Nicolas Remin

Gondeln aus Glas

Commissario Trons dritter Fall

Nicolas Remin lässt uns wieder mit seinen Figuren durch die uns bereits bestens vertraute Lagunenstadt lustwandeln. Gekrönte Häupter (selbstverständlich inkognito) sind in Geldnot und es herrscht heillose Verwirrung um einen Tizian. Dazu wieder unser geschätzter und lieb gewonnener Protagonist, Commissario Alvise Tron, Ermittler der venezianischen Polizei von San Marco und verarmter Baron, der selbst um ein Haar zum sechsten Opfer in einem sehr verzwickten Kriminalfall wird.

 

Gondeln aus Glas ist nach Schnee in Venedig und Venezianische Verlobung der dritte historische Kriminalroman von Nicolas Remin, der in der zu dieser Zeit von den Habsburgern besetzten Lagunenstadt seinen unvergleichlichen Schauplatz gefunden hat.

 

Commissario Alvise Tron, hat eigentlich weder die Zeit, noch die Muße sich um die Ermordung des Kunsthändlers Kostolany zu befassen, der in seinem Kontor im Palazzo da Lezze erdrosselt aufgefunden wurde. Schließlich will Tron seine große Liebe, die schöne und wohlhabende Principessa di Montalcino nicht irgendwann, sondern lieber heute als morgen ehelichen. Außerdem stehen die Abschlussarbeiten zu seiner notorisch unterkapitalisierten Literaturzeitschrift Emporio della Poesia kurz vor der Vollendung und harren nur noch des berühmten letzten Schliffs. Im Palazzo Tron, mit seiner leicht morbiden Sperrmüllaura, den er mit seiner Mutter bewohnt, rieselt der Putz von den Wänden; man lebt von der Wand in den Mund, und die hellen Flecken an den Wänden (in besseren Zeiten hingen hier die Tintorettos und Tiepolos), lassen die Bewohner (vor allem Trons Mutter, die Contessa) immer wieder von der guten alten Zeit und guten Geschäften mit dem neuen Tron-Glas träumen.

 

Wie gesagt: keine Zeit, aber ein Mordfall, der Tron und seinem Sergente Bossi mehr als nur ein oder zwei Rätsel aufgibt. Zeugen oder Spuren (wie so häufig): Fehlanzeige! Nur eines ist offensichtlich: Tizians heilige Magdalena ist verschwunden. Die inkognito auftretende Maria Sofia di Borbone (Königin von Neapel und Schwester von Kaiserin Sissi) und ihr Begleiter, der undurchsichtige Oberst Orlow, hatten das kleinformatige Bild zur Prüfung bei Kostolany zurück gelassen. Als die Polizei am Tatort eintrifft, ist das Gemälde verschwunden: Raubmord?

 

Doch es gibt auch reichlich Verdächtige, fast schon zu viele: der russische Genralkonsul, Großfürst Pjotr Troubetzkoy; Pater Terenzio, genialer Kopist und Restaurateur sowie Oberst Orlow, der scheinbar mehr als nur ein Geheimnis zu verbergen hat. Auf irgendeine Weise stehen alle mit dem Mord in Verbindung und alle haben auch irgendeinen Bezug zu dem verschwundenen Tizian. Je weiter die Ermittlungen fort schreiten, je mehr sich die ohnehin nebulösen Verdachtsmomente in Nichts auflösen und je mehr Mordmotive auftauchen desto schneller dreht sich die mörderische Spirale, die so ziemlich alle Verdächtigen dahinzuraffen scheint (auch die begnadete polnische Pianistin Konstancja Potocki wird nicht mehr in der Lage sein, ihre hinreißenden Chopin-Mazurken und Mozart-Sonaten beim Ball der Trons zum Besten zu geben).

 

Nicolas Remin taucht uns schon mit dem ersten Satz in die museale Atmosphäre Venedigs um 1865 ein und versteht es hervorragend, qualitativ hochwertige und spannende Krimis mit politischen und historischen Zusammenhängen sowie großen Persönlichkeiten der damaligen Zeit zu verknüpfen. Er skizziert immer neue Varianten um Echtheit oder Fälschung von Gemälden, oder sind es doch Original und Kopie?

 

Die verschiedenen Handlungsstränge laufen nicht parallel aber gnadenlos in Richtung Showdown und der berühmte Spannungsboden steigt unerbittlich bis zum Ende an. Dazu Remins gnadenlose Lust am Erzählen sowie seine elegante Prosa über La Serenissima, ihre Palazzi und Kirchen, ihre Kanäle und Brücken und ihren in tausend Blaus erstrahlenden Himmel - all das lässt die Herzen der Krimifans höher schlagen und alle Venedig-Liebhaber dahin schmelzen.

 

Die niveauvollen Kriminalromane mit ihren historischen Zusammenhängen und Persönlichkeiten von Nicolas Remin haben das Zeug dazu zur Droge zu werden; Heiter, sinnlich, melancholisch, leicht anzüglich bzw. erotisch und teilweise fast mystisch machen sie geradezu süchtig nach dem einzigartigen Charme Venedigs, nach historischen Krimis und auf eine Fortsetzung!

 

Fazit: Spannende Unterhaltung auf hohem Niveau und voller Esprit.

 

Wolfgang Gonsch

4 Sterne
4 von 5

© 2007 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth