Robert Pragst

Auf Bewährung

Mein Jahr als Staatsanwalt

 

"*In dubio pro reo* (Im Zweifel für den Angeklagten), kurz Zweifelssatz, ist ein schlagwortartiger Ausdruck dafür, dass im Strafprozess ein Angeklagter nicht verurteilt werden darf, wenn dem Gericht auch nur geringste Zweifel an seiner Schuld verbleiben."

 

Diese Entscheidungsregel läßt Otto Normalbürger doch des öfteren am Rechtsstaat zweifeln und sorgt auch bei so manchem Staatsanwalt oder Ermittler zumindest am Anfang seiner juristischen Karriere für die eine oder andere Frustration. Oft kommt es vor Gericht einfach nur darauf an, wie sich jemand verkaufen kann bzw. ob die Beweiskette gänzlich geschlossen werden kann oder eben nicht.

 

Auch der zum Schluß des Buches fallende Satz: "Das ist doch nur ein schwerer Raubüberfall" läßt einem beim Lesen des ganzen Falles buchstäblich die Spucke wegbleiben. Ist es Abgebrühtheit? Ist es geplante Provokation? Eventuell ironisch gemeinter Selbstschutz von Verteidigung oder Anklage? Oder ist gar traurige Wahrheit?

 

Dieser Satz jedenfalls charakterisiert dieses 230seitige Buch von Robert Pragst trefflich, denn er beschreibt in klaren Worten und ohne Übertreibung sein Jahr als Staatsanwalt in Berlin-Moabit, einem wahren juristischen Molloch. Mit 350 Kolleginnen und Kollegen versucht er zu anfang noch recht unerfahren Recht gegen Diebe, Betrüger und Mörder durchzusetzen und in einem riesigen Apparat den unendlichen Kampf gegen die bürokratischen Windmühlen zu bestehen - von gewinnen kann sowieso keine Rede sein.

 

Robert Pragst reiht jedoch nicht nur Fall an Fall, sondern ein ganz besonders an Herz gehender ist der rote Faden durch das Jahr in Berlin-Moabit bzw. dieses Buch. So bekommen seine vielen kleinen Fälle zumindest einmal Gesichter und Emotionen kommen hoch ohne jedoch die notwendige Sachlichkeit vermissen zu lassen.

 

Trotz der leicht durchklingenden Frustration im Kampf gegen "Gürteltiere" reißt einen dieses Buch mit, in dem der Autor augenzwinkernd, witzig und mit einer gesunden Portion Ironie den täglichen Kampf beschreibt, der Aktenberge anwachsen und auch wieder schrumpfen lässt aber nie die Menschen hinter den Aktenzeichen vergisst!

 

Diese Buch lässt uns mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hinter die Kulissen der Justiz blicken, skurril anmutende Gesetze und Verordnungen zumindest einigermaßen verstehen, gibt uns einen knackigen Einblick in einen riesigen bürokratischen Apparat und lässt uns begreifenen, warum Urteile nicht immer verständlich und nachvollziehbar gefällt werden (können).

 

Fazit: Empfehlenswert - für Juristen und "normale" Menschen.

 

Wolfgang Gonsch

4 Sterne
4 von 5

© 2012 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth