Threads - Tag Null

1984

Regie: Mick Jackson

112 Minuten

 

Ruth und Jimmy sind ein junges Paar und leben in der englischen Industriestadt Sheffield. Ruth wird schwanger. Beide Schwiegerelternteile sind vom erwarteten Nachwuchs nicht begeistert, man rauft sich aber zusammen.

 

Währenddessen spitzt sich die internationale Lage immer mehr zu. Die Sowjetunion marschiert in den Iran ein und versenkt ein amerikanisches U-Boot. Die USA schicken Fallschirmjäger in den Nahen Osten. Eine russische Basis wird angegriffen und erste Atomwaffen kommen begrenzt zum Einsatz. US-amerikanische B52-Langstreckenbomber werden in einem Atomschlag vernichtet und der Flugzeugträger Kitty Hawk versenkt. Schließlich werden in Ost und West massive atomare Schläge ausgeführt. Auch Sheffield wird getroffen.

 

Fortan erlebt man das Sterben der Familien von Ruth und Jimmy. Ruth überlebt aber und gebärt unter widrigsten Bedingungen eine Tochter. Im ganzen Land sind medizinische und landwirtschaftliche Versorgung zusammengebrochen. Als Jane zehn Jahre alt ist, stirbt ihre Mutter Ruth. Das Mädchen hat nur eingeschränkte sprachliche Fähigkeiten. Später wird Jane durch eine Vergewaltigung beim Kampf um ein Stück Brot selbst schwanger. Der Film endet in einer Art Krankenhaus. Der Zuschauer sieht nur Janes völlig entsetztes Gesicht, als sie ihr (wahrscheinlich mißgebildetes) Baby in die Arme gedrückt bekommt.

 

Der englische Spielfilm "Threads" mutet über weite Strecken wie ein Dokumentarfilm an. Unterstrichen wird das auch durch eine fast völlig fehlende Musikuntermalung. Die internationale Krisenlage wird dem Zuschauer durch Radio- und Fernsehmeldungen berichtet. Regelmässig wird die Spielhandlung durch Texteinblendungen und durch einen Off-Sprecher unterbrochen. Dabei werden z. B. die Funktionen eines Krisenstabs oder die Menge der abgeworfenen Bomben in Megatonnen beschrieben. Die Texttafeln nehmen im Verlauf der Katastrophe immer mehr zu. Sachlich kühl werden die fatalen Auswirkungen des Zusammenbruchs der Zivilisation dargelegt und die klimatischen Folgen des Nuklearen Winters auf Großbritannien skizziert.

 

Immer wieder werden Dokumentaraufnahmen in die Handlung eingebaut. Zum Beispiel bei der sowjetischen Invasion, bei Flugaufnahmen oder bei der Detonation der Atombombe. Dies gibt dem gesamten Film einen sehr realistischen Stil. Im Laufe des Films werden auch nur Standbilder verwendet aus denen sich geschickt die weitere Geschichte speist.

 

Interessant ist der direkte Vergleich mit "The Day After" (1983, Regie: Nicholas Meyer). Dieser zeigt die Vernichtung der us-amerikanischen Großstadt Kansas-City. "The Day After" bedient sich durch Figurenzeichnungen und Trickeffekte oft dem Katastrophenfilm-Genre. "Threads" ist wesentlich mehr einem fiktiven Dokumentarfilm verbunden. Beides sind Fernsehfilme und warnen eindringlich vor den schrecklichen Folgen eines Atomkrieges. Doch während "The Day After" weltweit Aufmerksamkeit und Kinoauswertungen erhielt, verschwand "Threads" in den Archiven. Vermutlich haben die grausamen Bilder dazu beigetragen. Das Zeigen von Verbrennungen oder langsamen Dahinsiechens durch radioaktive Verseuchung ist insgesamt nur schwer zu ertragen. "Threads" skizziert die weitere Entwicklung der englischen Gesellschaft sehr düster. Diese fällt auf eine vorindustrielle Stufe zurück. Durch mangelnde Bildung und medizinische Möglichkeiten verlieren die Nachgeborenen auch ihre sprachlichen Fähigkeiten. Der insgesamt vielleicht größte Unterschied zu "The Day After" ist die tiefe Hoffnungslosigkeit, die sich durch "Threads" zieht.

 

In den 1980er Jahren entstanden aufgrund der zugespitzten weltpolitischen Lage (Rüstungswettlauf) einige der ergreifendsten Filme zum Thema Atomkrieg: Neben "The Day After" (1983) und "Threads" (1984) sind der bislang nur auf VHS erschienene "Das letzte Testament" (1983) und der sowjetische "Briefe eines toten Mannes" (1986) zu nennen.

 

Die deutsche Freigabe mit FSK 16 ist gerechtfertigt, "Threads" ist ein nur schwerverdauliches Erlebnis und ein schwieriger Film, weil er lange im Gedächtnis bleibt. "Die Überlebenden werden die Toten beneiden", mit diesem Zitat könnte man diesen Film von Regisseur Mick Jackson (Volcano, Bodyguard, L. A. Story) in nur wenigen Worten zusammenfassen. Damit ist er im besten Sinne ein Anti-Kriegsfilm.

 

Nach einer englischen DVD in 2005 und zwei Veröffentlichungen auf Blu-ray (darunter eine 2-Disc-Edition mit Bonusmaterial) folgte erst 2020 eine deutsche Erstveröffentlichung auf DVD durch Pidax. 36 Jahre nach der erstmaligen Ausstrahlung in der BBC.

 

Fazit: Der vielleicht eindringlichste Spielfilm gegen Atomkrieg ist erschütternd in der Wucht und leider zeitlos in seiner Thematik.

 

Harald Kloth

5 Sterne
5 von 5

Threads - Tag Null (DVD) bei amazon.de

 

Threads (2-Disc-Set remastered in Originalfassung, Blu-ray) bei amazon.de

 

© 2020 Harald Kloth