land.

 

Wir leben in einer Zeit der Rückbesinnung auf die Religion. Amerika und die Türkei sind zwei gute Beispiele, beide Länder waren bereits viel fortschrittlicher, woher glauben Sie kommt diese Rückbesinnung?
Peter Scholl-Latour: Weil wahrscheinlich die anderen Idealvorstellungen versagt haben. Die Amerikaner würden bei Präsidentenwahl inzwischen eine Frau - natürlich - akzeptieren, sie würden einen Schwarzen akzeptieren, einen Homosexuellen, nur einen Gottlosen würden sie nicht akzeptieren. 87 Prozent aller Amerikaner glauben an einen Schöpfergott, das hat sich sehr ausgeweitet.

 

Glauben Sie eine neue Regierung kann diese Bewegung stoppen?
Peter Scholl-Latour: Bush versucht ja das Kommende schon festzulegen. Die Stimmung ist nicht mehr das, was sie einmal war, das Land verändert sich. Es kommen immer mehr Einwanderer aus dem Süden, das werden gute Amerikaner, Mexikaner in Amerika sind gute amerikanische Patrioten aber es ist nicht mehr Weiß und Protestantisch, sondern Spanisch und Katholisch. Das ändert die Natur der Vereinigten Staaten.

 

Wer Ihre Bücher liest, weiß, dass Sie den Regierenden dieser Welt schonungslos die Wahrheit sagen, auch wenn die nicht immer auf Sie hören. Sind Sie immer so ehrlich oder gibt es auch Menschen denen Sie schmeicheln?
Peter Scholl-Latour: Also, wenn ein Freund mich um meine Meinung, etwa zu einem Buch fragt, und es gefällt mir nicht, werde ich das nicht offen sagen, aber das kommt ohnehin nicht oft vor.

Peter Scholl-Latour und Dagmar Schmidbauer
Peter Scholl-Latour und Dagmar Schmidbauer, 2007 (Foto © Dagmar Schmidbauer)

 

Peter Roman Scholl-Latour wurde 1924 in Bochum geboren und besitzt die deutsche und französische Staatsbürgerschaft. Der nicht unumstrittene Journalist gilt als hervorragender Kenner des Nahen Ostens und des Islams. Seine zahlreichen Bücher und Fernsehsendungen haben ihn zu einem der populärsten deutschen Berichterstatter und Autoren werden lassen.

 

Die Autorin Dagmar Isabell Schmidbauer wurde 1962 in Stuttgart geboren und lebt im Bayerischen Wald. Sie arbeitet als freie Journalistin und verfasste unter anderem die Kriminalromane Dann stirb doch selber! (2003) und Tote Engel (2006).

 © 2008 Dagmar Schmidbauer, Harald Kloth
Bild und Text mit freundlicher Genehmigung und © Dagmar Schmidbauer, 2007
Das Interview führte Dagmar Schmidbauer im Dezember 2007
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